Freitag, 4. Dezember 2015

Molly Crabapple - Drawing Blood / Meine persönliche Buchempfehlung des Jahres

Meine Augen fressen die 352 Seiten des Buches Drawing Blood von Molly Crabapple förmlich, das am ersten Dezember erschienen ist. Es ist vier Uhr in der Früh, meine Augen fallen fast zu. Ich. Kann. Einfach. Nicht. Aufhören. Zu. Lesen.

Molly Crabapple - Drawing Blood. Erschienen am 1.12.2015 bei Harper, ISBN: 978-0062323644

Bild: https://www.amazon.de/Drawing-Blood-Molly-Crabapple/dp/0062323644/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1488048103&sr=8-1&keywords=drawing+blood

Schon gestern habe ich jede freie Minute genutzt, um auf das lächerlich kleine Display meines Telefons zu schauen. Ich habe nicht einmal meine eigenen Bücher auf dem Display korrektur lesen können, weil es mich wahnsinnig gemacht hat. Ich besitze kein Tablet und keinen E-Reader, bis das Buch in Papierform bei mir angekommt, wäre Weihnachten rum. Aber es hat sich mehr als gelohnt, diese Geschichte aus dem Leben der Autorin zu lesen. Das Jahr 2015 neigt sich dem Ende zu und das Beste kommt ja bekanntlich oft zum Schluss. 

Ab der ersten Seite zieht einen der liebevoll boshafte und ungeschönt ehrliche Erzählstil voller Passion für ihre Arbeit, mit in die Geschichte. Eine Geschichte über Aufrechterhaltung des Selbstwerts, Berufung, Charakterstärke, Idealismus und Erkenntnis. Ihre Worte hinterlassen eine kontinuierliche Spannung beim Lesen und einen Hauch von Magie, der durch das Zeichnen ihrer Gedankenwelt entsteht. Es sind die Memoiren einer jungen Frau, die von Kindesbeinen an diesen alles übertönenden Drang in sich verspürt, zu zeichnen. Dabei hat sie Eltern, deren starke Charaktere und Sicht der Welt sie ermutigen, niemals aufzugeben. Molly Crabapple ist nicht einfach ein begabtes Mädchen, das mit Stiften umgehen kann. Nein, sie lebt für ihre Zeichnungen, die ihrem Dasein Selbstwert verleihen und ihre Kollision mit der Außenwelt abbremsen. Zeichnen ist ihr Austausch zwischen ihrem eigenen Innen und Außen und reflektiert dabei unweigerlich und beständig ihr Dasein.

Frühe Ausgrenzung, soziale Isolation und der nahende Rand der Gesellschaft sind ihr dadurch oft näher, als die Erinnerungen an die verhasste Kindheit und ihr eigener Körper. Und doch schafft sie immer den Spagat zwischen Funktion, Anpassung an die Situation, Stolz und Respekt sich gegenüber. Das gesamte Buch über verliert sie sich nie in ihren Grundsätzen, verkauft nie ihre Seele für den Erfolg. Molly Crabapple reist schon früh um die Welt, um sie in ihrer bunten Handschrift zu verewigen, ihre Essenz einzufangen. Sie trifft dabei auf Menschen und deren Geschichten, entwickelt ein außerordentliches Gespür für Details, Ausdruck und Bedeutung der Geschichten, die sie zeichnet. Die Konfrontation mit der eigenen Verletzlichkeit, Entscheidungsfindung und Erfindergeist, sind ständig präsente Themen des Buches. 

Die Autorin schafft es fortwährend, den Fokus auf ihre Arbeit und ihre Berufung des Zeichnens nicht zu verlieren. Auch nicht, als sie aus Mangel an finanziellen Perspektiven, in die Schattenwelt des körperlichen Ausverkaufs gerät und unter anderem für sich die schwierige Entscheidung trifft, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Molly Crabapple trifft ehrliche Entscheidungen und steht für diese ein. Der Weg den sie geht, beschreibt auf erstaunlich beflügelnde und erschreckende Weise eine Gesellschaft, in der Querdenker, Künstler und Gedankengutvisionäre ohne Vitamin B nur schwer Fuß fassen können. Die Macht des Geldes, der profitablen Beziehungen zur Oberschicht und deren Abgründen, sind Teil ihres Findungsprozesses. Sackgassen, Seifenblasen und Phasen voller Enttäuschung formen ihren Kampfgeist, ohne dabei fanatistisch zu werden.

Stets behält sie einen klaren Kopf, entwickelt einen guten Unternehmergeist und ein Feingefühl für die kapitalistische Welt, in der sie lebt. Molly Crabapple versteht es, wie man als Freidenker zwischen zwei Abseitswelten umherwandelt und sich dabei auf respektvolle Art all das zunutze macht, das einen weiterbringen kann. Als Molly Ende zwanzig durch ihren Bekanntheitsgrad von Ihren Arbeiten lebt, begreift sie, dass ihre Bilder stagnieren, einen reproduktiven Charakter bekommen haben. Durch den Kontakt zu einer befreundeten Journalistin in England, wird Molly ein Teil einer jungen Protestkultur und realisiert, dass sie in der Lage ist, mit ihrer Arbeit eine geistige Haltung zu repräsentieren. Die politischen Veränderungen und die Wandlung der Gesellschaft zum Kontrollstaat, lösen in ihr den Wunsch nach Partizipation aus. Ihre Arbeiten werden politisch, aktivistisch und führen nicht nur zu Verhaftung und Frustration über die Ereignisse, sondern auch zu einer enormen Energie, diese zu überwinden. 

Fortan schreibt sie Berichte, Artikel, zeichnet reale Geschehnisse aus persönlicher Überzeugung. Aus der wütenden, kleinen schwarzen Eule, die ihre eigene Unfähigkeit nicht duldet, wird im Verlauf des Buches ein wütender Phoenix, dessen Flügel genug Wind erzeugen, andere mit ihrem Schaffen zu berühren, mitzuziehen und zu inspirieren.
Hier findet Selbstfindung durch den inneren Trieb zur Kreativität, Idealismus und der Leidenschaft für eine weit unterschätzte Sprache, frei von Akustik statt. Dieses Buch ist eine spannende Reise durch und zu sich selbst, ein fortwährender Lernprozess. Die Autorin ist authentisch und ihre Erzählungen schockieren, beleben und regen zum Nachdenken an. Diese Geschichte vermag im Vergleich zu den großen Werken unserer literarischen Welt eine von vielen sein, die tagtäglich auf dieser Welt erzählt werden, aber sie lässt den Leser stärker zurück, als er es zuvor war. Ich wünschte mehr Menschen würden auf ihre Weise aus dem Alltäglichen die Magie herausholen, die es benötigt, um etwas zu verändern. Ein Mensch, dessen Charakter so stark ist, dass er die Konfrontation als Herausforderung sieht, wird immer die Verbindungen knüpfen die es benötigt, um an sein Ziel zu gelangen. Immer dort, wo die Sprache eine Barriere bildet und Worte nicht mehr greifen, bauen Musik und Kunst Brücken des Verständnisses. Molly Crabapple ist eine von diesen Brücken über dem East River und ich hoffe, sie trotzt noch lange den Fluten und dem Wetter um sich herum.

Drawing Blood ist ein mehr als empfehlenswertes Buch darüber, wie man vor allem mit Herzblut zeichnend, die Welt beeinflussen kann.

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