Montag, 4. Januar 2016

Zu Tisch mit Tifet. Gemeinsam anders sein – Autismus light und die Frage nach Inklusion

Rucula schmeckt braun. Zumindest für Tifet, denn sie hat auch synästhetische Züge, wie ich. Tifet und ich kennen uns schon 22 Jahren. Wir sind Grundschulleidensgenossinnen gewesen und verstehen uns auch heute noch fast blind. Das was uns verbindet, ist unsere Neurodiversität. Sie bekam irgendwann Aspergers diagnostiziert und ich Synästhesie. Ob ich nicht eigentlich auch Aspergers habe, wurde nie geklärt. Wir sitzen gemeinsam in meiner Küche rum und brunchen, zum Glück wohne ich wieder nur eine Straße von ihr entfernt und wir sehen uns wieder häufiger. Ich kann mich nicht daran entsinnen, auch nur ein einziges Mal eine bessere Erinnerung an ein weit zurück liegendes Ereignis zu haben, als sie. Und mein Gedächtnis für unsinnigen Kram ist schon hervorragend.

Tifet erzählt mir, wie sie damals von unserem Dorfgymnasium an die ISF kam. Eine Schule, die auf Englisch unterrichtet. Eine Schule, die eine Menge Geld kostet und auf die die ganzen Managersöhne und -töchter gehen. Auch jetzt noch. Damals verbrachte sie einen Sommer dort in einer Art Ferienspiele und weil sie sich dort gut integrierte, meldeten ihre Eltern sie dort an. Am Anfang war sie froh, dem Tischnachbar auf Englisch sagen zu können, dass er einen Stift hat fallen lassen. Innerhalb eines Jahres beherrschte Tifet die Englische Sprache so perfekt, dass sie als Muttersprachlerin eingestuft wurde und sogar ein Stipendium bekam. Von da an veränderte sich vieles in ihrem Leben.

Eine gründliche Einschätzung des Chefarztes für Kinderpsychologie in Frankfurt an der Uniklinik, führte zur Medikamentengabe und der Diagnose Aspergers. Ritalin. Etwas anderes gab es damals noch nicht wirklich und der Arzt nahm sich viel Zeit, um die Risiken abzuwägen. Heute ist das anders. Es wird viel zu oft und viel zu leichtsinnig Zeug verschrieben, das vor allem Kindern massiv schaden kann. Erschreckender weise kenne ich ein paar Leute in meinem Alter, die im selben Zeitraum (sehr früh, Grundschulalter und kurz darauf) Ritalin bekommen haben und irgendwie haben alle ab und an denselben, seltsamen Redeverzug. Es ist wie ein Rhythmus im Sprechen, kein Stottern. Eher ein langgezogener Takt. Vor ein paar Monaten habe ich ein Gespräch mit Tandrin gehabt, der sagte, dass er als Kind einfach aufgedreht und nicht ausgelastet war. Bis heute glaubt er, dass er Ritalin nicht gebraucht hätte und es ihn in seiner Entwicklung verändert hat.

Aber dank den Medikamenten gelang es Tifet damals weitestgehend ohne Nebenwirkungen, sich wesentlich besser zu konzentrieren. Sie war weniger hibbelig und lernte mit der Zeit, Gesichtsausdrücke und Ironie besser zu lesen. Es folgten andere Präparate, manche mehr und manche weniger sinnvoll. Heute nimmt sie Concerta und kommt auch mal gut ohne aus. Ich erinnere mich an Phasen, in denen Tifet depressiv, antriebslos und matt war. Definitiv eine Folge falscher Medikamentengabe. Die einzige bedrohliche Situation, die ich mit ihr erlebt habe, war ein epileptischer Anfall. Der kam unangekündigt nach einem Festival mit Liebeskummer, Alkohol und Schlafmangel. Diese Kombi hat einen Kurzschluss in ihrem Kopf ausgelöst. Der einzige bisher. Bei Tifet und ihrem Kopf wundert mich allerdings gar nichts, denn sie denkt so schnell, dass ihr kaum einer folgen kann. 

Ich kenne das schon. Nur weil ich ein ähnlich verdrehtes Gehirn habe, kann ich ihren Dekaden-umfassenden Gedankensprüngen meist folgen. Dabei kann sie auf Erinnerungen zurückgreifen, die die meisten anderen Menschen schon längst nicht mehr auf dem Schirm hätten. Winzige Details und Bruchstücke, Farben, Gerüche und Geräusche lösen sowohl in ihr, als auch in mir Erinnerungen aus, die völlig unwichtig zu sein scheinen. Für uns machen sie Sinn und sie prägen auch unser aktuelles Handeln immer mit einer Absicht.

Tifet

Tifet sagt, sie kennt fast nur Aspergers-Leidensgenossen, die ebenfalls so einen hohen IQ haben, wie sie. Dabei kann sie gar nicht alles gut, sondern am besten den Bezug zwischen Praxis und Formel herstellen. Kreatives, Handwerk und Sprachen sind ihr Ding. Deshalb hat sie auch nach dem Abi viele Jahre rum probiert, bis sie letztendlich im Senckenberg-Museum gelandet ist. Derzeit macht sie dort ihre Ausbildung zur technischen Assistentin für naturkundliche Museen und Forschungseinrichtungen. Davor war sie auf einer Odyssee. Studium für Germanistik und Anglistik, Archäologie, Japanologie, Kunststofftechnik, Praktika als Restaurationschreinerin und als Buchbinderin. Das wäre auch was gewesen, sagt sie. Aber sie hätte vier Semester warten müssen. Archivkunde in Marburg wäre eine Option gewesen, aber dann kam die Zusage für die Ausbildung in Frankfurt. Ob ihr nicht der Kopf platzt bei dem Denktempo, will ich wissen. Sie lacht. Ne, sagt sie, da sei noch Platz für Niederländisch oder Finnisch oder sowas. Ich beneide sie um ihre brutal große Auffassungsgabe. Was sie einmal gelernt hat, bleibt in ihrem Gedankenknast drinnen.
 

Tifets andauernder Basteldrang live und in Farbe. WGT 2009.

"Stell dir mal vor, ich wäre Lehrerin geworden, Herrjemine, Katastrophe", wirft sie ein. Ja, gut, dass sie das mit der Germanistik nicht beendet hat. Egal wo sie ist, sie bastelt und pfriemelt immer irgendwas und am Ende des Tages hat sie was Produktives geleistet. Und wenn es nur ein Dampfschiff aus Flyern auf einem Festival ist. Zum letzten Geburtstag hat sie mir Zucker in Totenkopf-Förmchen gepresst und mir eine Flasche Absinth dazu geschenkt. Top. Ich verstehe aber trotzdem, wenn andere sagen, dass Tifet anstrengend ist. Sie ist eben nicht wie der Durchschnitt. Ihre Stimme ist so hoch wie die von Verena Pooth und ihre gesprochene Anschlagsstärke ist bestimmt 500 words per minute. Aber 500 words mit Inhalt. 

Ich habe über die vielen Jahre gelernt, wie ich ihr sagen kann, etwas runterzuschrauben. Das ist das, was Menschen mit autistischen Verhaltensmustern oft brauchen. Klare Anweisungen und einen roten Faden, an dem sie sich orientieren können. Ein gutes Beispiel für sowohl mich als auch sie, ist das Thema Zeitmanagement. Wenn sich spontan eine Planänderung ergibt, kann das schon mal unverhofft zu einem Heulanfall eskalieren, weil wir emotional vor einer Wand stehen. Andere würden drum herum laufen, wir bleiben wie hypnotisiert vor dieser Wand stehen. Lange. Irgendwann ergibt sich eine Lösung, aber plötzlich eintretende Veränderungen sind für uns oft ein Problem. Und das hat nichts mit genereller Flexibilität zu tun, sondern mit dem Wegfall einer Orientierung. Wir planen selten ein B mit ein, weil unser Kopf zu voll ist, um sich mit Abweichungen zu befassen. Deshalb dauert es dann eben manchmal eine Weile, bis der Ausflall oder die Veränderung eines Ereignisses abgespeichert ist. Wenn ich weiß, dass ich flexibel sein muss, bin ich das auch. Im Job funktioniert das seltsamerweise. Eine Trainingssache.

Wir reden über soziale Kompetenz und auf einmal sind wir im Gespräch ganz woanders. Eigelb-Patina, das was passiert, wenn man ein Ei totkocht. Bestimmt im Hochdruckkocher. Der Kärcher für Eier. "Ein totgekochtes Eigelb wird grau-grün. Ach ja, wusstest du, dass unsere Hühner aus Südostasien kommen und eigentlich gar nicht so unfähig sind, zu flattern? Im Gegensatz zu den Pfauen. Hast du mal gesehen, wie so einer versucht auf eine Mauer zu kommen? Die brauchen ewig dazu. Ach ja, meine erste Erinnerung an uns. Gute Frage ..." So in etwa. Tifet findet, dass die meisten Aspergis dappich sind. Also tollpatschig. Sie kann sich allerdings in einer Menschenmasse ziemlich gut durchschlängeln, ohne anzurempeln. Irgendwie stellen wir fest, dass Menschen mit Aspergers Syndrom sowas wie das Verbindungsstück zwischen der Standardnormwelt und den Hardcore-Autisten und Savants sind.




Tifet

Die autistische Frau, die Kühe versteht und danach Schlachthöfe entworfen hat, um den Stress für Kühe zu minimieren. Wir beide denken gerade daran.


Ob sie oft aneckt und wo ihre sozialen Fähigkeiten am meisten Probleme verursachen, möchte ich wissen. Tifet überlegt, sagt dann, dass sie das größte Problem mit fremden Menschen und Vorstellungsgesprächen hat. Es ist die Mimik, die sie irritiert. Menschen in die Augen zu sehen, macht sie unsicher (mich auch). Sie kann sie einfach nicht lesen, wenn sie die Person nicht kennt und versucht, sich so gut es geht immer objektiv und voll empathischem Elan, in andere hinein zu versetzen. Tifet kann den eigenen Gefühlshaushalt und ihr Mitgefühl für andere extrem gut trennen. Dabei hat Tsie ein unglaublich gutes Verständnis für Botschaften zwischen den Zeilen. Nur eben nicht auf die normalverständliche Weise. Ihre liebevollen Neurosen unterstreichen den Eindruck, dass sie unsicher ist. Oft ist sie es dabei aber gar nicht. 

Sie streicht unentwegt durch ihre Haare, blinzelt, knabbert am Saum vom Pulli und setzt sich tausendmal anders auf den Stuhl. "Ist das ein nervöser Tick oder Zeitvertreib, weil dein Hirn auf 200% läuft?", frage ich lachend. "Beides", sagt sie ohne nachzudenken. Am besten geht es ihr, wenn sie etwas eng um sich hat. Ein nicht all zu großes Bett, massives Chaos und ihren Freund, mit dem die sie schon viele Jahre zusammen ist. Sie ergänzen sich so gut, dass mein Mann die Beiden schon ewig liebevoll Jesse und James nennt und ihre zweitälteste Schwester ihnen T-Shirts geschenkt hat, auf denen das doppelte Jottchen steht. Teil eins und zwei. Ihre Beziehung läuft nur so gut, weil sie unheimlich viel und vor allem sofort über Spannungspunkte reden. Respektvoll. Beide sind besonders in ihrem Bezug zur Außenwelt und bewältigen den Alltag an ein paar mehr Fronten gleichzeitig, als andere Menschen.


Team Rocket, Jesse & James und angewandte Festivalkunst


"Ich muss nicht repariert werden. Ich handle logisch und objektiv, aber nicht emotionslos. Ich würde mir wünschen, dass andere das auch tun. Nachdenken, bevor sie mit ihrem Tun alles einreißen, wie eine Abrissbirne. Ein bisschen mehr Toleranz und Respekt. Am liebsten kläre ich Probleme noch vor dem Schlafengehen", sagt Tifet. Das sehe ich auch so. Gleich muss ich meine Tochter von der Kita holen und Tifet noch was erledigen. Mein Tag hat auf jeden Fall entspannt und mit einem guten Gespräch über Diversität und Toleranz angefangen.

Tifet ist der coolste Geek, Freak und der treueste, rollenspielende Freund mit Mass Effect - Mantel, den man sich als irgendwie-auch-Freak nur wünschen kann. Wenn es irgendwo in Japan Mikado-Schokolade mit Blaubeergeschmack gibt, sie hat sie schon daheim. Am besten aufgehoben fühlt sie sich bei anderen unserer Sorte. Da ist die Toleranz fürs Anderssein einfach eine ganz andere. 

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