Dienstag, 24. November 2015

Individuelle, kapitalistische Konsumdiskrepanz

Meine eigene, ganz klar.
"Das ist nur mein Alkoholikerhusten", oder so ähnlich klingt es, wenn ich mir die Erklärungen zu den invaliden Erscheinungsbildern im Bekanntenkreis so anhöre. Da ist alles dabei, von Milcheiweißallergie bis hin zur laufenden Nase bei jeglicher Nahrungsaufnahme. Auch Wasser. Eine Wasserallergie. Also quasi eine Lebensallergie. Dabei nennen die Schotten ihren Whiskey doch so passend "Uisge Beatha" (Uschkeba gesprochen), was soviel wie "Wasser des Lebens" bedeutet. Leben ist ja das, was man irgendwie immer macht, nur die Qualität ist variabel. Variabel ist auch die Einstellung zum selbigen und neben den mannigfaltigen Optionen zur Gestaltung dessen, ist auch die innere Einstellung dazu schon eine Herausforderung. 

Bloß nicht zu viel darüber nachdenken, sonst Error im Kopf. 

Zu viele Angebote und Lifestyle-Sekten. Sinnkrise, Panikanfall. Direkt shoppen gehen und den inneren kleinen Kaptalisten füttern, bevor das Gewissen wieder zuschlägt und ich ein Yogi werden will. Das ist wie mit dem rauchen aufhören. Umso mehr man darüber nachdenkt, wie schlecht das alles doch ist, desto mehr überkommt einen dieser Schwall Adrenalin, den man erst mal bewältigen muss. Auf den Schock muss man dann natürlich eine Zigarette rauchen. Aber ist ja klar, zwischen all den neuzeitlichen Missionaren ist es schwer, sich der richtigen Strömung anzuschließen. Die eine, die einem am nächsten kommt, mit der man sich möglichst reibungsfrei identifizieren kann und der Fülle der Angebote nach zu urteilen, grenzt das für mich schon lange an Lifestyle-Terrorismus. Je größer die Stadt, desto verlorener der Bürger. Vielleicht aber auch je mehr interkulturelle Strömung, desto kürzer das Gras am Ufer, an dem man sich festhalten kann. Da wird man dann einfach weggetrieben und trifft seinesgleichen auf dem Weg in Richtung Niagara Fälle. 

"Hey, du auch verloren im Mainstream? Ach ja, Individualismus - das ist doch der Klotz, den die am Bein hatten, die schon untergegangen sind. Oder?" 

Die wenigen, die es schaffen ihren Individualismus zu nutzen, treffen entweder den Zeitgeist per Zufall, oder sind eine brutal gute Marketingmaschine. Individualismus ist genau so lange cool, wie man Geld damit machen kann und der Erfolg das Gepöbel aufwiegt, oder so sehr in sich selbst ruht, dass man den eingebauten Buddha hat. Ohne Yogakurs. Sowas wie den Obelix des inneren Friedens oder sowas.

Ich bin auf jeden Fall ein Alien und bediene meist sogar nicht einmal die Anforderungen an mich selbst, weil sie bei genauerem Betrachten doch wieder versteckte Seelenknechtschaft rufen. Das geht dann eine Weile gut und dann verliere ich mich wieder in der Sinnlosigkeit meiner Ziele. Ich mag den Scheiß 'Trend' nicht mehr mitmachen, weil es doch nur ein "mehr oder weniger kacke" dabei gibt. Irgendwer ist immer hübscher, dünner, besser, erfolgreicher und vor allem: vermeintlich zufriedener. Ich beneide die meisten aber eigentlich gar nicht, weil ich ja als Außenstehender nur das Gold glänzen sehe und vor lauter Korona nicht die Kratzer, die mindestens auf der Rückseite drin sind. Auch goldene Türklinken werden geputzt. Gerade muss ich ein bisschen schmunzeln, weil mir eigentlich noch nie was an Edelmetallen gelegen hat. 

Diamonds are a girls best friend

Nicht für mich. Wenn ich die Wahl zwischen einem Diamanten und einem guten Gespräch bei Currywurst und Apfel-Gär habe, nehme ich Letzteres. Dabei frage ich mich einfach nicht mehr nach der möglicherweise fehlenden Konfrontation zwischen mir und dem Wort Trend, sondern simpel: Was will der Scheiß von mir und bin ich der richtige Ansprechpartner? Wenn mein medienorientiertes Bauchgefühl mir sagt, dass ich die Inhaltsstoffe vom Instantkaffee auf Fairtrade, lebensfeindliche null Kalorien und sämtliche Allergene abchecken muss, brauche ich den Wasserkocher gar nicht anstellen, weil ich an der von mir gewünschten Wirkung vorbei schieße. Das propagierte Bewusstsein für die Welt in der wir leben, überfordert meine Kompromissbereitschaft bisweilen und ich sehe mich gezwungen, einen klaren Schnitt zu machen. Sozusagen der lebensrettende Luftröhrenschnitt in meinem Konsumverhalten. Ab morgen werde ich aus Vernunft aufhören zu atmen, Nahrung aufzunehmen und sämtlichen kapitalistischen Verführungen widerstehen. Aber bis zu meiner anstehenden Entsagung aller weltlicher Freuden, genieße ich den Abend noch einmal mit einem Instantkaffee, hyperaktiv machenden Schokokeksen mit Aspartam, einem Schaumbad auf Erdölbasis und einer Runde geistiger Verblödung vor der Playstation oder sowas ...

Was will der Scheiß von mir?

Montag, 23. November 2015

Die französische Art von In- und Outdooraktivität - oder der Ursprung von Kreativität

Oft werde ich gefragt, woher ich meine ganz speziellen Wortkreationen nehme, die das Flair meiner Bücher im Wesentlichen ausmachen. Wenn ich das wüsste und steuern könnte, wäre ich eine Finanzmaschine. Ehrlich. Scheißemagnetbingo und Bluthochdruckgebiet sind einfach feste Bestandteile meines Wortschatzes und ständig wächst dieser. Dass ich Wörter benutze, um sie in einen unkonventionellen, sarkastischen oder liebevollen Kontext zu setzen, ist vielleicht die einzige Kunst an meinem Schaffen. Die Grundlage dazu, ergibt sich mir durch die Menschen die ich treffe und die Dinge, die ich erlebe. Weil ich aber so ein schlechtes Gedächtnis habe, muss ich leider oft mein Telefon in die Hand nehmen, etwas Saudämliches hinein quaken oder Fotos und Notizen machen. Mein Freundeskreis kennt das schon. "Ach, sie grinst schon wieder und tippt was ein, bestimmt ein neues Wort". Korrekt. Nur so geht das. Irgendwann platzt mein Kopf mal von den ganzen wirren Gedankenspuren, die sich da überlagern. Nachdem ich es geschrieben habe, ist es meist aber auch weg, das ist in etwa so, wie bei der Matheklausur. Damals. Gelernt, geschrieben, gelöscht. Veni, vidi, Wodka. Ich kam, sah, Filmriss. Zum Glück führe ich nicht mal eine Wochenendbeziehung mit Wodka, mein Gedächtnis wäre dann endgültig tot und ich könnte meine Schwangerschaftsdemenz nicht mehr als alleiniges Argument gelten lassen.

