Dienstag, 15. Dezember 2015

YOLO, happy beards und Monokultur

Macht der Emmerich jetzt auch einen auf Cameron? Mal eben zwanzig Jahre am Film arbeiten, in der Hoffnung, dass die Technik jetzt reif für ein Revival ist? Ich wollte es ja fast nicht glauben, als ich gelesen habe, dass das kein Witz ist. Ohne Will, aber mit dem Bubi Hemsworth – Bitte? Kommt schon! Es gibt auch einfach Stories, die nicht auferstehen müssen, auch wenn sie in der Umsetzung gelingen. Laufen da nicht schon genug echte Aliens draußen rum? Ach ne, das waren Smombies, oder? Vielleicht muss man sich den Film einfach unvoreingenommen angetan haben, damit man mitreden kann. Ich hoffe, dass ich nicht so sehr der Besetzung hinterher heulen werde. Mein Bauchgefühl sagt trotzdem einfach: Die Titanic kam auch nicht wieder hochgeblubbert und das ist auch gut so. Wenigstens hat der Cameron thematisch was anderes für seinen Coup Nr. 2 gewählt, wenn die Geschichte auch schon ein langen Bart hat. 

Apropos Bart – Warum eigentlich Bart? Mit diesem Mythos befasst sich das Neue Museum in Berlin in diesen Tagen und geht der Frage nach, wieso die Hipsterkultur so bärtig ist. Ja ist schon klar, wenn man als großer Literat unserer Zeitgeschichte den ganzen Tag in seiner Gedankenwelt abhängt, kommt man halt nicht zum Rasieren. Wenn man den ganzen Tag Bomben bastelt, übrigens auch nicht. Körperbehaarung ist ja schon immer Auslöser hitziger Debatten gewesen und wandelt sich in der gesellschaftlichen Anerkennung ja in etwa so häufig, wie manche Menschen ihre Socken wechseln. Vielleicht. Bis auf die, die ihre Socken anziehen, das nächste Mal auf Links drehen und wieder anziehen, dann auf den rechten und linken Fuß tauschen und sie erst in die Wäsche geben, wenn sie an der Wand kleben bleiben, wenn man sie dran wirft. Die männlichen Exemplare dieser Gattung haben meist aber auch Bärte, weil Rasierklingen teuer sind, oder die Läuse, die darin wohnen nicht obdachlos werden sollen.

Aber im Angesicht des nahenden Coca-Cola-Kommerz-Festes, ist so eine hübsch gezüchtete Hipsterkinnmatte auch noch legitim. Ich meine mich nicht an einen Bart beim Christkind zu erinnern. Sobald es noch wärmer wird, als wir es dank dem mysteriösen Phantom Klimawandel eh schon gerade haben, wird es haarig für den Trend. Wir Deutschen sind ja nicht so abgehärtet wie unsere Lieblingsausländer aus den südlichen Regionen. Aber ich verstehe das schon, wenn einem schon dank Genetik und oder zu hohem Testosteronspiegel die Wolle auf dem Kopf ausgeht, kann man sie ja wenigstens eine Etage tiefer hegen und pflegen. Frauen stehen auf gepflegte Haare, sagt man(n). Letztlich habe ich die ersten Banker mit Hipsterhaarschnitt erspäht und mir gedacht, dass diese Doppelmoral unserer Generation wieder einmal ihr verführerisches Spiel getrieben hat. Die Kasse muss halt bei der Generation Ökostrom für's Phone klingeln und so ganz hohl sind die meisten ja nicht, die wissen ja, dass die finanzielle, staatliche Grundversorgung nicht für immer und alle Antis reicht. Vor allem nicht mit der Flüchtlingswelle, die gerade so mancher Leute Meinung nach unsere nicht vorhandene, deutsche Identität gefährdet. Ökomatte, Schäferhund unter den Armen, neues I Phone, Kinder nackt in den Sandkasten setzen, Yolo. 

