Freitag, 20. November 2015

Sozialkompetenz 1

Sozialkompetenz - Braucht man die und wenn ja, wann und weshalb am besten? Liest sich in der Begriffserklärung schon fast wie eine eiskalte Berechnung, Menschen in jegliche Richtung manipulieren zu können. Vor allem, nachdem ich gelesen habe, dass Sozialkompetenz wohl meist im positiven Sinne gewertet wird und laut Begrifflichkeit jedoch neutral zu verstehen sei. Sie besteht demnach auch aus mehreren Elementen, wie zum Beispiel Kommunikationsfähigkeit - Ja, habe ich. Zu viel davon, glaube ich. Hitler als Beispiel für zielgerichtete, soziale Fähigkeit, ist mir suspekt. Damit mag ich mich nicht identifizieren, glaube ich. Ich lese also weiter, um mir die einzelnen Punkte bewusst zu machen, die als Ganzes die sogenannte "Fähigkeit zur Lebensablauf optimierenden Handlungsweise" ausmachen.

Selbstwertgefühl, Reflexion, Selbstdisziplin, Hilfsbereitschaft, Empathie, Kritikfähigkeit, Wertschätzung, Toleranz, Verantwortung ... klingt für mich nach einem Innenwelt-/Außenweltkonflikt. 
Dabei muss ich gerade an den Sandmann von ETA Hoffmann denken. Augen her, Augen her! In Ordnung, ich bin selbst wahrscheinlich ein schlechtes Beispiel. Ich kann mich artikulieren, Menschen begeistern, verhandeln, regungslos in der Gegend rumsitzen - wenn ich muss - und versuchen, meine Klappe zu halten, wenn ich weiß, dass ich als Individuum nicht gefragt bin. Ich bereue meist so oder so, wenn ich etwas gesagt habe, weil mich ab und an mal einen Schwall Selbstbewusstsein überfällt, den meine fehlende Diplomatiefähigkeit leider nicht gerade positiv ergänzt. Die beiden mögen sich glaube ich nicht besonders. Dabei bin ich einfach nur zu ehrlich oder zu direkt. Erspart einem aber manchmal zum Glück auch eine Fehlinvestition auf der menschlichen Ebene. Normale Menschen gehen aber auf jeden Fall anders auf einen Fremden zu, als ich.

Vor vielen Jahren war ich mit einer Freundin in der Oper. Im Foyer stand dieser gutaussehende Kerl mit den blonden Locken. Meine Freundin sagte: "Wenn du den jetzt nicht ansprichst, siehst du ihn nie wieder!" War mir relativ egal, ich hätte nicht einmal gewusst, was ich sagen soll. Das Resultat daraus war, dass ich nachdem das Stück zu ende war, den Kerl auf der Treppe wiedergesehen habe und meine Sicherung im Gehirn mal spontan durchgebrannt ist. Ich dachte, sie hat ja irgendwie recht und ich muss mein Glück mal selbst in die Hand nehmen. Gedankenkarussell an, Bewegungsautomatismus auf Sparflamme. Stolpern, den Kerl halb die Treppe mit runter reißen und dann anglotzen. Er: "Alles in Ordnung mit dir?" (Denk, denk, denk ... Was antworte ich jetzt? Fehlende Sozialkompetenz dank anders gestrickter, minimal autistischer Logik) Ich: Hast du Bock mich kennenzulernen? Frontaltherapie für mich. 
Stille. 
Sein bester Freund steht neben dran und schaut ihn und mich abwechselnd an, ehe er ihm rät, einfach ja zu sagen. Tatsache - er sagt wirklich "Warum nicht?" Nummern ausgetauscht, HR-Radio Team gesellt sich dazu und fragt unverschämt in unseren intimen Moment der Peinlichkeit hinein, wie wir das Konzert fanden. Uff. Antwort fällt von meiner Seite knapp aus, denke ich mir. Keine Kapazitäten für Musik, wenn ich ehrlich bin. Gesagt habe ich aber irgendetwas anderes, wenn ich mich recht erinnere. Eine Woche später haben wir uns wirklich getroffen, sein Leben klang echt spannend, mit den Hippie-Eltern, der Band in der er Schlagzeug gespielt hat und nett fand er mich wohl auch. Er hätte mich ja seiner Aussage nach gerne geküsst, aber leider fand er Mädchen ja generell nicht so spannend. Auf jeden Fall nicht so spannend wie Jungs.

Ok, Karma. Ich hab's verstanden. Mehr nachdenken, wenn du schon ein Bauchgefühl für meine Situation hast. Warum ich immer wieder so frontal und direkt auf Menschen zu gehe und mir im Nachhinein dann denke, dass ich mal einfach mein Maul hätte halten sollen, kann ich mir tatsächlich nur über die Synästhesie erklären. Ich höre Musik in Farbe, sehe Wochentage dreidimensional im Raum angeordnet und habe einfach für viele nicht-Synästheten und fremde Menschen, keine sinnvolle Distanz zwischen meinen Gedanken und meinem Sprechapparat. Meine Fähigkeit Menschen ungewollt in emotionaler Hinsicht zu verschrecken, zu überfordern und zu verstören, ist leider einen Pokal wert. Dabei bin ich genauso unsicher, wie der Rest. Leider aber oftmals erst, nachdem die Worte bereits meinen Mund verlassen haben und der Oh-oh-Effekt setzt ein. Das ist bei mir ein bisschen wie mit der Spinne und dem Phobiker. Die Spinne ist winzig und denkt sich: "Aaah, scheiße, ein riesiges Alien, das mich gleich mit dem Staubsauger eliminiert!" und der Phobiker denkt sich:"Aaah, scheiße, eine winzige Spinne, sie wird mich zerfleischen oder ich mich vor Ekel zu Tode kübeln!" Verhältnismäßigkeit und so ...

Ist mir aber nicht nur einmal passiert, dass ich total stolz auf meine Formulierung bezüglich einer mir wichtigen Sache war, weil ich sie selbst von einem Fremden als echt nett empfunden hätte. Sprachlich wohl einwandfrei, emotional inhaltlich eher creepy. Letztlich habe ich wieder sowas mit dem Titel "D'oh" gemacht. Ich habe einen wildfremden Menschen angeschrieben, dem ich etwas mitteilen wollte. Inspiriert hat er mich, zu einem Charakter in meinem Buch. Mein guter Freund und ebenfalls sozial abweichender Leidensgenosse liest sich meine E-Mail durch und stellt nüchtern nickend fest, dass ich nicht mal vorab eine Ansprache verfasst habe. Haha, oh Scheiße. Ich mal wieder, live und in Farbe. Ja, ich verstehe, was er meint. Ich klinge ein bisschen arg distanzlos, nach einer Mischung aus Freak und Verpeiler. Ok, ok. Nächstes Mal, denke ich mir. Ich darf jetzt nichts mehr erwarten. Ich muss trotzdem grinsen, weil ich weiß, dass das einfach manchmal ein Teil von mir ist. Ich kann einfach nicht normal, dann verstelle ich mich. Wer mich kennt, weiß das einfach, dass ich ein meist unkompliziertes Exemplar der Gattung Kumpelbräute und Baggerfahrerinnen bin (Danke für das tolle Wort, liebe Groß-Rot), und mir gesellschaftliche Konventionen nicht so liegen. Zumindest diese. Bin ich ein Spießer-Autist, weil ich das Haus im Grünen, den Audi S8 und den Chmpagner nicht ausschlagen würde, aber trotzdem diejenige bin, die es genießt, Fremde Menschen im Raum gedanklich nach Farbe zu sortieren?

