Samstag, 21. November 2015

Ein kleiner Kulturbeitrag gegen Extremismus

Fast wäre er gescheitert, mein persönlicher, kleiner Beitrag zur Förderung der Gemeinschaft gegen Toleranzverleugnung und religiöse Diktatur. Meine Begleitung ist aus gesundheitlichen Gründen abgesprungen und alleine auf Konzerte gehen, ist mir irgendwie meist suspekt. In Ordnung, mein Leben wird demnächst so oder so ein bisschen freier und weniger zweisam. Ich gehe auch alleine ins Kino, wenn es sein muss. Ein bisschen kommt da jetzt doch noch die gute Laune auf, weil ich seit Ewigkeiten schon auf das Konzert von Years and Years warte.

Mein Gesicht entgleist schon das erste Mal, als ich in Frankfurt vor der verschlossenen Batschkapp stehe und mich das seltsame Bauchgefühl eingeholt hat, dass ich den ganzen Tag schon habe. Ok, mal eben im Internet nachsehen, was da los ist. Scheiße, verlegt. Nach Offenbach, in die Stadthalle. Schnell auf die Uhr schauen - noch zwanzig Minuten. Schaffe ich vielleicht noch, denke ich mir. Jede rote Ampel ist meine, das Verkehrsaufkommen ist typisch Freitagabend. Zumindest in Frankfurt. Spätestens als ich an der mindestens 300 Meter langen Schlange an Menschen vorbeifahre, die sich in typisch deutscher Manier auf dem Bordstein bis hin zum BK einreiht, habe ich keine Lust mehr. Die zweite Gesichtsentgleisung, inklusive Stressfalte zwischen den Augenbrauen. Ich fahre zweimal um den Block, parke bei Bekannten, falle dort noch kurz auf einen Schokoriegel ein und quatsche mich fest. Mein Plan b ist auf ein Bier bei einem Kumpel vorbeifahren, der morgen weg zieht. Das Konzert sollte bereits vor einer Stunde anfangen und ich frage mich, wieso sich das so ewig zieht, bis die braven Ansteher alle drinnen sind. Klar, warum auch sonst. Die Sicherheitsmaßnahmen wurden nach Paris letzte Woche erhöht.


In letzter Sekunde überrede ich mich selbst dazu, noch einmal an der Stadthalle vorbeizufahren. Eigentlich gar nicht so langsam, wie die Schlange sich fortbewegt. Parken? Wohngebiet, was sonst. Dann ist mein Bewegungssoll für heute auch erfüllt. Eine Viertelstunde später stehe ich irgendwo zwischen zwei schwulen Pärchen, bekomme von mindestens drei anderen Konzertgängern noch eine Karte angeboten. Ich habe selbst eine abzugeben. Paris zieht auch hier Kreise. Laut Facebook haben relativ viele abgesagt, was jetzt den positiven Effekt von mehr Platz in der Halle haben wird. Meine Finger sind kalt und so langsam geht mir der Nieselregen schon auf die Nerven. Gegen 21:00 Uhr bin ich dann in der Halle und spare mir den Gang zur Garderobe, weil ich da später noch mal anstehen muss. Das Publikum könnte man oberflächlich gesehen einfach kurzum mit "YOLO" beschreiben. Einfach ausblenden. Funktioniert leider nicht so, die Kreischfrequenz ist echt jenseits von erträglich. Teenie-Tuss(i), die moderne Version von Tinnitus. Das Durchschnittsalter der Mädchen mit den Schildern, auf denen "Olly, ich will ein Kind von dir" steht, ist 15. ganz sicher. Und da sagt die Security nix, dass die unbegleitet rum laufen? ich fühle mich wieder an die Grauzone ausgeliefert, muss aber schmunzeln, weil der Sänger Olly Alexander schwul ist. Trotzdem freue ich mich über die Begeisterungsfähigkeit unserer Jugend.

Das Konzert hat einen ziemlich geilen Soundmix, der Bass geht so hart und klar in den Boden, dass er in goldenen Wellen oben bei meinen Lippen wieder ankommt. Ganzkörpervibrator. Dabei bleibt der Rest der Frequenzen ziemlich ausgeglichen, brillanter Klang für eine Stadthalle dieser Größenordnung. Ich stehe zehn Meter vom Sänger weg und habe trotzdem noch Platz zum Tanzen, was ich spätestens bei "Desire" auch mache. Anonymität hat so unendlich viele Vorteile, wenn man sich bewegt wie ein Zitteraal auf MDMA. Yeah! Ernsthaft, diese Band rockt ziemlich und ich genieße die kleinen technischen Fehler, die Olly beim Singen macht. Es macht ihn unglaublich sympathisch und authentisch. Seine Präsenz ist so natürlich auf der Bühne, dass man ihm all die seltsamen Bewegungen und die fast schon boshafte Freude verzeiht, die er daran hat, kleine Mädchen auf die Bühne zu holen. Diese etwa dreizehnjährige Marleen aus Frankfurt (glaube ich), hatte einen schockähnlichen Gesichtsausdruck drauf und ich glaube, dass sie die Umarmung des Sängers für ihr ganzes Leben traumatisiert hat. So, wie der Prinz aus "Drei Nüsse für Aschenbrödel" wohl auch sein ganzes weiteres Leben nach einer Libuše gesucht hat.


Das einzige Manko für mich ist mein Lieblingssong "Real", den haben sie ein bisschen auf fast forward laufen lassen, und nur eine Zugabe gegeben. Dafür ist in der Stadthalle alles mehr als gesittet abgelaufen und mein Auto hatte trotz Ghettoparkplatz keinen Kratzer. Perfekt. So mag ich Konzerte - bezahlbar, ohne Anschläge, Gedrängel und schrillen Sound. Weiter so, Ghetto-Offenbach, ich bin stolz auf dich!

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