Samstag, 19. Dezember 2015

Jazz, Jazz, Jazz - Eine schöne Bescherung mit Gerd Baier und der Gerdband

Heidelberg ist irgendwie schlecht für meinen Hormonhaushalt, merke ich. So viele gutaussehende, vermeintlich glückliche Menschen, Pärchenalarm und Weihnachtsmarktgedränge am Kornmarkt. 

Um kurz nach acht trudel ich im Jazzhaus ein und stelle fest, dass sich mein Bargeld noch in meiner Hosentasche befindet und die liegt auf dem Boden in meinem Schlafzimmer. Also fülle ich erst einmal den Antrag auf Vereinsmitgliedschaft im Jazzhaus aus, laufe dann zurück und hebe zu überteuerten Kosten Geld bei einer Fremdbank ab. Wieder im Jazzhaus angekommen, verstaue ich Mantel und Hut und zahle freudig die zwölf Euro Eintritt, die sich mehr als lohnen werden. Sobald ich ein Teil des Abends bin, gehe ich meinem Ritual hier nach und bestelle mir einen Apfelsaft und eine Brezel. Nicht irgendein Apfelsaft, nein, das ist Apfelsaft mit Stückchen und er schmeckt wie ganz frisch gepresst. Danach suche ich mir in weiser Voraussicht über meine geräuschvolle Invalidität einen Platz im hinteren Eck des Raumes. 

Wieder drücke ich durch meine Anwesenheit den Altersdurchschnitt bis auf die Hand voll Kinder im Raum, um ein Jahrzehnt nach unten und frage mich dabei, wieso Klassik und Jazz in meiner Generation nicht mehr integriert sind. Aber die Frage nach dem allgemeinen Bildungs-Muss ist heute auch so diffizil, wie in keiner Generation zuvor. Wir werden überflutet von Möglichkeiten, Angeboten und Reizen, die sich in einem Tempo fortbewegen, das eine große Aufmerksamkeitsspanne gar nicht zu lässt.

Die meisten sind heute Spezialisten auf einem kleinen Gebiet, kennen sich mit einer bestimmten Menge an Themen aus, die sich mit jeweils der Menge einer anderen Gruppe überschneidet. Was dazwischen an Kommunikation stattfindet, reicht leider oft nicht mehr aus, um Bildungsstandards aus der Vergangenheit umfassend aufzugreifen und weiterzugeben. Die Wurzeln fehlen bei vielen Themen, da entsteht einfach kein Bezug mehr zum Kulturgut vor unserer Zeit. Hinzu kommt noch, dass Lesen und interpretationswürdige Musik, deren Aufmerksamkeitsanspruch die zwei Stunden eines Filmes übersteigen, heute einfach schlecht ins Leben einbauen lassen. Natürlich gibt es diejenigen, die genau das machen. Sich Zeit nehmen und Dinge analysieren, deren Inhalt sich Gebietsfremd zu ihrer Schnittmenge an Bildung verhält. Eingehendes Befassen mit einem neuen Thema widerspricht dem Zeitmanagement der Unterhaltungsindustrie, die oberflächlich gesehen viel mehr Information auf kürzer Zeitspannen vermitteln kann. Manche Dinge benötigen aber einfach die ausgiebige Kontroverse, den Dialog und so empfinde ich das gerade beim Thema Musik auch. 

Ich habe erst spät angefangen, mich mit Jazz auseinanderzusetzen und würde mich nicht als Kenner bezeichnen, eher als neugierigen Weltenwandler, der gerne dem Klang von neuen Ufern lauscht. Dieses neue Ufer heute heißt Gerdband und ist mir vor vier Jahren zum ersten Mal begegnet. Damals war ich auch hier im Jazzhaus und habe nach Inspiration zu meinem ersten Buch gesucht. Tatsächlich gab es diesen Funken, der direkt von Gerd Baiers Piano auf meine Ideenmaschine übergesprungen ist. Damals war ich hier zufällig auf einem Konzert von ihm und habe mir im Anschluss die CDs Berggeflüster und Perpetuum (Duo mit Philipp Gutbrod, Drums/Percussion) gekauft. Der sich auf diesem Album befindliche Auftaktsong heißt Milena und hat sich orange und eisblau in mein Gehör gefressen. An dieser Stelle möchte ich noch einmal erwähnen, dass ich Synästhetikerin bin und Musik, Formeln, Buchstaben und Zeit, in Formen, Farben und Gerüchen "sehe". Demnach sind meine Anmerkungen bezüglich Interpretation sehr subjektiv und nicht unbedingt gültig für die Allgemeinheit.

