Donnerstag, 3. Dezember 2015

Ist das Kunst oder kann das weg? - Demoscene

Vor ein paar Jahren habe ich bereits schon einmal über die Demoscene geschrieben und seitdem ein paar Partys besucht, die meine Begeisterung für diesen Kosmos der digitalen Kunst nur erweitert hat. Finally inside - Der Name einer wie ich finde, äußerst gelungenen Demo von STILL aus dem Jahr 2010. Eine was? Eine Demo. So nennt man kleine animierte "Filme", die nicht einfach ein Video sind, sondern eine Software. Sie errechnen sich beim Abspielen selbst und sind meist nur sehr klein. Wie klein, ist unterschiedlich. In den Kampfdisziplinen der Schönheitswettbewerbe stehen meist die 4K oder 64K Demos ganz weit oben, die können auch richtig was. Das ist Kunst und resultiert aus dem ewigen Drang des Menschen, die Lücke zu finden, die ein anderer nicht beachtet hat.

Die Demoszene ist das, was passiert, wenn aus Hackern und Crackern, Künstler und oder Aktivisten werden. Kunst ist Kunst, oder? In diesem Falle digital und anfänglich illegal. Zumindest im Ursprung, denn sie entstand als Hack-Gag, vor Jahrzehnten, als die Ära der Computerspiele gerade begonnen hatte. Die Leute waren Sportler außerhalb des Gesetzes, die Kunst ohne physikalische Interaktion geschaffen haben. So ein Satz aus der Moleman 2 - Doku über die Demoscene. Fachkundige waren sie, sozusagen Hacker der ersten Stunde, haben Spiele vervielfältigt, ihre Namen, Zeichen oder anderes in Spiele einprogrammiert und mit den selben Methoden, die auch die Spiele entstehen lassen, irgendwann kleine Kunstfilme gebaut. Hacken geht wie die Technik die es als Plattform nutzt, mit der Zeit und aus den Intros der PC- und Konsolenspielen wurde ein weltweites, politisches Phänomen. 

Sicherheit ist auf allen Ebenen unser großes Thema heute, sowohl unsere persönlichen Daten betreffend, als auch in politischer Hinsicht. Transformation der gesellschaftlichen und sozialen Mittelpunkte, digitale Kulturkollision. Auch wenn die Demoscene sich nicht auf politische Interaktion versteht, transportiert sie zeitweise doch eine Botschaft. Finally inside ist eine meiner Lieblingsdemos, wenn auch schon ein paar Jahre alt. Die Komposition aus Kamera- bzw. Bildführung, Musik und Thematik ist grandios. Der Überwachungswahn und das Spiel mit der Unsicherheit des Bürgers, der Regierung und der Unternehmen – die Angst vor dem faschistischen Polizeistaat ist bittere Realität. Im Vordergrund stehen jedoch Selbstinszenierung durch digitale Umsetzung einer mehrschichtigen Idee und der Spaß am Programmieren. Die Entstehung einer Demo ist ein kreativer Schaffensprozess, eine Entwicklung aus dem Wunsch nach Effizienz, Lösung technischer Probleme und der Umsetzung von kreativen Impulsen. Ohne Vorstellungskraft keine Story für die Demo und ohne Technik keine Plattform. Demos sind die Schnittstelle zwischen mathematischer Sprache und akustischer, sowie visueller Kunst. Die Kunst des Algorithmus. Zweidimensional, live und in Farbe. Meist. Vor allem mit Ton.

Dabei hat sich die Herangehensweise bei der Programmierung einer Demo in den letzten Jahren stark verändert. Im Vordergrund steht nicht mehr nur die Auslotung der technischen Grenzen, sondern der künstlerische Effekt. Die Technik erlaubt es uns heute, ungeahnte Möglichkeiten zur Erstellung von Grafiken zu nutzen. Demos bestechen durch viele Aspekte. Grafische Umsetzung, maximale Nutzung alter Plattformen wie dem C64 oder dem Amiga, oder die Übertragung einer Botschaft sind ein paar davon. Die Annäherung an die technischen Grenzen auf diesen Retrogeräten hat bisher keinen Aufmerksamkeitsverlust. Noch immer huldigen Gamer und Coder weltweit dieser antiken Epoche der Computergeschichte. Dieses ganz besondere Flair von 8Bit-Musik aus Nullen und Einsen und Ascii-Grafiken, verspürt man auch heute noch so präsent, wie damals. Aber prinzipiell ist das Ausgabemedium für die Fertige Demo, Musik oder Grafik nicht festgelegt. Im Zweifelsfall laufen diese Kunstwerke auch auf einem EC-Automaten oder einem Hochhaus.

