Sonntag, 3. Januar 2016

Frager- oder Versagergeneration? Depressionen, politische Ohnmacht, Angst vor dem Leben und ein bisschen LMAA

Beunruhigt. Das ist das Wort, das mich seit vielen Monaten am meisten beschreibt. Angefangen hat es mit Fukushima, da dachte ich mir schon, dass wir langfristig Probleme bekommen werden. Spätestens ab der Sache mit der Krim war mein Zweifel am Wie auch immer gearteten WW III verflogen.

Lange habe ich darüber nachgedacht, ob und wie ich diesen Eintrag irgendwann schreibe und als ich gestern das Buch fertig gelesen habe, kam mir der passende Bezug. „Sind wir eine Versagergeneration?“, kam mir am Ende in den Kopf. Nicht der Autor des Buches ist damit gemeint, der hat es nämlich frei nach dem Selbstvermarktungsprinzip in die Hand genommen. Nein, gemeint ist der Teil der Bevölkerung, vor allem meiner Generation und älter, die gerne über alles und jeden urteilen und verurteilen. Das Wort Versager hat einen Bedeutungswandel vollzogen, so scheint es mir. Heute ist man schon gescheitert, wenn man Tutorial XYZ auf Youtube nicht gesehen hat und oder am besten noch, in keinem (un)social Network vertreten ist. Hauptsache nicht ausgegrenzt sein, im Mainstream irgendwie individuell bleiben, im Trend liegen, Trendsetter sein, Likes ergattern. 

Likes – das Heroin unserer Zeit

Wie ein Versager fühlt man sich heute auch, wenn man es nicht schafft, drei Jobs, zwei Kinder und den Hund unter einen Hut zu bekommen, egal ob man dabei Hipsterhelikoptermutter ist oder nicht.
Ja. Meine Tochter war anstrengend als sie ein Baby war und ich fand diese dämlichen Penisneidgespräche unter Müttern irgendwann so nervig, dass ich mir sogar den Rückbildungskurs ab der Hälfte geschenkt habe.

„Mein Kind kackt blau.“ „Meins rot.“ „Meins schläft total super durch.“ „Meins schreit nie.“ (Schreit im Hintergrund) „Meins kann schon sitzen.“ „Meins kann schon Desoxyribonukleinsäure sagen.“

Die haben sich dabei alle selbst übertroffen, wenn sie nachmittags bei 30° C im Garten unseres Mütterzentrums Kaffee getrunken haben, während sie die klinisch totgeschwitzen Babys im Wagen hin und hergewiegt haben.


„Meins kann schreien, in die Windel machen, nachts nerven und mich dabei noch fröhlich anlächeln und mir geht’s 23 Std am Tag scheiße“, habe ich gerne gesagt und mir dabei die Augenringe der anderen genauer angesehen.

Meine Louis Vuitton, mein SUV, mein Baby.

Und das hat gefälligst voll in meinen Terminkalender zu passen. Im Großraum Frankfurt die Kernaussage vieler Mütter mit Erstlingsgeburt 40+ und ich kam mir mit 26 vor wie eine Teeniemutter aus einer RTL 2-Sendung. Als meine Tochter mit 10 Monaten dann tatsächlich konstant durchgeschlafen hat, kam ich mir fast peinlich vor, wenn mich Leute nach meinen Problemen als Mama gefragt haben und ich außer meinen eigenen keine anzugeben hatte. Ein ganz normales Kind, mit einer ganz normalen Mutter. Eine Mutter, die vor der Schwangerschaft Gebärmutterhalskrebs in der Vorstufe und nach der Schwangerschaft eine unerkannte, schwere Schwangerschaftsdepression hatte. Eine Mutter, deren Schilddrüse durch die viel zu schnell wieder verlorenen 27 Baby-Kilos einfach mal versagt hat. Zwar hat keiner Versager zu mir gesagt, aber ich habe mich so gefühlt. Und das, obwohl ich wusste, dass die anderen genauso heimlich das Wasser aus dem leckenden Familienboot geschaufelt haben.