Milena. Der Fluss in meinem Kopf (2011, Öl auf Leinwand)
Milena war für mich auf Anhieb eine Reise zu mir und durch mich selbst hindurch, wie ein Fluss an einem glasklaren Herbsttag, dessen Verlauf sich wild und sanft zugleich durch die Landschaft zieht. Auf der Basis dieses Gedankens habe ich 2011 eine mehrschichtige Interpretation der Melodie begonnen und mich auf den musikalischen Teil meines Romans eingestimmt. Dabei kamen ein Ölgemälde, eine daraus wieder resultierende Umsetzung in meine musikalische Sprache (Stratoscope – Fog) und eine Protagonistin namens Inga ans Licht. Ohne dieses Stück hätte ich wahrscheinlich die Geschichte so nicht schreiben können, wie ich es getan habe. Als ich meine Analyse beendet hatte, ließ ich Gerd Baier meine Ergebnisse zukommen und erfreue mich seitdem gelentlich an einem Plausch mit ihm über Gott und die Welt, Musik und New York. Bevor das Konzert beginnt, begrüßen Gerd und ich uns noch kurz und herzlich an meinem Tisch. Danach bekommen wir gespannte Zuhörer von Joachim vom Jazzhaus eine Unterweisung bezüglich der Sicherheitsregularien. Da wir jetzt alle zwangswahlweise Vereinsmitglieder geworden sind, fehlt die Vereinsrede bezüglich der Notausgänge noch. Auf jeden Fall ist die amüsanter als das abgenudelte Sicherheitsballet im Flugzeug und erzeugt hier und da einen Lacher. Eine sympathisch schwäbische Aufforderung an das Publikum, den Feuerlöscher im Notfall (den es seit dem sechzehnten Jahrhundert wohl nicht gegeben hat), doch auch zu gebrauchen. Falls sich wer damit auskennt, natürlich.

Der Raum ist so voll, wie er klein ist und ich fühle mich positiv an einen ähnlich beklemmend vollgestopften Abend im Jazzkeller Frankfurt erinnert. Gerdband betreten die Bühne, bestehend aus Gerd Baier am Piano, Dirik Schilgen an den Drums und Mario Fadani am Bass. Eisenhans eröffnet den Morgen, dessen Sonnenstrahlen durch die dahinziehenden Wolken unterbrochen werden. Das Bild in meinem Kopf verflüchtigt sich und der Song groovt sich direkt danach ebenso melancholisch, aber mit flotten Tempo ins Ohr. Wie aggressives Vogelgezwitscher, der perfekte Start in den Tag. 

Das Drumsolo von Dirik Schilgen fängt die Stimmung des Songs auf und treibt sie voran, bis der Bass von Mario Fadani dazu vermeintliche Gespräche aus dem Bauch heraus mit ihm führt. Nach Eisenhans stürzt Gerd Baier erst mal das Soundmodul ab, die Technik hat sich ein wenig verschworen. Aber kurz darauf geht es schon mit einem meiner Lieblingssongs weiter, dem grünen Elefanten, der nicht fliegen kann. Frag' nicht warum. A green elephant cannot fly, don't ask why. Warum er das nicht kann, weiß Gerd selbst nicht mehr, sagt er. Ürsprünglich war es mal ein Gedicht, das er selbst geschrieben hat und ihm der Text leider abhanden gekommen ist. "Es war einmal ein Elefant und der war grün. Und er ging nicht nach Berlin", merkt Gerd an und betont dabei, dass es SO auf jeden Fall nicht ging. Aber der Elefant geht trotzdem, vor allem voran. 

Nach der Einstimmung auf der Kalimba vermutete der Zuhörer ein spirituell angehauchtes Stück und wird mit einem fetten Coolnesseffekt überrascht. Wie der Titelsong zu einem Bösewicht klingt der Song, smooth und irgendwie einer Sonnebrille würdig. Ich ertappe mich dabei, wie ich mit dem Stift hin und her wippe, anstatt zu schreiben oder zu zeichnen. Aber der Rest des Publikums nickt zustimmend und ich lasse den Flow einfach Besitz von mir ergreifen. Mario Fadanis Solo bringt eine lässige, aber flotte Leichtigkeit in den Song, bevor er wieder in sein murmelndes und grollendes Mantra zurückrollt. Gerds Tasten formulieren scheinbar Fragen in das Grummeln des Basses hinein und viel zu schnell endet dieser großartige Song, der einen einfach von Kopf bis Fuß ergreift.