Wo der ganze Kram aber in meinem Kopf den Weg zur Idee findet, kann ich nicht greifen und begreifen. Klar, Gedankenautomat, der macht eh, was er will. Vor kurzem habe ich meinen französischen Freund und kreativen Freigeist seines Zeichens, GOZDOWSKI, nach seiner Auffassung von Kreativität und deren Funktion gefragt. Irgendwelche kulturellen Gemeinsamkeiten müssen Deutschland und Frankreich haben, die nichts mit Krieg zu tun haben. Eine wichtige Erkenntnis für mich, ist zum einen die Frage, ob Kunst von Beurteilung lebt oder die Beurteilung von der Kunst. Ohne Leser, kein Buch, ohne Zuhörer, kein Lied und ohne Betrachter, kein Bild. Kunst wirkt nur im Abgleich. GOZDOWSKIS kurze Anmerkung zum Thema kreativer Überflutung, die gerade durch politische Anspannungsphasen entsteht, beschäftigt mich. 

Er sagt, dass sich durch extreme Situationen ein Überangebot akreativen Anreizen ergibt. Aber nur die, die in der Lage sind, diese auch aufzufangen und zu erkennen, profitieren davon. Darin erkenne ich mich auf jeden Fall wieder, denn mir geht es nicht anders. Ich brauche einen Anreiz, eine Erinnerung, einen Gedanken, der seinen Ursprung außen hat. Outdoor activity des Gedankenapparates, nennt er das. Das was nur aus mir selbst heraus kommen kann, keines äußeren Reizes bedarf, ist das, was er als indoor activity bezeichnet. Der Trieb sich selbst zu reflektieren, die tiefsten Abgründe der eigenen Identität zu erkunden. Bedürfnis und Inspiration, die Grundlage von Kreativität.

Ich frage mich, wie das funktioniert, dass sich Menschen mit selbstähnlichen Gedankenstrukturen finden. Sprache, Kultur und Bildungsstand sind so maßgeblich für unser Weltbild, dass wir oft mit anderen Menschen kollidieren. Aber Musik und Kunst jeglicher Art verbindet uns. Sie sind die nonverbale Antwort auf die Fragen unsere Gesellschaft, die Sprache nicht mehr klären kann. Sprache ist so begrenzt in der Darstellung von Gefühlen, dass wir uns einfach anderer Mittel bemächtigen müssen, die allgemeingültiger sind, als ebendiese.
Kreativität ist meiner Meinung nach ein Basisprogramm des Menschen. Es ist eine gelungene und interessante Notfalloption, die Kombination aus Spieltrieb und Überlebensdrang, die uns Probleme sozialer Natur überbrücken lässt. Sneaky, liebe Evolution.

Weil ich den Text von GOZDOWSKI nicht in seinem Fluss zerstören möchte, lasse ich ihn unverändert und übersetze ihn nicht. Es folgt: eine offene, französische Antwort auf die offene Frage nach Kreativität - Teil 1







GOZDOWSKI, geboren am 9. Dezember 1981.
"Ich bin interessiert an drei Dingen im Leben: Literatur, Musik und Kino. Ich liebe französische, deutsche und russische Literatur, mein Vorbild ist Marcel Proust. In meiner Freizeit spiele ich in zwei Bands, schreibe Kurzgeschichten, Aufsätze und Lieder, lebe jedoch nicht ausschließlich davon.


Outdoor and indoor activities 

Writing in a language that is not your mother-tongue is a strange experience. Interesting though. If English is the universal and straightforward language, French is the language of emotions and German is the language of logical thought (no wonder that the greatest thinkers/philosophers are German). I wish I could write auf Deutsch but I’m not comfortable enough with that language (yet ?). It’s a beautiful language and allows amazing things that would be unthinkable in my beloved French tongue : mit der deutschen Sprache you can add words together and create a single big word, long enough to cover the distance between Paris and Berlin. It’s really fascinating pour un petit français comme moi.

For practical reasons I chose the English language when my deutsche Freundin nicely asked me to write this essay. But writing in a foreign language is like using tools that are not yours, an equipment that you are not used to. You have to think in that language, and think as twice as much as usual. Words don’t come out as easily and may sound strange at times. They can also give you a hard time when you’re looking for a precise meaning but can’t find the right word to fit the situation. But in the end, the most important thing is to express one’s point of view, right ?

If Frenchmen are famous for wine and cheese, they are not for their command of foreign languages. And in the French language, there is a hilarious expression that goes : ‘Parler anglais comme une vache espagnole/ Speaking English like a Spanish cow’. That says it all. The problem might come from the learning methods, or the fact that there is no tonic accent in French, you can call it laziness or French pride, I really don’t know. As a consequence, when a French guy is fortunate enough to speak a bit of English, his/her friends use him/her as a translator in social spots like concerts, bars usw. Then the guy is less a friend than a walking version of Google translation made of flesh and bones. But he/she is generally too stupid to ask to get paid for that. And in that regard, I must admit that I am stupid too. Sometimes I wish I could not speak English at all. Many times I experienced that embarrassing situation. I am in a pub with a friend of mine. At one moment of the evening, I spot him at a corner of the bar socializing with an attractive girl. Of course I can’t hear what they are saying because the music is too loud but I can assume what they are up to… I’m smiling and decide to order a drink. Then my friend comes to me, enthusiastic, and tells me : ‘ You see that girl over there ? She’s English. Can you translate for me, s’il te plait ? ‘I giggle and answer him ‘ Well, have another strong beer mate and let yourself go. I’m sure you’ll remember a few words you learned at school. Don’t be afraid to make mistakes. Use your own words, be yourself.’ I’m willing to help a friend for a casual conversation but when it comes to romance, be your own king dude !

So when I’m thinking about that story, I think the main reason why he asked for help is that he had thought he would not be able to utter a single word in English. But what interests me is that he wanted to communicate in spite of his flaws. And his will to communicate was a response to an external stimulation (and positive in that situation…).

Artistic or creative expression works on the very same level. First, the desire to create is a response to what I call an ‘outdoor activity’ (you will understand why later). It can be a social event that gives us the will to pick up a pencil, a woman you want to write a song for or a gorgeous moonlit landscape that feeds your canvas. You can tell me that when you’re feeling bad, the stimulation comes from inside. Yes, but even in that case, you are striving to show your audience, friends or soul mate how you’re feeling because one way or the other, they want to find out how you are thinking (let’s be honest : a book, a song, or a painting do exist only when it’s being read, listened to or watched. We also create for others, because the value of a work is always seen throughout their eyes.) The first stimulation is always external to the one who wants to create.

In that regard, when social events are at their highest peak, we can say that the environment is overstimulating and that inspiration is constantly fueled for the ones who know how to pick it up. The best example? When Franz Kafka wrote 'Der Prozess' and 'Das Schloss' in the late 10’s/ early 20’s (the main characters of these two books are both called K, a way to show that only represented by this sole letter, they are always striving to get access to a level of conscience forbidden to them and struggling to keep their humanity intact until it fades out in 'Die Verwandlung'…), it was a strong and absurd response to the terrible changes brooding in the Eastern Europe that the brilliant Prague Schriftsteller was feeling back at that time… On a lighter note, when punk music hit the stinking streets of London in 1977, it was in response to the aging Heavy rock bands of that decade (Deep Purple and Led Zeppelin to name a few). Punk rockers were fed up with the high pitched voices and technical skills of their elders and decided to pick up instruments even if they couldn’t play and raw energy prevailed over anything else. In any case, the response, positive or negative, was strong.

Then you have the second phase of inspiration, the one I call the ‘indoor activity’. Inspiration from within, the most difficult one. It reminds me of my first band, at the age of 14. Back at that time, every time I came up with a ‘new song’, my band mates made fun of me because they said I had composed a cover…. Of course, in my awkward attempt of creation, I was only duplicating the songs of others that I had listened in the recent weeks… Art is difficult, critic is easy, as the saying goes.

Inspiration works then on a more or less unconscious level, and can be assimilated to the 'Freudian Trieb'. A burst of creativity that wants to go up to the surface of our own self. But after years of practice, and hard work, results can be reached. (I will never underline enough the importance of work in the act of creation. Without it, a painting remains a sketch, a song remains lines on a white paper).

In order to reach that level of inspiration, you have to peer into the deepest parts of your inner self. Let yourself go as my friend did after a few beers with that girl in the bar. That is to say to feed on the source of your hidden self and take off its veil to make it crystal clear and transform it into creation.

In his Meisterwerk ‘Auf der Suche nach der verlorenen Zeit’, l’immense Marcel Proust tells us that an artist is the citizen of an unknown country. He has to look for it deep within himself and make it his own. And if he abides by the rule of his own land, he will achieve a great work and reach creative bliss. But if he’s going astray from his country, for any commercial reasons, or if he tries to seduce his audience with artificial features, then he is no longer an artist. That is to say, if you write a book just to afford holidays in the Bahamas, or if you put a rock band together just to get laid, you ‘re just an entertainer. Too bad for you.

In other words, peer deep into yourself and just follow what your soul and body tell you. Their story may be short, may be weak, but will always be the spokesman of your heart. Don’t be afraid to make this trip into your bowels. You ‘ll have a talk with yourself but it’s not a problem : everyone speaks on its own. You’ll always find

The fingers are the mediator between the indoor and outdoor activities, and that’s Inspiration. Creation is the journey to the deep realms of your inner self. Art is when you get access to the land you can finally call home after successfully laying claim its crown. The land of the happy very few.


22 Novembre 2015


GOZDOWSKI

Samstag, 21. November 2015

Real life Blue Screen

Real Life Blue Screen.
Nur ein Spleen?
Nenn' es Himmel, nenn' es Sky
auch das Gefühl geht vorbei

Auch dieses Blau ist nur Physik
Ein zynisches Meisterstück
Nur eine andere Hölle
Eine leere Hülle

Gefühlt voller Hoffnung
Der Gedankensprung
Ausdruckstanz auf Gras
Interpretation eine Farce

Hope auf Dope
Mein Selbstbild ein Trope
Falling deep und flying high
Nur ein stiller Schrei

Head in the cloud
lost in the crowd
Von früh bis spät nur catatonic
Gedankenwelt in supersonic

Die Amplitude meiner Attitüde
Sprengt den Rahmen meiner Güte
Nur ein Lunatic am Ende
An den ich meinen Flow verschwende


Was macht eigentlich... Melbourne?


Die Stadt der tausend schönen Sonnenauf und -untergänge.

Melbourne am Morgen, 2013

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich das letzte Mal in Melbourne war. Fast drei, um genau zu sein. Zum ersten Mal war ich 2010 in Melbourne, im November. Realitätsschock - geplant waren sechs Monate und geworden sind es vier Wochen. Pleite, keine Jobs, falsche Saison für Backpacker. Aber was die Stadt an Kultur und Trendwegweisern zu bieten hat, fand ich enorm. Alleine die Union Lane ist eine Besichtigung wert. Ständig verändert sich diese Gasse, die von oben bis unten mit Graffiti zugekleistert ist. 

Über den ganz eigenen Tanzstil muss ich denke ich kaum etwas sagen, der ist so bekannt, wie die Stadt. Melbourne Shuffle. Überhaupt ist diese zweitgrößte Metropole in Oz, ein Schmelztiegel der Kulturen und der Freigeister. Einige Gesichter, die man mit der Stadt in Verbindung bringt, haben es zu weltweitem Erfolg gebracht. Unter anderem zählen hierzu Vanessa Amorosi, Cate Blanchett, Dub FX, Mark Evans, Gotye, Liam Hemsworth und natürlich Kylie Minogue. Schon 2010 war ich irritiert von der riesigen Anzahl an Hipstern und Drogenopfern. Morgens um zehn, hinter den Mülltonnen an den Docks. Junge Leute in meinem Alter, die die Stadt nicht auffängt, die sich zerfeiert haben, ihren Rush in der Gosse auskurieren und die, die auf einem schlechten Trip durch die City irren, seltsam verwirrt wirken und Pupillen haben, so groß wie der Mond. Trotzdem lebt diese Stadt eine Vibration, die sich sonst nirgends findet.


Union Lane, 2013

Diese Mischung aus modernen Wolkenkratzern, viktorianischen Altbauten, französischem neorennaissance-Stil wie der Flinders Street Station und den zahlreichen, zeitgenössischen Kunstobjekten, ist einfach einzigartig. Australien hat es verstanden, wie man aus einer Strafkolonie eine Weltmetropole mit nostalgischem Flair macht. Zumindest optisch. Das Angebot an Kunst und Kultur hat mich beide Male, die ich dort war, fast erschlagen. Vom botanischen Garten über den Club Alumbra in den Doclands, bis hin zum gediegenen Nachmittagskonzert der Federation Bells, kann ich alles empfehlen. 

Kulinarisch hat Melbourne ebenso viel zu bieten und überzeugt alleine schon beim Fastfood mit asiatischen, italienischen und deutschen Einflüssen. hochwertiges Sushi to go, wie bei uns Döner und das typische public BBQ in den vielen Parks der Stadt, fand ich ziemlich entspannt. Generell ist die Stadt aber in der oberen Preisklasse, wie alles in Oz. Lebensmittel sind hier einfach nicht an unsere Preise in Deutschland angelehnt und sowohl Fleisch, als auch Gemüse und Alkohol sind in Australien teuer. Dafür entschädigt die Mentalität der Australier fast alles. Wie auch sonst in Großstädten, fällt man hier schnell genauso tief, wie man hoch fliegen kann und die Kriminalitätsrate ist in Australien vergleichsweise hoch.

Für mich sind vor allem Melbourne und die Südküste immer wieder eine Reise wert, weil die Landschaft, die Menschen und das Nachtleben so einzigartig sind. Wer gerne surft, ist an der zwei Autostunden entfernten Südküste genau richtig und trifft am Bells Beach auf seinesgleichen. von Torquay bis Port Campbell besticht diese hunderte Kilometer lange Landstraße, mit einer spektakulären Aussicht auf den türkisenen Ozean, Eukalyptuswälder und lädt überall zu einem Abstecher abseits der Straße ein. Nationalparks, Aussichtsplattformen, Leuchttürme und Felsformationen vor der Küste, haben meinen Aufenthalt in Australien mehr als unvergesslich gemacht.


Apollo Bay, 2013

Lorne, 2010

Gerade laufen in Melbourne ein paar Ausstellungen, die einen Besuch wert sind. Mich persönlich interessiert zum einen eine Fotoausstellung von Bob Munro, der die visuelle, "tektonische" Poesie des Federation Square Atrium eingefangen hat. Eine Komposition aus Glas, Metall und Sandstein, festgehalten mit der Kamera und ausgestellt in zweidimensionaler Farbe. Diese Art von Architektur reflektiert den Zeitgeist der Stadt und verdeutlichst, wie gut man alt und neu koexistieren lassen kann. Weiterhin findet zurzeit eine Ausstellung zum Thema Docklands in den Neunzigern statt, die einen Einblick in die frühe Rave- und Elektroszene der Stadt bietet. Hierbei kann man den Melbourne Shuffle lernen, Rave-revival-Partys besuchen und den schlimmsten Neunzigerkram aus dem Kleiderschrank holen, der da in den staubigen Ecken noch rum fliegt. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der kulturellen Fusion aus Identität, Gesellschaftlicher Klasse, Geschlecht und wegbereitenden Musikstilen, die damals stattgefunden hat. Gerade die elektronische Musik hat diese Stadt nachhaltig geprägt und ist auch heute noch ein fester Bestandteil der Partykultur von Melbourne.
Wer sich gerne mit träumerischen Sphären befasst und auf Kinderbücher steht, kann sich die Ausstellung von Elise Hurst ansehen, deren Ölgemälde ihr Kinderbuch "Adelaide's secret world" zieren. Die Künstlerin versteht es, die Geschichte der Stadt Adelaide in einer traumhaft schönen, farbenfrohen Tiefsinnigkeit darzustellen.

Melbourne wird nicht zum letzten Mal Ziel meiner weltlichen Neugierde sein und bleibt bis dahin hoffentlich so kreativ, offen und innovativ, wie ich es kennengelernt habe.

Ein kleiner Kulturbeitrag gegen Extremismus

Fast wäre er gescheitert, mein persönlicher, kleiner Beitrag zur Förderung der Gemeinschaft gegen Toleranzverleugnung und religiöse Diktatur. Meine Begleitung ist aus gesundheitlichen Gründen abgesprungen und alleine auf Konzerte gehen, ist mir irgendwie meist suspekt. In Ordnung, mein Leben wird demnächst so oder so ein bisschen freier und weniger zweisam. Ich gehe auch alleine ins Kino, wenn es sein muss. Ein bisschen kommt da jetzt doch noch die gute Laune auf, weil ich seit Ewigkeiten schon auf das Konzert von Years and Years warte.

Mein Gesicht entgleist schon das erste Mal, als ich in Frankfurt vor der verschlossenen Batschkapp stehe und mich das seltsame Bauchgefühl eingeholt hat, dass ich den ganzen Tag schon habe. Ok, mal eben im Internet nachsehen, was da los ist. Scheiße, verlegt. Nach Offenbach, in die Stadthalle. Schnell auf die Uhr schauen - noch zwanzig Minuten. Schaffe ich vielleicht noch, denke ich mir. Jede rote Ampel ist meine, das Verkehrsaufkommen ist typisch Freitagabend. Zumindest in Frankfurt. Spätestens als ich an der mindestens 300 Meter langen Schlange an Menschen vorbeifahre, die sich in typisch deutscher Manier auf dem Bordstein bis hin zum BK einreiht, habe ich keine Lust mehr. Die zweite Gesichtsentgleisung, inklusive Stressfalte zwischen den Augenbrauen. Ich fahre zweimal um den Block, parke bei Bekannten, falle dort noch kurz auf einen Schokoriegel ein und quatsche mich fest. Mein Plan b ist auf ein Bier bei einem Kumpel vorbeifahren, der morgen weg zieht. Das Konzert sollte bereits vor einer Stunde anfangen und ich frage mich, wieso sich das so ewig zieht, bis die braven Ansteher alle drinnen sind. Klar, warum auch sonst. Die Sicherheitsmaßnahmen wurden nach Paris letzte Woche erhöht.


