Montag, 22. Februar 2016

Selbstfindung und Neugierde - Was hat Liebe damit zu tun?

What´s love got to do with it? Genau das das hat sich schon die gute Tina vor Jahren gefragt und meine Antwort darauf lautet: eine ganze Menge. Es gibt diese kleine Gruppe an Menschen in unserem Leben, die für jeden von uns eine ganz besondere Funktion erfüllt. Sie haben alle etwas gemeinsam, denn sie suggerieren einem genau das zu sein, was man vermeintlich zum aktuellen Zeitpunkt benötigt. Sowohl psychisch, als auch physisch. Irgendetwas Wichtiges für die persönliche Entwicklung interpretiert man in sie hinein, projiziert Erwartungen an das eigene Leben auf sie und geht dem Wunsch nach Erfahrungen und Erkenntnissen nach. Dabei sind solche Personen vor allem eines:

Emotionale Brandbeschleuniger.


Ob das nun durch den Wunsch nach Kontrolle im Leben - oder vielleicht auch Kontrollverlust - verursacht wird, diese besonderen Menschen zu treffen, lasse ich hierbei offen. Es ist ja nur ein Gedanke, aber ich vermute, dass die Neurosen und Traumata dieser Personen einfach bestmöglich die eigenen ergänzen oder überlagern, uns aufzeigen, welche Rolle wir in unserem Miteinander einnehmen wollen und oder müssen, um uns selbst treu zu bleiben. Gerade heute habe ich einen Artikel gelesen, in dem es um die Verlagerung im Beuteschema geht * Ich habe das als Anlass genommen, mich in dieser Aussage zu suchen, die beschreibt, wie sehr wir mittlerweile auf Bildungsstand anstatt Optik und Heimchenfaktor achten. Nun ja, all diese Faktoren die dazu beitragen, dass wir uns verlieben sind Variablen, die subjektiven Bewertungsmechanismen unterliegen. Weil mich genau diese Frage schon lange beschäftigt, setze ich ein persönliches Erlebnis in die Gleichung ein und mache mir Gedanken darüber, ob der Faktor Liebe tatsächlich berechenbar ist.

Nur ein Wort. Overdrive. Übersteuerung. Genau das beschreibt ziemlich gut, was sich einmal innerhalb von drei Wochen in meinem Leben abgespielt hat. Mit für meine Verhältnismäßigkeit angrenzender Gleichgültigkeit, habe ich meinen Hintern von meinem Platz am Gang in der zweiten Reihe erhoben. Ich zog meinen Handgepäckkoffer langsam hinter mir durch den Gang, mir war fast alles egal. Sonst wäre ich die zwei Wochen vor dem Flug, den gesamten Flug und noch ewig danach mit Albträumen beschäftigt gewesen. Diesmal kam es anders und ich bin bereits gewillt, mir das Ende meiner brutalen Flugangst einzureden. Für mich als Agoraphobikerin ist Fliegen der Inbegriff des Teufelswerkes und trotzdem steige ich zum Leidwesen meiner mitreisenden Sitznachbarn, immer wieder ein. Sogar zweimal Australien und Neuseeland waren schon dabei. Dieses Mal habe ich weder geheult, noch war ich auf dem Rückflug auf dem Klo. Aber nach dem, was ich zuvor erlebt hatte, ist auch einfach kein Platz mehr für großartige emotionale Eskalationen gewesen. Ich bin zum mentalen Körpertetris zu einem fremden Menschen geflogen. 


Ich war jetzt ausgebrannt, würde ich behaupten. Wenn auch ein bisschen melancholisch behaftet, was ich aber aufgrund meiner Liebe zu ebendieser nicht schlimm fand. Ich fragte mich beim Aussteigen auf dem Vorfeld wieder einmal mehr nach der Sinnhaftigkeit, Menschen kategorisch zu bewerten und zu beurteilen. Schubladensystem. Dabei muss ich grinsen, weil keiner der hier Anwesenden die kleinen dreckigen Geheimnisse in meinem emotionalen Gepäck sehen kann. Sie sind vor allem Souvenirs auf meiner Haut und stehen für ein ziemlich körperliches Wochenende.

