Freitag, 20. November 2015

Doppelmoral



I'm ready for your love singt er im Hintergrund und der Beat geht von meinen Ohren durch meine Synapsen bis zu meinem Selbstreflexionszentrum. Ja ich bin sowas von ready - aber nicht for love, sondern für die Insel. Guadeloupe wäre jetzt nicht schlecht. Den Gedanken daran, dafür in ein Flugzeug steigen zu müssen, kann ich ja auch erstmal gekonnt wegschieben. Gerade spitze ich Bleistifte an, weil zwei Drittel in der Box stumpf sind. 2H bis 8B, das gesamte Repertoire an Grautönen, die meinen Tag heute bestimmen. 12 shades of grey, sozusagen. Passt nicht nur zu meinem SM-Seelenknast, sondern auch gut zum Wetter, für November ist es ja schon irgendwie zu warm. Aber mein befreundeter Meteorologe sagt, es wird bald kalt. Das passt sowas von perfekt in mein Leben, das erste weiße Weihnachten seit Jahren könnte es werden und ich bin nicht zuhause. Mental. Aber weiß ist dann doch besser als grau, das hängt nicht so schwer im Kopf und der Funke Hoffnung auf einen kreativen Anflug bleibt. Ein bisschen ist das irgendwie schon wie Selbstgeißelung, ich könnte ja auch mit Buntstiften arbeiten. Vielleicht auch mit Acryl. Mir ist aber nicht nach bunt, eher so nach Bunte. Zumindest die Zeitschrift, weil sie den Kopf nicht mit Nachrichten über menschliche, wirtschaftliche umwelttechnische Katastrophen zumüllt, sondern maximal mit dem Modefehltritt in irgendeinem Königshaus.

Vielleicht ist das für einen (vermutlich) nicht ganz so kleinen Prozentsatz der Bevölkerung nicht weniger relevant, aber die Seichtigkeit der Themen würde mir gerade trotzdem gelegen kommen. Gerade lese ich einen Spengler-Text. "Der waghalsige Versuch, in der Luft zu kleben". Vor nicht allzu langer Zeit war ich in Heidelberg und habe mir das Konzert eines befreundeten Jazzmusikers angehört, bei dem ein anderer Künstler parallel seine Bilder ausgestellt hat. Ich muss an Satz aus dem Buch denken, das ziemlich bald zu Beginn in Heidelberg spielt. 

"Denn nur, wenn man beim Betrachten oder Hören oder meinetwegen auch beim Lesen eines Werkes der Kunst nicht an Kunst denken muss, und zwar keine einzige, nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde lang, erst dann begreift man Kunst" 

und weiterhin: 

"Versteh' man darf einfach nie an Kunst denken, man muss einfach immer mehr wollen als Kunst"

 und zu guter Letzt: 

"Kunst ist die Aufhebung der Schwerkraft"

Zero Gravity - ein Stück von The Contemporary Noise Sextett, das mich schon länger begleitet. Als ich mein letztes Buch geschrieben habe, hatte ich diesen Effekt auch. Keine Schwerkraft. Jedes Mal, wenn ich am Rechner gesessen habe, meinen männlichen Protagonisten durch die Abgründe der menschlichen Seele und seine Exzesse auf Kokain geschickt habe, war ich so entspannt vom Alltag entfernt, dass ich wirklich einen Hauch von Reflexion empfunden habe.

Ich rieche noch immer gerne an Bleistiften. Manche von denen haben so einen Geruch von Wald und Kindheit an sich, eine Mischung aus Holz und Chemie. Vorhin habe ich mit meiner besten Freundin gesprochen und wieder einmal festgestellt, dass unsere Leben sich meist parallel entwickeln. Freigeist, Zeitgeist, nur noch ein Geist. Vor allem von uns selbst. Ich habe ihr erzählt, dass ich uns genauso als gesellschaftliche als Lemminge empfinde. Wir sind nicht wir, versuchen zu gefallen, nicht anzuecken und verlieren uns dabei selbst in der Vorstellung von uns selbst, die wir durch das emotionale Buckeln nicht erreichen. Leider ecken wir trotzdem an, weil man es nie jedem recht machen kann. 

