Mittwoch, 10. Februar 2016

Schon gehört? Tandrin von Mechanical Moth über die Musikindustrie

Es wird mal wieder Zeit ein Gespräch aufzugreifen. Eines, das ich über einen sehr präsenten Teil meines Lebens geführt habe, nämlich über Musik. Seit nunmehr fast zehn Jahren kenne ich Tandrin, den Macher des sich immer wieder neu erfindenden Soundtracks seiner Seele. Bekannt ist er vor 14 Jahren in der Goth-Szene mit dem Hauptprojekt Mechanical Moth geworden, hat später auch die Bands Spirit of DNovastorm und NEO gegründet, nebenbei eine ganze Symphonie komponiert und arbeitet nach dem abgebrochenen Anglistik-/Germanistikstudium heute erfolgreich als Mediengestalter. 

Tandrin suchte 2007 eine neue Sängerin für die Motte und ein Bekannter von mir fragte bei mir an. Eine lineare Geschichte und 2009 erschien das Rebirth-Album, auf dem ich bis auf einen Song die Lead-Vox übernommen, sowie jede Menge getextet habe. Noch heute bin ich Tandrin dankbar, dass ich durch ihn und meine damalige Gesangskollegin Salacity so viel gelernt habe. Erster Plattenvertrag, Doppelseitenbericht im Orkus, unter die vierzehn besten, weiblichen Goth-Stimmen gewählt worden, erste Konzerte, jede Menge Spaß im Studio und harte Arbeit. Ich habe gelernt mich zu konzentrieren und meiner Stimme einen emotionalen Fokus zu geben. 2010 trennten sich unsere Wege vorerst, er engagierte aus persönlichen Gründen eine andere Sängerin und ich gründete zusammen mit einem anderen ehemaligen Bandmember mein eigenes Projekt namens Stratoscope.

Tandrin selbst hat mit neun oder zehn angefangen Gitarre zu spielen, wollte dabei aber eigentlich Klavier oder Cello lernen. Zu teuer, kam es aus der Elternfraktion. Mit sechzehn wechselte er dann auf E-Gitarre, spielte in einer Rock-Punk-Coverband und kam dann ein paar Jahre später in ein Projekt namens Abused Poetry. Die Band war vielversprechend, aber nachdem der Proberaum abgesoffen war, löste sie sich auf. Kurz darauf beschloss Tandrin, all seine Songs für immer festhalten zu wollen, damit sie nicht verloren gehen. Ziel war dabei etwas zu hinterlassen, sich in der Welt zu verewigen. Der Umstieg von der E-Gitarre auf Elektro kam automatisch, als er sich mit dem Thema Aufnahmemöglichkeiten auseinandersetzte. So kam über die Empfehlung eines Bekannten, Cubase als Arbeitsprogramm hinzu, gefolgt von ersten Experimenten mit VSTs und Elektrobeats. Es dauerte nicht lange und die Sängerin Matricide fand den Weg zu Tandrin. Hintergrund der Musik war immer die Selbstreflexion, Ausdruck des eigenen Lebens, ein permanenter Innenwelt-Außenweltabgleich, nie ein politisches Statement. 


Die Musik ist philosophische Auseinandersetzung mit der Welt, stellt die Geschichte der Gefühle für Tandrin eins zu eins dar. Dabei hält er die Texte vage, jeder soll sich selbst damit identifizieren können. Für Tandrin geht es immer nur um das Grundthema, die Konfrontation mit dem emotionalen Genre, selten um eine explizite Situation. In der Zeit als ich für die Motte gesungen habe, war das anders. Meine Texte sind konkretes Tagebuch und haben einen ganz anderen Drive in dieses Album gebracht, als geplant. Worum es uns aber beiden ging, war die Darstellung eines komprimierten Gefühls des Augenblicks. Es geht oft um Selbsthass, Melancholie, dazwischen schwankt die Intensität der Extreme. Es ist ihm egal ob der Text aussagt wer traurig ist. Er, der Zuhörer, jemand fremdes. Es geht um das Gefühl Trauer, die emotionale Basis, eine offene Erzählperspektive. Tandrin hat die Erfahrung gemacht, dass seine Musik entweder auf Beerdigungen läuft, oder die Leute im Denken berührt, auf eine intensive Art bewegt.

TANDRIN Pic by Tandrin

Der Weg zum ersten Album war kein leichter, denn Tandrin hat sich alles selbst erarbeitet, wie so oft ist er ein Autodidakt. Das technische Verständnis kam durch unendlich viel Zeit und Konzentration, die er bis zur Erschöpfung hineingesteckt hat. Talent sei ein kürzerer Weg, sagt er und beteuert, dass er dieses nicht hat. Es gab also kein „Bing“, keine Weisheit, die auf einmal da war, alles war mühsam erkämpft und hat über Ausprobieren kleine Erfolge gebracht.