Bordsteinprosa interpretiert ATW

Doch die Szene wird seiner Arbeitsweise gegenüber fortlaufend anspruchsvoller. Die Limits werden in ihren eigenen Disziplinen immer mehr ausgereizt, das Ziel ist gerade heute die verwendete Eingabesprache, weil sich die technischen Möglichkeiten ständig verbessern. Die Herausforderung ist noch immer der Effekt, ein Kunstwerk so spektakulär und effizient zu machen, wie möglich. Dabei ist die Szene ziemlich gesellig, erfreut sich an gemeinsamen Events, bei denen man sich oft zu Hunderten trifft, codet und am Ende mit seinen Werken in einem Wettbewerb über Leinwand an den Start geht. Diese Events nennt man Demopartys, sie sind so etwas wie die LAN-Partys der Computer-Kunstszene. hier wird nicht gezockt, sondern gebastelt. Menschen aus aller Welt treffen sich dort, bringen ihre Rechner mit und feiern, setzen Ideen um und tauschen sich aus. Schon lange sind diese Veranstaltungen nicht mehr nur für diejenigen interessant, die auch aktiv daran teilnehmen. 

Demopartys werden oft für die nichtanwesenden Interessenten live ins Netz gestreamt und sind Ausdruck von einem gemeinsamen Gefühl für diese Art von Kunst und bei weitem nicht mehr frauenfeindliche Kellerzone. Zwar ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern noch immer unausgeglichen, aber es werden ständig mehr Frauen, die coden, komponieren und Grafiken erstellen. Die bekanntesten deutschen Partys sind und waren seinerzeit unter anderem The Ultimate Meeting (tUM), die letztes Jahr pausiert hat und ersatzweise von der Demogroup ATW (Attentionwhore) unter dem Namen Under Construction in Gernsheim angeboten wurde. Weiterhin gab es lange die mit etwa eintausend Gästen größte Veranstaltung in Bingen am Rhein, die sich Breakpoint nannte. 2011 wurde der bedauerliche Wegfall der Breakpoint mit der Revision Easter Party in Saarbrücken aufgefangen. Last but noch least gibt es in Deutschland die großartige Evoke in Köln.

2010 war diese die erste Demoparty, die ich in meinem Leben besucht habe. Dieses Erlebnis hat meine Sichtweise über Kellerkinder und Colaglasbrillen - Nerds maßgeblich verändert. Zum ersten Mal habe ich damals nach einer Menge guten und albernen Gespräche über Musik, Kunst und Alkohol, unter dem Tisch und neben den Rechnern, auf der Isomatte geschlafen. Als Frau, die zwar mit dem PC Musik macht, aber nicht dessen Sprache spricht, war das für mich äußerst lehrreich. In meinem Freundeskreis gab es die Coder, Nerds und Technikfreaks schon immer und als mir J.A.K. (ATW) 2008 eine Demo am PC gezeigt und deren Funktion erklärt hat, war ich sofort begeistert. 

Nach der Evoke zwei Jahre später, war ich überrascht von der Offenheit dieser Leute, denen man direkt beim Arbeiten zusehen kann. Diese Mischung aus Schlaf- und Arbeitszone, Alkoholabsturz auf Elektromusik und interkulturellem Austausch von Wissen und Ideen, hat mich unglaublich begeistert. Die Menschen in dieser Szene haben ihren ganz eigenen Humor, ihren ganz eigenen Respekt voreinander und sind alles nur nicht sozial unfähig. Dass diese Szene nicht in einer Form honoriert wird, die sie wachsen lässt und die Arbeit sich selbst tragen kann, ist für mich unverständlich. Hierbei handelt es sich um Kunst, die unsere Welt wahrscheinlich genauso verändern wird, wie all die klassischen Formen, die wir bereits benutzen, um uns kulturell zu verständigen.

Das digitale Zeitalter ist in der Kunstszene ein relativ neuer Stern am Himmel und wird sich meiner Meinung nach auch in den kommenden Jahren weiter durchsetzen. Mich beschäftigt ja schon seit langem die Frage nach dem Grund für die Umsetzung einer Idee. Kreativität ist auch hier ein Trieb, der sich nicht darum kümmert, ob er einen ultimativen Sinn erfüllt. Es ist das Schaffen an sich, das einen dazu bringt, die Grenzen des technisch Machbaren in einen visuellen Kontext zu setzen. Was dabei alles möglich ist, wird einem bewusst, wenn man sich mal so eine Demo ansieht. Die Menge an Informationen, die in ein 4 oder 64 Kilobyte große Datei reinpasst, ist enorm. Zum Vergleich kann man sich dazu mal die Größe einer Datei verinnerlichen, der wir tagtäglich begegnen. Eine MP3, ein Schriftdokument, ein Bild. Konkret bedeuten 4Kilobyte Datenmenge etwa eine Seite Text. Eine Demo schafft es in genau diesem Umfang komplexe Darstellungen, Animationen und Musik darzustellen. Erweitert man diesen Faktor auf 64 Kilobyte, erhält man auch gerade nur einen Bruchteil einer Mp3. Wie also passen all diese Infos in so eine winzige Datei? Die Antwort ist der der Code, der es ermöglicht, Informationen maximal zu komprimieren.