Ich hatte viel Zeit, mich mit dem Beobachten der Anderen zu befassen, weil ich nach dem Baby nicht in meinen Beruf zurück durfte, obwohl ich gerne gewollt hätte. Fast zwei Jahre habe ich daraufhin damit verbracht, mir zwischen Selbstzweifeln, kritischer Meinung über die Gesellschaft und beruflicher Verwirklichung, einen Weg zurück in mein Leben zu bahnen. Nach dem dritten Bewerbungsverfahren, in dem ich durch alle Tests voll gepunktet habe und am Ende wegen absoluten Lappalien nicht eingestellt wurde (Z.B. meinem winzigen Tattoo am Handgelenk, das eigentlich abgesprochen war), war ich es leid. Das Versagergefühl hatte sich schon so durch mich hindurch gefressen, dass ich behandlungsbedürftig depressiv wurde. Als ich gestern den Fruchtfliegendompteur (siehe vorheriger Eintrag) zu ende gelesen hatte, fühlte ich mich bedrohlich an meine eigene Erfahrung mit der Verurteilung als Hypochonder erinnert. Ich litt seit der Pubertät viele Jahre an Schwindelattacken, Nervenversagen, Bewegungsausfällen ganzer Gliedmaßen und als ich 2014 negativ auf ALS, MS, Hirntumor und sämtliche Hormonstörungen getestet war, fühlte ich mich hilflos und vor allem perspektivlos.


Als Ehefrau, deren emotionale Auffassungsgabe zunehmend gegen Null lief, als Mutter, die keinen Job bekam, obwohl sie qualifiziert ist und als Frau, deren Körper die selbstgesteckten Ziele des dazugehörigen Geistes nicht mehr verfolgen wollte. Die schlimmste Erkenntnis für mich war irgendwann die, dass ich mir eingestehen musste, vor allem und jedem Angst zu haben. Vor dem Autobahn fahren, dem Fliegen, dem Ausgehen. Dabei liebe ich mein Leben und gerade diese Dinge waren mal meine Entspannung. 240 Km/h Anschlag auf der A5, mit dem Audi meines Exfreundes und ich war die Ruhe in Person. Die letzten Jahre habe ich schon Panik bekommen, wenn vor oder hinter mir ein LKW war. Schweißausbruch und nahende Ohnmacht. Ein akutes Angstgefühl war das nicht, nur die körperliche Reaktion. Nach einer wahren Odyssee von zehn Jahren Therapeutentum hatte ich Ende 2014 endlich den einen gefunden, der mich in einer halben Minute zurück ins Leben geholt hat.

„Wann haben Sie das letzte Mal in der Wüste Urlaub gemacht?“, hat er mich gefragt.

Dieses therapeutische Urgestein in Frankfurt Sachsenhausen kannte meine Geschichte grob und offensichtlich auch meine blanke Panik, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden. Ich saß völlig ungehemmt in seinem Büro und habe geheult. Meine Antwort fiel wie zu erwarten aus. „Noch nie.“ Alleine diese Erkenntnis hat gereicht. Ich wusste, auf was er hinauswollte. Entreizung, Entschleunigung, Filtern. Und genau das habe ich danach getan. Gefiltert. Menschen, Fernsehen, Gedanken. Alles rausgeworfen, was mich behindert hat. Nach einem halben Jahr konnte ich wieder ein bisschen Autobahn fahren. Letzte Woche war ich alleine mit dem Auto in Berlin. Auch wenn es zwischendurch anstrengend war, ich stelle mich dem Leben wieder auf eine gesunde Weise, ohne mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. So hat das auch mit dem beruflichen Wiedereinstieg geklappt, denn durch meine entspanntere Einstellung habe ich letztes Jahr auch wieder eine Stelle genau da gefunden, wo ich hinwollte. Zurück an den Flughafen. Mein absolutes Panikzentrum, inmitten von tausenden Menschen, denen ich hilflos ausgeliefert bin und mich jeden Tag der Herausforderung öffentlicher Platz stellen muss. Konfrontationstherapie in einem Job, den ich liebe. Und solange ich auf die Veröffentlichung meiner Bücher warte, die ich letztes Jahr geschrieben habe, kann und will ich nicht verantwortungslos rumsitzen und nichts tun, wenn ich nicht gerade blogge, schreibe oder zeichne. Nichtstun verplempert man erfahrungsgemäß zu schnell mit Dr. Google und Katzenvideos. (NICHT TUN!)