In letzter Sekunde überrede ich mich selbst dazu, noch einmal an der Stadthalle vorbeizufahren. Eigentlich gar nicht so langsam, wie die Schlange sich fortbewegt. Parken? Wohngebiet, was sonst. Dann ist mein Bewegungssoll für heute auch erfüllt. Eine Viertelstunde später stehe ich irgendwo zwischen zwei schwulen Pärchen, bekomme von mindestens drei anderen Konzertgängern noch eine Karte angeboten. Ich habe selbst eine abzugeben. Paris zieht auch hier Kreise. Laut Facebook haben relativ viele abgesagt, was jetzt den positiven Effekt von mehr Platz in der Halle haben wird. Meine Finger sind kalt und so langsam geht mir der Nieselregen schon auf die Nerven. Gegen 21:00 Uhr bin ich dann in der Halle und spare mir den Gang zur Garderobe, weil ich da später noch mal anstehen muss. Das Publikum könnte man oberflächlich gesehen einfach kurzum mit "YOLO" beschreiben. Einfach ausblenden. Funktioniert leider nicht so, die Kreischfrequenz ist echt jenseits von erträglich. Teenie-Tuss(i), die moderne Version von Tinnitus. Das Durchschnittsalter der Mädchen mit den Schildern, auf denen "Olly, ich will ein Kind von dir" steht, ist 15. ganz sicher. Und da sagt die Security nix, dass die unbegleitet rum laufen? ich fühle mich wieder an die Grauzone ausgeliefert, muss aber schmunzeln, weil der Sänger Olly Alexander schwul ist. Trotzdem freue ich mich über die Begeisterungsfähigkeit unserer Jugend.

Das Konzert hat einen ziemlich geilen Soundmix, der Bass geht so hart und klar in den Boden, dass er in goldenen Wellen oben bei meinen Lippen wieder ankommt. Ganzkörpervibrator. Dabei bleibt der Rest der Frequenzen ziemlich ausgeglichen, brillanter Klang für eine Stadthalle dieser Größenordnung. Ich stehe zehn Meter vom Sänger weg und habe trotzdem noch Platz zum Tanzen, was ich spätestens bei "Desire" auch mache. Anonymität hat so unendlich viele Vorteile, wenn man sich bewegt wie ein Zitteraal auf MDMA. Yeah! Ernsthaft, diese Band rockt ziemlich und ich genieße die kleinen technischen Fehler, die Olly beim Singen macht. Es macht ihn unglaublich sympathisch und authentisch. Seine Präsenz ist so natürlich auf der Bühne, dass man ihm all die seltsamen Bewegungen und die fast schon boshafte Freude verzeiht, die er daran hat, kleine Mädchen auf die Bühne zu holen. Diese etwa dreizehnjährige Marleen aus Frankfurt (glaube ich), hatte einen schockähnlichen Gesichtsausdruck drauf und ich glaube, dass sie die Umarmung des Sängers für ihr ganzes Leben traumatisiert hat. So, wie der Prinz aus "Drei Nüsse für Aschenbrödel" wohl auch sein ganzes weiteres Leben nach einer Libuše gesucht hat.


Das einzige Manko für mich ist mein Lieblingssong "Real", den haben sie ein bisschen auf fast forward laufen lassen, und nur eine Zugabe gegeben. Dafür ist in der Stadthalle alles mehr als gesittet abgelaufen und mein Auto hatte trotz Ghettoparkplatz keinen Kratzer. Perfekt. So mag ich Konzerte - bezahlbar, ohne Anschläge, Gedrängel und schrillen Sound. Weiter so, Ghetto-Offenbach, ich bin stolz auf dich!

Freitag, 20. November 2015

Sozialkompetenz 1

Sozialkompetenz - Braucht man die und wenn ja, wann und weshalb am besten? Liest sich in der Begriffserklärung schon fast wie eine eiskalte Berechnung, Menschen in jegliche Richtung manipulieren zu können. Vor allem, nachdem ich gelesen habe, dass Sozialkompetenz wohl meist im positiven Sinne gewertet wird und laut Begrifflichkeit jedoch neutral zu verstehen sei. Sie besteht demnach auch aus mehreren Elementen, wie zum Beispiel Kommunikationsfähigkeit - Ja, habe ich. Zu viel davon, glaube ich. Hitler als Beispiel für zielgerichtete, soziale Fähigkeit, ist mir suspekt. Damit mag ich mich nicht identifizieren, glaube ich. Ich lese also weiter, um mir die einzelnen Punkte bewusst zu machen, die als Ganzes die sogenannte "Fähigkeit zur Lebensablauf optimierenden Handlungsweise" ausmachen.

Selbstwertgefühl, Reflexion, Selbstdisziplin, Hilfsbereitschaft, Empathie, Kritikfähigkeit, Wertschätzung, Toleranz, Verantwortung ... klingt für mich nach einem Innenwelt-/Außenweltkonflikt. 
Dabei muss ich gerade an den Sandmann von ETA Hoffmann denken. Augen her, Augen her! In Ordnung, ich bin selbst wahrscheinlich ein schlechtes Beispiel. Ich kann mich artikulieren, Menschen begeistern, verhandeln, regungslos in der Gegend rumsitzen - wenn ich muss - und versuchen, meine Klappe zu halten, wenn ich weiß, dass ich als Individuum nicht gefragt bin. Ich bereue meist so oder so, wenn ich etwas gesagt habe, weil mich ab und an mal einen Schwall Selbstbewusstsein überfällt, den meine fehlende Diplomatiefähigkeit leider nicht gerade positiv ergänzt. Die beiden mögen sich glaube ich nicht besonders. Dabei bin ich einfach nur zu ehrlich oder zu direkt. Erspart einem aber manchmal zum Glück auch eine Fehlinvestition auf der menschlichen Ebene. Normale Menschen gehen aber auf jeden Fall anders auf einen Fremden zu, als ich.

Vor vielen Jahren war ich mit einer Freundin in der Oper. Im Foyer stand dieser gutaussehende Kerl mit den blonden Locken. Meine Freundin sagte: "Wenn du den jetzt nicht ansprichst, siehst du ihn nie wieder!" War mir relativ egal, ich hätte nicht einmal gewusst, was ich sagen soll. Das Resultat daraus war, dass ich nachdem das Stück zu ende war, den Kerl auf der Treppe wiedergesehen habe und meine Sicherung im Gehirn mal spontan durchgebrannt ist. Ich dachte, sie hat ja irgendwie recht und ich muss mein Glück mal selbst in die Hand nehmen. Gedankenkarussell an, Bewegungsautomatismus auf Sparflamme. Stolpern, den Kerl halb die Treppe mit runter reißen und dann anglotzen. Er: "Alles in Ordnung mit dir?" (Denk, denk, denk ... Was antworte ich jetzt? Fehlende Sozialkompetenz dank anders gestrickter, minimal autistischer Logik) Ich: Hast du Bock mich kennenzulernen? Frontaltherapie für mich. 
Stille. 
Sein bester Freund steht neben dran und schaut ihn und mich abwechselnd an, ehe er ihm rät, einfach ja zu sagen. Tatsache - er sagt wirklich "Warum nicht?" Nummern ausgetauscht, HR-Radio Team gesellt sich dazu und fragt unverschämt in unseren intimen Moment der Peinlichkeit hinein, wie wir das Konzert fanden. Uff. Antwort fällt von meiner Seite knapp aus, denke ich mir. Keine Kapazitäten für Musik, wenn ich ehrlich bin. Gesagt habe ich aber irgendetwas anderes, wenn ich mich recht erinnere. Eine Woche später haben wir uns wirklich getroffen, sein Leben klang echt spannend, mit den Hippie-Eltern, der Band in der er Schlagzeug gespielt hat und nett fand er mich wohl auch. Er hätte mich ja seiner Aussage nach gerne geküsst, aber leider fand er Mädchen ja generell nicht so spannend. Auf jeden Fall nicht so spannend wie Jungs.