Veröffentlichung von Musik ist für Tandrin wie ein Drogenrausch, die fertige CD in der Hand zu halten wie ein O(h)rgasmus. Dass er nach jedem Album in einem Hoch war und sich die Euphorie nicht verkneifen konnte, kann ich sehr gut nachvollziehen. Dabei ist das keine Arroganz, sondern ein absolutes im Reinen mit sich sein. Dieser Zustand hält dann bei ihm eine Weile an, man zehrt davon, bis der Drang nach Verwirklichung wieder rein kickt. Wie bei jedem Drogenrausch tritt aber irgendwann der Gewöhnungseffekt ein und das Ziel eines einzigen Albums im Leben war bereits erfüllt. Das Abschlussgefühl bleibt zwar, erklärt er, aber das Produkt wird magielos, verliert den Effekt des Rausches, Plastik und Papier verbleiben. Neue Ziele, neue Alben und neue Elemente folgten. Konstruktive Kritik ist immer erwünscht, stellt er klar, man wird ja sonst irgendwann vielleicht betriebsblind und Geschmäcker sind ja verschieden.

Tandrin sagt, er beobachtet zunehmend den Verfall von Kreativität. Bands verdrehen sich, wollen ihren Debuterfolg steigern, verlieren sich dabei in Experimenten und dem selbst auferlegten Zwang nach Veränderung. Dabei wären sie vielleicht einfach genau mit dem gut, was sie angefangen haben. Zweimal denselben Berg zu erklimmen hat laut ihm keinen Reiz mehr. Die Zeiten haben sich geändert, man bastelt ein, zwei Jahre an einem Ding und haut es raus. Es passiert nichts danach und ständig gibt es einen, der was besser kann als man selbst. Es gibt viele Leute die einen kennen, aber die Anerkennung fehlt irgendwann. Auch die Goth-Szene ist nicht mehr dynamisch, findet er, hat massiv an Wert eingebüßt, finde ich persönlich. Auch hier ist die Selbstverständlichkeit des Konsums schon lange angekommen und zerstört die Basis für Kunst. Wenn Dinge kostenlos oder günstig sind, denkt der Konsument es kann ja nicht schwer gewesen sein, etwas hergestellt zu haben, sagt Tandrin. Dabei muss man immer was reinstecken und am Ball bleiben, es hört nie auf anstrengend zu sein. Damals hat man sich noch selbst gefeiert, wenn man mal in einer Zeitung war, heute ist das irgendwo ein Muss, um nicht vergessen zu werden.

Unser Gespräch wird melancholisch, die aufregenden Zeiten sind irgendwie vorbei, für uns Beide. 



REBIRTH pic by Mechanical Moth 2009


Was die Veränderung der Musikszene hervorgerufen hat, frage ich Tandrin. Er sagt, früher hatte man einen ganzen Stab an Helfern, die eine Band am Laufen gehalten haben. Da waren viele Leute beteiligt, damit aus einem Haufen talentierten Rabauken eine Marketingmaschine wie z.B. Guns N´ Roses oder Depeche Mode wurde. Heute kann jeder Raubkopieren, sich selbst produzieren, wenn er clever ist. Die Einnahmen sind gesunken und somit auch der Aufwand pro Band. Musiker sind auf sich gestellt, so schnell wieder raus, wie sie erfolgreich wurden. Früher kamen Anfragen von außen, für Gestaltung und Organisation, heute muss sich der Künstler um alles selbst kümmern, nach außen hin anfragen. Im Schnitt sind es heute ein bis drei Personen, die sich um alles kümmern. Der Kuchen ist kleiner geworden und der finanzielle Aspekt dazu parallel geschrumpft.

Künstler haben heute mehr administrative Aufgaben, als dass sie tatsächlich kreativ sind. Das umfasst vor allem die Social Networks, die Promo, etc. Underground-Musiker haben immer den Spagat zwischen realer Jobwelt und Musik zu bewältigen. Heute machen das auch viele von den Bands, die bereits etabliert sind, im Radio laufen und bei großen Labels unterzeichnet haben, erklärt er. Tandrin schwimmt mit seiner Musik seit Anbeginn gegen den Strom, aber er schwimmt. Gerade ist er ausgebrannt, die Kreativität ist seit fünfzehn Jahren zum ersten Mal blockiert. All diese organisatorischen Dinge leitet er selbst, verausgabt sich zu 99% im Drumherum.

„Es ist schwer, wieder in den kindlichen Zirkus des Schaffens rein zu kommen, das neugierige Vorsichhindudeln wieder zu erlangen. Früher war der Freundeskreis extrem wichtig, um bekannt zu werden“, merkt er an.

Naivität und Blindheit hat einen demnach davor geschützt, zu viele Selbstzweifel zu entwickeln. Denn es gibt seiner Meinung nach immer irgendein asiatisches Wunderkind, das es mit einem Mal besser kann und mehr Aufmerksamkeit erhält, als das, was man selbst geleistet hat. Tandrin glaubt, dass Musik für ihn nichts zum angeben ist, eher ein Save-Button, die klinische Perfektion der technischen Ausarbeitung nicht mehr maßgeblich. Viel mehr zählt für ihn heute die Übertragung des Gefühls, der Fokus liegt auf Authentizität. Irgendwann kommt der Moment im Leben eines Künstlers, an dem er sich so in die Perfektion rein steigert, dass sie die Seele des Werkes zu fressen droht.

„Der Wunsch nach Perfektion ist wie Geister sehen im eigenen Schaffen“


Die Suche nach dem perfekten Sound hat seiner Ansicht nach irgendwann ein Ende und das was aneckt, hat schon oft einen Kult ausgelöst. Das Publikum sei robust in seiner akustischen Fähigkeit. Mir als Sängerin wird das persönlich immer wieder bewusst, wenn ich in vermeintlichen Profi-Mixen großer Studios im Radio hässliches Einatmen und Schmatzen höre, die kein Stilelement sind. Da frage ich mich oft, was die überhaupt noch an Arbeit in eine Nachbearbeitung reinstecken. Aber das Publikum stört es ja nicht. Tandrin führt seinen Gedankengang fort, teilt mir mit, dass die Musikindustrie ein in sich geschlossener Kreislauf sei, in den die wenigsten Künstler einfach so von außen rein kommen würden. Bei den großen der Branche ist die Musik meist seelenlos bis ins letzte Detail geplant, sowie auch jeder Sturz auf der Bühne meist ein PR Gag sei.

Vermarktung von Musik sei heute anders als früher, die Künstler sind Produkte an sich, zum Beispiel Helene Fischer. Man muss sie nicht als Produkt mögen, aber das ist ihr Job, sich ganzheitlich zu vermarkten. Der Schritt von Kunst zu Kommerz ist auf jeden Fall klein, sagt er. Irgendwann glaubt er, wird dieser Stern der Industrie wieder untergehen und dann geht es wieder mehr ums Wesentliche, das Echte in der Musik. Man kann seine Seele ja ein bisschen verkaufen, weil Geld rein kommen muss. Zumindest, wenn man in der heutigen Musikmaschinerie bestehen will. Denselben Gitarren-Verstärker wie die Leute bei Helene habe er schon, merkt er lachend an.

Ich frage Tandrin, wie es weitergehen wird, mit der Musik. Eine romantische Theorie, von einem Musikerfreund aufgestellt, besagt, dass Musik wieder dahin gehen wird, wo sie herkam. Also damals, als sich nur die Reichen Musik leisten konnten. Das waren dann Auftragsarbeiten, bildende Kunst der Akustikszene, Musik hatte einen viel höheren Stellenwert und wurde nicht so nebensächlich konsumiert wie heute. Qualitätsmusik sei wieder im Kommen, wobei Qualität privatisiert werde. Exklusivität im Sinne des Wortes. Das ist irgendwie Prestige für die Momentaufnahme des Zeitgeistes, eine Symbiose, denn Künstler brauchen Konsumenten und die wiederum brauchen Input.

„Kunst mit allgemeinem Wert ist für die Oberschicht, Bli Bla Klatschischeiße schon immer fürs Volk“

Seine persönliche Horrorprognose hingegen beschreibt Tandrin abschließend als endgültigen Verfall des Wertes der Musik. Dabei solle man sich davon distanzieren, dass Musik generell als Kunst gelte. Erfolg ist in diesem Gedankengang zu sehr an den Geschmack der Allgemeinheit gekoppelt und am Ende ist Musik demnach kein Kunstwerk mehr, sondern nur noch Werk. Uns beiden wird am Ende des kleinen gedanklichen Ausflugs vor dem Abendessen auf jeden Fall klar, dass wir mal wieder zusammen Musik machen sollten, weil wir uns in so unterschiedliche Richtungen entwickelt haben. Manchmal bringen Abzweigungen im Leben neue Erkenntnisse und neue Spiritualität in den kreativen Prozess, der eigentlich nur darauf wartet, in die Gänge zu kommen.

Tandrins Musik war und ist für mich schon von Anfang an noch echte Seelenkunst, nicht mehr und nicht weniger. Unverfälscht, irgendwie im Zeitgeist angekommen, aber am Kommerz vorbei. Vor allem war sie lange Ausdruckplattform für mich selbst und meine wirren Gedanken. In diesem Sinne: 

Danke für diese Tür, die drei Jahre gemeinsame Arbeit, die WG und unseren persönlichen Neustart!

TANDRIN Pic by Tandrin


http://www.mechanicalmoth.de/





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