Samstag, 26. Dezember 2015

Mach bloß Theater! Weihnachten in Berlin Kreuzberg

22.12.2015 Kreuzberg


Mach kein Theater! Ein Befehlssatz, den wir alle kennen. Meist von den Eltern runter gebetet, wenn man als Kind mal wieder vorzügliche, dramaturgische Arbeit geleistet hat. Dabei ist Theater so viel mehr als Drama. Theater ist die analoge, urreine Form darstellender Unterhaltungsindustrie. Inszenierung, Bühnenbild, Interaktion zwischen Akteuren und Publikum. Interaktion gab es in meinem Leben auf jeden Fall eine Menge in den letzten Jahren.

„Lass das liegen, keine Schokolade jetzt!“ – „Doch!“
„Gottverdammt um zehn bist du wieder da und keine Minute später!“ – „Schauen wir mal“
„Nur, weil wir rauchen, heißt das noch lange nicht, dass du das auch darfst!“ – „Joa, ich schau dann mal, ob ich demnächst zum rauchen raus gehe“

Mannigfaltig. Mehr Elternmonolog als -dialog. Per Definition ist die Darstellungsform des Theaters in vier Kategorien unterteilt, die da wären:

Sprechtheater oder Schauspiel (Tragödie, Komödie)

Musiktheater (Oper, Operette, Musical

Tanztheater/Ballett

Figurentheater

Mit einer ganz besonderen Person in meinem Leben teile ich diese Liebe für all diese Formen kultureller Konfrontation schon seit 25 Jahren. Alice heißt sie und ist meine beste Freundin. Sie lebt seit ein paar Jahren in Berlin, studiert Schauspiel. Was sonst. Sie ist schon immer meine ganz persönliche Alice vom Wunderland und kaum eine andere Person in meinem Leben hat sich parallel und frei jeglicher Absprachen, so nah zu mir hin entwickelt. Ich schreibe die Bücher, sie spricht die Dialoge. Ich bin die Seele, wenn sie mein Körper ist. Eine symbiotische Lebenskrise verbindet unser Dasein auch über hunderte Kilometer Entfernung. Wir sind waschechte Frankfurterinnen, die sich den Wunsch nach geistigem Freiraum und Weltenbummlertum teilen. 

Wahnsinn, Idealismus, Träumerei und der Innenwelt- Außenweltkonflikt verbindet uns seit einem Vierteljahrhundert. Dieses Jahr verbringen wir die Feiertage zusammen, weil die Situation nach einem unkonventionellen Weihnachten verlangt und wir uns so oder so viel zu selten sehen. Ihre Wohnung in Kreuzberg ist eine gemütliche und chaosfreie WG, in der man schnell mit dem liebevollen Charme des Ghettos verwächst. Über uns wohnt das nette türkische Rentnerpaar und hinter dem Block dekorieren 30 verschiedene bepflanzte Milchtüten den Zaun. Ihr Hund kennt den Block auswendig. Vordertür große Runde, Hintertür. Kleine Runde. Wir laufen zur Sparkasse und frühstücken danach in einem Café.





22.12.2015
„Berlin stinkt irgendwie immer nach U-Bahn, Imbissbude, Pennern und Hundescheiße“, sagt sie so nebenbei, als wir über den Kotti zurücklaufen. Es ist wie jedes Mal, wenn ich in Berlin bin ein Kulturschock für mich, aber nach ein paar Stunden habe ich mich akklimatisiert. In Frankfurt sind selbst die Nutten, Penner und Druffis alte Businessbitches und Diven, kaum zu vergleichen mit der liebevoll surrealistischen Lebenddeko, die diese Frankensteins der Gosse hier sind. Vor allem sind sie ehrliche Kunst, die sich sang- und klanglos ins Stadtbild einfügen. Ich suhle mich in Inspiration, hin- und hergerissen zwischen kreativer Euphorie und Ekel. Dabei frage ich mich, ob die Berliner Bürger ein generell besseres Immunsystem haben als wir Frankfurter Börsenwürstchen und ob es hier einen gesamtberliner Keimstamm gibt, auf den jeder Bürger irgendwann klar kommt. Die Alte mit der Kolterknotenneurose (Kolter ist ein hessisches Wort für Wolldecke) ist die fleischgewordene Erscheinung der Katzenfrau bei den Simpsons.