Die fehlende Selbstreflexion dieses vermutlich doch ziemlich großen Teils unserer Generation, hat für mich immer mehr ein Gesicht. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich einen meiner Texte über Schubladendenken in eines meiner Bücher eingebaut. Der Text ist schon älter, aus 2011. Schon damals war mir klar, dass der Begriff "abgestempelt" einen abgedroschenen Charakter hat. Mir ist damals zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich gegen meine eigene Erwartung, kein Interesse an einem starren Schubladensystem habe. Aber das verhindert für mich auch irgendwie die eigene Entwicklung, die persönliche Innovation. Hierbei ging es um die Sichtweise über Menschen, deren Bedeutung sich im Laufe der Zeit verändert und wie das geschieht. Bis vor ein paar Jahren dachte ich immer, dass ich eine klare Zuordnung brauche, Menschen in ihre Rolle als der Trope, der sie sind, verurteilen muss. Irgendwie lag ich falsch, es hat mich nicht erfüllt. Mittlerweile glaube ich ein bisschen an die Schrödingertheorie:

Eine Box, eine Katze, zwei Antworten. Eine Schublade, ein Mensch, zwei Sichtweisen.

Vor allem sehe ich mich in mehreren Schubladen. Die chaotische Schriftstellerin, die liebevoll sozial inkompetente Synästhetikerin, die lebenslustige Entdeckerin und die dem Sarkasmus frönende Analytikerin. Gerade sehe ich mich am meisten als Karma verachtende Mutter, deren Ehe gerade zerbrochen ist. Auseinandergelebt. Entfernt. Mit 28, Kleinkind und dem besten Freund, den ich vor fast drei Jahren geheiratet habe. "Wir sind leider bessere Freunde, als Partner und ich liebe dich trotzdem", hat er gesagt. Leider hat er recht und ich frage mich dabei, was mir mein Leben damit gerade sagen möchte. Da steht keine Moralpredigt dahinter. Keiner sagt sowas wie: "War doch klar, dass das nichts wird, wenn man den besten Freund heiratet". Das war nicht einmal Idealismus, das war Liebe, ganz klar. Aber gerade erkennen wir, dass Liebe alleine nicht ausreicht, um ein Leben erfüllend zu gestalten. 

Meine Schauspielerfreundin sagt, sie wohnt in einer schäbigen Gegend in Berlin, empfindet die Stadt wie eine schwarze Wolke über sich und gibt mir leider - oder vielleicht auch zum Glück - damit Recht, dass die Plattenbauromantik eine niemals endende Inspiration ist. (N)Ostalgie und Melancholie, selbst wenn es gut läuft. Versagen mit Lichtblick, die moderne Antwort auf Marcel Proust und sein großartiges Werk "À la recherche du temps perdu." Die Suche nach der vergangenen Zeit. Unser Zeitgeist ist geprägt von der Schnelllebigkeit, von großen Emotionen und Gleichgültigkeit. "Hey, hast du schon das neue Telefon XYZ?" Und im gleichen Atemzug:"Ich lebe vegan, weil ich das Leid der Welt nicht unterstützen will, aber die Schuhe für 220 Euro made in Bangladesh mussten trotzdem sein." Wo hört das Bewusstsein für die Katastrophe an und wo hört es auf? Hauptsache im Verein, in der Kommune, in der Partei, im Betriebsrat, im Kindergartenvorstand.

Alles ist gefüllt mit Doppelmoral und vielleicht ist das auch gut so. Ein französischer Bekannter hat mir letztlich einen sehr spannenden Monolog zum Thema Korruption geschickt. Am Ende musste ich mir eingestehen, dass seine Argumentationsweise leider weder ein eindeutiges Pro, noch ein Kontra Korruption in mir zuließ und ich die Vorteile vom Chaos in der Gesellschaft erkannt habe. Aber darüber habe ich schon viel nachgedacht. Moderne Evolution. Survival of the fittest. Natürliche Auslese mal anders, weniger biologisch, als politisch. Wir dezimieren uns durch unsere eigenen Neststrukturen, weil jeder ein Alphatier sein will und nicht jeder auch tatsächlich die Voraussetzungen dafür mitbringt. Einer der der Nachteile von Demokratie, Vetternwirtschaft und Korruption. Ich muss an Sybille Berg denken und ihren Satz, dass "Es eh zu viele von uns hat." Stellt man das jetzt in Relation zu Mikroorganismen, deren Zahl unsere im nahezu Unendlichen übersteigt, wirkt der Satz irrelevant. Sie hat aber recht und ich versuche das Leid hinter Krieg, Dritte-Welt-Politik und Sinnkrise zu verdrängen. Nur so kann man das so nüchtern und rational bewerten. Nicht mal eine Woche ist es her, dass es in Paris wieder eskaliert ist und ich frage mich nicht ob, sondern wann das überall so sein wird. Leider und glücklicherweise sind wir aber nicht alle gefühlstote Lemminge und ein bisschen Dynamik bleibt uns erhalten.

Ich mag den Kampfgeist der Franzosen schon immer irgendwie, auch wenn er einen unsensiblen Beigeschmack hat. Sie haben im Gegensatz zu uns eine anders gefestigte politische und kulturelle Identität und zu dieser stehen sie. Ich akzeptiere sie, weil sie im Rahmen einer Demokratie eingefasst ist. Auch die hat ihre Grenzen, aber ich bewundere diese Mentalität, die uns hier oft fehlt. "Sie haben die Waffen, wir haben den Champagner." Eine Antwort, die nicht unbedingt eine Lösung aufzeigt, aber auch die Hoffnung auf eine solche nicht schon zu Beginn zerstört. Wenn hier in unserer Nachbarschaft mal jemand eine Deutschlandfahne am Balkon hat, kursieren schon direkt die ersten Fragen, ob da neuerdings ein Rechtsextremer wohnt. Hallo? Wir können doch nicht jedes Jahr Fußballweltmeisterschaft feiern, damit uns das letzte Bisschen Identität nicht auch noch genommen wird und ich bin anti Extremismus, wenn es nichts mit gelegentlichem, gerahmten Hedonismus zu tun hat. Deutschsein ist irgendwie nicht cool. Und schon gar nicht im allgemeinen, oberflächlich propagierten Wirtschaftstrend, habe ich so das Gefühl. Flüchtlingsdrama, VW-Skandal, BND/NSA-Skandal - By the way, lebt Snowden eigentlich noch?

Die Themen sind vielfältig. Tröstet einen nur die Tatsache, dass es woanders auch nicht besser läuft. Und dazwischen wieder die Frage nach der Erfüllung im eigenen Leben, die, wofür es sich lohnt. Vegan, aber Kinderarbeit? Staatstreuer Steuerzahler, aber Elternversager? Künstler aber Lebensunfähig? Doppelmoral. Immerhin nutze ich die heute auch in einer Hinsicht für mich. "Nur weil wir kein Paar mehr sind, musst du doch nicht aufhören mich zu lieben", hat er festgestellt. Korrekt. Muss ich nicht. Will ich auch nicht. Immerhin habe ich ihn auch geliebt, bevor wir verheiratet waren. Aber die Schublade wird zwangsläufig jetzt eine andere werden. Keine weiter oben und auch keine weiter unten, keine Dreckwäsche. Nebenan in der Kommode wird sie sich befinden. Da, wo die ehrlichen Hemden drin sind. 

Ich mag den Phoenix-Effekt, auch wenn es nicht stimmt, dass man nur kreativ ist, wenn es weh tut. Wenn es nicht weh tut, schreibe ich Kinderbücher und kann nicht behaupten, dass mich das weniger erfüllt, als die großen, sozialkritischen Texte, die meinen ganz persönlichen Zeitgeist auffangen. Bordsteinprosa, Puffpoesie. Mein Name ist irgendwie irrelevant, er wechselt so oder so in meinem Kopf mit den Rollen, die ich lebe …

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