Ein Midikabel fehlt, im Studio mit dem wunderschönen Steinway-Flügel wäre das nicht passiert, klärt Gerd auf. Der nächste Song heist La route ancienne und ist vom neuen Album. Never the less heißt es und ist gerade erst aufgenommen worden. Bis nächstes Jahr müssen wir uns leider noch gedulden, aber zum Glück ist dieses Jahr schon fast zu Ende, denke ich mir. Die alte Straße klingt irgendwie nach Wüste, hat diesen hypnotischen Rhythmus von 1001 Nacht und das Piano holt die Dunkelheit von den Dünen am Horizont bis hin zur Beduinenstadt. Im Verlaufe der nächsten Minuten wandelt sich das Bild für mich, wirkt jetzt wie eine alte Liebe, vertraut und doch verloren, sehnsüchtig, wild und noch einmal aufbäumend. Wie ein innerer Disput zwischen Erinnerung und Neuanfang schlängelt sich die alte Straße durch die Landschaft des Lebens. Zwischen zurückgelassenen Meilen und holprigem Horizont hat dieses Lied einfach alles für mich und die Euphorie der Reise trägt immer wieder den Schatten des wehmütigen Blickes nach hinten. Gerd bekommt ein neues Midikabel, während Dirik die Drums in einen tranceartigen Tanz ums gedankliche Lagerfeuer spielt. Als Gerd mit dem Piano wieder einsteigt, klingt die alte Straße nach Vollgas und Aufbruch und lässt am Ende die Leichtigkeit der Wolken am Horizont Besitz von der Melodie ergreifen.

2041 heißt der nächste Song, eine akustische Auseinandersetzung mit der aktuellen politischen Situation hier in Deutschland und auch überall sonst auf der Welt. Viel muss dazu auch nicht gesagt werden, finde ich. Die Melodie erzählt und beobachtet, übt Kritik und gibt sich dem Moment des Überdenkens hin. Die Gedanken haben freien Lauf, die Melodie stellt keine Fragen, sondern reflektiert den Dialog zwischen Gedanken und Außenwelt mit einem akustischen "Dennoch". An diese Stimmung knüpft auch der schon ältere Song Humanity an. Er ist der letzte vor der Pause, die gleich folgt. Er beginnt mit einem Basssolo von Mario Fadani und wirkt wie ein Zwiegespräch mit sich selbst. Wie in Zeitlupe eingefrorene Bilder voller Leid und Staunen, Verzweiflung und Hoffnung, schleichen sich in meinen Kopf. Humanity regt zum nachdenken an, fordert zum Handeln auf und steigert sich am Ende ein eine mitreißende Welle, die Amplitude eines gesellschaftlichen Aufschreis. 

Wegen mir müsste jetzt keine Pause folgen, ich bin gerade total in der Musik gefangen. Aber weil mein Glas leer ist, stelle ich mich an der Bar an und bestelle mir einen Caipirinha und komme mit anderen Gästen ins Gespräch. Nach der Pause geht es weiter mit dem little robot, lebendig wie ein Sommertag klingt er für mich und löst die Melancholie von Humanity in mir ab. Danach wird es noch einmal informativ, denn Gerd erzählt eine kleine Anekdote zum nächsten Song. Puppets heißt der und ist eine kleine Hommage an einen Jazzclub in Brooklyn, den es heute leider nicht mehr gibt. Der Besitzer war wohl früher Baseballspieler und wurde durch eine Verletzung am Arm berufsunfähig. Danach hat er den Club eröffnet, der sich nicht dauerhaft halten konnte. Wenn Gerd mal keinen Bock mehr auf Musik haben sollte, will er einen Kiosk aufmachen, sagt er. Aus dem Publikum kommt der Einwurf "Oder Baseball spielen". Der Beat von Puppets geht steil voran, für mich ein bisschen DnB der halb analogen Musikszene, äußerst erfrischend. 

Fast alle im Publikum haben die Augen geschlossen, wie eine unaufhaltsam tickende Uhr saugt sich der Song ins Ohr und beschwört dabei die mystische Aura des vergangenen Clubs herauf. Wie eine vom Wind umhergewirbelte Tüte zwischen den Häuserschluchten klingt er und fängt sich gegen Ende wieder. Der Schluss klingt wie ein Nachwort mit viel Liebe zum Detail, sehnsüchtig und versöhnlich. Das nächste Lied heißt einfach Lied und weil der Gong nicht mit ins Jazzhaus gekommen ist, müssen wir Zuhörer jetzt einen nachamen. Der erste Versuch scheint nicht zu überzeugen, "Tiefer" sagt Gerd und wir geben unser Bestes. "Höher, ein bisschen lauter?", fragt er jetzt und wir gongen etwas lauter. "Naja", kommentiert er unseren Einsatz und verursacht damit ein Schmunzeln in den Reihen. Lied verursacht in mir auf jeden Fall den Drang zu singen, die Melodie möchte von mir begleitet werden. Erst der erneute Aufruf zu einem kolletiven Gongen, holt mich wieder aus meinem gedanklichen Singsang heraus. Danach klingt Lied für mich wie eine Debatte, eine Meinungsverschiedenheit in violett und dunkelblau. Am Ende schreit sie ausdrucksvoll Ja, ja, ja! oder auch doch, doch, doch!

Momentaufnahme meiner Gedanken (Gerd Baier)

Ein neuer Song, ein neues Gefühl. Wieder und wieder heißt er und erzählt mir die Geschichte von einem Hotelzimmer, irgendwo in einer russischen Metropole. Die Stadt leuchtet vor dem verregneten Hotelzimmerfenster in die dunkle, alles verschlingende Nacht hinein. Im Zimmer befindet sich die Anderswelt der Personen, die sich darin befinden. Ein wortloser Dialog zwischen der geistigen Sackgasse der Protagonisten und der Nacht findet hier statt, die Schwere eines russischen Winters liegt in der Luft und lässt einen zeitlosen Moment voller trübsinniger Eleganz entstehen. Direkt im Anschluss folgt das gleichnamige Lied zum neuen Album. Never the less. Ein warmer und frischer Song, der Strom in den Beinen und Wolken im Kopf erzeugt. Klingt nach Central Park und dem Ausdruck des Lebensgefühls der Metropole. Als Zugabe kommen wir in den Genuss eines sich auf der Berggeflüster befindlichen Songs namens Cyberdance. Einer von Gerds Lieblingssongs, wie er betont. Der Mario ist allerdings nicht in Stimmung, merkt er an und lässt diesen seinen Bass nachstimmen. Der musikalische Jahresabschluss knüpft an mein erstes Gefühl zu Gerd Baiers Musik und zu Milena an. Die Laufgeschwindigkeit dieses musikalischen Flusses verwandelt, verändert sich und überrascht immer wieder aufs Neue. 

Die Luft im Keller ist verbraucht und ich fühle mich wie ein Goldfisch, der aus dem Aquarium gehüpft ist. Trotzdem peitscht der letzte Song für heute noch einmal richtig die Stimmung hoch, atmen wird so oder so überbewertet. Finde ich. "Das ist jetzt aber das Letzte. Das allerletzte!", stellt Gerd klar, ein Lachen geht durch den Raum. When I was a child sollte der Song mal ursprünglich heißen und die eigene Kindheit musikalisch reflektieren. Da hat die Gema den Rotstift angesetzt, weil Led Zeppelin den Titel schon einmal verwendet haben. Aus dem I wurde ein he und das Namensdilemma hatte ein Ende. Keine Einwände der Gema. Gerd findet die Noten nicht, sagt das muss auch so gehen. Wahrscheinlich haben sich die Noten mit dem Soundmodul verschworen und sind getürmt, denke ich mir.

Das Intro mit der Spieluhr lässt einen direkt in eine düstere Nostalgie verfallen, der Bass fühlt sich an wie der Rhythmus eines ganzen Lebens. Wahrscheinlich ist es das auch, die Rückblende auf ein ganzes Leben. Der Song zeigt sich versöhnlich, in Erinnerungen versinkend und endet mit einem Schmunzeln. Und mit diesem entlässt mich die wunderbare Gerdband nach einem anschließenden Plausch, in die letzten Tage der Adventszeit und die Heidelberger Nacht. Die ruft trotz woklenlosem Himmel eher nach Martini und Cocktailkleid, als nach Glühwein. Auch ohne Schnee und Weihnachtsstimmung hat sich die Anreise wieder einmal gelohnt. Vielen Dank, bitte mehr Konzerte!


http://www.jazzhaus-hd.de/programm/

http://www.gerdbaier.de/

https://myspace.com/gerdbaier

1 Kommentar:

  1. Liebe Karena, bei Deinem ersten Besuch im Jazzhaus zum Konzert der Gerdband war ich noch der "Kellergeist" dort, "Mädchen für Alles", und es war wunderbar, Dich kennengelernt zu haben. Dann habe ich das Jazzhaus verlassen und die Konzerte der Gerdband fehlen mir. Milena hat mich auch sehr beeindruckt, beim guhgeln nach dem Titel bin ich auf Dein Blog gestoßen und erfreue mich an dieser unerwarteten Entdeckung.

    Herzliche Grüße aus Heidelberg - Reinhold

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