Leider zähle ich zu den Frauen, die eher angepöbelt, anstatt angeflirtet werden. Und wenn mich dann doch mal einer anflirtet, zählt er meist zur Fraktion ultra verzweifelt und nichts zu verlieren. Da die aber meist einen Grund fernab ihrer Erscheinung dafür haben, dass sie Langzeitsingles sind, kann ich mir guten Gewissens wenigstens ein klitzekleines bisschen Sozialkompetenz zuschreiben. Ich war immerhin schon einmal im Genuss "Ja" sagen zu dürfen. In Neuseeland, auf der Terrasse eines traumhaften Landhauses. Fast drei Jahre hat die Ehe gehalten und ich kann zum Glück nicht behaupten, dass besagter Ehemann zu dieser Ehe, nicht zu meiner Sorte Sonderling gehört. Zum Glück hatte der Trennungsgrund auch nichts mit Sozialkompetenz zu tun. Der Grund, wieso ich als potenzielle Partnerin generell nicht angesprochen, oder einfach nicht wahrgenommen werde, hängt wohl tatsächlich mit meiner allgemeinen Erscheinung zusammen. Mein Freundeskreis besteht zu 95 % aus Männern. Was das für meinen Humor, mein unkontrolliert direktes Mundwerk und meine prinzipielle Einstellung zu Bier bedeutet, muss ich glaube ich nicht weiter beleuchten. Leider bin ich aber oft gerne eine Frau und finde das ziemlich gut so. Bis auf ein paar Ausnahmen. Die Klassiker. Ein ganzer Schrank voller nichts zum anziehen. Ist mein Hintern noch ok so? Haare auf oder zu? 

Konkret bedeutet das: oberflächlich antrainiertes Ego, gepaart mit typisch weiblichen Selbstzweifeln. Danke, Natur! Das heißt also, dass ich fast immer automatisch gefriendzoned werde, weil ich groß, halbwegs gutaussehend und aus der männlichen Sicht über mein Verhalten, relativ normal bin. Männer stehen aber für eine Partnerschaft nicht so sehr auf selbstähnliche Formen - zumindestens die Heteromänner nicht. Ich wirke nicht, als ob man mich körperlich beschützen müsste (Miep - inkorrekt) und ich stehe nicht so auf unterwürfige Männer oder Gammler vor Fußball mit Feinripp und Pitbull. Diskrepanz.

Was ist das, was Männer an Frauen spannend finden, wenn sie all das, was ich nicht habe (Standardtussigezicke) doch gar nicht cool finden. Ja, ist klar. Sie wollen eine starke Frau, aber eben keine, die stärker ist, als sie selbst. Emotional, versteht sich. Ich plädiere ja auf emotionale Gleichstellung in der Partnerschaft. Das ist sowieso utopisch, dass sich die Rollen innerhalb einer gut funktionierenden Beziehung nie verschieben. Es kann nicht jeder immer stark sein und auch nicht immer die Entscheidungsgewalt innehaben. Nicht, weil das nicht funktioniert, sondern weil der Mensch erfahrungsgemäß zu faul ist, sich um alles selbst zu kümmern. Ich muss immer alles kommunizieren, sonst komme ich mir seltsam vor. Ob das mein Verantwortungsbewusstsein gegenüber der eigenen Existenz ist, oder doch vielleicht das schlechte Gewissen, untätig oder untergeordnet sein zu können, bleibt hierbei erst einmal offen. Ich will auf jeden Fall keinen Partner, dessen Grundeinstellung einer offenen Kommunikation entgegenspricht.

Seufz - Das rettet meinen Tag ein bisschen. Wenn ich jemanden verschreckt haben sollte, dann nur, weil er eh nicht kompatibel mit meiner Art wäre. Hoffe ich. Ok, ich mag das glauben, weil es nämlich auch irrelevant ist, meine E-Mail ist schon lange abgeschickt. Es kommt eh alles so, wie es kommen soll. Aber so ein bisschen wünschen, darf man sich das unwahrscheinliche Plus der Woche ja schon, hoffe ich.

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