Samstag, 2. Januar 2016

Fruchtfliegendompteur - Ein guter Auftakt in ein neues Bücherjahr

2016 beginnt für mich fast wie 2015 geendet hat, mit einem Buch. 222 ist das neue 666. Schon zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen steht meine zweijährige Tochter vor mir und hält mir das giftgrüne Taschenbuch hin, das auf meiner Kommode liegt. „Mama vorlesen“, nuschelt sie mir an ihrem Schnulli vorbei entgegen. Marketing geglückt denke ich mir, ich habe es auch entdeckt, weil es so geil geleuchtet hat. (Leider falsche Altersgruppe – ich tausche es gegen die grüne Raupe Nimmersatt, aus der ich ihr dann vorlese)
Philosophisches Dinner ohne geistiges Fast Food.


Das Buch um das es sich handelt ist der Fruchtfliegendompteur, geschrieben von Christian Pokerbeats Huber. Ich habe es vor etwas mehr als einer Woche in Berlin am Alexanderplatz gekauft, weil mein unbefriedigtes Konsumverhalten am Ende eines Kacktages, in der weiß-rosa-KaDeWe-Hölle nach ausgleichender Gerechtigkeit geschrien hat. Ein Buch. Wenigstens EIN Buch musst du kaufen, habe ich mantraartig gedacht. Twitter hat das Buch zuvor an allen Ecken und Enden immer wieder erwähnt, wie eine versteckte satanische Botschaft. Yvan eht nioj

Die ersten dreißig Seiten habe ich noch in der Bahn gelesen, danach war ich drei Tage lang brutal zerfeiert, im Wurmloch von Lafayette und Crémant verschollen. Weihnachtliche Spätfolgen, sozusagen. Wieder zuhause in Frankfurt angekommen, hatte ich erst einmal vier Tage Nachwuchsprogramm. 90° Schleudergang, ohne Vorwäsche. Weil ich das Buch aber schon in seinen Anfängen bestechend amüsant fand, wollte ich mir die Zeit nehmen, es in Ruhe zu lesen. Als getrennt lebende, halb alleinerziehende Mutter hat man die ja quasi nie, weshalb ich als selbst bloggende Amateurmusikerin und -Schriftstellerin irgendwann gelernt habe, so schnell zu lesen, wie meine Katze frisst. Wenn meine Tochter in ihrer Nähe ist. Optional geht auch nachts lesen und arbeiten, Schlaf wird eh überbewertet – führt aber zu massivem Tastatur-Tourette und schwer verständlichen Ergüssen an Ironie, wie ich wieder festgestellt habe. Heute Nachmittag nutzte ich dann das kleine Zeitfenster im Kosmos meines Doppellebens und habe das Buch weitergelesen.


Der erste Gedanke, der mir beim Weiterlesen in den Sinn kommt, ist: kreative Prokrastination. Der zweite Gedanke: Christian Huber ist der Yoda der liebevoll erzählten Alltagskatastrophen. Ausdrücke wie Circe de bouteille, MC Raupensacker und der beturnende Polo-Mops, verleihen dem Buch eine so authentische Aura, dass man als Leser permanent zwischen Mitleid und Applaus schwankt. Spätestens ab der äußerst bildgetreuen Beschreibung vom Kreuzberger Asizentrum, bin ich voll dabei. Was Christian über Berlin und dessen Ghettostilblüten erzählt, habe ich live erlebt. Inklusive Heroinsessions in der Sparkasse am Kotti. Gerade erst letzte Woche. Christian Pokerbeats Huber ist irgendwie ein ambitionierter und kauziger Verpeiler und Überlebenskünstler. Einer, der eigentlich mit sich selbst im Grünen ist und doch immer wieder überlegt, ob ein Leben als Mainstreamalleskönner nicht besser wäre. So ein Leben, in dem alles furchtbar langweilig glatt läuft und die Tomaten in ihrem Überreifeprozess nicht zum Hamster mutieren. 

Dabei schafft er es, den banalen Alltag so selbstironisch und reich an Wortwitz darzustellen, dass der Gedanke an so ein aalglattes Leben beim Lesen im Äther verpufft. Fast nebensächlich erzählt er dabei seine eigene Geschichte, in der er sich gekonnt vor der Frage drückt, ob er wegen seinem Schwindelgefühl nicht vielleicht doch ein Hypochonder ist. Wer einmal erlebt hat, wie sich der Körper entgegen dem Geist verselbstständigen kann, wird sich in diesem Buch eindeutig wiederfinden. Vor allem das Damoklesschwert Aidskrebs, das Synonym für die Angst vor Krankheiten. Entschleunigung, Entreizung und das Bewusstsein für die nicht all zu lang vergangene Zeit, ohne all die Lebensraum raubenden Dinge, wie (un)Social Networks, Smartphones und so weiter, werden immer wieder aufgegriffen.

Zwischen all den in überzeugenden Neologismen formulierten Alltagsherausforderungen, geht es für mich beim Lesen vor allem um eins: eine konstruktive, kritische Auseinandersetzung mit der Welt, in der wir Leben. Durch alle Schichten hindurch wird hier der Unmut bekundet, angefangen bei den Real Life Cindy aus Marzahns (In allen Gewichts- und Alterssparten), über Dr. Google, das Ärztesystem, pseudo intellektuelle Hipster, bis hin zum Realitätsverlust unseres Fernsehverhaltens und dem multimillionen schweren Fernsehaushängeschild Die Geissens.

Und vor allem ist Christian als Erzähler dabei eines: herrlich normal. Wer sich auf so eine wortreiche und aufmerksame Weise mit dem Leben und dessen Abgründen auseinandersetzt, muss einem einfach sympathisch sein.

Dieses Buch ist eine wunderbar erfrischende Persiflage auf fast alles - den Autor selbst, Helikoptermütter, Lebensmittelreligion, Volksverblödung und dem Freistaat Bayern. Geistiger Anspruch, verpackt in die Sprache meiner Generation. Definitiv ganz nah am Zeitgeist - ehrlich, kritisch, lustig, boshaft und absolut liebens- wie lesenswert.


Danke Piper!


Anmerkung:


Glööckler auf LSD.

Fäkalgeysir.

Eater Parker.

Müttermiliz.

Instrumentalkorsett.

Fruchtiges Napalm.

Düsseldorf Ostdeutschlands.

Die Unken-Ultras.


Großartig, Kafkabeats! 

Und: Entschuldigung Christian, ich habe dein Buch verunstaltet. Dafür kann der Esel jetzt richtig gut hören, so viele Ohren wie er hat.









Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen