Montag, 29. Februar 2016

Kontrolle über das eigene Leben

"Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren" 
Karl Lagerfeld


Was ist schon Kontrolle? Haben wir sie jemals? Unser ganzes Leben ist ein einziger Zwiespalt aus Kontrolle abgeben und Kontrolle übernehmen. Annehmlichkeiten gegen Kontrolle. Mehr oder weniger freiwillig. Oft in Form von Freiheit gegen Geld und im Schlafzimmer, dort, wo der Rest der Gesellschaft nicht zusieht, wenn man schwach sein will, um sich stark zu fühlen ... 
Ist das Kontrolle über unser Leben? Unsere Ideale gegen ein bisschen vermeintliche Sicherheit zu tauschen? Was bin ich bereit zu geben, um diese oberflächliche Kontrolle zu haben?

Letzten Freitag wurde mir meine kleine, bürgerliche Kontrolle in mindestens einer Hinsicht wieder mal genommen. Auf dem Weg zur Arbeit ist mir an einem zweispurigen Kreisel kurz vor Frankfurt ein Auto aufgefahren. Ich stand an der Haltelinie, wartete den Verkehr im Kreisel ab, ahnte nichts, es tat einen riesigen Schlag, mein Auto wurde nach vorne geschoben. Wie in Trance bin ich ausgestiegen, habe nach und nach realisiert, dass ich pleite bin, mir kein neues Auto leisten kann, meine Tochter hinten hätte drinnen sitzen können, mein Genick weh tut, mir kalt ist, die Polizei kommen wird, ich nicht arbeiten kommen kann … 


Tausende Dinge haben im Schnelldurchlauf meinen Kopf überflutet und das was am Ende übrig blieb, war die Hilflosigkeit. Ich war nicht daran schuld und fühlte mich trotzdem schuldig. Daran, dass ich keine Reserve habe, mir mal eben ein neues Auto zu kaufen, weil dieses mit Sicherheit ein wirtschaftlicher Totalschaden geworden war. Mit dem Krankenwagen wurde ich in die Uniklinik gebracht, weil mein Genick nicht ok war. Mein Auto holte der ADAC ab und mit jeder weiteren Stunde nach dem Unfall wurde ich wütender. Ich war außerhalb meines gewünschten Kontrollbereichs und der wurde schon ziemlich oft massiv beeinträchtigt.

Warum habe ich damals nicht die Prüfungswiederholung eingeklagt? Wieso habe ich kein langweilig-sinnfreies, aber erfolgversprechendes Fach studiert? Wieso habe ich meine Seele nicht an ein hässliches Unternehmen mit sektenartigen Ideologien verkauft? Immerhin könnte ich jetzt vielleicht locker einen fetten BMW fahren, einen Jaguar oder mir von meinem Balkon aus den Taunus ansehen. Ich müsste mir keine Sorgen machen, wie ich im nächsten Monat meine lächerlichen Fixkosten zahle, ob ich mir ein Fitnessstudio leisten kann, ob die Tasche ihre fünftausend Euro wert ist, meine Tochter die besten Ausbildungsmöglichkeiten hat, ich mir dieses Jahr oder in den nächsten zehn Jahren einen Urlaub leisten kann … Viele dieser Gedanken schwirren schon lange durch meinen Kopf. Ja, all das hätte so kommen können. Ich bin halbwegs clever, kann mich in Szene setzen, fachlich überzeugen, meine Seele verkaufen. Wozu? Geld macht nicht gesünder, zärtlicher oder weniger einsam. Nein, ich hätte es gerne, weil ich eine seltsame Form von Hedonismus liebe. 


Ich hasse angepasst sein, wollte nie ein Teil der oberflächlichen Welt ohne Herz für echten Individualismus sein. Jedoch reizen mich die Privilegien dieser Welt, denn ich weiß ein gutes Auto, einen guten Wein und exzessive Momente zu schätzen, wenn sie sich über ihre Eigenschaften und nicht nur über ihren Namen auszeichnen.

Darüber hinaus liebe ich den Moment der Anarchie, den ich zelebriere wenn ich mich in solchen Kreisen einfach als mich selbst geben kann. Wenn meine Seele nackt ist, ich mich treiben lasse, den Absturz genieße und die Schattenseiten der Menschen dieser Gesellschaftsschicht für mich selbst ans Licht bringe. Sozialstudien, meist wenn ich nicht damit rechne. Diese Menschen sind gefangen in sich, ihrer Welt und den selbstauferlegten Zwängen der Konvention. Nirgendwo sonst gibt es mehr Verrat, Selbstzweifel, Größenwahn und seelischen Ausverkauf, als hier. 

Meine Ohren sind der Schoß einer Mutter, in den sich die Beichten und Sehnsüchte dieser Menschen legen.

Ich habe nie ein Interesse an Zerstörung anderer Teilnehmer dieses Spiels gehabt. Oft bin ich das Sprungbrett in ein neues Becken, öffne Türen und Fenster, berate und unterstütze. Immer nur als das Phantom, der Geist und die Stimme der Vernunft, nie als Partner. Ich passe nicht in diese Welt, meine Haut ist bunt, ich habe einen sturen Dickkopf, bin idealistisch, zu kreativ und zu emotional um mich in ein solches Gesellschaftskorsett zu fügen. Aber ich bin deshalb auch immer fast pleite.

Ich habe mich mal bei unserer Heimspielfluggesellschaft beworben, weil ich wusste, dass das was sie gesucht haben, zu einhundert Prozent mein Ding war. Ich konnte das einfach, was sie wollten, kam durch alle Tests. Problemlos. Ich hatte im Vorfeld angesprochen, dass ich ein winziges Tattoo am Handgelenk habe. Es war kein Problem, bis ich es noch einmal angesprochen habe. Auf einmal war das nicht mehr in Ordnung und meine Bewerbung, die eigentlich schon durch war, endete an diesem einen Satz. Mit meiner Armbanduhr konnte man es nicht einmal sehen, so klein ist es. Egal. Raus. Prinzip. Dabei beneide ich die Einheitshörnchen nicht, sie sehen irgendwie auch über die Kleidung hinaus alle gleich aus, das ist corporate ID. Diese gestriegelten Weibchen in Uniform, groß und schlank, viele von ihnen gesegnet mit einem klassisch hübschen und klaren Gesicht, so gefällig, dass sie in jeder Esprit-Kampagne erfolgreich wären. 

Eine Kollegin von mir, die 28 Jahre lang selbst Flugbegleiterin war, nennt sie Roast Chicken - die saftschubsenden, Saftey-Ballett-tanzenden Hohlbrot-Tussis, die mit den Koksnullen aus dem fliegenden Führerhäuschen am Stand ihre Bumspartys feiern und sich erhoffen, mal einen von denen zu heiraten. Braungebrannte (Roast Chicken), alkoholkranke, großkotzige und depressive Besserverdiener. Nicht alle, zum Glück.

Trotzdem - Nicht ich. Einfach nicht ich. Ich hatte schon immer dieses böse Etwas an mir, das, was andere beneiden oder hassen, sie unsicher macht und mich so gesellig wie beängstigend freaky wirken lässt. Ich bin authentisch. Ende. Kontrollverlust ist das eigentlich keiner, denn man hatte nie Kontrolle, sie wurde einem nur in Aussicht gestellt. Was will ich also? Ich will die Kontrolle über die Gestaltung meines Lebensstandards, aber nicht über mein Leben.

Und genau DAS geht einfach nicht. Ich suche den Kompromiss, indem ich schreibe und komponiere, mich und meine Gedanken befreie. Immer in der Hoffnung irgendwann davon zu leben, damit ich auf lange Sicht nicht meine Seele an einen Konzern verhökern muss. Eigentlich liebe ich den Kontrollverlust, denn ich lasse mich gerne fallen. Nur eben nicht dann, wenn es mir andere diktieren. Vielleicht sollte ich diesen ungewollten Verlust an Selbstbestimmung nutzen, um mir immer einen Plan B zurecht zulegen, ohne mich dabei verrück zu machen. Einen Plan B, der kurzfristige Unzufriedenheit als Chance integriert. Als Chance, mich anderen Dingen zu widmen, die mir Kontrolle bringen. Es ist ein Anlauf nehmen, ein Einatmen. Für den Moment, an dem ich entweder scheitere und mich füge, oder mich lossage, von diesen Zwängen und den Spagat zwischen Sicherheit und Freiheit geschafft habe. 

Es bleibt abzuwarten und bis dahin bin ich weiterhin der stille und besorgte Beobachter dieser (Geld)-Scheinwelt und kann mir doch hier und da ein Schmunzeln und die Freude über diese nicht nehmen lassen. Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich ein Fenster und vielleicht ist das in Ordnung für mein Karma, dass ich eben durch den Unfall wieder von vorne anfangen muss und nach meiner mühsam erkämpften Fähigkeit Autobahn zu fahren, wieder bei Null anfange. Agoraphobie - Platzangst. Dabei habe ich keine Angst vor dem Fahren an sich, ich werde einfach manchmal nur reizüberflutet und ich drohe dann ohnmächtig zu werden, vor Adrenalin. Angst habe ich nie. Nur im Flugzeug. Zumindest war das bis zum letzten Flug immer so. Noch habe ich Hoffnung.

Ich bin es irgendwie leid, dass mir mein Kopf vorschreibt, was ich kann und was nicht. Vielleicht ist es aber auch nicht selbstverständlich, dass wir problemlos mobil sind, vielleicht ist das schon ein Privileg und ich sollte jeden guten Tag und jedes Bisschen Autofahrt einfach dankbar hinnehmen. Vorerst.

"Es gibt auch Menschen, die legen sich an den Strand und warten dort, dass die Inspiration zu ihnen kommt. Nur kommt die Inspiration nicht einfach an den Strand" 
Ebenfalls Karl Lagerfeld

Mein Tag endet mit einem Grinsen. Roast Chicken - Wie sie darauf wohl kam. Die Pool Party und den Alkohol nehme ich kommentarlos. Den Jaguar auch. und Inspiration. Die kommt bei mir aber definitiv auch an den Strand ...

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