Alice 2015, Bleistift


23.12.2015
Ich habe ganz ostalgisch im Westberlin gesessen und mir analoge Chocolate Chip Cookies reingezogen, während ich schnell Notizen verfasst habe. Zwischen DnB, Bauhaus, Ai Wei Weis Foam und Frau Tonis Berlin in a bottle. Berlin hat schon immer die Gabe gehabt, mich genau in dem aufzufangen, was ich gerade suche. Gerade suche ich wohl noch immer nach Gedankengut in Blau, Weiß, Rot. Zumindest sagt mir das die Stadt. Berlin begann für mich schon in den ersten zehn Minuten mit Frankreich und bewirft mich damit wohl bis zum Ende. Den angedachten Urlaub in Paris kann ich mir schenken, ich hätte mir einen Klicker kaufen sollen. Hier sind auch unabhängig von Galeries Lafayette fast mehr Franzosen als Deutsche. Dabei ist es sonst wie immer, 10% Freaks auf H, Meth und Existenzkrüppel, die auf 90% Neonlicht leuchten.

Kreuzberg ist ruhig, keine Spur von multikulti Rassenhass. Keine offensichtliche Konfrontation mit Flüchtlingsproblematik, dafür aber mit jeder Menge Obdachloser auf den Bänken, dem Boden und in den Parks. Die, die ein Zuhause haben und integriert sind, wirken auf mich wie Produkte einer Zweiklassengesellschaft, bestehend aus vegan-alternativ und Businesspunk-innovativ. Dabei unterscheiden die sich optisch fast gar nicht. Hier ist meine Befürchtung wahr geworden, dass der Trend gerade unentschlossen ist zwischen Marushas 90er Rave-Dutt und Wednesday Adams. Uniformiert sehen die alle aus, mit ihren Tattoohalsbändern (Die hatte ich als ich 12 war!), den zwei Sailermoon-Haarknoten, dem superkurzen Pony, den Platform Creepers, den überlangen Strickjacken und dem düsteren Goa-Goth-Charme von Grimes.
Nein. Mehr mag ich dazu nicht sagen.

Mein vorweihnachtlicher Abend gestaltet sich nach einer halben Weltreise durch die City auch als amüsantes Schauspiel meines Karmas. Vom Kotti über Rathaus Steglitz bis hin zum Alex habe ich den stillen Beobachter gemimt, der heimlich immer das Notizbuch rausholt. In der Galeria Kaufhof steht auf einmal eine junge und bildhübsche Französin (!) neben mir. Ich nehme halb abwesend wahr, wie sie das Personal mit ihrem mehr als hypnotisierenden Akzent nach dem Salzstreuerset mit der Aufschrift Cocaine und Speed fragt. Weil ich lachen muss, dreht sie sich zu mir um, wir kommen kurz ins Gespräch und ich entschuldige mich dafür, dass ich mich jetzt an sie dran hefte, weil ich wissen möchte, ob es diese Dinger hier wirklich gibt. Wenn ja, will ich die auch haben. Aus Prinzip, versteht sich. 
Tatsache, Donkey Products hat die im Programm und es gab sie hier wohl, bis sie vergriffen waren. Schade, aber nicht zu ändern. Weil ich jetzt einen Ausgleich für mein unbefriedigtes Konsumverhalten benötige, kaufe ich mir im Zeitungsladen am Alex den Fruchtfliegendompteur. Der wird gerade fleißig vom Böhmermann, Piper und dem Internet gehypt und scheint thematisch ganz gut in mein Befinden zu passen. Gegen kurz nach acht bin ich wieder auf dem Markt und quetsche mich durch die Leute durch. Wahrscheinlich ist der Glühweinabsatz dieses Jahr weit hinter dem von Cocktailschirmchen, aber mich interessiert das alles eh nicht, ich will Champagner.

Au Programme ce soir – la catastrophe du jour

Die unerwartete Katastrophe des Tages war ein echt hübsches, männliches Desaster. Nur Schaufenstershoppen und nicht einpacken, erst recht nicht auspacken. Nur anschauen und das am besten nicht zu lange, sonst fällt meine fehlende Kaufkraft auf. Immer diese unberechenbaren Angriffe auf meinen Hormonhaushalt, dachte ich mir und versuchte das Bluthochdruckgebiet zu ignorieren. Ich hätte mich umdrehen und gehen sollen, aber ich wollte ja gar nicht. Davon abgesehen war meine Puffbrause noch nicht leer und ich fungierte als Abholer hier. Wie die letzten Tage auch. 
Ich liebe diese kleinen, feinen Katastrophen in meinem Leben so oder so – in all ihren Facetten. Sie war so zuvorkommend, einfach die superste beste Freundin, die man nur haben kann. Deshalb hatte sie auch schon die Antwort auf meine Frage parat. Ich bin immer zu spät oder zu früh und vor allem falsch, mein Zeitmanagement suckt. Mein Karma und ich kennen uns ja schon seit ein paar Jahren, weshalb mich dessen kreativer Schachzug auch nicht schockiert. Murphy, der alte Wiederholungstäter, plante schon wieder ein technisches K.O. meinerseits. Mit Ansage. Heute nicht – habe ich mir dazu gedacht, denn zu Hause haben eine halbe Flasche Riesling und eine beste Freundin noch auf Geschichten und Abstürze aus Lucs Leben gewartet. Trotzdem. Ich konnte gar nicht hinsehen, hat mir Kopfschmerzen vom Denken bereitet. *Schnippschnipp, Garcon! La catastrophe, S´il vous plait …



Inkognito

Wenn ich etwas gut kann, dann ist es Katastrophen erspähen, sie weiträumig umkreisen, perfektionieren und ihnen einen Terminismus verpassen. Auch wenn ich es gerne so hätte, ich bin keine Véro, ich bin die andere weibliche Spaßfigur aus meinem eigenen Buch, die ihre Milch ganz verpeilt ins Apfelsaftglas kippt. Drei Tage inspirative Tour de Currywurst und der ersehnte Fick-dich-Moment kommt quasi im Wohnzimmer meines Kurzurlaubs. Exquisit, wie die Quiche Lorraine und der Champagner. 
Vive la France, merde alors! 
Wer will Glühwein? Wir haben hier 13 Grad karibisches Hängemattenklima, im Großraum oberhalb des Limes. Mein Leben fragte mich ob ich jetzt oder später dekadent in Melancholie eskalieren möchte. Ja! Antworte ich. Die Katastrophe hatte weder eine emotionale Farbe, noch einen Geruch für mich – wie geht das denn? Nicht mal Persil oder Lenor und dennoch ist sie, er auf meinem Radar. Mittig, sozusagen Frontalkollision, Titanic. Blub blub. 
Geblubbel befindet sich auch in meinem Glas, zum Glück. Ein fettfingerfreies derselben Sorte darf ich auch behalten, ein nettes Souvenir der allabendlichen, profitablen Befriedigung meiner Frankophilie. Der Abend endet mit einem weiteren Glas Champagner im Hotel am Steinplatz. Dabei hören wir Geschichten aus dem Off hinter der Theke, vernichten Eisbeinkroketten auf korallenartigem Salat und texten den deutschen Taxifahrer zu, in dessen Berförderungsvehikel echt guter Jazz läuft. 

Anmerkung der Redaktion: Nächstes Jahr möchte ich den kleinen Eifelturm als Andenken haben, der im Lafayette auf dem Fass steht. Nur so, als Zepter für die angedachte Gründung meines ganz eigenen, kleinimperialistischen Diktaturstaates.


24.12.2015
Früher war mehr Kommerz und the Lametta einfach Bätta.

Mein Plan war bis gestern die Überdenkung des vergangenen Jahres, meiner Prinzipien und der Natur des Wesentlichen in mir und dem Rest der Welt. Deshalb kochen wir heute vegan (Zutaten aus dem siffigen Kaiser´s am Kotti) Veganes Abendessen passt nicht in meine bisherige Vorstellung von Weihnachten und erfüllt mich schon viele Stunden davor mit einer seltsam boshaften Vorfreude über meine Erkenntnis, die ich gar nicht mehr durchs Kochen eruieren muss. 
Piper wünscht mir gerade auf Twitter ebenfalls frohe Weihnachten und retweetet mein morgendliches Pennerbild mit Pokerbeats auf dem Cover. Der Piper Verlag hat mir in der letzten Zeit eine Menge Arbeit gemacht, als ich verzweifelt versucht habe, die neuen Eigenbedarfsexemplare aller Bücher von Richard Schwartz irgendwo zu verstauen. Das Regal in dessen Wohnzimmer platzt und ich scheitere langsam am Büchertetris. Der Fruchtfliegendompteur war die einzig nennbare Errungenschaft nach meiner gestrigen KaDeWe - Hardcoretour, bei gefühlten 55 Grad Celsius in der Gucci-Botox-Wasserstoffperoxid-Hölle, aber sie hat sich gelohnt. 
Ich lese weiter sinnlos Gezwitscher und bin medium irritiert. Nein Twitter, diesmal bekommst du meine Seele nicht – Meine digitalen Lippen bleiben verschlossen, auch wenn ich gerade ein bisschen über deine Lemminge, das ätzend volle KaDeWe und mein bereits erwähntes Zeitmanagement gelacht habe. Der unheilige Abend beginnt bei uns im Agnostikerlager mit einem gediegenen Frühstück um halb eins. Fast schon ein verstörendes Szenenbild, weil die Beleuchtung der Bühne 17 Grad und knalle Sonne spricht.

Im Hintergrund laufen die Ami-Klassiker aus den Fünfzigern, einmal im Jahr leben die Stimmen der Toten noch einmal auf. Nach Schnee, Weihnachten und besinnlich ist mir irgendwie so gar nicht, aber ich schlüpfe in meine Rolle als traditionsbewusste deutsche Kartoffel. 
Ich frage Alice, ob Schauspielerei den eigenen Charakter festigt oder verflüssigt. Weder noch, sagt sie darauf. Schauspielerei sei wie ein Schleifstein. Sie holt alle Seiten aus dir heraus und schleift sie zur Perfektion. Dabei verdoppeln sich deine Eigenschaften einfach, filtern sich heraus. Ich frage mich dabei, was sich aus mir herauskristallisieren würde und glaube, ich will das gar nicht so genau wissen. Als ich meine Trilogie dieses Jahr geschrieben habe, kamen schon Abgründe aus meinem Unterbewusstsein heraus, mit denen ich nicht gerechnet habe. Aber Alice hat mich und mein nicht vorhandenes Ego schon immer beflügelt und beeinflusst, denn sie ist für mich der Inbegriff der Gravitation. Sie ist die Aura jedes fremden Raumes, den sie betritt. Ähnlich meiner eigenen Ausstrahlung polarisiert sie und landet auch unfreiwillig immer und immer wieder im Zentrum ihrer eigenen, empathischen Umlaufbahn. Für mich ist sie die außergewöhnlichste Person, die ich kenne. Für alle anderen ist sie schon ohne ein Wort in ihrer hellen und klaren Stimme auffällig, weil sie dieses bildhübsche, filigrane Gesicht und diese wundervollen Afrolöckchen hat. Sie sagt sie empfindet sich eigentlich als Weiße, solange sie keiner damit konfrontiert. Ganz normal eben, sie ist hier geboren, aufgewachsen und ihre Mutter ist weiß. Rassendiskriminierung hat sie bis auf ein einziges Mal nie erlebt und war nie ein Thema. Alice passt nirgends in eine Schublade und das ist auch gut so. Man kann sie nicht definieren, ihre Haut ist Milchkaffee und ihre Augen mandelförmig. Für mich ist sie unverkennbar und das soll bitte auch so bleiben, egal wer zu ihr sagt, sie sei zu weiß für ihren Typ.

Alice ist ein ganz eigener Typ und ich habe selten einen Menschen erlebt, der so barrierefrei ins Handlungsgeschehen eingreift. Mit ihrer surreal weit entfernten, früheren Existenz als Krankenschwester zieht sie Herausforderungen manchmal an und ist oft genau dann zur Stelle, wenn sie gebraucht wird. Sie springt ein bei Herzinfarkten in der U-Bahn, Schlägereien und Streitereien. Ihr Verhalten hat keine Naivität an sich, eher einen überlegten Idealismus, den sie verfolgt. Irgendwie seltsam, dass sie beruflich in Rollen schlüpft, fiktive Charaktere an und auszieht wie ich Klamotten und doch ist sie in ihrem eigenen Wesen so unverwechselbar. Vielleicht fasziniert mich auch genau diese Feststellung, dass ein Mensch mit einem so speziellen Erscheinungsbild und Charakter, so vielseitig wirken kann. Der Spagat zwischen Anpassungsfähigkeit, neutralem Erscheinungsbild und markanten Besonderheiten ist genau das, was es so schwer macht, in der Schauspielszene zu bestehen. 

Man ist quasi immer gezwungen sich entweder in seinem Anderssein zu etablieren, oder mit seiner blassen Neutralität aus der konformen Masse zu stechen. In jedem Fall aber ist es ein Kampf um den besten Platz an der Scheinwerfersonne. Ist man zu weit davon entfernt wird es kalt und steht man zu nah dran, verbrennt man sich eben. Verheizen ist auch hier kein unbekannter Begriff, die Lebensdauer einer Schauspielkarriere ist eben keine Verbeamtung im Rathaus. Aber was macht es aus, in der heutigen Zeit noch analoge Bildungsformate zu bedienen? Alice sagt, es war ihr schon als Kind eine Freude, andere zum Lachen zu bringen, sie zu unterhalten. Alles sein zu können, alles erleben zu dürfen, das man in einer fremden Rolle sein kann. Der Peter-Pan-Effekt hat sie gereizt, das ewige Spielen mit den Grenzen der Vorstellungskraft. Dass sie sich Alice vom Wunderland nennt, kommt nicht von ungefähr. Im Theater oder im Film kann sie zum Beispiel fliegen und genießt diese Freiheit, von ihrem echten Leben beurlaubt sein zu können. Die Phantasie ist permanent gefordert, wenn man sich mit dem eigenen Charakter und dessen Möglichkeiten auseinandersetzt. Für Alice ist es faszinierend, wie manipulativ Theater ist. Theater ist ein direktes Feedback vom Publikum, die Stimmung eines Stückes lässt die Akteure direkt auf die Zuschauer Einfluss nehmen. Schauspiel ist die direkte Verbindung zwischen Aussage der Handlung und der Analyse des Beobachters.

Viel zu schnelllebig ist unsere Unterhaltungsindustrie und in den zwei Stunden Film überfluten uns so viele Bilder, dass der Kopf die Aussage oft gar nicht wirken lassen kann. Es ist der besondere Effekt der Auge-, Ohr-, Gedankenkoordination, der die Entschleunigung herbeizaubert. Manche Menschen verändern die Welt alleine mit ihrer Anwesenheit, ihrer besonderen Aura oder dem, was sie für andere leisten. Leistung meint hierbei nicht eine in Zeiteinheiten bewertbare, finanziell messbare Dienstleistung, sondern den Effekt den ihr Tun bei anderen Hinterlässt. Schauspiel manipuliert das Gehirn, sich aktiv zu beteiligen und nicht nur retrospektiv belehren zu lassen. 
Theater lebt und formt Gedanken und Gefühle in Echtzeit, jedes Mal aufs Neue, unberechenbar und transportiert eine ganz besondere Magie des Moments. Sie ist nicht greifbar und ohne das Publikum geht sie verloren. Eine bevorzugte Sparte an Stücken hat Alice nicht, sagt sie. Natürlich ist es sowohl eine Herausforderung als auch zeitweise eine Belastung, sich in Rollen hineinzuversetzen, deren emotionale Aussage gerade nicht die eigene Verfassung widerspiegelt. Hamlet sei so eines, erwähnt sie. Manchmal würde sie dann lieber eine Komödie spielen, aber genau das macht die Professionalität und die Liebe zum Loslassen des eigenen Bedürfnisses aus. Vielleicht ist es auch die Ekstase, die zwischen Schauspieler und Publikum entstehen kann, wenn die Situation es zulässt. Kein Film hat mich je so fasziniert, wie das Theaterstück Gold – 92 bars in a crashed car. 

Und es macht tatsächlich einen Unterschied, ob man sich einen Film ansieht, in dem unangenehme Dinge dargestellt werden, oder ein Theaterstück. Nackte Menschen auf einer Bühne, die sich degradieren und diskriminieren lassen. Die Echtheit einer Inszenierung kann einen vermeintlich gut erträglichen Handlungsverlauf schon mal zum Verlassen eines Stückes führen. Erlebt habe ich so einen Spannungsbogen tatsächlich schon ein zwei Mal, vor ein paar Jahren im Schauspielhaus in Frankfurt.

Ich erinnere mich gerade an das Casting in unserer Schule, bei dem Alice die Hauptrolle für unser Musical bekam und ich wegen einer fetten Erkältung nicht mal im Recall vorsingen konnte. Das war das einzige Mal, bei dem ich wirklich neidisch auf sie war. Heute bin ich einfach nur noch stolz auf sie und würde am liebsten zwanzig Filme und noch viel mehr Musik mit ihr zusammen machen. Unsere Stimmen und Talente sind schon immer ähnlich ausgeprägt gewesen und doch sind wir so konträr in deren Ausgestaltung, dass ich alles Kreative heute als unglaubliche Bereicherung zwischen uns sehe. Da ist keine Konkurrenz, nicht mal ein klitzekleines Bisschen. 

Es ist kurz vor zehn, als wir die WG verlassen ohne vorher zu kochen und uns auf den Weg in die Innenstadt machen. Am Kotti muss ich kurz zur Bank, weil ich vielleicht nachher Geld für ein Taxi brauche. Bei uns blubbert nachher der Champagner und bei den zwei halbwegs friedlichen Eingangsbesetzern vor der Sparkasse blubbert was anderes in der Alufolie. Es ist mir nicht neu, dass man hier den direkten Kontrast aus reich und drogenabhängig und arm und drogenabhängig miterlebt und doch befremdet es mich einfach immer wieder aufs Neue. Ich kann weder mit der einen, noch mit der anderen Sorte Opfer umgehen. Mit der U fahren wir bis zum Zoo und alleine die paar Haltestellen sind schon ein Gruselkabinett. Unter gefühlten hundert männlichen Moslems sind wir die einzigen, die deutsch sprechen. Irgendwann kommt ein weißer Typ zu uns ins Abteil und nervt uns mit Gepfeife und dummen Bemerkungen. Frankfurt ist einfach völlig anders, auch wenn wir es liebevoll Krankfurt nennen. Diese Masse an unberechenbaren Menschen auf Realitätsverlust gibt es bei uns einfach nicht. Wir haben die ganzen Banker, Finanz- und Konsumopfer und jede Menge Nutten. Hier ist das einfach alles extremer und durchmischter. Es ist ja nicht so, als hätten wir keine Spinner, Freaks, Voodooschamanenpenner oder Tourettepöbler in Frankfurt, aber unsere sind meist weniger aufdringlich. Vor allem sind es viel weniger von ihnen und sie sind nicht überall.


Etwas das ich an Alice unheimlich bewundere, ist ihre Fähigkeit nein zu sagen. Ich habe das irgendwie nicht gelernt. Jedes Mal wenn ich dumm angemacht werde, bekomme ich Panikanfälle. Sie schreit aufdringliche Pöbler am Zoo einfach an, wenn sie ihr zu nahe kommen. Ich würde wahrscheinlich wegrennen. Aber auch das ist ein Resultat von Schauspiel, denn man lernt sich schneller in Rage zu versetzen oder runter zu kommen. All das, was in einem schlummert kommt auf Kommando herauf gekocht und ist viel schneller verfügbar. 
Wir beschließen in die Monkey Bar zu gehen, bevor wir uns mit Freunden im Hotel am Steinplatz treffen. Im zehnten Stock der Bar hat man eine grandiose Aussicht auf die Stadt, die Siegessäule und das andere Extrem der gesellschaftlichen Abgründe. Nobelhipsterkoksnasen im Anzug und die passende Musik um mit dem Fuß mit zu wippen. Abgehungerte Schickimickitussis in High Heels und kurzen Kleidchen, alle irgendwie gleich aussehend und nichtssagend. Aber ich kann das schon verstehen, kann ja nicht jeder so arm und gewillt sein, seine eigenen Komplexe mit so viel Hassliebe und Stolz zu tragen wie ich. Vielleicht will ich auch gar nicht wissen, wie ich wäre, wenn ich mich selbst auf dem Gottkomplex feiern würde. Ich muss mal seufzen. Meine Welt und deren Welt kollidiert ja schon immer, reingepasst habe ich nirgends. Aber die hier sind mir auch irgendwie nicht angenehmer als die unten am Zoo. 

Es ist erschreckend, wie viele Leute ich in den letzten Jahren kennengelernt habe, die regelmäßig koksen, saufen und oder sich zerfeiern. Familienväter, Bankangestellte, Kindergärtnerinnen, von A bis Z alles dabei. Selbst wenn ich wie heute ausnahmsweise mal aussehe, als würde ich mich mit meinem mittig befindlichen, restlichen Babyfett im Bleistiftrock wohlfühlen, bin ich irgendwie fehl am Platz. Entschuldigung, ich spreche kein Gucci, auch wenn die Uhr mit selbigem Label an meinem Handgelenk echt ist. Ein Geschenk von meiner Ommi, die die Uhr vor fünfhundert Jahren mal auf dem Friedhof gefunden hat und der Meinung ist, dass sie ihr nicht steht. Meine Ommi ist halt nicht so der Typ für Gold. Findet sie. Letztlich habe ich geschaut, ob es die passenden Steigbügelohrringe zu der Uhr noch gibt. Ja, gibt es. Aber sie kosten das Fünffache der Uhr, weil es die nur in Massivgold und nicht vergoldet gibt. Danke nein. Ich möchte keinen Gebrauchtwagen an den Ohren hängen haben und so oft wie ich Schmuck verliere oder meine Tochter den abzupft und in den Mund stecken will, macht das keinen Sinn.