Ok, Karma. Ich hab's verstanden. Mehr nachdenken, wenn du schon ein Bauchgefühl für meine Situation hast. Warum ich immer wieder so frontal und direkt auf Menschen zu gehe und mir im Nachhinein dann denke, dass ich mal einfach mein Maul hätte halten sollen, kann ich mir tatsächlich nur über die Synästhesie erklären. Ich höre Musik in Farbe, sehe Wochentage dreidimensional im Raum angeordnet und habe einfach für viele nicht-Synästheten und fremde Menschen, keine sinnvolle Distanz zwischen meinen Gedanken und meinem Sprechapparat. Meine Fähigkeit Menschen ungewollt in emotionaler Hinsicht zu verschrecken, zu überfordern und zu verstören, ist leider einen Pokal wert. Dabei bin ich genauso unsicher, wie der Rest. Leider aber oftmals erst, nachdem die Worte bereits meinen Mund verlassen haben und der Oh-oh-Effekt setzt ein. Das ist bei mir ein bisschen wie mit der Spinne und dem Phobiker. Die Spinne ist winzig und denkt sich: "Aaah, scheiße, ein riesiges Alien, das mich gleich mit dem Staubsauger eliminiert!" und der Phobiker denkt sich:"Aaah, scheiße, eine winzige Spinne, sie wird mich zerfleischen oder ich mich vor Ekel zu Tode kübeln!" Verhältnismäßigkeit und so ...

Ist mir aber nicht nur einmal passiert, dass ich total stolz auf meine Formulierung bezüglich einer mir wichtigen Sache war, weil ich sie selbst von einem Fremden als echt nett empfunden hätte. Sprachlich wohl einwandfrei, emotional inhaltlich eher creepy. Letztlich habe ich wieder sowas mit dem Titel "D'oh" gemacht. Ich habe einen wildfremden Menschen angeschrieben, dem ich etwas mitteilen wollte. Inspiriert hat er mich, zu einem Charakter in meinem Buch. Mein guter Freund und ebenfalls sozial abweichender Leidensgenosse liest sich meine E-Mail durch und stellt nüchtern nickend fest, dass ich nicht mal vorab eine Ansprache verfasst habe. Haha, oh Scheiße. Ich mal wieder, live und in Farbe. Ja, ich verstehe, was er meint. Ich klinge ein bisschen arg distanzlos, nach einer Mischung aus Freak und Verpeiler. Ok, ok. Nächstes Mal, denke ich mir. Ich darf jetzt nichts mehr erwarten. Ich muss trotzdem grinsen, weil ich weiß, dass das einfach manchmal ein Teil von mir ist. Ich kann einfach nicht normal, dann verstelle ich mich. Wer mich kennt, weiß das einfach, dass ich ein meist unkompliziertes Exemplar der Gattung Kumpelbräute und Baggerfahrerinnen bin (Danke für das tolle Wort, liebe Groß-Rot), und mir gesellschaftliche Konventionen nicht so liegen. Zumindest diese. Bin ich ein Spießer-Autist, weil ich das Haus im Grünen, den Audi S8 und den Chmpagner nicht ausschlagen würde, aber trotzdem diejenige bin, die es genießt, Fremde Menschen im Raum gedanklich nach Farbe zu sortieren?

Leider zähle ich zu den Frauen, die eher angepöbelt, anstatt angeflirtet werden. Und wenn mich dann doch mal einer anflirtet, zählt er meist zur Fraktion ultra verzweifelt und nichts zu verlieren. Da die aber meist einen Grund fernab ihrer Erscheinung dafür haben, dass sie Langzeitsingles sind, kann ich mir guten Gewissens wenigstens ein klitzekleines bisschen Sozialkompetenz zuschreiben. Ich war immerhin schon einmal im Genuss "Ja" sagen zu dürfen. In Neuseeland, auf der Terrasse eines traumhaften Landhauses. Fast drei Jahre hat die Ehe gehalten und ich kann zum Glück nicht behaupten, dass besagter Ehemann zu dieser Ehe, nicht zu meiner Sorte Sonderling gehört. Zum Glück hatte der Trennungsgrund auch nichts mit Sozialkompetenz zu tun. Der Grund, wieso ich als potenzielle Partnerin generell nicht angesprochen, oder einfach nicht wahrgenommen werde, hängt wohl tatsächlich mit meiner allgemeinen Erscheinung zusammen. Mein Freundeskreis besteht zu 95 % aus Männern. Was das für meinen Humor, mein unkontrolliert direktes Mundwerk und meine prinzipielle Einstellung zu Bier bedeutet, muss ich glaube ich nicht weiter beleuchten. Leider bin ich aber oft gerne eine Frau und finde das ziemlich gut so. Bis auf ein paar Ausnahmen. Die Klassiker. Ein ganzer Schrank voller nichts zum anziehen. Ist mein Hintern noch ok so? Haare auf oder zu? 

Konkret bedeutet das: oberflächlich antrainiertes Ego, gepaart mit typisch weiblichen Selbstzweifeln. Danke, Natur! Das heißt also, dass ich fast immer automatisch gefriendzoned werde, weil ich groß, halbwegs gutaussehend und aus der männlichen Sicht über mein Verhalten, relativ normal bin. Männer stehen aber für eine Partnerschaft nicht so sehr auf selbstähnliche Formen - zumindestens die Heteromänner nicht. Ich wirke nicht, als ob man mich körperlich beschützen müsste (Miep - inkorrekt) und ich stehe nicht so auf unterwürfige Männer oder Gammler vor Fußball mit Feinripp und Pitbull. Diskrepanz.

Was ist das, was Männer an Frauen spannend finden, wenn sie all das, was ich nicht habe (Standardtussigezicke) doch gar nicht cool finden. Ja, ist klar. Sie wollen eine starke Frau, aber eben keine, die stärker ist, als sie selbst. Emotional, versteht sich. Ich plädiere ja auf emotionale Gleichstellung in der Partnerschaft. Das ist sowieso utopisch, dass sich die Rollen innerhalb einer gut funktionierenden Beziehung nie verschieben. Es kann nicht jeder immer stark sein und auch nicht immer die Entscheidungsgewalt innehaben. Nicht, weil das nicht funktioniert, sondern weil der Mensch erfahrungsgemäß zu faul ist, sich um alles selbst zu kümmern. Ich muss immer alles kommunizieren, sonst komme ich mir seltsam vor. Ob das mein Verantwortungsbewusstsein gegenüber der eigenen Existenz ist, oder doch vielleicht das schlechte Gewissen, untätig oder untergeordnet sein zu können, bleibt hierbei erst einmal offen. Ich will auf jeden Fall keinen Partner, dessen Grundeinstellung einer offenen Kommunikation entgegenspricht.

Seufz - Das rettet meinen Tag ein bisschen. Wenn ich jemanden verschreckt haben sollte, dann nur, weil er eh nicht kompatibel mit meiner Art wäre. Hoffe ich. Ok, ich mag das glauben, weil es nämlich auch irrelevant ist, meine E-Mail ist schon lange abgeschickt. Es kommt eh alles so, wie es kommen soll. Aber so ein bisschen wünschen, darf man sich das unwahrscheinliche Plus der Woche ja schon, hoffe ich.

Doppelmoral



I'm ready for your love singt er im Hintergrund und der Beat geht von meinen Ohren durch meine Synapsen bis zu meinem Selbstreflexionszentrum. Ja ich bin sowas von ready - aber nicht for love, sondern für die Insel. Guadeloupe wäre jetzt nicht schlecht. Den Gedanken daran, dafür in ein Flugzeug steigen zu müssen, kann ich ja auch erstmal gekonnt wegschieben. Gerade spitze ich Bleistifte an, weil zwei Drittel in der Box stumpf sind. 2H bis 8B, das gesamte Repertoire an Grautönen, die meinen Tag heute bestimmen. 12 shades of grey, sozusagen. Passt nicht nur zu meinem SM-Seelenknast, sondern auch gut zum Wetter, für November ist es ja schon irgendwie zu warm. Aber mein befreundeter Meteorologe sagt, es wird bald kalt. Das passt sowas von perfekt in mein Leben, das erste weiße Weihnachten seit Jahren könnte es werden und ich bin nicht zuhause. Mental. Aber weiß ist dann doch besser als grau, das hängt nicht so schwer im Kopf und der Funke Hoffnung auf einen kreativen Anflug bleibt. Ein bisschen ist das irgendwie schon wie Selbstgeißelung, ich könnte ja auch mit Buntstiften arbeiten. Vielleicht auch mit Acryl. Mir ist aber nicht nach bunt, eher so nach Bunte. Zumindest die Zeitschrift, weil sie den Kopf nicht mit Nachrichten über menschliche, wirtschaftliche umwelttechnische Katastrophen zumüllt, sondern maximal mit dem Modefehltritt in irgendeinem Königshaus.

Vielleicht ist das für einen (vermutlich) nicht ganz so kleinen Prozentsatz der Bevölkerung nicht weniger relevant, aber die Seichtigkeit der Themen würde mir gerade trotzdem gelegen kommen. Gerade lese ich einen Spengler-Text. "Der waghalsige Versuch, in der Luft zu kleben". Vor nicht allzu langer Zeit war ich in Heidelberg und habe mir das Konzert eines befreundeten Jazzmusikers angehört, bei dem ein anderer Künstler parallel seine Bilder ausgestellt hat. Ich muss an Satz aus dem Buch denken, das ziemlich bald zu Beginn in Heidelberg spielt. 

"Denn nur, wenn man beim Betrachten oder Hören oder meinetwegen auch beim Lesen eines Werkes der Kunst nicht an Kunst denken muss, und zwar keine einzige, nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde lang, erst dann begreift man Kunst" 

und weiterhin: 

"Versteh' man darf einfach nie an Kunst denken, man muss einfach immer mehr wollen als Kunst"

 und zu guter Letzt: 

"Kunst ist die Aufhebung der Schwerkraft"

Zero Gravity - ein Stück von The Contemporary Noise Sextett, das mich schon länger begleitet. Als ich mein letztes Buch geschrieben habe, hatte ich diesen Effekt auch. Keine Schwerkraft. Jedes Mal, wenn ich am Rechner gesessen habe, meinen männlichen Protagonisten durch die Abgründe der menschlichen Seele und seine Exzesse auf Kokain geschickt habe, war ich so entspannt vom Alltag entfernt, dass ich wirklich einen Hauch von Reflexion empfunden habe.

Ich rieche noch immer gerne an Bleistiften. Manche von denen haben so einen Geruch von Wald und Kindheit an sich, eine Mischung aus Holz und Chemie. Vorhin habe ich mit meiner besten Freundin gesprochen und wieder einmal festgestellt, dass unsere Leben sich meist parallel entwickeln. Freigeist, Zeitgeist, nur noch ein Geist. Vor allem von uns selbst. Ich habe ihr erzählt, dass ich uns genauso als gesellschaftliche als Lemminge empfinde. Wir sind nicht wir, versuchen zu gefallen, nicht anzuecken und verlieren uns dabei selbst in der Vorstellung von uns selbst, die wir durch das emotionale Buckeln nicht erreichen. Leider ecken wir trotzdem an, weil man es nie jedem recht machen kann. 

Die fehlende Selbstreflexion dieses vermutlich doch ziemlich großen Teils unserer Generation, hat für mich immer mehr ein Gesicht. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich einen meiner Texte über Schubladendenken in eines meiner Bücher eingebaut. Der Text ist schon älter, aus 2011. Schon damals war mir klar, dass der Begriff "abgestempelt" einen abgedroschenen Charakter hat. Mir ist damals zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich gegen meine eigene Erwartung, kein Interesse an einem starren Schubladensystem habe. Aber das verhindert für mich auch irgendwie die eigene Entwicklung, die persönliche Innovation. Hierbei ging es um die Sichtweise über Menschen, deren Bedeutung sich im Laufe der Zeit verändert und wie das geschieht. Bis vor ein paar Jahren dachte ich immer, dass ich eine klare Zuordnung brauche, Menschen in ihre Rolle als der Trope, der sie sind, verurteilen muss. Irgendwie lag ich falsch, es hat mich nicht erfüllt. Mittlerweile glaube ich ein bisschen an die Schrödingertheorie:

Eine Box, eine Katze, zwei Antworten. Eine Schublade, ein Mensch, zwei Sichtweisen.