Schon vor Jahren habe ich festgestellt, dass ich diese Masse an Katzenvideos im Netz nicht mag, damals, als ich noch einen Facebookaccount hatte. 2007 bis 2011 war das. Auf einmal kamen diese Realitätsfluchtverstärkenden Videos wie eine Seuche über das Netz. Das Katzenaids des Internets. Überall Katzenvideos, -GIFs und -fotozitate. Hauptsache dämlich oder süß. Später habe ich festgestellt, dass ich genauso die Krise bekomme, wenn ich mir den ganzen Tag nur ernste Nachrichten reinziehe, weil die mich depressiv machen.

Jedes Mal, wenn ich wieder ein Video aus dem Krisengebiet gesehen hatte, überkam mich das Bedürfnis nach einem Katzenvideo. Das konnte ja nicht die Lösung sein. Hilflosigkeit überkam mich. Um diese zu vermeiden, begrenzte ich die Zeit, die ich auf Nachrichtenportalen verbrachte eine Weile und stellte fest, dass hinter der Berichterstattung ein Muster steckte, eine Art Hypeverhalten. Bewusst wurde mir das nach dieser unsagbaren Katastrophe für und mit Malaysia Airlines, die im letzten Jahr gleich zwei Großraumjets des selben Typs verloren haben. Hype, Hype, Hype und irgendwann waren sie spurlos aus den Medien verschwunden. Dass der eine Flieger dabei nicht am Stück gefunden wurde und vom anderen nur ein einzelnes Stück, besiegelte die Informationsaufräumarbeit. Gerade letztlich musste ich meine DGR (Gefahrengut im Flugverkehr) Schulung auffrischen und wir kamen auf genau dieses Thema. Die Berichterstattung über Flug MH 370 und potenziell gefährliche Ladung, die sie an Bord gehabt haben könnte. Nur ein einziger kleiner Artikel hat damals meine Aufmerksamkeit erregt. Nicht nur meine, wie mir scheint, sondern auch die meiner Kollegen, denn ein paar von denen erinnern sich daran. Angeblich soll MH 370 Lithiumbatterien an Bord gehabt haben. Nicht gerade nur drei Laptops, sondern gleich so viel davon, dass es für einen Großbrand ausgereicht haben könnte. Wenn man weiß, dass Lithiumbatterien leicht brennbares Gefahrengut sind und so ein Feuer in der Belly nicht zu löschen ist, wenn man sich in der Luft befindet, kann man sich die Bedeutung dieser Fracht vorstellen. Es dauerte damals nicht lange und diese Information war vorerst aus dem Ticker verschwunden.

Im Zuge dieser Unterhaltung kam die Folgeunterweisung, clever mit dem Umgang von Katastrophen zu sein. Wir leben in einer Zeit, in der man für 50 Euro Taschengeld gerne mal eine Auskunft oder ein Foto/ Video an eine Zeitung (oder ein Klatschmagazin, das sich gerne so nennt) abdrückt. Die Menschheit ist überfordert mit den Ereignissen und trotzdem unendlich geil auf möglichst krasse Informationen. Effekthascherei. Wie mit den Gaffern auf der Autobahn, wenn's mal wieder gekracht hat.

Auf der anderen Seite unserer vermeintlichen, allgemeingesellschaftlichen Versagerfront formiert sich gerade eine aktivistische Bevölkerungsschicht, deren zwanghafte Suche nach jedem noch so kleinen Quantenlüftchen Meinung, ebenso ungesund wirkt. Zweiklassengesellschaft, Ignorant oder übereifrig? zumindest scheint es mir oft so. Burger oder Peta. Politischer Aktivismus, die Volksrede des kleinen Mannes, alles ist möglich. Und irgendwie finde ich das auch gut so, wie man am Beispiel der überaus talentierten New Yorker Künstlerin Molly Crabapple sehen kann (siehe Buchrezension Drawing Blood). Aber es ist wie mit allem auf dieser Erde – Der Mensch neigt zum Extrem aller Handlungen, die Grenzen verschwimmen auch hier oft. Es ist einfach und schwer zugleich geworden, sich die Information raus zufiltern, die man zum inneren Abgleich wirklich braucht. Da bekommt der Begriff Netzneutralität eine ganz andere Bedeutung.