Nachdem wir irgendetwas gut knallendes getrunken haben, bei dem ich mich nur noch an Maracuja erinnere, laufen wir zum Hotel. Die Bar ist nur von uns besetzt, ein paar Freunden und Familie. Gegen halb vier endet der Abend für uns mit einer Menge experimentellen Cocktails, Champagner, Käsekuchen und einer Brot-Wurst-Käse-Platte. Dabei habe ich ein nettes Gespräch über Bücher, Beziehungen und die Stadt geführt.


25.12.2015


Take me back to Wonderland – Kunstschnee im Kinderzimmer bei reichen, weißen Vorstadtkindern - Fällt mir als erstes zu diesem Tag ein.

Ich wache gegen zehn auf, die Sonne scheint mir gefährlich freundlich ins Gesicht und die Vögel zwitschern. Fast bin ich gewillt, vorsichtshalber einen Psychiater zu konsultieren. Meine Laune ist super gut, ich bin hellwach und ich habe keinen Kater. Noch immer haben wir es nicht geschafft zu kochen, was ich jetzt nachhole. Vegane Spaghetti Bolognese mit Rucula zum Frühstück. Alice und ich tauschen beim Kochen unsere Geschenke aus, ganz wie es sich für ein britisches Weihnachten gehört. Ich weiß schon, weshalb sie meine beste und längste Freundin ist. Sie hat mir ein wunderschönes Skizzenbuch gekauft, so eines mit massivem Einband und rein weißen Seiten. Ich sehe das schon kommen, nächste Woche kaufe ich mir doch das Hunderterset Copic Marker, obwohl ich mir geschworen habe, das dieses Jahr nicht mehr zu tun. Mein Plan sagt Bilderbuchcafé, das wurde mir empfohlen. Nach dem Essen trennen wir uns vorerst, sie muss arbeiten und ich mit dem Hund raus. Dabei wird mir bewusst, dass Berlin einfach die krasseste Aufkleberrate der ganzen Republik haben muss. Wenn man all die Aufkleber zusammenrechnet, die hier das Stadtbild verschönern, wiegen die bestimmt so viel wie der Fernsehturm.




Ask Helmut? Ok. Werde ich.

Ich fahre mit der U bis zur Eisenacher Straße und bemerke dabei das Gebäude von der AWO, an dem der Schriftzug „There is no time for this“ prangert. Ja, sehe ich auch so. Leider. 
Im Café angekommen suche ich mir einen kleinen Tisch und packe mein neues Skizzenbuch aus. Mein Bild folgt dem Leitspruch von Immendorff und beschließt bereits zu wissen, was es werden will. Ich beginne mit Blumen, denke danach an Klimt und die Frau mit den schwarzen Haaren. Ich zeichne ein Gesicht, vernichte währenddessen ein Stück Schokokuchen mit Orange und einen Milchkaffee. 
Nach über einer Stunde Konzentration macht mein Kopf dicht und ich möchte zahlen. Bis dahin ist das Bild halb fertig geworden. Die Bedienung sieht mich ehrfürchtig an und erwähnt, dass sie mich vorher nicht ansprechen wollte, ob alles noch so passt. Ein klein wenig positiv irritiert nehme ich ihr Lächeln über mein Bild zur Kenntnis und packe meinen Kram zusammen. Während ich mich in meinen Mantel schmeiße, kommt mir ein alter Mann entgegen und verkündet mir, wie toll er meine Skizze findet. Ich freue mir ein Loch in den Bauch, ehrlich. Ich verstehe Alice und ihre Freude an der Inszenierung, der Interaktion mit dem Publikum. Wenn ich arbeite und dabei irgendwo rumhänge wo ich Publikum habe, werde ich oft selbst zu einem One-Woman-Theater. Ich weiß nur immer nie, wie das Stück ausgeht.