Was passiert also, wenn all die Kriterien, die wir für eine persönliche Partnerwahl haben, erfüllt sind? Bedeutet das ein Instantverliebtgefühl? Offensichtlich nicht, denn sonst wäre uns genau das passiert. Rein logisch gesehen müsste sich bei Erfüllung aller emotionalen und seelischen Bedürfnisse, frei von Bedenkzeit ein kontrollbefreites Bindungsgefühl einstellen. 


Dem ist aber nicht so. Liebe folgt ihrem ganz eigenen System und scheißt dabei auf biologische Regeln, Vernunft und jegliche Sinnhaftigkeit. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es völlig irrelevant ist, einen Menschen nach den selbstgesteckten Voraussetzungen für eine Partnerschaft zu beurteilen. Nicht einmal der Geruchsfaktor ist hierbei alleiniger Entscheidungsträger der Situation. Auch Sex ist das nicht, der ist im besten Fall einfach Instantgratifikation eines Teilbedürfnisses. Es ist vielmehr der aktuelle Zustand an emotionaler Stabilität, der über den Verlauf einer Begegnung entscheidet.

Ich hatte da diesen sonderbaren Menschen kennengelernt, der alleine aus einer objektiven Sichtweise heraus schon für die meisten Frauen nach Verdammnis roch. Beste Voraussetzungen für eine Katastrophe nach Schema F. Allerdings haben wir uns nicht persönlich, sondern über die Aussagen unserer Texte kennengelernt und ich wollte gar keine körperliche Nähe. Der erste, entscheidende Moment war also befreit von optischer, olfaktorischer und akustischer Beeinflussung. Es ging nur um Meinung und die Beurteilung derer. Mein Fazit von ganz am Anfang hat sich dabei auch nach dem Realitätsmoment eines persönlichen Treffens nicht verändert. Im Nachhinein sogar traurig, denn mein Bauchgefühl lag einfach richtig. Ausnahmsweise wundert mich das einfach mal nicht. Da ich aber ein positiv verstrahlter Mensch bin und noch immer an die Unberechenbarkeit meines Karmas glauben möchte, gab es die Vermeidung einer Kollision nicht.

Es folgten drei Wochen schreiben, telefonieren und persönliche Gegenstände per Post verschicken. Da war definitiv eine Menge Begierde im Spiel und die Option auf Zerstörerpärchen des Jahrhunderts werden war auch vorhanden. Alle Zeichen standen prinzipiell positiv auf Weltuntergang. Umso verwirrter war ich – vielleicht auch wir beide – als wir dann nach 24 Stunden nackter Realität, First Kiss auf Alkohol im Bus und den ausbleibenden Kritikpunkten feststellten, dass sich diese kranke, emotionale Verblendung einfach nicht eingestellt hatte. Und wir hatten sie uns beide gewünscht. Aus Prinzip, weil wir beide wissen, wie krankhaft intensiv sich Liebe anfühlen kann. KANN. Nur für einen Moment kam da ein seltsam überdrehter Anfall von Euphorie bei mir auf, der sich aber schon ziemlich bald wieder gelegt hatte, weil der Effekt mit Nichterwiderung schlagartig verblasste.

Was war da passiert? Es gab nichts, über das wir uns beschweren konnten, nichts hatte gefehlt und nirgends sind wir aneinander angeeckt. Es gab keine ersichtlichen Störfaktoren, der Sex war mehr als gut, fast schon bedrohlich harmonisch vertraut und nichts in irgendeiner Art und Weise fremd. Vermutlich war es einfach zu perfekt, zu glatt und harmonisch. Ich glaube, der Faktor, der über diesen Zustand der absoluten Crazyness entscheidet, hat nichts mit rational behafteter Erfüllung von Ansprüchen an die Kompatibilität eines Partners zu tun. Es ist die Herausforderung an das Unüberwindbare, die Neurosen des Anderen, dessen Dreckecken und die Magie des Moments, die diesen Zustand hervorrufen. Ein angenehmer Kontrollverlust in die Unrettbarkeit, die man erfährt, wenn man sich zu einhundert Prozent in seinem eigenen Todesurteil fallen lässt. Wider den Verstand, gegen alle Regeln der Vernunft. 


Nur so entsteht dieser Rausch, der leider oftmals tatsächlich in der Katastrophe endet, weil wir dazu neigen, uns ein unüberbrückbares Ungleichgewicht an Land zu ziehen. Das, was Menschen von meiner und seiner Sorte wohl zu brauchen scheinen, ist ein Partner, der potenziell denselben Level an Intellekt und die Veranlagung zur gleichgestellten Herzensbildung haben könnte, diese aber aufgrund einer emotionalen Blockade oder psychischen Störung nicht erreichen. Zumindest nicht alleine. Es ist die Hoffnung auf Seelenheil, das uns vertrauen und Halt geben lässt. 

Sowohl meine Teilzeitkatastrophe, als auch ich neigen beide dazu, genau solche Menschen zu begehren, weil wir die nahende Katastrophe lieben und die sind wir wohl nicht füreinander, denn wir entschleunigen uns beide gegenseitig irgendwie. Es ist die Mischung aus Verantwortung für den Anderen, die Liebe zum bittersüßen Schmerz des Scheiterns und der Hoffnung auf eine Wende zum Guten hin, die uns unheilbar verliebt macht. Wir sind beide kaputte Reparierer, Altruisten mit einem unglaublich starken Gravitationsfeld an Eigenwahrnehmung und Pflege unserer eigenen Neurosen, liebevoll verpeilte Egoisten und so beständig unstet, dass wir nach ganz eigenen Regeln des inneren Halts funktionieren. 

Ich würde in meinem Fazit nicht wagen zu behaupten, dass wir zu gesund füreinander wären, weil das einfach nicht stimmt. Wahrscheinlich sind wir nur zu pragmatisch dran gegangen, um diesen Overkill an Crazyness zulassen zu können. Unsere Gespräche waren zu sehr auf Sicherheit ausgelegt, zu wenig auf Exzess. Der Freiraum für Interpretation, den Mythos, haben wir uns durch das intensive Reden verbaut, haben uns aber dafür ganz gut kennengelernt, so, wie es sich eigentlich gehört, bevor man mit beiden Beinen in die Scheiße springt. Somit war der Effekt des Wahnsinns bereits von Anfang an irgendwie gebremst, was aber zufolge hatte, dass wir ein anderes, sehr intensives Verhältnis zueinander entwickelt haben. 

Das, was diese irrationale Verliebtheit ausmacht, ist meist doch genau das Gegenteil von Vernunft, es ist dieser erste Moment an hormoneller Verblendung, der einem die Macken und Nachteile des Anderen auf eine Art und Weise schmackhaft macht, dass man sie als abenteuerliche Herausforderung gar nicht ausschlagen kann. Ob das dann Bestand hat, zeigt sich durch den Alltagstest, der meist aber keine hilfreichen Resultate liefert, da wir zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr loslassen wollen. Das ist Abhängigkeit vom Abgrund, eine ungesunde Symbiose aus Hoffnung und Frustration, die den Effekt nur noch verstärkt. Man verliert die Größe der Hürden aus dem Blick, bis sie einen überrollen. Meist in einem sehr hässlichen Ende.

Ich habe Liebe auf den ersten, zweiten, dritten und gar keinen Blick erlebt und kann getrost sagen, dass nichts auf dieser Erde einem statischen System unterliegt und schon gar keinem emotionalen Terminismus. Deshalb bleibt es auch weiterhin spannend für mich, denn egal was passiert, es wird einen Effekt auf mich haben. Der einzige Fehler ist es doch, an einem Bild von einem Menschen festzuhalten, das er vielleicht nicht mehr ist. Man muss diese Momente der Magie einfach so annehmen, wie sie erscheinen und vor allem nicht versuchen, sie einzufangen. Magie war noch nie rational erfassbar und das ist vielleicht auch gut so, denn sonst wäre sie eben keine und was wäre eine Welt ohne Magie?