YOLO? You only live once. Leider nicht: "Du lebst nur einmal, mach was Verantwortungsvolles außer: auf Milch, Eier, Fleisch und Leder verzichten", sondern auch "Hau rein und mach all das, was du nur einmal erleben kannst." Früher haben die Kinder auch nackt im Sand gespielt, aber weil sie nix zum Anziehen hatten. Übrigens auch in diesen Tagen wieder ein Thema für eine große Bevölkerungsgruppe. Für uns allerdings bisher noch weit weg, in der Berichterstattung. Auf jeden Fall weit genug weg, um einen seltsamen Rucksack von Fjällräven vorzubestellen, der viel zu teuer ist, irgendwie nichts kann und derzeit überall vergriffen ist. Haben wir echt so viele Hipstermütter?
Ich verfolge ja ständig die Wirtschaftlichkeit des Hipstertums und bin ganz hin- und hergerissen zwischen Katatonie und ektstatischer Boshaftigkeit. Es liegt mir einfach am Herzen, auch wenn es nicht halb so ernst gemeint ist. Ich bin tolerant, wenn ich mein Steak weiterhin essen darf.

Wann wurde eigentlich aus Sex, Drugs and Rock 'n Roll, Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer?

Als ich das letztlich gelesen habe, konnte ich mich gar nicht entscheiden, ob ich lachen oder heulen möchte. Wie immer ein Trend, basierend auf (natürlich veganen) Cookies der Marktforschungsinstitute in der Schattenwelt unseres Surfverhaltens. Auf einmal haben sie alle Bärte, trinken lieber Monokultursojazeugs, für das der Regenwald in Südamerika abgeholzt wird, anstatt Milch. Aus ethischen Gründen, versteht sich. Halbdurchdachte Kritik an unserem Konsumverhalten. Ja, Tierleid. Ja, fraglicher gesundheitlicher Vorteil. Und ja, fehlende Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit. Wir haben aber auch keine Rückenschmerzen weil wir falsch sitzen, sondern weil unser Körper mal auf 20 KM Laufen am Tag ausgelegt war. Evolutionsfail, würde ich behaupten. Ich sehe all diese Kritikpunkte trotzdem als beachtungswürdig, aber unser System ist für diese Massen an Menschen (noch) nicht ausgelegt, die nach einer schnellen und einfachen Lösung für den vermeintlichen Fehlkonsum suchen. Das Gesamtchaos, das wir Menschen durch unsere Art zu wirtschaften auf dem Planeten verursachen, bleibt auch mit einem veränderten Bewusstsein leider im Gleichgewicht. Unsere Gesellschaft ist einfach dafür ausgelegt, einen Trend bestmöglich zu bedienen, dafür in jeglicher Hinsicht alle Reserven zu mobilisieren und dann die Wüste zu räumen, um ein neues Feld abzugrasen. Welches das nach der Generation Yolo sein wird, macht mich neugierig. Der Trend überrolt seine eigenen Kapazitäten und lässt eine Marketinglüge entstehen, die so weitreichende Folgen haben wird, wie die Verharmlosung von Contergan für eine ganze Generation. Nicht jetzt, aber in naher Zukunft. Ich bezweifle aber, dass wir als gesamtschwarm schon clever genug sind. Unsere wahre Protestkultur ist schon seit den Siebzigern irgendwie tot, dafür haben wir noch immer zu viele Freiheiten. Noch.

Früher haben die sich auf ihr Bauchgefühl verlassen und sich auf LSD inspirieren lassen, während sie nackt Sitzblockaden veranstaltet haben. Heute gibt es ja kein Bauchgefühl mehr, wie ich bereits erklärt habe. In einer Welt, in der Bäuche wegretouchiert und ihrer Daseinsberechtigung dank Super Size me Lifestyle entzogen sind, gibt es auch kein kollektives Bauchgefühl mehr. In New York gibt es jetzt ein Museum der Gefühle, in dem man sich in einem LSD-artigen Umfeld seiner Gefühle bewusst machen lassen kann. Kurzer Abgleich mit meiner Stressfalte auf der Stirn. Wenn ich nicht weiß, was ich fühle, lasse ich es mir auf jeden Fall vorbehaltlos vom Raumdufthersteller Glade diktieren. Glade kennt keiner? Gehört zum Überkonzern S. C. Johnson & Son, besser bekannt als Vertrieb von allgegenwärtigen Marken wie WC Ente, Autan, Drano und Kiwi. Vertrauen macht blind, sogar wenn man dabei angeblich glücklich ist. So blind, dass der Autor des Artikels (aus Die Welt v. 14.12.2015) im Selbstversuch erstmal gegen eine Spiegelwand gelaufen ist. Das klingt gefährlich nach kreativer Marktanalyse und potentieller Instrumentalisierung durch das immer weiter wachsende Netz des gläsernen Bürgers. 

Yolo im Überwachungsstaat? Die kollektive Schwarmintelligenz diktiert uns doch eh schon viel zu viel und wirft uns vermeintliche Optionen hin die wir ergreifen, weil wir in der medialen Überflütung verloren sind. Das ist zeitgenössische Lebensberatung, die Erfüllung des damaligen, analogen Bildungsauftrages von Büchern und Zeitungen. Ich BILD' mir nicht meine Meinung. Möchten Sie Tee oder Kaffe, Merkel oder Dschihad? Antwort: Ja, Titten! Das Museum verkauft die Erfahrung der Gefühlsanalyse als Inspiration durch eine Muse, wie die olfaktorische Diktatur von Glade liebevoll bezeichnet wird. Das ist Manipulation auf neuem Niveau und riecht ja offensichtlich gewaltig nach Promoaktion, was soll ich dazu sagen? Ich weiß auf jeden Fall, wer da Kopfschmerzen und Aggressionen bekommen würde. Zum Glück bin ich krank und meine Nase ist zu. Ob die mir auch ohne Riechorgan meinen Gefühlszustand analysieren können und ich danach freiwillig einen Rumduft kaufe? Bis ich wieder gesund bin, schaffe ich es auf jeden Fall nicht nach NY. Fast schon muss ich mal wieder schmunzeln, Equlibrium anders herum. Aber auch die Geschichte hat einen Bart, Raumdüfte werden schon lange als Massenberuhigungs- und Wohlfühlmittel genutzt.

Auch die Deutsche Bahn AG macht das, weil der Mensch in der Regel sehr empfänglich für entspannende Duftstoffe ist. Das ist nicht nur gut für's Raumklima, sondern auch fürs menschliche Klima. Vielleicht sogar ein heimlicher Versuch, die Bahnkunden weniger negeativ auf Verspätungen zu stimmen. Also wenn ich mir meiner Gefühlslage nicht bewusst bin oder meinem Bauchgefühl nicht mehr trauen kann, gehe ich in ein Sponsorenfreies Sinnesmuseum wie das Schloss Freudenberg in Wiesbaden. Hier lernt man Innenwahrnehmung durch die Steigerung der Außenwahrnehmung. Sinnesorgane ganzheitlich stärken, den Bezug zwischen der Außenwahrnehmung und deren Effekt auf unsere Gefühlswelt bewusst machen. Konnektivität. Ich bin immer wieder geschockt, wie wenig Kinder (und auch Erwachsene!) heute noch z.B. das Wort Tomate einem Geschmack und einem Geruch oder noch viel schlimmer, einer Farbe zuordnen können. Wir werden total von unserer Umwelt entfremdet und wundern uns dann, wieso ein Kind sagt: „Das Grüne da esse ich nicht“. Dass das Grüne eine Erbse ist, weiß das Kind gar nicht. Zum Glück ist es ja nicht überall so, aber der allgemeine Verlauf ist beängstigend.

Ich glaube ich rieche jetzt mal eine Weile an meinem Handgelenk um mich runterzufahren. La vie est belle, ruft es. Dann kaufe ich mir auf diesen Adrenalinschock von vorhin ein Wunderbäumchen (im Übrigen von Car-Freshner Corporation und nicht von S. C. Johnson & Son) und eine Mütze mit Strickbart. Inkognito auf Blitzerfotos und happy dabei. Seit zwei Jahren noch immer ohne Facebookaccount. 
YOLO!

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