Meine erste Zeichnung im neuen Skizzenbuch

Mit meinen sieben Sachen fahre ich zu meinem allabendlichen Weihnachtsmarktwohnzimmer am Gendarmenmarkt und fühle mich mittlerweile wie ein Teil des Inventars. Während ich mir Diskussionen über Käselabor, Fresskoma und Nüsse anhöre, stelle ich mein Bild fertig. Wieder verbringe ich Stunden um Stunden in der Dekadenzbude von Lafayette und genieße meinen letzten Abend mit den Jungs von vor und hinter der Bar, dem kleinen Eiffelturm, hormoneller Erderwärmung und meinem medium brauchbaren Französisch, das ich nach 2 Promille auch fleißig kommuniziere. 
Bevor wir heim fahren, machen wir einen kleinen Abstecher zum Hotel am Steinplatz und ich ärgere mich über mein geschmacksaffines Gehirn. Wir hatten es von Käsekuchen – ich bestelle wieder einen. Erst gegen Mitternacht sind wir in Kreuzberg, alles ganz ruhig. Kein Pogoballett, keine Penner, die einen auf Bahnhof-Zoo-Gandalf machen. Du kommst nicht, vorbei! Von der Sorte hatten wir gestern genug. Kurz bevor der Tag beschließt zu Ende zu sein, gehen wir noch mal mit dem Gremlin raus. Dabei treffen wir andere Gassigänger und verquatschen uns.

„Unsere Penner sind halt frei Schnauze. Wenn die Probleme ham, müssen die halt ma Pöbeln und rumschreien, danach is wieder jut“

Ich mag die Erklärung irgendwie, klingt authentisch. Trotzdem mag ich keine Heroinjunkies in der Sparkasse an der Hauptwache hocken haben, irgendwie befremdet mich das. Bei dem Gedanke wird mir bewusst, dass das Heroin meiner Generation unter Anderem die Likes in den Asozialen Netzwerken sind. Ganz schön traurig, dass da eine Art Amerikanisierung stattfindet. Five minutes of fame, rise and fall, Selbstvermarktung über Internet. Die Sicherheiten fehlen uns heute so sehr wie schon viele Jahrzehnte nicht mehr. Es ist utopisch, ein Leben lang im selben Betrieb bleiben zu können. Meine Oma hat genau das noch erlebt, wurde mit 15 bei der Versicherung angelernt, ist später verbeamtet worden. 40 Jahre derselbe Laden, heute kaum denkbar. Ich frage mich ernsthaft, wie all diese vielen kleinen Abschnitte sich irgendwann im Lebenslauf lesen. Ob es eher ein Vorteil oder ein Nachteil sein wird, flexibel zu sein. Ich frage Alice zum Abschluss des Tages, ob sie diese besondere Unsicherheit in ihrem Berufszweig als Problem empfindet.

Arbeit gibt es immer und wenn man flexibel ist, kann man sich selbst verwirklichen. Idealismus sei das keiner, Alice sagt sie sieht das realistisch. Wenn sie wegen einer Flaute anders Geld verdienen muss, findet sich eine Lösung und es geht immer irgendwie weiter. Man muss sich die Verbindungen eben aufrecht erhalten, auch ein Lernprozess, der viel mit Diplomatie und Verlässlichkeit zu tun hat. In der Gastro zum Beispiel, gibt es immer kurzfristig Jobs. Etwas aber aus Prinzip nicht zu tun, was einem Spaß macht, ist für sie der falsche Ansatz. 
Ich bewundere diese schnelle Auffassungsgabe die sie hat, denn wenn es etwas gibt das sie wirklich gut kann, ist es schnell und effektiv Lösungen finden. Wahrscheinlich ist es auch genau das, was einen guten Schauspieler ausmacht. Der gesunde Mix aus Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Durchsetzungsvermögen. Gerade in Berlin schmiert man relativ hart ab, wenn man die Balance nicht auf die Reihe bekommt und es ist eigentlich wie immer: es wird zu viel und zu wenig Theater um alles gemacht. Oft ist es zu viel Drama, weil man krampfhaft den Komödien hinterherläuft. So ein geistreicher, publikumsfreier Monolog kann dabei vielleicht helfen, sich nicht im einen oder anderen Extrem zu verlieren.


26.12.2015
Es ist früher Nachmittag und gleich fahre ich wieder ins gemütlich kleine Hessen und erhole mich von meinem viertägigen französischen Hauptstadtexzess auf Crémant. Dabei habe ich für mich erkannt, dass mein größter Feind meine Ungeduld ist und ich mich manchmal einfach dem Planlosen hingeben muss. Auch wenn es mir schwer fällt. Ich glaube, nächstes Jahr möchte ich Weihnachten alkoholfrei im Flugzeug verbringen. Sicherheitsverwahrung, egal in welcher Zeitzone. Da ist die Aussicht auf den Schlitten vom Oberbefehlshaber des Coca-Cola-Kommerzfestes auch besser. Solange freue ich mich über meine neuen Errungenschaften musikalischer Natur und drehe im Auto Forkida – come on und Kate Havnevik – New day voll auf.

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