Im Nachhinein muss ich ein bisschen schmunzeln, weil ich mir sicher bin, es wäre massiv anders gekommen, hätten wir uns rotzevoll in einer Bar kennengelernt. Dann hätte ich in ihm den mysteriösen, unnahbaren und cleveren Lebenskünstler mit Hut und Porno-Attitüde gesehen, an dem stetig der Geruch von Frauen und exzessiver Verdammnis klebt. Wahrscheinlich hätte er dann im Gegenzug in mir die emotional unfähige Schriftstellerin gesehen, die ewig auf der Suche nach sich selbst und Inspiration ist. Wir hätten und bis an den Rest unseres Lebens auf Puffbrause begattet und dabei über Gedichte und Drogenerfahrungen philosophiert, uns Namen für unserer zehn Kinder ausgedacht und auf sämtliche Konventionen geschissen, während wir mit unserer Freifick-Hippibude die Nachbarn immer gegen uns aufgebracht hätten. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Nichtsdestotrotz sehe ich in genau diesem Mann noch immer auch genau dieses Extrem. Einen äußerst manipulativen Menschen, der mit seiner fast schon bedrohlich intensiven, natürlichen und erotischen Aura, jeglichen Raum einfach ausfüllt, den er betritt. Wortlos. Auch wenn er sagt, die wilden Zeiten der Drogen-Alkohol-Frauen-Exzesse seien vorbei, so ein ganz dezenter Hauch dieses rastlosen Rumhurens, hängt noch immer an ihm. Nur ein ganz dezenter Schleier, der sich beim näheren Betrachten in die ewig währende, fast schon pubertär-infantile Suche nach sich selbst und einem Zuhausegefühl in der Welt, auflöst. 


Vielleicht ist es gerade dieser massiv entschärfte Aspekt der möglichen Macht, die ein solcher Mensch auf andere ausüben könnte, der mich so fasziniert und meine Laune erhellt. Ich kenne das Potential dieses Menschen und genieße beinahe mit boshafter Freude die Vorzüge eines solchen Katalogs an Erfahrungen, die so ein Leben als Philosophen-Hure so mit sich bringt. Absolute Befreitheit von Komplexen, eine wortlose und gemeinsame Körpersprache und die Möglichkeit, sich auf viel mehr als nur eine physische Bewegung einlassen zu können. Das ist irgendwie ein Mindgame ohne Dominanzgehabe, völlig frei von emotionaler Konkurrenz. Freier Fall für die Seele, mehr nicht. Top.

Die Tatsache, dass besagter Mann seine nicht gerade wenigen Frauen nicht als Trophäen bezeichnet, sondern als numerisch undokumentierte Sammlung an Erfahrungen, hinterlässt ein entspanntes Lächeln auf meinem Gesicht. Ein Lächeln über die Vielzahl an Gemeinsamkeiten in unseren Gedankengängen und Handlungen, die teilweise recht extremen körperlichen und seelischen Bedürfnisse, die wir teilen und die Ehrlichkeit, mit der wir uns beide auf allen Ebenen begegnet sind.

Auch, wenn es immer traurig ist, diesen Moment der Magie aufzulösen, es bleibt trotzdem das angenehm warme Gefühl einer unersetzbaren, maximalintensiven Erfahrung und die Gewissheit, dass nichts im Leben statisch bleibt. Was heute nicht ist, kann in zehn Jahren noch, oder auch nie kommen. So wie mit jedem Menschen, der im Laufe unseres Lebens unsere Wege kreuzen wird. Erkenntnisse sind immer nur eine Momentaufnahme und so auch die Liebe und das Verliebstein, deren Regeln einfach nicht rational berechenbar sind. Uns macht das glücklich, was uns zerstört und uns ödet das an, was vermeintlich am besten zu uns passt. Es ist einfach so, da muss man keine Studien darüber führen, nach welchen Kriterien wir die Pheromone eines anderen Menschen beurteilen. Das Gesamtkonzept ist so komplex, dass wir es einfach nicht beeinflussen sollten. Das Leben lässt sich einfach nicht gerne in die Karten schauen und vielleicht ist das auch einfach gut so. Wo es einen magischen Moment gab, wird es vielleicht auch irgendwann wieder einen geben, wenn auch mit jemand anderem. Und Magie sollte ihrer Undurchschaubarkeit einfach nicht entledigen.

Das durchaus pornöse Frühstück im Bett nehme ich übrigens jederzeit wieder, auch ohne den Rest.



*http://m.dw.com/de/beuteschema-wie-w%C3%A4hlen-wir-wen-wir-lieben/a-19051159

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