Vor allem sehe ich mich in mehreren Schubladen. Die chaotische Schriftstellerin, die liebevoll sozial inkompetente Synästhetikerin, die lebenslustige Entdeckerin und die dem Sarkasmus frönende Analytikerin. Gerade sehe ich mich am meisten als Karma verachtende Mutter, deren Ehe gerade zerbrochen ist. Auseinandergelebt. Entfernt. Mit 28, Kleinkind und dem besten Freund, den ich vor fast drei Jahren geheiratet habe. "Wir sind leider bessere Freunde, als Partner und ich liebe dich trotzdem", hat er gesagt. Leider hat er recht und ich frage mich dabei, was mir mein Leben damit gerade sagen möchte. Da steht keine Moralpredigt dahinter. Keiner sagt sowas wie: "War doch klar, dass das nichts wird, wenn man den besten Freund heiratet". Das war nicht einmal Idealismus, das war Liebe, ganz klar. Aber gerade erkennen wir, dass Liebe alleine nicht ausreicht, um ein Leben erfüllend zu gestalten. 

Meine Schauspielerfreundin sagt, sie wohnt in einer schäbigen Gegend in Berlin, empfindet die Stadt wie eine schwarze Wolke über sich und gibt mir leider - oder vielleicht auch zum Glück - damit Recht, dass die Plattenbauromantik eine niemals endende Inspiration ist. (N)Ostalgie und Melancholie, selbst wenn es gut läuft. Versagen mit Lichtblick, die moderne Antwort auf Marcel Proust und sein großartiges Werk "À la recherche du temps perdu." Die Suche nach der vergangenen Zeit. Unser Zeitgeist ist geprägt von der Schnelllebigkeit, von großen Emotionen und Gleichgültigkeit. "Hey, hast du schon das neue Telefon XYZ?" Und im gleichen Atemzug:"Ich lebe vegan, weil ich das Leid der Welt nicht unterstützen will, aber die Schuhe für 220 Euro made in Bangladesh mussten trotzdem sein." Wo hört das Bewusstsein für die Katastrophe an und wo hört es auf? Hauptsache im Verein, in der Kommune, in der Partei, im Betriebsrat, im Kindergartenvorstand.

Alles ist gefüllt mit Doppelmoral und vielleicht ist das auch gut so. Ein französischer Bekannter hat mir letztlich einen sehr spannenden Monolog zum Thema Korruption geschickt. Am Ende musste ich mir eingestehen, dass seine Argumentationsweise leider weder ein eindeutiges Pro, noch ein Kontra Korruption in mir zuließ und ich die Vorteile vom Chaos in der Gesellschaft erkannt habe. Aber darüber habe ich schon viel nachgedacht. Moderne Evolution. Survival of the fittest. Natürliche Auslese mal anders, weniger biologisch, als politisch. Wir dezimieren uns durch unsere eigenen Neststrukturen, weil jeder ein Alphatier sein will und nicht jeder auch tatsächlich die Voraussetzungen dafür mitbringt. Einer der der Nachteile von Demokratie, Vetternwirtschaft und Korruption. Ich muss an Sybille Berg denken und ihren Satz, dass "Es eh zu viele von uns hat." Stellt man das jetzt in Relation zu Mikroorganismen, deren Zahl unsere im nahezu Unendlichen übersteigt, wirkt der Satz irrelevant. Sie hat aber recht und ich versuche das Leid hinter Krieg, Dritte-Welt-Politik und Sinnkrise zu verdrängen. Nur so kann man das so nüchtern und rational bewerten. Nicht mal eine Woche ist es her, dass es in Paris wieder eskaliert ist und ich frage mich nicht ob, sondern wann das überall so sein wird. Leider und glücklicherweise sind wir aber nicht alle gefühlstote Lemminge und ein bisschen Dynamik bleibt uns erhalten.

Ich mag den Kampfgeist der Franzosen schon immer irgendwie, auch wenn er einen unsensiblen Beigeschmack hat. Sie haben im Gegensatz zu uns eine anders gefestigte politische und kulturelle Identität und zu dieser stehen sie. Ich akzeptiere sie, weil sie im Rahmen einer Demokratie eingefasst ist. Auch die hat ihre Grenzen, aber ich bewundere diese Mentalität, die uns hier oft fehlt. "Sie haben die Waffen, wir haben den Champagner." Eine Antwort, die nicht unbedingt eine Lösung aufzeigt, aber auch die Hoffnung auf eine solche nicht schon zu Beginn zerstört. Wenn hier in unserer Nachbarschaft mal jemand eine Deutschlandfahne am Balkon hat, kursieren schon direkt die ersten Fragen, ob da neuerdings ein Rechtsextremer wohnt. Hallo? Wir können doch nicht jedes Jahr Fußballweltmeisterschaft feiern, damit uns das letzte Bisschen Identität nicht auch noch genommen wird und ich bin anti Extremismus, wenn es nichts mit gelegentlichem, gerahmten Hedonismus zu tun hat. Deutschsein ist irgendwie nicht cool. Und schon gar nicht im allgemeinen, oberflächlich propagierten Wirtschaftstrend, habe ich so das Gefühl. Flüchtlingsdrama, VW-Skandal, BND/NSA-Skandal - By the way, lebt Snowden eigentlich noch?

Die Themen sind vielfältig. Tröstet einen nur die Tatsache, dass es woanders auch nicht besser läuft. Und dazwischen wieder die Frage nach der Erfüllung im eigenen Leben, die, wofür es sich lohnt. Vegan, aber Kinderarbeit? Staatstreuer Steuerzahler, aber Elternversager? Künstler aber Lebensunfähig? Doppelmoral. Immerhin nutze ich die heute auch in einer Hinsicht für mich. "Nur weil wir kein Paar mehr sind, musst du doch nicht aufhören mich zu lieben", hat er festgestellt. Korrekt. Muss ich nicht. Will ich auch nicht. Immerhin habe ich ihn auch geliebt, bevor wir verheiratet waren. Aber die Schublade wird zwangsläufig jetzt eine andere werden. Keine weiter oben und auch keine weiter unten, keine Dreckwäsche. Nebenan in der Kommode wird sie sich befinden. Da, wo die ehrlichen Hemden drin sind. 

Ich mag den Phoenix-Effekt, auch wenn es nicht stimmt, dass man nur kreativ ist, wenn es weh tut. Wenn es nicht weh tut, schreibe ich Kinderbücher und kann nicht behaupten, dass mich das weniger erfüllt, als die großen, sozialkritischen Texte, die meinen ganz persönlichen Zeitgeist auffangen. Bordsteinprosa, Puffpoesie. Mein Name ist irgendwie irrelevant, er wechselt so oder so in meinem Kopf mit den Rollen, die ich lebe …