 Kleiner Gedankenaustausch mit ./neuralNET von ATW

Pic by Ray Montag // Gothsick.de

Bordsteinprosa: Wie bist du zu dieser Szene gekommen?

./neuralNET: Mit Zehn oder so, kam ich in den Besitz einer CD mit haufenweise FLI Animationen und ein paar demos von Future Crew und andern Groups. Die naechsten Zehn Jahre habe ich damit verbracht Mod files zu hoeren (pre-mp3 Musikformat der Scene, aber nicht wie mp3) und Demos zu schauen, sofern ich sie in die FInger bekam. Irgendwann 2004/5 habe ich dann auf einer Website die Breakpoint Invitation gefunden und dachte mir: jetzt geh ich endlich mal dahin. Bin dann auch prompt mit einem Freund, nthnl Samstag morgens gegen 9 in der Halle aufgeschlagen, wo wir mit Happy Hardcore und angenehmer Noch wach, grade am Aufstehen, whateverthefuck-Stimmung empfangen wurden. Seitdem war ich auf jeder Breakpoint, Revision und tUM. Und mittlerweile Mitorganisator von Revision und tUM/Under-Construction.

B: Was sind das für Leute, die sich in der Demoszene zuhause fühlen, sie aktiv gestalten und weiterentwickeln?

./n: Menschen.

B: Leider wird diese Art von Kunst nicht wirklich finanziell gefördert. Dabei sind sie bereits seit vielen Jahren auf den großen Nachrichtenportalen wie Heise vertreten. Wie finanzieren sich denn solche Events?

./n: Soweit ich weiß, sponsoren Hardwarehersteller wie Intel, AMD, NVIDIA diverse Partys, dann gibt es den digitale Kultur ev.

B: Lernt man das irgendwo?

./n: Das Demo-scenen? Ich denke das lernt man dadurch etwas erschaffen zu wollen. Wenn man dann noch den Wahnsinn einer Demoparty erlebt, einfach nur auf Pouet rumhängt und demos schaut, oder im irc-channel mitliest, kriegt man ne gute Einführung. Aber am besten ist es denke ich auf ne Party zu gehen, Seminare zu besuchen, oder mit andern Scenern rumzuhängen und sich auszutauschen. Your mileage may vary.

B: Was macht den Reiz aus, solche Kunstwerke zu erschaffen?

./n: Also für meinen Teil denke ich, dass es Spaß macht, andere zu beeindrucken, oder ihnen eine coole Achterbahnfahrt der Empfindungen zu verpassen. Evtl. sogar anzuecken um den Denkapparat wachzurütteln, oder Leute aus der Comfortzone zu holen.

B: Was ist deine persönliche Lieblingskategorie in der Computerkunst?

./n: Wild.

B: Du komponierst selbst Musik für die Szene, wie siehst du die Entwicklung in der Szene, hat das kommerziellen Anspruch?

./n: Ich verweise mal auf "Diskoschlampe" von Akustikrausch das man als Jamba-Klingelton erwerben kann ;) haha - nein, also ich muss sagen, dass die Qualität der Tracks in Streamed meistens definitiv kommerziellen Status haben könnte, sofern der Author das denn vermarkten möchte. Da ist doch recht hohes Niveau anzutreffen.


B: Ihr habt im letzten Jahr als Group ein völlig neues Event auf die Beine gestellt, das in die Erwartungshaltung einer Weltbekannte Party getreten ist. Wie ist das gelaufen?


./n: Also bis auf dass die Gäste durch diverse Schneeattacken daran gehindert wurden zur Party zu kommen, lief alles besser als erwartet. Es war doch recht gemütlich.

B: Was für eine Organisationsstruktur steckt hinter so einem Event und wie finanziert sich so etwas?

./n: Es gibt einen Main Orga, dann jeweils Orgas für die restlichen Bereiche.
Finanzierung: Privat, Sponsoren.

B: An was arbeitest du / Ihr im Moment?

./n: Meiner eigenen Cybersecurityfirma ;P

B: Du warst früher starker Raucher und Kaffeekonsument. Vor einiger Zeit hast du aufgehört zu Rauchen, geht das mit deiner Kreativität noch klar?

./n: Seit ich nicht mehr rauche, hab ich mehr Zeit für kontinuierlichen Fokus. Also ich habe so gesehen "mehr" Kreativität am Stück, da ich nicht mehr vor die Tür rauchen gehe, wenn ich grad mitten im Track bin.

B: Drink, code, dance, repeat. Die nächste Demoparty die ansteht ist?


./n: Under Construction Ende des Jahres.
http://under-construction.tum-party.net



Neugierig geworden? Wer sich gerne mehr in dieses Thema reinfinden möchte, sollte sich folgende Seiten und Demos einmal ansehen:

Wrath - Matt Current

5 Finger Discount - Shitfaced Clowns

Chaos Theory - Conspiracy

Scottie - nonoil & SystemK

Error23 - Resource & The Dreams

Syntax Infinity - Tulou & Traktor 


Pouet.net
Slengpung.com



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen