Montag, 29. Februar 2016

Kontrolle über das eigene Leben

"Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren" 
Karl Lagerfeld


Was ist schon Kontrolle? Haben wir sie jemals? Unser ganzes Leben ist ein einziger Zwiespalt aus Kontrolle abgeben und Kontrolle übernehmen. Annehmlichkeiten gegen Kontrolle. Mehr oder weniger freiwillig. Oft in Form von Freiheit gegen Geld und im Schlafzimmer, dort, wo der Rest der Gesellschaft nicht zusieht, wenn man schwach sein will, um sich stark zu fühlen ... 
Ist das Kontrolle über unser Leben? Unsere Ideale gegen ein bisschen vermeintliche Sicherheit zu tauschen? Was bin ich bereit zu geben, um diese oberflächliche Kontrolle zu haben?

Letzten Freitag wurde mir meine kleine, bürgerliche Kontrolle in mindestens einer Hinsicht wieder mal genommen. Auf dem Weg zur Arbeit ist mir an einem zweispurigen Kreisel kurz vor Frankfurt ein Auto aufgefahren. Ich stand an der Haltelinie, wartete den Verkehr im Kreisel ab, ahnte nichts, es tat einen riesigen Schlag, mein Auto wurde nach vorne geschoben. Wie in Trance bin ich ausgestiegen, habe nach und nach realisiert, dass ich pleite bin, mir kein neues Auto leisten kann, meine Tochter hinten hätte drinnen sitzen können, mein Genick weh tut, mir kalt ist, die Polizei kommen wird, ich nicht arbeiten kommen kann … 


Tausende Dinge haben im Schnelldurchlauf meinen Kopf überflutet und das was am Ende übrig blieb, war die Hilflosigkeit. Ich war nicht daran schuld und fühlte mich trotzdem schuldig. Daran, dass ich keine Reserve habe, mir mal eben ein neues Auto zu kaufen, weil dieses mit Sicherheit ein wirtschaftlicher Totalschaden geworden war. Mit dem Krankenwagen wurde ich in die Uniklinik gebracht, weil mein Genick nicht ok war. Mein Auto holte der ADAC ab und mit jeder weiteren Stunde nach dem Unfall wurde ich wütender. Ich war außerhalb meines gewünschten Kontrollbereichs und der wurde schon ziemlich oft massiv beeinträchtigt.

Warum habe ich damals nicht die Prüfungswiederholung eingeklagt? Wieso habe ich kein langweilig-sinnfreies, aber erfolgversprechendes Fach studiert? Wieso habe ich meine Seele nicht an ein hässliches Unternehmen mit sektenartigen Ideologien verkauft? Immerhin könnte ich jetzt vielleicht locker einen fetten BMW fahren, einen Jaguar oder mir von meinem Balkon aus den Taunus ansehen. Ich müsste mir keine Sorgen machen, wie ich im nächsten Monat meine lächerlichen Fixkosten zahle, ob ich mir ein Fitnessstudio leisten kann, ob die Tasche ihre fünftausend Euro wert ist, meine Tochter die besten Ausbildungsmöglichkeiten hat, ich mir dieses Jahr oder in den nächsten zehn Jahren einen Urlaub leisten kann … Viele dieser Gedanken schwirren schon lange durch meinen Kopf. Ja, all das hätte so kommen können. Ich bin halbwegs clever, kann mich in Szene setzen, fachlich überzeugen, meine Seele verkaufen. Wozu? Geld macht nicht gesünder, zärtlicher oder weniger einsam. Nein, ich hätte es gerne, weil ich eine seltsame Form von Hedonismus liebe. 


Ich hasse angepasst sein, wollte nie ein Teil der oberflächlichen Welt ohne Herz für echten Individualismus sein. Jedoch reizen mich die Privilegien dieser Welt, denn ich weiß ein gutes Auto, einen guten Wein und exzessive Momente zu schätzen, wenn sie sich über ihre Eigenschaften und nicht nur über ihren Namen auszeichnen.

Darüber hinaus liebe ich den Moment der Anarchie, den ich zelebriere wenn ich mich in solchen Kreisen einfach als mich selbst geben kann. Wenn meine Seele nackt ist, ich mich treiben lasse, den Absturz genieße und die Schattenseiten der Menschen dieser Gesellschaftsschicht für mich selbst ans Licht bringe. Sozialstudien, meist wenn ich nicht damit rechne. Diese Menschen sind gefangen in sich, ihrer Welt und den selbstauferlegten Zwängen der Konvention. Nirgendwo sonst gibt es mehr Verrat, Selbstzweifel, Größenwahn und seelischen Ausverkauf, als hier. 

Meine Ohren sind der Schoß einer Mutter, in den sich die Beichten und Sehnsüchte dieser Menschen legen.

Ich habe nie ein Interesse an Zerstörung anderer Teilnehmer dieses Spiels gehabt. Oft bin ich das Sprungbrett in ein neues Becken, öffne Türen und Fenster, berate und unterstütze. Immer nur als das Phantom, der Geist und die Stimme der Vernunft, nie als Partner. Ich passe nicht in diese Welt, meine Haut ist bunt, ich habe einen sturen Dickkopf, bin idealistisch, zu kreativ und zu emotional um mich in ein solches Gesellschaftskorsett zu fügen. Aber ich bin deshalb auch immer fast pleite.

Ich habe mich mal bei unserer Heimspielfluggesellschaft beworben, weil ich wusste, dass das was sie gesucht haben, zu einhundert Prozent mein Ding war. Ich konnte das einfach, was sie wollten, kam durch alle Tests. Problemlos. Ich hatte im Vorfeld angesprochen, dass ich ein winziges Tattoo am Handgelenk habe. Es war kein Problem, bis ich es noch einmal angesprochen habe. Auf einmal war das nicht mehr in Ordnung und meine Bewerbung, die eigentlich schon durch war, endete an diesem einen Satz. Mit meiner Armbanduhr konnte man es nicht einmal sehen, so klein ist es. Egal. Raus. Prinzip. Dabei beneide ich die Einheitshörnchen nicht, sie sehen irgendwie auch über die Kleidung hinaus alle gleich aus, das ist corporate ID. Diese gestriegelten Weibchen in Uniform, groß und schlank, viele von ihnen gesegnet mit einem klassisch hübschen und klaren Gesicht, so gefällig, dass sie in jeder Esprit-Kampagne erfolgreich wären. 

Eine Kollegin von mir, die 28 Jahre lang selbst Flugbegleiterin war, nennt sie Roast Chicken - die saftschubsenden, Saftey-Ballett-tanzenden Hohlbrot-Tussis, die mit den Koksnullen aus dem fliegenden Führerhäuschen am Stand ihre Bumspartys feiern und sich erhoffen, mal einen von denen zu heiraten. Braungebrannte (Roast Chicken), alkoholkranke, großkotzige und depressive Besserverdiener. Nicht alle, zum Glück.

Trotzdem - Nicht ich. Einfach nicht ich. Ich hatte schon immer dieses böse Etwas an mir, das, was andere beneiden oder hassen, sie unsicher macht und mich so gesellig wie beängstigend freaky wirken lässt. Ich bin authentisch. Ende. Kontrollverlust ist das eigentlich keiner, denn man hatte nie Kontrolle, sie wurde einem nur in Aussicht gestellt. Was will ich also? Ich will die Kontrolle über die Gestaltung meines Lebensstandards, aber nicht über mein Leben.

Und genau DAS geht einfach nicht. Ich suche den Kompromiss, indem ich schreibe und komponiere, mich und meine Gedanken befreie. Immer in der Hoffnung irgendwann davon zu leben, damit ich auf lange Sicht nicht meine Seele an einen Konzern verhökern muss. Eigentlich liebe ich den Kontrollverlust, denn ich lasse mich gerne fallen. Nur eben nicht dann, wenn es mir andere diktieren. Vielleicht sollte ich diesen ungewollten Verlust an Selbstbestimmung nutzen, um mir immer einen Plan B zurecht zulegen, ohne mich dabei verrück zu machen. Einen Plan B, der kurzfristige Unzufriedenheit als Chance integriert. Als Chance, mich anderen Dingen zu widmen, die mir Kontrolle bringen. Es ist ein Anlauf nehmen, ein Einatmen. Für den Moment, an dem ich entweder scheitere und mich füge, oder mich lossage, von diesen Zwängen und den Spagat zwischen Sicherheit und Freiheit geschafft habe. 

Es bleibt abzuwarten und bis dahin bin ich weiterhin der stille und besorgte Beobachter dieser (Geld)-Scheinwelt und kann mir doch hier und da ein Schmunzeln und die Freude über diese nicht nehmen lassen. Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich ein Fenster und vielleicht ist das in Ordnung für mein Karma, dass ich eben durch den Unfall wieder von vorne anfangen muss und nach meiner mühsam erkämpften Fähigkeit Autobahn zu fahren, wieder bei Null anfange. Agoraphobie - Platzangst. Dabei habe ich keine Angst vor dem Fahren an sich, ich werde einfach manchmal nur reizüberflutet und ich drohe dann ohnmächtig zu werden, vor Adrenalin. Angst habe ich nie. Nur im Flugzeug. Zumindest war das bis zum letzten Flug immer so. Noch habe ich Hoffnung.

Ich bin es irgendwie leid, dass mir mein Kopf vorschreibt, was ich kann und was nicht. Vielleicht ist es aber auch nicht selbstverständlich, dass wir problemlos mobil sind, vielleicht ist das schon ein Privileg und ich sollte jeden guten Tag und jedes Bisschen Autofahrt einfach dankbar hinnehmen. Vorerst.

"Es gibt auch Menschen, die legen sich an den Strand und warten dort, dass die Inspiration zu ihnen kommt. Nur kommt die Inspiration nicht einfach an den Strand" 
Ebenfalls Karl Lagerfeld

Mein Tag endet mit einem Grinsen. Roast Chicken - Wie sie darauf wohl kam. Die Pool Party und den Alkohol nehme ich kommentarlos. Den Jaguar auch. und Inspiration. Die kommt bei mir aber definitiv auch an den Strand ...

Montag, 22. Februar 2016

Selbstfindung und Neugierde - Was hat Liebe damit zu tun?

What´s love got to do with it? Genau das das hat sich schon die gute Tina vor Jahren gefragt und meine Antwort darauf lautet: eine ganze Menge. Es gibt diese kleine Gruppe an Menschen in unserem Leben, die für jeden von uns eine ganz besondere Funktion erfüllt. Sie haben alle etwas gemeinsam, denn sie suggerieren einem genau das zu sein, was man vermeintlich zum aktuellen Zeitpunkt benötigt. Sowohl psychisch, als auch physisch. Irgendetwas Wichtiges für die persönliche Entwicklung interpretiert man in sie hinein, projiziert Erwartungen an das eigene Leben auf sie und geht dem Wunsch nach Erfahrungen und Erkenntnissen nach. Dabei sind solche Personen vor allem eines:

Emotionale Brandbeschleuniger.


Ob das nun durch den Wunsch nach Kontrolle im Leben - oder vielleicht auch Kontrollverlust - verursacht wird, diese besonderen Menschen zu treffen, lasse ich hierbei offen. Es ist ja nur ein Gedanke, aber ich vermute, dass die Neurosen und Traumata dieser Personen einfach bestmöglich die eigenen ergänzen oder überlagern, uns aufzeigen, welche Rolle wir in unserem Miteinander einnehmen wollen und oder müssen, um uns selbst treu zu bleiben. Gerade heute habe ich einen Artikel gelesen, in dem es um die Verlagerung im Beuteschema geht * Ich habe das als Anlass genommen, mich in dieser Aussage zu suchen, die beschreibt, wie sehr wir mittlerweile auf Bildungsstand anstatt Optik und Heimchenfaktor achten. Nun ja, all diese Faktoren die dazu beitragen, dass wir uns verlieben sind Variablen, die subjektiven Bewertungsmechanismen unterliegen. Weil mich genau diese Frage schon lange beschäftigt, setze ich ein persönliches Erlebnis in die Gleichung ein und mache mir Gedanken darüber, ob der Faktor Liebe tatsächlich berechenbar ist.

Nur ein Wort. Overdrive. Übersteuerung. Genau das beschreibt ziemlich gut, was sich einmal innerhalb von drei Wochen in meinem Leben abgespielt hat. Mit für meine Verhältnismäßigkeit angrenzender Gleichgültigkeit, habe ich meinen Hintern von meinem Platz am Gang in der zweiten Reihe erhoben. Ich zog meinen Handgepäckkoffer langsam hinter mir durch den Gang, mir war fast alles egal. Sonst wäre ich die zwei Wochen vor dem Flug, den gesamten Flug und noch ewig danach mit Albträumen beschäftigt gewesen. Diesmal kam es anders und ich bin bereits gewillt, mir das Ende meiner brutalen Flugangst einzureden. Für mich als Agoraphobikerin ist Fliegen der Inbegriff des Teufelswerkes und trotzdem steige ich zum Leidwesen meiner mitreisenden Sitznachbarn, immer wieder ein. Sogar zweimal Australien und Neuseeland waren schon dabei. Dieses Mal habe ich weder geheult, noch war ich auf dem Rückflug auf dem Klo. Aber nach dem, was ich zuvor erlebt hatte, ist auch einfach kein Platz mehr für großartige emotionale Eskalationen gewesen. Ich bin zum mentalen Körpertetris zu einem fremden Menschen geflogen. 


Ich war jetzt ausgebrannt, würde ich behaupten. Wenn auch ein bisschen melancholisch behaftet, was ich aber aufgrund meiner Liebe zu ebendieser nicht schlimm fand. Ich fragte mich beim Aussteigen auf dem Vorfeld wieder einmal mehr nach der Sinnhaftigkeit, Menschen kategorisch zu bewerten und zu beurteilen. Schubladensystem. Dabei muss ich grinsen, weil keiner der hier Anwesenden die kleinen dreckigen Geheimnisse in meinem emotionalen Gepäck sehen kann. Sie sind vor allem Souvenirs auf meiner Haut und stehen für ein ziemlich körperliches Wochenende.

Was passiert also, wenn all die Kriterien, die wir für eine persönliche Partnerwahl haben, erfüllt sind? Bedeutet das ein Instantverliebtgefühl? Offensichtlich nicht, denn sonst wäre uns genau das passiert. Rein logisch gesehen müsste sich bei Erfüllung aller emotionalen und seelischen Bedürfnisse, frei von Bedenkzeit ein kontrollbefreites Bindungsgefühl einstellen. 


Dem ist aber nicht so. Liebe folgt ihrem ganz eigenen System und scheißt dabei auf biologische Regeln, Vernunft und jegliche Sinnhaftigkeit. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es völlig irrelevant ist, einen Menschen nach den selbstgesteckten Voraussetzungen für eine Partnerschaft zu beurteilen. Nicht einmal der Geruchsfaktor ist hierbei alleiniger Entscheidungsträger der Situation. Auch Sex ist das nicht, der ist im besten Fall einfach Instantgratifikation eines Teilbedürfnisses. Es ist vielmehr der aktuelle Zustand an emotionaler Stabilität, der über den Verlauf einer Begegnung entscheidet.

Ich hatte da diesen sonderbaren Menschen kennengelernt, der alleine aus einer objektiven Sichtweise heraus schon für die meisten Frauen nach Verdammnis roch. Beste Voraussetzungen für eine Katastrophe nach Schema F. Allerdings haben wir uns nicht persönlich, sondern über die Aussagen unserer Texte kennengelernt und ich wollte gar keine körperliche Nähe. Der erste, entscheidende Moment war also befreit von optischer, olfaktorischer und akustischer Beeinflussung. Es ging nur um Meinung und die Beurteilung derer. Mein Fazit von ganz am Anfang hat sich dabei auch nach dem Realitätsmoment eines persönlichen Treffens nicht verändert. Im Nachhinein sogar traurig, denn mein Bauchgefühl lag einfach richtig. Ausnahmsweise wundert mich das einfach mal nicht. Da ich aber ein positiv verstrahlter Mensch bin und noch immer an die Unberechenbarkeit meines Karmas glauben möchte, gab es die Vermeidung einer Kollision nicht.

Es folgten drei Wochen schreiben, telefonieren und persönliche Gegenstände per Post verschicken. Da war definitiv eine Menge Begierde im Spiel und die Option auf Zerstörerpärchen des Jahrhunderts werden war auch vorhanden. Alle Zeichen standen prinzipiell positiv auf Weltuntergang. Umso verwirrter war ich – vielleicht auch wir beide – als wir dann nach 24 Stunden nackter Realität, First Kiss auf Alkohol im Bus und den ausbleibenden Kritikpunkten feststellten, dass sich diese kranke, emotionale Verblendung einfach nicht eingestellt hatte. Und wir hatten sie uns beide gewünscht. Aus Prinzip, weil wir beide wissen, wie krankhaft intensiv sich Liebe anfühlen kann. KANN. Nur für einen Moment kam da ein seltsam überdrehter Anfall von Euphorie bei mir auf, der sich aber schon ziemlich bald wieder gelegt hatte, weil der Effekt mit Nichterwiderung schlagartig verblasste.

Was war da passiert? Es gab nichts, über das wir uns beschweren konnten, nichts hatte gefehlt und nirgends sind wir aneinander angeeckt. Es gab keine ersichtlichen Störfaktoren, der Sex war mehr als gut, fast schon bedrohlich harmonisch vertraut und nichts in irgendeiner Art und Weise fremd. Vermutlich war es einfach zu perfekt, zu glatt und harmonisch. Ich glaube, der Faktor, der über diesen Zustand der absoluten Crazyness entscheidet, hat nichts mit rational behafteter Erfüllung von Ansprüchen an die Kompatibilität eines Partners zu tun. Es ist die Herausforderung an das Unüberwindbare, die Neurosen des Anderen, dessen Dreckecken und die Magie des Moments, die diesen Zustand hervorrufen. Ein angenehmer Kontrollverlust in die Unrettbarkeit, die man erfährt, wenn man sich zu einhundert Prozent in seinem eigenen Todesurteil fallen lässt. Wider den Verstand, gegen alle Regeln der Vernunft. 


Nur so entsteht dieser Rausch, der leider oftmals tatsächlich in der Katastrophe endet, weil wir dazu neigen, uns ein unüberbrückbares Ungleichgewicht an Land zu ziehen. Das, was Menschen von meiner und seiner Sorte wohl zu brauchen scheinen, ist ein Partner, der potenziell denselben Level an Intellekt und die Veranlagung zur gleichgestellten Herzensbildung haben könnte, diese aber aufgrund einer emotionalen Blockade oder psychischen Störung nicht erreichen. Zumindest nicht alleine. Es ist die Hoffnung auf Seelenheil, das uns vertrauen und Halt geben lässt. 

Sowohl meine Teilzeitkatastrophe, als auch ich neigen beide dazu, genau solche Menschen zu begehren, weil wir die nahende Katastrophe lieben und die sind wir wohl nicht füreinander, denn wir entschleunigen uns beide gegenseitig irgendwie. Es ist die Mischung aus Verantwortung für den Anderen, die Liebe zum bittersüßen Schmerz des Scheiterns und der Hoffnung auf eine Wende zum Guten hin, die uns unheilbar verliebt macht. Wir sind beide kaputte Reparierer, Altruisten mit einem unglaublich starken Gravitationsfeld an Eigenwahrnehmung und Pflege unserer eigenen Neurosen, liebevoll verpeilte Egoisten und so beständig unstet, dass wir nach ganz eigenen Regeln des inneren Halts funktionieren. 

Ich würde in meinem Fazit nicht wagen zu behaupten, dass wir zu gesund füreinander wären, weil das einfach nicht stimmt. Wahrscheinlich sind wir nur zu pragmatisch dran gegangen, um diesen Overkill an Crazyness zulassen zu können. Unsere Gespräche waren zu sehr auf Sicherheit ausgelegt, zu wenig auf Exzess. Der Freiraum für Interpretation, den Mythos, haben wir uns durch das intensive Reden verbaut, haben uns aber dafür ganz gut kennengelernt, so, wie es sich eigentlich gehört, bevor man mit beiden Beinen in die Scheiße springt. Somit war der Effekt des Wahnsinns bereits von Anfang an irgendwie gebremst, was aber zufolge hatte, dass wir ein anderes, sehr intensives Verhältnis zueinander entwickelt haben. 

Das, was diese irrationale Verliebtheit ausmacht, ist meist doch genau das Gegenteil von Vernunft, es ist dieser erste Moment an hormoneller Verblendung, der einem die Macken und Nachteile des Anderen auf eine Art und Weise schmackhaft macht, dass man sie als abenteuerliche Herausforderung gar nicht ausschlagen kann. Ob das dann Bestand hat, zeigt sich durch den Alltagstest, der meist aber keine hilfreichen Resultate liefert, da wir zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr loslassen wollen. Das ist Abhängigkeit vom Abgrund, eine ungesunde Symbiose aus Hoffnung und Frustration, die den Effekt nur noch verstärkt. Man verliert die Größe der Hürden aus dem Blick, bis sie einen überrollen. Meist in einem sehr hässlichen Ende.

Ich habe Liebe auf den ersten, zweiten, dritten und gar keinen Blick erlebt und kann getrost sagen, dass nichts auf dieser Erde einem statischen System unterliegt und schon gar keinem emotionalen Terminismus. Deshalb bleibt es auch weiterhin spannend für mich, denn egal was passiert, es wird einen Effekt auf mich haben. Der einzige Fehler ist es doch, an einem Bild von einem Menschen festzuhalten, das er vielleicht nicht mehr ist. Man muss diese Momente der Magie einfach so annehmen, wie sie erscheinen und vor allem nicht versuchen, sie einzufangen. Magie war noch nie rational erfassbar und das ist vielleicht auch gut so, denn sonst wäre sie eben keine und was wäre eine Welt ohne Magie?

Im Nachhinein muss ich ein bisschen schmunzeln, weil ich mir sicher bin, es wäre massiv anders gekommen, hätten wir uns rotzevoll in einer Bar kennengelernt. Dann hätte ich in ihm den mysteriösen, unnahbaren und cleveren Lebenskünstler mit Hut und Porno-Attitüde gesehen, an dem stetig der Geruch von Frauen und exzessiver Verdammnis klebt. Wahrscheinlich hätte er dann im Gegenzug in mir die emotional unfähige Schriftstellerin gesehen, die ewig auf der Suche nach sich selbst und Inspiration ist. Wir hätten und bis an den Rest unseres Lebens auf Puffbrause begattet und dabei über Gedichte und Drogenerfahrungen philosophiert, uns Namen für unserer zehn Kinder ausgedacht und auf sämtliche Konventionen geschissen, während wir mit unserer Freifick-Hippibude die Nachbarn immer gegen uns aufgebracht hätten. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Nichtsdestotrotz sehe ich in genau diesem Mann noch immer auch genau dieses Extrem. Einen äußerst manipulativen Menschen, der mit seiner fast schon bedrohlich intensiven, natürlichen und erotischen Aura, jeglichen Raum einfach ausfüllt, den er betritt. Wortlos. Auch wenn er sagt, die wilden Zeiten der Drogen-Alkohol-Frauen-Exzesse seien vorbei, so ein ganz dezenter Hauch dieses rastlosen Rumhurens, hängt noch immer an ihm. Nur ein ganz dezenter Schleier, der sich beim näheren Betrachten in die ewig währende, fast schon pubertär-infantile Suche nach sich selbst und einem Zuhausegefühl in der Welt, auflöst. 


Vielleicht ist es gerade dieser massiv entschärfte Aspekt der möglichen Macht, die ein solcher Mensch auf andere ausüben könnte, der mich so fasziniert und meine Laune erhellt. Ich kenne das Potential dieses Menschen und genieße beinahe mit boshafter Freude die Vorzüge eines solchen Katalogs an Erfahrungen, die so ein Leben als Philosophen-Hure so mit sich bringt. Absolute Befreitheit von Komplexen, eine wortlose und gemeinsame Körpersprache und die Möglichkeit, sich auf viel mehr als nur eine physische Bewegung einlassen zu können. Das ist irgendwie ein Mindgame ohne Dominanzgehabe, völlig frei von emotionaler Konkurrenz. Freier Fall für die Seele, mehr nicht. Top.

Die Tatsache, dass besagter Mann seine nicht gerade wenigen Frauen nicht als Trophäen bezeichnet, sondern als numerisch undokumentierte Sammlung an Erfahrungen, hinterlässt ein entspanntes Lächeln auf meinem Gesicht. Ein Lächeln über die Vielzahl an Gemeinsamkeiten in unseren Gedankengängen und Handlungen, die teilweise recht extremen körperlichen und seelischen Bedürfnisse, die wir teilen und die Ehrlichkeit, mit der wir uns beide auf allen Ebenen begegnet sind.

Auch, wenn es immer traurig ist, diesen Moment der Magie aufzulösen, es bleibt trotzdem das angenehm warme Gefühl einer unersetzbaren, maximalintensiven Erfahrung und die Gewissheit, dass nichts im Leben statisch bleibt. Was heute nicht ist, kann in zehn Jahren noch, oder auch nie kommen. So wie mit jedem Menschen, der im Laufe unseres Lebens unsere Wege kreuzen wird. Erkenntnisse sind immer nur eine Momentaufnahme und so auch die Liebe und das Verliebstein, deren Regeln einfach nicht rational berechenbar sind. Uns macht das glücklich, was uns zerstört und uns ödet das an, was vermeintlich am besten zu uns passt. Es ist einfach so, da muss man keine Studien darüber führen, nach welchen Kriterien wir die Pheromone eines anderen Menschen beurteilen. Das Gesamtkonzept ist so komplex, dass wir es einfach nicht beeinflussen sollten. Das Leben lässt sich einfach nicht gerne in die Karten schauen und vielleicht ist das auch einfach gut so. Wo es einen magischen Moment gab, wird es vielleicht auch irgendwann wieder einen geben, wenn auch mit jemand anderem. Und Magie sollte ihrer Undurchschaubarkeit einfach nicht entledigen.

Das durchaus pornöse Frühstück im Bett nehme ich übrigens jederzeit wieder, auch ohne den Rest.



*http://m.dw.com/de/beuteschema-wie-w%C3%A4hlen-wir-wen-wir-lieben/a-19051159

Mittwoch, 10. Februar 2016

Schon gehört? Tandrin von Mechanical Moth über die Musikindustrie

Es wird mal wieder Zeit ein Gespräch aufzugreifen. Eines, das ich über einen sehr präsenten Teil meines Lebens geführt habe, nämlich über Musik. Seit nunmehr fast zehn Jahren kenne ich Tandrin, den Macher des sich immer wieder neu erfindenden Soundtracks seiner Seele. Bekannt ist er vor 14 Jahren in der Goth-Szene mit dem Hauptprojekt Mechanical Moth geworden, hat später auch die Bands Spirit of DNovastorm und NEO gegründet, nebenbei eine ganze Symphonie komponiert und arbeitet nach dem abgebrochenen Anglistik-/Germanistikstudium heute erfolgreich als Mediengestalter. 

Tandrin suchte 2007 eine neue Sängerin für die Motte und ein Bekannter von mir fragte bei mir an. Eine lineare Geschichte und 2009 erschien das Rebirth-Album, auf dem ich bis auf einen Song die Lead-Vox übernommen, sowie jede Menge getextet habe. Noch heute bin ich Tandrin dankbar, dass ich durch ihn und meine damalige Gesangskollegin Salacity so viel gelernt habe. Erster Plattenvertrag, Doppelseitenbericht im Orkus, unter die vierzehn besten, weiblichen Goth-Stimmen gewählt worden, erste Konzerte, jede Menge Spaß im Studio und harte Arbeit. Ich habe gelernt mich zu konzentrieren und meiner Stimme einen emotionalen Fokus zu geben. 2010 trennten sich unsere Wege vorerst, er engagierte aus persönlichen Gründen eine andere Sängerin und ich gründete zusammen mit einem anderen ehemaligen Bandmember mein eigenes Projekt namens Stratoscope.

Tandrin selbst hat mit neun oder zehn angefangen Gitarre zu spielen, wollte dabei aber eigentlich Klavier oder Cello lernen. Zu teuer, kam es aus der Elternfraktion. Mit sechzehn wechselte er dann auf E-Gitarre, spielte in einer Rock-Punk-Coverband und kam dann ein paar Jahre später in ein Projekt namens Abused Poetry. Die Band war vielversprechend, aber nachdem der Proberaum abgesoffen war, löste sie sich auf. Kurz darauf beschloss Tandrin, all seine Songs für immer festhalten zu wollen, damit sie nicht verloren gehen. Ziel war dabei etwas zu hinterlassen, sich in der Welt zu verewigen. Der Umstieg von der E-Gitarre auf Elektro kam automatisch, als er sich mit dem Thema Aufnahmemöglichkeiten auseinandersetzte. So kam über die Empfehlung eines Bekannten, Cubase als Arbeitsprogramm hinzu, gefolgt von ersten Experimenten mit VSTs und Elektrobeats. Es dauerte nicht lange und die Sängerin Matricide fand den Weg zu Tandrin. Hintergrund der Musik war immer die Selbstreflexion, Ausdruck des eigenen Lebens, ein permanenter Innenwelt-Außenweltabgleich, nie ein politisches Statement. 


Die Musik ist philosophische Auseinandersetzung mit der Welt, stellt die Geschichte der Gefühle für Tandrin eins zu eins dar. Dabei hält er die Texte vage, jeder soll sich selbst damit identifizieren können. Für Tandrin geht es immer nur um das Grundthema, die Konfrontation mit dem emotionalen Genre, selten um eine explizite Situation. In der Zeit als ich für die Motte gesungen habe, war das anders. Meine Texte sind konkretes Tagebuch und haben einen ganz anderen Drive in dieses Album gebracht, als geplant. Worum es uns aber beiden ging, war die Darstellung eines komprimierten Gefühls des Augenblicks. Es geht oft um Selbsthass, Melancholie, dazwischen schwankt die Intensität der Extreme. Es ist ihm egal ob der Text aussagt wer traurig ist. Er, der Zuhörer, jemand fremdes. Es geht um das Gefühl Trauer, die emotionale Basis, eine offene Erzählperspektive. Tandrin hat die Erfahrung gemacht, dass seine Musik entweder auf Beerdigungen läuft, oder die Leute im Denken berührt, auf eine intensive Art bewegt.

TANDRIN Pic by Tandrin

Der Weg zum ersten Album war kein leichter, denn Tandrin hat sich alles selbst erarbeitet, wie so oft ist er ein Autodidakt. Das technische Verständnis kam durch unendlich viel Zeit und Konzentration, die er bis zur Erschöpfung hineingesteckt hat. Talent sei ein kürzerer Weg, sagt er und beteuert, dass er dieses nicht hat. Es gab also kein „Bing“, keine Weisheit, die auf einmal da war, alles war mühsam erkämpft und hat über Ausprobieren kleine Erfolge gebracht.

Veröffentlichung von Musik ist für Tandrin wie ein Drogenrausch, die fertige CD in der Hand zu halten wie ein O(h)rgasmus. Dass er nach jedem Album in einem Hoch war und sich die Euphorie nicht verkneifen konnte, kann ich sehr gut nachvollziehen. Dabei ist das keine Arroganz, sondern ein absolutes im Reinen mit sich sein. Dieser Zustand hält dann bei ihm eine Weile an, man zehrt davon, bis der Drang nach Verwirklichung wieder rein kickt. Wie bei jedem Drogenrausch tritt aber irgendwann der Gewöhnungseffekt ein und das Ziel eines einzigen Albums im Leben war bereits erfüllt. Das Abschlussgefühl bleibt zwar, erklärt er, aber das Produkt wird magielos, verliert den Effekt des Rausches, Plastik und Papier verbleiben. Neue Ziele, neue Alben und neue Elemente folgten. Konstruktive Kritik ist immer erwünscht, stellt er klar, man wird ja sonst irgendwann vielleicht betriebsblind und Geschmäcker sind ja verschieden.

Tandrin sagt, er beobachtet zunehmend den Verfall von Kreativität. Bands verdrehen sich, wollen ihren Debuterfolg steigern, verlieren sich dabei in Experimenten und dem selbst auferlegten Zwang nach Veränderung. Dabei wären sie vielleicht einfach genau mit dem gut, was sie angefangen haben. Zweimal denselben Berg zu erklimmen hat laut ihm keinen Reiz mehr. Die Zeiten haben sich geändert, man bastelt ein, zwei Jahre an einem Ding und haut es raus. Es passiert nichts danach und ständig gibt es einen, der was besser kann als man selbst. Es gibt viele Leute die einen kennen, aber die Anerkennung fehlt irgendwann. Auch die Goth-Szene ist nicht mehr dynamisch, findet er, hat massiv an Wert eingebüßt, finde ich persönlich. Auch hier ist die Selbstverständlichkeit des Konsums schon lange angekommen und zerstört die Basis für Kunst. Wenn Dinge kostenlos oder günstig sind, denkt der Konsument es kann ja nicht schwer gewesen sein, etwas hergestellt zu haben, sagt Tandrin. Dabei muss man immer was reinstecken und am Ball bleiben, es hört nie auf anstrengend zu sein. Damals hat man sich noch selbst gefeiert, wenn man mal in einer Zeitung war, heute ist das irgendwo ein Muss, um nicht vergessen zu werden.

Unser Gespräch wird melancholisch, die aufregenden Zeiten sind irgendwie vorbei, für uns Beide. 



REBIRTH pic by Mechanical Moth 2009


Was die Veränderung der Musikszene hervorgerufen hat, frage ich Tandrin. Er sagt, früher hatte man einen ganzen Stab an Helfern, die eine Band am Laufen gehalten haben. Da waren viele Leute beteiligt, damit aus einem Haufen talentierten Rabauken eine Marketingmaschine wie z.B. Guns N´ Roses oder Depeche Mode wurde. Heute kann jeder Raubkopieren, sich selbst produzieren, wenn er clever ist. Die Einnahmen sind gesunken und somit auch der Aufwand pro Band. Musiker sind auf sich gestellt, so schnell wieder raus, wie sie erfolgreich wurden. Früher kamen Anfragen von außen, für Gestaltung und Organisation, heute muss sich der Künstler um alles selbst kümmern, nach außen hin anfragen. Im Schnitt sind es heute ein bis drei Personen, die sich um alles kümmern. Der Kuchen ist kleiner geworden und der finanzielle Aspekt dazu parallel geschrumpft.

Künstler haben heute mehr administrative Aufgaben, als dass sie tatsächlich kreativ sind. Das umfasst vor allem die Social Networks, die Promo, etc. Underground-Musiker haben immer den Spagat zwischen realer Jobwelt und Musik zu bewältigen. Heute machen das auch viele von den Bands, die bereits etabliert sind, im Radio laufen und bei großen Labels unterzeichnet haben, erklärt er. Tandrin schwimmt mit seiner Musik seit Anbeginn gegen den Strom, aber er schwimmt. Gerade ist er ausgebrannt, die Kreativität ist seit fünfzehn Jahren zum ersten Mal blockiert. All diese organisatorischen Dinge leitet er selbst, verausgabt sich zu 99% im Drumherum.

„Es ist schwer, wieder in den kindlichen Zirkus des Schaffens rein zu kommen, das neugierige Vorsichhindudeln wieder zu erlangen. Früher war der Freundeskreis extrem wichtig, um bekannt zu werden“, merkt er an.

Naivität und Blindheit hat einen demnach davor geschützt, zu viele Selbstzweifel zu entwickeln. Denn es gibt seiner Meinung nach immer irgendein asiatisches Wunderkind, das es mit einem Mal besser kann und mehr Aufmerksamkeit erhält, als das, was man selbst geleistet hat. Tandrin glaubt, dass Musik für ihn nichts zum angeben ist, eher ein Save-Button, die klinische Perfektion der technischen Ausarbeitung nicht mehr maßgeblich. Viel mehr zählt für ihn heute die Übertragung des Gefühls, der Fokus liegt auf Authentizität. Irgendwann kommt der Moment im Leben eines Künstlers, an dem er sich so in die Perfektion rein steigert, dass sie die Seele des Werkes zu fressen droht.

„Der Wunsch nach Perfektion ist wie Geister sehen im eigenen Schaffen“


Die Suche nach dem perfekten Sound hat seiner Ansicht nach irgendwann ein Ende und das was aneckt, hat schon oft einen Kult ausgelöst. Das Publikum sei robust in seiner akustischen Fähigkeit. Mir als Sängerin wird das persönlich immer wieder bewusst, wenn ich in vermeintlichen Profi-Mixen großer Studios im Radio hässliches Einatmen und Schmatzen höre, die kein Stilelement sind. Da frage ich mich oft, was die überhaupt noch an Arbeit in eine Nachbearbeitung reinstecken. Aber das Publikum stört es ja nicht. Tandrin führt seinen Gedankengang fort, teilt mir mit, dass die Musikindustrie ein in sich geschlossener Kreislauf sei, in den die wenigsten Künstler einfach so von außen rein kommen würden. Bei den großen der Branche ist die Musik meist seelenlos bis ins letzte Detail geplant, sowie auch jeder Sturz auf der Bühne meist ein PR Gag sei.

Vermarktung von Musik sei heute anders als früher, die Künstler sind Produkte an sich, zum Beispiel Helene Fischer. Man muss sie nicht als Produkt mögen, aber das ist ihr Job, sich ganzheitlich zu vermarkten. Der Schritt von Kunst zu Kommerz ist auf jeden Fall klein, sagt er. Irgendwann glaubt er, wird dieser Stern der Industrie wieder untergehen und dann geht es wieder mehr ums Wesentliche, das Echte in der Musik. Man kann seine Seele ja ein bisschen verkaufen, weil Geld rein kommen muss. Zumindest, wenn man in der heutigen Musikmaschinerie bestehen will. Denselben Gitarren-Verstärker wie die Leute bei Helene habe er schon, merkt er lachend an.

Ich frage Tandrin, wie es weitergehen wird, mit der Musik. Eine romantische Theorie, von einem Musikerfreund aufgestellt, besagt, dass Musik wieder dahin gehen wird, wo sie herkam. Also damals, als sich nur die Reichen Musik leisten konnten. Das waren dann Auftragsarbeiten, bildende Kunst der Akustikszene, Musik hatte einen viel höheren Stellenwert und wurde nicht so nebensächlich konsumiert wie heute. Qualitätsmusik sei wieder im Kommen, wobei Qualität privatisiert werde. Exklusivität im Sinne des Wortes. Das ist irgendwie Prestige für die Momentaufnahme des Zeitgeistes, eine Symbiose, denn Künstler brauchen Konsumenten und die wiederum brauchen Input.

„Kunst mit allgemeinem Wert ist für die Oberschicht, Bli Bla Klatschischeiße schon immer fürs Volk“

Seine persönliche Horrorprognose hingegen beschreibt Tandrin abschließend als endgültigen Verfall des Wertes der Musik. Dabei solle man sich davon distanzieren, dass Musik generell als Kunst gelte. Erfolg ist in diesem Gedankengang zu sehr an den Geschmack der Allgemeinheit gekoppelt und am Ende ist Musik demnach kein Kunstwerk mehr, sondern nur noch Werk. Uns beiden wird am Ende des kleinen gedanklichen Ausflugs vor dem Abendessen auf jeden Fall klar, dass wir mal wieder zusammen Musik machen sollten, weil wir uns in so unterschiedliche Richtungen entwickelt haben. Manchmal bringen Abzweigungen im Leben neue Erkenntnisse und neue Spiritualität in den kreativen Prozess, der eigentlich nur darauf wartet, in die Gänge zu kommen.

Tandrins Musik war und ist für mich schon von Anfang an noch echte Seelenkunst, nicht mehr und nicht weniger. Unverfälscht, irgendwie im Zeitgeist angekommen, aber am Kommerz vorbei. Vor allem war sie lange Ausdruckplattform für mich selbst und meine wirren Gedanken. In diesem Sinne: 

Danke für diese Tür, die drei Jahre gemeinsame Arbeit, die WG und unseren persönlichen Neustart!

TANDRIN Pic by Tandrin


http://www.mechanicalmoth.de/





Mittwoch, 3. Februar 2016

Simple Girl - Der Mittwoch im Kopf

Simple Girl

Zerfeiert und verloren.

Am Rand der seelischen Grauzone angelangt.

Da sitze ich und beobachte, aus meinem Korsett der Selbstinszenierung heraus.

Jetzt, wo sie mir doch nicht mehr weh tut, beginne ich die Erkenntnis zu hassen.

Zu verbannen und verfluchen.

Realität. Welche? Meine oder deine?

Ansichtssache. Dieselbe Dimension vielleicht, aber nie dieselbe Realität.

Meine und deine kreuzen sich doch nur, wenn wir uns vereinen.

Vorbei, entzweit.

Auseinandergehurt.

Hat sich ausgeschlafen, denke ich mir.

Ein Moment, nur ein Moment.

Alles ist so einfach, so voller Selbsterklärung und doch,

niemals lösbar.

Lösung, die Enthomogenisierung unserer Wege, sozusagen.

Ich lache die Sonnenstrahlen einfach aus, die den Anfangspunkt des Weges erhellen.

Nur noch eine Nacht will ich hier sitzen, nur noch eine.

Morgen ist ein neuer Tag und die Sonne, deren hinterlistige Kraft mich treibt,
wird erneut ihr intrigantes Spiel gegen mich treiben.

Ich, wo ich doch aus der Nacht bestehe und weder ihr, noch anderen Naturgewalten gehorche.

Nein, ich lache sie aus.

Aber nur noch bis morgen.




Montag, 1. Februar 2016

Verspäteter Sonntagstext - warum ich in drei Romanen auch über BDSM und Depressionen geschrieben habe

Gerade vor Kurzem habe ich einen sehr bewegenden Text über ein Paar gelesen, das gemeinsam den früheren sexuellen Missbrauch der Frau verarbeitet hat. Weil mich das so beschäftigt hat und ich aus Erfahrung leider sagen kann, dass Missbrauch weit vor dem Körperlichen schon anfangen kann, möchte ich diesen Text schon jetzt und nicht erst in einem halben Jahr veröffentlichen. Es liegt mir am Herzen, meinen Gedanken zu diesem Thema zu formulieren, weil es meine eigenen Bücher zu einem gewissen Teil tangiert und die gerade fertig geworden sind.

Diese Woche war ein Freund bei mir zu Besuch, den ich fast zwei Jahre nicht gesehen habe. Manchmal ist das Leben einfach vollgepackt mit Ereignissen und obwohl man gar nicht so weit voneinander entfernt wohnt, schafft man es nicht, sich mal zu treffen. Große Freude, das übliche einstündige Gespräch über die Neuerungen, die man im Leben des jeweils anderen verpasst hat. Irgendwann erzähle ich von meinen Büchern, die ich letztes Jahr endlich geschrieben habe. Worum es dabei geht, möchte mein Freund wissen und lässt mir freundlicherweise den Freiraum zum weit ausholen. Ich erkläre es geht um Frankreich, Deutschland, Bezüge zur klassischen Literatur, seelischen Ausverkauf, Selbstzerstörung, zwangsläufig falsch getroffene Entscheidungen und jede Menge körperliches Mit- und Ineinander. Warum ich in meinen ersten zwei Büchern aus der Trilogie viel und ungeschönt über Sex geschrieben habe, ist weniger ein Ausdruck von beabsichtigter Effekthascherei, als eine persönliche Verarbeitung meines Lebens und meiner Beobachtungen. 


Sex bindet Menschen aneinander, verändert die Beziehung zwischen ihnen massiv und trägt im Wesentlichen dazu bei, wie wir uns in bestimmte Richtungen entwickeln. Es ging mir irgendwann auf die Nerven, dass so unglaublich viel über das Thema geredet und geschrieben wird und doch wird es irgendwie unter- oder überbewertet. Meist auf eine sehr lieblose und degradierende Weise. Dabei erhebe ich nicht den Anspruch, den ultimativ intellektuellen Sex zu schreiben, sondern etwas, das ich in dieser Form tatsächlich in der Welt der Geschichten vermisse und in der einen oder anderen Variante auch ähnlich so erlebt habe. Ich habe einfach Freude an erotisch-humoristischer und ehrlicher Sprache. Mir ging es um die Lösung einer persönlichen Blockade in mir, die Aufarbeitung einer verbalen Wand, gegen die ich viele Jahre gelaufen bin. Das ist etwas Echtes, Authentisches aus mir selbst und vor allem etwas verstörend Intensives für mich.

Ursprünglich wollte ich einen Krimi schreiben, weil ich schon immer mal an meine Phantasiegrenze kommen wollte. 2009 habe ich also an einem Plot gearbeitet und ihn nach ein paar Wochen meinem damals sehr guten Freund und Schriftsteller gezeigt. Da der selbst schon eine Menge Bücher geschrieben hat, wollte ich eine konstruktive, kritische Meinung. Die Geschichte sei ganz gut, ich soll sie schreiben, empfahl er mir. Gesagt, getan. Ich setzte mich dann letztendlich erst 2011 dran, schrieb die ersten dreißig Seiten in Word und hing fest. Krimi ohne Ahnung von Ermittlungen, polizeilichen Abläufen und Justiz liegt mir irgendwie nicht, stellte ich fest. Ich war unendlich gefrustet und habe das Manuskript einfach fast fünf Jahre lang auf der Festplatte vergammeln lassen. Aber es ging mir nie aus dem Kopf, dafür fand ich die Story selbst zu herausfordernd. Irgendwann fragte mich mein Schriftstellerfreund nach dem Stand und ich musste leider zugeben, kläglich im schwarzen Loch der Schreibblockade versackt zu sein. Seine Antwort hat mich brutal vernichtet. „Wenn du die Story nicht schreibst, werde ich es tun!“, hat er mir angedroht. Weil ich seine Aussagen ernst nehme und er kein Mann der leeren Worte ist, habe ich direkt mal fett Panik bekommen. 


Daraufhin habe ihm aus Trotz und Ehrgeiz meine Fertigstellung versichert und fieberhaft nach einer Lösung gesucht. Während ich mein Buch im Kopf in alle Richtungen habe weiterlaufen lassen, schrieb er selbst einen Krimi. Inspiriert von meiner Geschichte, erschien im folgenden Jahr sein meiner Meinung nach bestes Buch. Ein Offenbach/Frankfurt-Lokalkrimi. Ich bin Muse, stelle ich gerade fest und freue mich. *

Im Frühjahr 2015 kam meine Schwägerin zu Besuch und hat mir etwas über eine Person aus ihrem Umfeld erzählt. Ganz nebensbei. Das hat in mir unerwartet so einen Geistesblitz verursacht, dass ich innerhalb von einem Tag den kompletten Ablauf der Geschichte im Kopf hatte. Wahrscheinlich kann das jeder Autor nachvollziehen, was ich mit kreativem Adrenalinrausch meine. Innerhalb von neuneinhalb Wochen war mein erster Band fertig und ich erschrocken darüber, was in meinem Kopfkino alles abläuft. Aber schlimmer noch, ich war desillusioniert von meiner Ansicht über Beziehungen, weil ich beim Schreiben feststellen musste, dass ich als meine Protagonistin leider genauso gehandelt hätte. Neuneinhalb Wochen intensive Arbeit, in denen ich kaum geschlafen, kaum gegessen und kaum in der realen Welt gelebt habe. Alles hat unter meinem Kopfkino einen Stillstand erlitten. Meine Ehe, mein soziales Umfeld und meine vorherige Selbstwahrnehmung. Aus dem Krimi wurde eine unkonventionelle Beziehungskatastrophe, ein neuzeitliches Drama. Nein, eine Dramödie.

Verfasst in zeitgenössischer Sprache. Die Kernaussage ist die mangelnde Weitsicht unseres Handelns, verpackt in nackte Tatsachen. Vier Wochen Pause und Band zwei ging mit einem anderen Erzähler an den Start, war innerhalb von sechs weiteren Wochen fertig geschrieben.

Während ich geschrieben habe wurde mir bewusst, wie sehr ich jahrelang selbst in der mangelnden Selbstreflexion festgesteckt habe und mich daraufhin auf eine sehr seltsame Weise neu organisiert. Ich musste mir eingstehen, dass ich mit Ende zwanzig selbst meine Grenzen nicht kannte, zu oft Ja gesagt habe, meine Seele nicht ausreichend geschützt und meinen Körper mit zu wenig Respekt behandelt habe. Und warum? Weil ich nicht rechtzeitig darüber gesprochen habe, dass ich als Kind lange belästigt wurde und mir das Ausmaß dessen damals nicht ersichtlich war. Zum Glück leide ich nicht an einem Trauma, weil ich mich damals dazu entschlossen habe, mich nicht als Opfer sehen zu wollen. Allerdings hat sich meine Entwicklung dadurch massiv verzögert. Im Endeffekt war ich erwachsen und hatte ein ziemlich intensiv ausgeprägtes Interesse am Thema nacktes Miteinander, war jedoch unfähig mit meinen Bedürfnissen auf der gesellschaftlichen Ebene eine Einheit zu werden. Kurzum: ich war verklemmt.

2012 saß ich am Flughafen in Dublin fest und habe mir aus mangelnder Alternative den ersten Teil von Shades of Grey gekauft. Weil ich das Thema schon sehr lange als wichtig für unsere Gesellschaft empfinde, habe ich tatsächlich alle drei Bände auf Englisch gelesen. Mein Fazit dazu war zwiegespalten. Jain. Auf der oberflächlichen Ebene trifft diese Reihe den Zeitgeist, denn es werden Tabuthemen gebrochen und mit der in uns schlummernden Phantasie aus der gesellschaftlichen Grauzone gespielt. Soweit so gut, es wurde eh mal langsam Zeit für ein offenes Gespräch über dieses Thema. Als ich die Bücher damals gelesen hatte, dachte ich mir nicht viel dazu. Halbwegs lesbar, sprachlich für mich zu langweilig und thematisch an der Realität vorbei, aber ganz gut zum Zeit totschlagen, diese Bücher haben bestimmt viele Frauen mit der Hand in der Hose gelesen. 


Erst als ich selbst anfing zu schreiben, begann mein Gehirn diese Bücher neu zu bewerten. Mir wurde bewusst, dass hier meiner Meinung nach ein ganz besonderer Faktor nicht ausreichend thematisiert wurde. Es geht bei dem ernstzunehmenden Thema BDSM nicht darum das eigene Sexleben zu beflügeln, Neues zu probieren und sich vermeintliche Neigungen einzugestehen. 

Es geht um die Bewusstmachung von für die Allgemeinheit normabweichenden Bedürfnissen, deren Ursprung und einen reflektierten Umgang mit sich selbst und seiner Umwelt

Natürlich kann man als Pärchen mit ödem Sexleben in den Baumarkt gehen, sich irgendwelche spannend aussehenden Utensilien kaufen und zuhause experimentieren. Was dabei aber in den meisten Fällen völlig hinten runter fällt ist die Tatsache, dass es gar nicht darum geht mal darüber zu reden was man sich vorstellen könnte und währenddessen dann nein oder stopp zu sagen, wenn es nicht mehr passt. Die meisten Menschen wissen erfahrungsgemäß gar nicht, wo sie stopp sagen müssten, um sich selbst nicht zu schaden. Wie oft habe ich jetzt schon gehört, dass die Geschichte wohl gefloppt wäre, wenn der Typ nicht reich und gutaussehend gewesen wäre. Mag sein, ich teile diese Auffassung. Dabei kritisiere ich nicht die Geschichten von E. L. James an sich, denn jede Geschichte und jedes Kopfkino hat für mich eine Daseinsberechtigung. Lediglich die fehlende Aufklärung bezüglich der emotionalen Folgen einer solchen Beziehung zu sich selbst und einem Partner fehlt mir hierbei. 

Die Realität sieht eben in weiten Teilen genau so aus. Ungeschönt, nicht reich und auch nicht romantisch überzogen. Seit vielen Jahren bewege ich mich in Kreisen, in denen BDSM zum Leben gehört wie Zähneputzen. Dabei geht es nicht um Zurschaustellung von möglichst krassen Tabus, nicht um den möglichst großen Kick an Erfahrungen. Es geht im Allgemeinen um emotionale Grundbedürfnisse, Kontrolle und Kontrollverlust, Vertrauen und die Suche nach Seelenfrieden. Die wenigsten Menschen die ich kenne, die sich in dieser Szene (Wobei ich schon alleine den Begriff Szene nicht wirklich mag) bewegen, sind weder ein reicher Mr. Grey noch eine unerfahrene Ana Steele. Sie sind Familienväter, Studenten, Hausfrauen, Rentner, Durchschnittsbürger. Oft mit einer massiv belasteten Vorgeschichte. Natürlich sind vereinzelt auch die Besserverdiener auf Koks dabei, die ihre Betriebsfeiern mit Blackjack und Nutten verbringen. Aber im Großen und Ganzen sind sie alle „normal“. Und mit Normal meine ich auch normal. Integriert, lebensfähig und –lustig, haben ganz konservative Vorstellungen von einem erfüllten Leben. 

Was aber immer wieder (nicht zwingend!) auftaucht, ist das Thema seelischer und körperlicher Missbrauch. Ich kenne eine Menge Menschen, die auf normabweichenden Sex stehen, die keine psychischen Störungen und Traumata hinter sich haben. Dennoch gibt es diese Menschen, die sich ihre Erlebnisse im Leben durch das Ausleben von Kontrolle oder Kontrollverlust erträglich machen wollen/müssen, sich nur dadurch selbst lebendig fühlen. Ich empfinde das als erschreckend und traurig beobachtet zu haben, dass sich viele Opfer seelischer oder körperlicher Gewalt immer wieder bewusst diesem Kontrollverlust aussetzen, damit sie sich in ihrer Opferrolle bestätigt fühlen oder ihren Körper überhaupt noch wahrnehmen. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass alles das wovor man Angst hat, einen magisch anzieht. 

Leider ist es auch mir lange nicht gelungen, zu mir selbst und meinen Bedürfnissen zu stehen. Bei Anderen war für mich immer alles akzeptabel, das sich in einem legalen Rahmen bewegt hat. Nur bei mir selbst war ich überkritisch, verängstigt durch meine eigenen Vorstellungen. Mir einzugestehen, dass ich mich diesbezüglich eins zu eins mit all den Charakteren in meinem Buch identifizieren kann, hat mich viel Überwindung gekostet. Aber es war eigentlich am Ende keine Frage mehr ob ich das so gegen meine eigene Blockade so schreibe, sondern nur noch wie. Es ist eine Illusion anderen Menschen Ratschläge zu geben, ohne sich dabei ehrlich selbst zu konfrontieren. Der Weg war für mich eine absolute Konfrontationstherapie, hat mich oft zweifeln lassen. Erst als ich meine Texte meiner Mutter gezeigt habe und die nicht schockiert war, fing ich an zu begreifen, dass es tatsächlich peinlicheres in einem Leben gibt, als eine bedrohliche, peinlich-lustige und unkonventionelle Geschichte über Liebe, Drogen, Sex und Depressionen.

Weil ich sonderbare Geschichten liebe und seit je her in meinem Kopf sehr viel Zeit verbracht habe, war es mir ein Anliegen, nicht nur die Sprache, sondern vor allem den emotionalen Inhalt auf einem höchstmöglichen Niveau an Respekt und Kreativität zu halten. Den verbalen Verfall meiner Protagonisten nutze ich als Stilelement und Ausdruck des Verlorenseins, in dem sie sich befinden. Außerdem ist Blümchensprache auch im realen Leben kein Zündfaktor für eine aufregende und intime Geschichte. Für mich jedenfalls. Meine Texte sind irgendwie idealistisch, verzweifelt, tiefschwarz und trotzdem oft unerwartet humorvoll. Ein Scheitern mit Lichtblick, ein liebevolles Fremdschämen und im menschlichen Miteinander hoffentlich ungeschönt auf den Punkt. Vielleicht auch ein bisschen grenzwertig in der Art, wie ich meine Protagonisten handeln lasse, ohne dabei szenarische Extreme zu beschreiben wie Charlotte Roche es z.B. getan hat. Auch diese Autorin hat sich und ihre eigenen Komplexe durch ein radikales Buch verarbeitet. Ob das ankommt oder nicht, ist Geschmackssache. Von all dem Gelaber über ihr Buch mal abgesehen, finde ich es mutig, sich so einem Shitstorm auszusetzen. Das ist seelische Auslage im Warengeschäft des gesellschaftlichen Verrisses. Kann und wird mit mir wohl auch passieren, trotzdem musste es raus aus meinem Kopfkino.


Irgendwann bin ich nicht mehr da und es ist mir egal, wer was über mich gesagt hat. Aber ein paar anderen Menschen wird es nicht egal gewesen sein, was ich gesagt habe. Man kann es als Autor so oder so nicht der ganzen Welt recht machen. Man kann es nur sich selbst recht machen und ich glaube das habe ich nach 1200 Seiten Mind Games, Dirty Talk, Depressionen, Lebensentwürfen und Verzweiflung auch getan. Es mir selbst recht gemacht. Mich selbst kuriert und befreit.

An diesem Abend habe ich meinem Freund aus meinem zweiten Buch vorgelesen und am Ende ein angenehm bestätigendes Gespräch über die Hintergründe der Geschichten aus meinem Kopfkino geführt. Er erzählte mir dabei, wie er selbst den Zugang zu seinen Bedürfnissen gefunden hat und welche Probleme das mit sich gebracht hat. Er hat dabei zu hundert Prozent meine Auffassung der Dinge getroffen.

Der Devote (untergeordnete) Teil einer Partnerschaft/Begegnung ist für uns demnach in einem gesunden BDSM-Miteinander der stille Machtinhaber, der den Rahmen absteckt. Er gibt nur während der Handlung die Kontrolle ab, kann aber jederzeit abbrechen. Der Dominante (übergeordnete) Teil hat so viel Freiraum, wie der Andere ihm zugesteht. Die Grenze ist ein Safe-Word oder Ähnliches, das man vorab vereinbart hat. Es ist zwar im besten Fall unnötig, weil es nie zur Sprache kommt, aber dennoch Unabdingbar. Wenn dieses Wort oder was auch immer man als Grenze festgelegt hat geäußert wird, ist der Rahmen ausgefüllt, die Grenze wird gerade für den Partner in irgendeiner Hinsicht überschritten. Man erwartet das Wort als dominanter Part eigentlich gar nicht, sagt mein Freund. Denn vermeintlich kennt man den Partner, kennt die Grenzen und dann stellt man fest, dass dem anscheinend nicht so ist. Es geht ja nicht um das bewusste Ausnutzen eines Menschen, es soll Spaß machen, beiden gefallen. 


Kommt das Safe-Word tatsächlich, verschwimmt diese Grenze und man fühlt sich unfähig den Rahmen erkannt zu haben. Meinem Freund ist das tatsächlich und leider passiert, dass die Partnerin das Safeword gesagt hat. Die Folgen waren für beide verheerend. Zweifel kamen auf, ob man durch die Auslebung seiner Bedürfnisse das Richtige tut. Man stellt sich wichtige, existenzielle Fragen und schmiert dabei leichter ab, als es einem lieb ist. 

War das ernsthafte Gewalt? Habe ich selbst für mich die Kontrolle verloren?

Man möchte dem Partner den man liebt und oder respektiert ja keinen Schaden zufügen, den er selbst nicht tragen kann und selbst verlangt. Insbesondere seelischer Natur, denn da soll gar keiner entstehen. Ungeahnt schnell führt ein Mangel an Absprache und Selbsterkennung zu einer massiven Belastung für die Beziehung. Dient mein Bedürfnis nur der Gewaltbefriedigung oder hat das noch mit einem Spiel zu tun? Wenn man das Safe-Word tatsächlich hört, fühlt man sich schlecht, sagt er und ich kann das leider gut nachvollziehen. Menschen neigen dazu mehr zu ertragen, als sie sollten und sind oft innerlich blockiert nein zu sagen. Hätte ich eher nein gesagt, wäre meine ganze Entwicklung anders verlaufen. Ehe man sich versieht, ist das Vertrauen zu sich selbst und dem Partner zerstört und aus Spaß wird bitterer Ernst, das Gefühl gegen den eigenen Willen benutzt worden zu sein. Man kann Respekt nicht verwerfen, nur weil man eine Frau schlägt, sagt mein Freund. Auch wenn das für viele Menschen absurd klingt, man muss die Person an sich respektieren, sich selbst und die eigenen Grenzen dabei kennen. Vor allem muss man sich die eigenen Ängste und Zweifel eingestehen. 


Die Erkenntnis darüber, in welcher Rolle man sich bewegen will muss vorhanden sein. Normal geartete Menschen sind nicht dominant weil sie jemandem aus Eigennutz weh tun wollen, sondern aus dem eigenen Bedürfnis zu bestimmen, plus dem Genuss dessen von Seiten des Partners, ein positives Gefühl ziehen. Die Kontrolle des dominanten Parts bezieht sich auf das Bestimmen der Handlung, bei der der submissive Part diese abgibt. Betrachtet man dies jedoch als Gesamtkonstrukt, hat der submissive Part aber die Kontrolle über den Rahmen, den er selbst vorab festgelegt hat. Somit ist er nicht hilflos gegenüber ungewollten Übergriffen, die dann unter Vergewaltigung fallen. 

Jemand der auf Teufel komm raus seine Bedürfnisse durchdrückt ohne den Partner zu respektieren, ist schlichtweg Dumminant, findet mein Freund und bewegt sich im Bereich Gesetzeswidrigkeit. Zwischen Dominant und sadistisch befindet sich oft nur ein schmaler Grenzpfad, der umso extremer der Sex ist, auch desto schneller verschwimmen kann. Ähnlich wie bei mir und meiner Erkenntnis über meine Grenzen, war es bei meinem Freund ein Lernprozess, ein Sammeln von Erfahrungen, die die eigenen Bedürfnisse über Jahre klar herauskristallisiert haben. Das sind vor allem partnerabhängige Ereignisse, die sich manchmal einfach ergeben.
Das Eine führt zum Anderen, situationsabhängige Reaktionen. Da ereignet sich zum Beispiel ein Klaps auf den Hintern, darauf folgt dann die Befassung mit dem Thema Hintern versohlen. Daraus resultieren Fragen, wie warum stehe ich darauf, was gibt mir das und wieso? Ist das der Wunsch nach ernsthafter Degradierung oder die Ästhetik einer beidseitig erfüllenden Situation? Es geht uns Beiden bei diesen Dingen ums Egostreicheln, die Freiwillige Hingabe eines Partners an den Anderen. Kein Ausnutzen gegen den Willen könnte uns zufriedenstellen, der Partner muss das genießen und wollen. Der Reiz an Dingen wie zum Beispiel Ohrfeigen oder Ähnlichem ist in diesem Fall die Adrenalinausschüttung und nicht der Schmerz an sich. 

Aber Schmerz ist schnelle Adrenalinausschüttung und Adrenalin ist ein massiver Erregungsbeschleuniger. Somit ist Schmerz ein direkter Katalysator für Erregung.

Es macht einen massiven Unterschied ob ich einer Frau den Hintern versohle, oder ob ich sie auspeitsche, denn daran hätte ich keine Freude. Die Relation der Verletzung zum Adrenalin passt dabei nicht mehr, sagt er. Beide Parts müssen eine gemeinsame Schnittmenge haben, ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen. Sobald man etwas nur für den Anderen tut obwohl es einem selbst ein ungutes Gefühl macht, gehen die Vertrauensbasis und der Spaß daran verloren. Natürlich entwickelt man Bedürfnisse weiter, das geht nicht von heute auf morgen, man erkennt keine Schnittmenge, nur weil man eben mal ein Buch über das Thema gelesen hat und sich nun vorstellen kann, dass einem XYZ gefallen könnte. 


Das ist ein komplexer Prozess, eine Basis die nur mit viel reden und Ehrlichkeit geschaffen werden kann. Leider ist das bei der Allgemeinheit und gerade bei dem Teil, der sich neu mit dem Thema befasst, oft nicht auf dem Schirm. Da Sex mit erweiterten Bedürfnissen allerdings zurzeit massiv trendet, ist es mir ein Bedürfnis noch vor der Veröffentlichung meiner Bücher darüber zu reden. Dieses Thema ist auch nur ein Teil meiner Geschichte, soll aber bitte nicht als Effekt verstanden werden, sondern als offene Kritik an unserem fehlenden Überblick der Konsequenzen unseres Handelns. 

Die Seele ist schwer zu reparieren und schon gar nicht zu ersetzen. 

Mir ist es auf jeden Fall ein Bedürfnis, den Menschen einen fairen Umgang mit sich selbst und anderen nahezulegen. Aus Erfahrung weiß ich, wie schnell man zerbrechen kann und der Mensch den man liebt, einem Angst machen kann.



Vielleicht und hoffentlich erscheinen meine Bücher dieses Jahr noch, mit den Verlagen ist es ja wie mit fast allen Stellen in Deutschland. Bürokratie und so ...

* Helmut Wolkenwand - Der Müllmann / PIPER