Berichterstattende Reizüberflutung, jeder Hans Wurst kann seinen Senf dazugeben und jeder hat vermeintlich was zum Frühstück der Kanzlerin zu melden. Manchmal lese ich Kommentare in den Online-Artikeln großer Zeitungen und bin regelrecht schockiert, wie frei und ungeniert, unzensiert und ungeschickt sich mancher Verfasser in die Nesseln setzt. Alle waren sie wohl dabei, im Krieg, im Flüchtlingslager, bei der Sitzblockade im Altersheim – gegen die schlechte Versorgung, die sie erst in vierzig Jahren erhalten. Weil es ja keine Renten mehr geben wird. Zumindest erweckt es den Anschein. Stille Post, digital.

Die Presse war noch nie gänzlich unbefangen, neutral oder unfehlbar. Aber nie gab es mehr Möglichkeiten, sich eine zweite, dritte und vierhundertste Meinung dazu einzuholen, ohne dafür den Hintern vom Sofa erheben zu müssen. Seit geraumer Zeit entwickelt sich eine ganz neue Art der Informationsverbreitung, eine, die jeden von uns zum potentiellen Autor einer Schlagzeile macht. Ob das nun besser ist, als die herkömmliche Pressemaschinerie, bleibt für mich fraglich. Überall dort, wo Menschen über menschliche Ereignisse und menschliche Bedürfnisse berichten, finden doch eine potentielle Bewertung und oder eine mögliche Fehlinterpretation statt. Betriebsblindheit ist das keine, eher Übersättigung an Horror. Dabei frage ich mich, wieso wir es nicht schaffen, uns gerade aufgrund dieser Vielzahl von Quellen und dem relativ einfachen Zugang zu diesen, rechtzeitig zusammen zu tun um etwas zu bewegen. Und zwar keinen Faschingsumzug in Dresden. Das was fehlt ist ein gescheites Netzwerk an Lösungsvorschlägen und schnellen Umsetzungen. Das Bürokratiemonster Deutschland macht nicht alles besser durch Ordnung, oft einfach nur komplexer und langsamer.

Das Angebot an Brandherden überflutet einfach den Markt. Alle rennen mit ihrem Eimer voller Tatendrang (oder Multikultirassenhass) im Kreis, weil es einfach überall brennt. Inklusion, Pöbelpolitiker auf Facebook, Paris, Waffenlobby, Pegidahymne, Asylpolitik, und dazwischen immer wieder Katzenvideos. Und Fußball. Solange das alles nur im Internet stattfindet, geht es uns zu gut, um uns für einen Brandherd zu entscheiden, ohne das Feuer sinnfrei anzubrüllen. Intelligentes Leben und Lösungsorientiertes Handeln gehen eben nicht miteinander einher.

Resultat sind Hass, großflächige Unsicherheit, Unwissenheit, Ablehnung, polarisierende Medien. Wir leben in einer Zeit, in der es so leicht ist, andere zu verurteilen, zu zerstören und uns zugleich zu enthalten, wie nie zuvor. Anonymisierte Konversation, feige und effektiv, ein wütender Mob tobt im Internet über alles und jedem, so schnell kann man gar nicht schauen. 500.000 Follower, ein „falscher“ Tweet, Massenhysterie im Netz, Rufmord. Sein Fähnchen in den Wind drehen, Meinung ist Schall und Rauch, gleichsam mit Namen und wieder muss ich es erwähnen: was uns fehlt ist das Bauchgefühl und der Arsch in der Hose, nicht weg zu sehen. Wir sind alle wer und das waren wir auch immer. Nämlich Menschen. Und wer dabei unbedingt ein nationales Gefüge braucht, bitte. Der demografische Wandel stand nie still und wir sollten uns vielleicht fragen, wo wir alle hergekommen sind. Es ist ok für mich Deutsche zu sein, ich bin hier geboren, ich mag Deutschland. Meistens. Ich bin aber auch nicht sonderlich stolz drauf, weil ich das laut Erziehung nie sein durfte. Das liegt aber an meiner ganz eigenen Familiengeschichte, denn ich bin sozusagen Sudetendeutsch-Ösi V3.

Wenn meine Oma auch mit (diesen Monat) 80 noch mit ihrem Bandana auf dem Kopf, einen Schrank alleine in der Wohnung verrückt und sich dann den fünften Bandscheibenvorfall gehoben hat, lasse ich sie einfach in Ruhe. Sie beschwert sich nämlich nicht. Frei nach Christian Hubers Resümee, dass wir früher nichts hatten und vor allem weniger davon. Weder Fernsehen, noch Gebrechen. Sie gehört zu der Generation, die hier in Deutschland Dinge erlebt hat, vor denen wir gerade woanders gerne wegsehen und uns noch darüber beschweren, weil sie hier her kommen. Vertrieben, verfolgt, auf sich alleine gestellt. Wenn sie heute sagt, sie will keine Nachrichten mehr sehen, kann ich sie absolut verstehen. Sie ist alt und hat ihren Teil geleistet. Nicht mal zehn war sie, als sie nur mit der halben Familie (Eltern kurzzeitig im Arbeitslager), bestehend aus drei Geschwistern, mit einem ganzen Dorf vor den Russen geflohen ist. Deutsche in der tschechischen Enklave waren sie, fernab vom Hitlerzentrum. Klar waren die alle in der Partei, aber dass die Partei in Deutschland Menschen verschleppte, haben die im Dorf im tschechischen Hinterland gar nicht mitbekommen, bis es zu spät war. Das riesige Hofgut, das meiner Familie einst gehört hat, ist heute verfallen. 

Meine Oma sagt, sie will es nicht noch ein weiteres Mal so sehen, ein Besuch hat gereicht. Die Russen haben es damals verwüstet, die Frauen vergewaltigt und die Tiere erschossen. Meiner Großtante sogar den Schäferhundwelpen aus dem Arm heraus. Da war sie fast noch ein Kleinkind. Weil es weder richtig gute Karten, noch Ortskundige gab, ist der Treck genau im Kreis und somit den Russen in die Arme gelaufen. Ende. Alle Mann zurück, Belagerung, spätere Reise nach Deutschland zu Fuß. Dabei haben die Frauen im Winter ihre toten Kinder durch die Eiseskälte getragen und die Nachbarskinder sind beim Spielen im verlassenen Auto am Wegrand in die Luft geflogen. Weil man damals nur das Nötigste mitnehmen konnte, war das meist das Beste, was man hatte. Daraufhin durfte man sich dann auf dem Dorf im Odenwald noch anhören, dass man unverschämt sei. Nur, weil man die Sonntagskleidung die ganze Woche über trägt. Verkehrte Welt.

Das waren die vierziger Jahre, in Tschechien und Deutschland. In den Fünfzigern hat meine Oma einen Fußballspieler geheiratet, der das Geld versoffen hat und sie betrogen hat. Meine Mutter pflegt jetzt dessen Witwe, quasi ihre Stiefmutter. In den Sechzigern hat meine Oma sich wegen seelischer Grenzbelastung scheiden lassen, gewagt. Wie durch ein Wunder hat sich die gesamte Familie wiedergefunden und wurde im Rhein-Main-Gebiet durch einen günstigen Kredit und harte Arbeit beim Tiefbau des S-Bahntunnels unter dem Main, ansässig. Meine Oma hat von da ab zwei kleine Kinder fast alleine groß gezogen, sich die Wohnung und das Geld mit den Eltern und der jüngeren Schwester geteilt, bei einer Versicherung gelernt, bei der sie 40 Jahre angestellt war und drei Mal Krebs überlebt. Sie ist heute alleine geblieben und körperlich fast noch fitter als ich. Dass sie für meine „Wohlstandsdepressionen“ und meine komische autistische Ader kein Verständnis hat, kann ich ihr nicht verübeln. Das was mich so nachdenklich macht, ist die Tatsache, dass all das hier geschehen ist. Hier in Mittel- und Westeuropa und es ist noch nicht all zu lange her.

Ich glaube, wir sollten uns nicht die Frage nach dem Ob, sondern nur nach dem Wann stellen. Wie es sich gestalten wird, dass wir uns mit dem Thema Krieg und dem Wegfall der deutschen Sicherheit auseinandersetzen müssen, bleibt offen. Aber eines ist mir in den letzten Monaten klar geworden: Angst verhindert nichts. Angst blockiert nur das eigene Leben. Viele Monate bin ich panisch geworden, wenn ich an den Begriff plötzlicher Kindstod gedacht habe. So panisch, dass ich damals eine Sensormatte für meine Tochter gekauft habe. So panisch, dass ich ein halbes Jahr kaum geschlafen habe, bis mein Körper es verlernt hatte. Daher kamen meine Nervenprobleme. Schlafmangel. Ich war so panisch, dass mein Mann letztes Jahr nachträglich in ein Burnout geraten ist und wir uns auseinander gelebt und letztendlich getrennt haben.

An dieser Stelle möchte ich dir aufrichtig für deine Unterstützung danken, lieber noch-Ehemann, dessen Namen nicht genannt werden darf.

Ich mache mir jetzt nicht weniger Gedanken als vorher, aber ich versuche die daraus resultierende Angst nicht wieder Überhand nehmen zu lassen. Depressionen sind gemessen an unserem gesellschaftlichen Standard ein mehr als ernstes Problem, aber leider nicht das Einzige. Es gab Depressionen schon immer, aber die Zeiten haben dich früher einfach überleben lassen oder auch nicht. In meiner Familie wurde nach Kriegsende nie mehr über die Erlebnisse meines Urgroßvaters geredet. Es ging für ihn voran und gesund war er im Kopf bestimmt nicht ...

Eben kam das beklemmende Gefühl, mein Kind verlieren zu können, wieder hoch und im selben Augenblick wacht meine Tochter weinend auf. Fast schon muss ich lächeln, dass wir so eine enge Verbindung haben und ich ihr Händchen nur kurz streicheln muss, damit sie wieder einschläft. Diese Verbindung haben wir aber heute nur, weil ich auf die harte Tour, mit allen Konsequenzen gelernt habe, mich zu finden und sie ein bisschen mehr loszulassen. Man kann sich nicht nur den ganzen Tag mit dem Horror auf dieser Welt befassen, aber wegsehen geht eben auch nicht. Zumindest nicht für mich. Jeder so, wie er es leisten kann und das möglichst überlegt. Ein Versager ist für mich nur einer, der aufhört sich die wichtigen Fragen im Leben zu stellen. 

Beauty Tutorials und Hartz IV-TV haben ihre Daseinsberechtigung ebenso wie die unermüdlichen Berichte der Journalisten, die ihr Leben für unsere Tagesschau riskieren. Alles in Maßen und hoffentlich nicht in denen, die mit Bier gefüllt sind. Zweiter Weltkrieg: Krieg und Jazz-Abende, Bomben und Swing. Missstände können und müssen kreativ machen. Ernsthaftigkeit und Lebensfreude sind eben schon immer ein schmaler Grat gewesen und werden es auch immer bleiben. Angesichts der Tatsache, dass meine Oma schon alt ist, genieße ich die fünf Kilo Extrahüftgold aus den letzten Wochen einfach. Wenn sie mal nicht mehr für uns backt, werde ich die Weihnachtskalorien vermissen. Nicht alle Jahre bleiben fett, wir kennen es nur nicht mehr anders. Ein bisschen weniger Vorsatzparade fürs neue Jahr und ein bisschen mehr Fokus auf eine ausgewogene LMAA- Einstellung zu Wohlstands-Luxus-Problemen. Bitte.

Vielen Dank fürs Lesen und gute Nacht.

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