Montag, 1. Februar 2016

Verspäteter Sonntagstext - warum ich in drei Romanen auch über BDSM und Depressionen geschrieben habe

Gerade vor Kurzem habe ich einen sehr bewegenden Text über ein Paar gelesen, das gemeinsam den früheren sexuellen Missbrauch der Frau verarbeitet hat. Weil mich das so beschäftigt hat und ich aus Erfahrung leider sagen kann, dass Missbrauch weit vor dem Körperlichen schon anfangen kann, möchte ich diesen Text schon jetzt und nicht erst in einem halben Jahr veröffentlichen. Es liegt mir am Herzen, meinen Gedanken zu diesem Thema zu formulieren, weil es meine eigenen Bücher zu einem gewissen Teil tangiert und die gerade fertig geworden sind.

Diese Woche war ein Freund bei mir zu Besuch, den ich fast zwei Jahre nicht gesehen habe. Manchmal ist das Leben einfach vollgepackt mit Ereignissen und obwohl man gar nicht so weit voneinander entfernt wohnt, schafft man es nicht, sich mal zu treffen. Große Freude, das übliche einstündige Gespräch über die Neuerungen, die man im Leben des jeweils anderen verpasst hat. Irgendwann erzähle ich von meinen Büchern, die ich letztes Jahr endlich geschrieben habe. Worum es dabei geht, möchte mein Freund wissen und lässt mir freundlicherweise den Freiraum zum weit ausholen. Ich erkläre es geht um Frankreich, Deutschland, Bezüge zur klassischen Literatur, seelischen Ausverkauf, Selbstzerstörung, zwangsläufig falsch getroffene Entscheidungen und jede Menge körperliches Mit- und Ineinander. Warum ich in meinen ersten zwei Büchern aus der Trilogie viel und ungeschönt über Sex geschrieben habe, ist weniger ein Ausdruck von beabsichtigter Effekthascherei, als eine persönliche Verarbeitung meines Lebens und meiner Beobachtungen. 


Sex bindet Menschen aneinander, verändert die Beziehung zwischen ihnen massiv und trägt im Wesentlichen dazu bei, wie wir uns in bestimmte Richtungen entwickeln. Es ging mir irgendwann auf die Nerven, dass so unglaublich viel über das Thema geredet und geschrieben wird und doch wird es irgendwie unter- oder überbewertet. Meist auf eine sehr lieblose und degradierende Weise. Dabei erhebe ich nicht den Anspruch, den ultimativ intellektuellen Sex zu schreiben, sondern etwas, das ich in dieser Form tatsächlich in der Welt der Geschichten vermisse und in der einen oder anderen Variante auch ähnlich so erlebt habe. Ich habe einfach Freude an erotisch-humoristischer und ehrlicher Sprache. Mir ging es um die Lösung einer persönlichen Blockade in mir, die Aufarbeitung einer verbalen Wand, gegen die ich viele Jahre gelaufen bin. Das ist etwas Echtes, Authentisches aus mir selbst und vor allem etwas verstörend Intensives für mich.

Ursprünglich wollte ich einen Krimi schreiben, weil ich schon immer mal an meine Phantasiegrenze kommen wollte. 2009 habe ich also an einem Plot gearbeitet und ihn nach ein paar Wochen meinem damals sehr guten Freund und Schriftsteller gezeigt. Da der selbst schon eine Menge Bücher geschrieben hat, wollte ich eine konstruktive, kritische Meinung. Die Geschichte sei ganz gut, ich soll sie schreiben, empfahl er mir. Gesagt, getan. Ich setzte mich dann letztendlich erst 2011 dran, schrieb die ersten dreißig Seiten in Word und hing fest. Krimi ohne Ahnung von Ermittlungen, polizeilichen Abläufen und Justiz liegt mir irgendwie nicht, stellte ich fest. Ich war unendlich gefrustet und habe das Manuskript einfach fast fünf Jahre lang auf der Festplatte vergammeln lassen. Aber es ging mir nie aus dem Kopf, dafür fand ich die Story selbst zu herausfordernd. Irgendwann fragte mich mein Schriftstellerfreund nach dem Stand und ich musste leider zugeben, kläglich im schwarzen Loch der Schreibblockade versackt zu sein. Seine Antwort hat mich brutal vernichtet. „Wenn du die Story nicht schreibst, werde ich es tun!“, hat er mir angedroht. Weil ich seine Aussagen ernst nehme und er kein Mann der leeren Worte ist, habe ich direkt mal fett Panik bekommen. 


Daraufhin habe ihm aus Trotz und Ehrgeiz meine Fertigstellung versichert und fieberhaft nach einer Lösung gesucht. Während ich mein Buch im Kopf in alle Richtungen habe weiterlaufen lassen, schrieb er selbst einen Krimi. Inspiriert von meiner Geschichte, erschien im folgenden Jahr sein meiner Meinung nach bestes Buch. Ein Offenbach/Frankfurt-Lokalkrimi. Ich bin Muse, stelle ich gerade fest und freue mich. *

Im Frühjahr 2015 kam meine Schwägerin zu Besuch und hat mir etwas über eine Person aus ihrem Umfeld erzählt. Ganz nebensbei. Das hat in mir unerwartet so einen Geistesblitz verursacht, dass ich innerhalb von einem Tag den kompletten Ablauf der Geschichte im Kopf hatte. Wahrscheinlich kann das jeder Autor nachvollziehen, was ich mit kreativem Adrenalinrausch meine. Innerhalb von neuneinhalb Wochen war mein erster Band fertig und ich erschrocken darüber, was in meinem Kopfkino alles abläuft. Aber schlimmer noch, ich war desillusioniert von meiner Ansicht über Beziehungen, weil ich beim Schreiben feststellen musste, dass ich als meine Protagonistin leider genauso gehandelt hätte. Neuneinhalb Wochen intensive Arbeit, in denen ich kaum geschlafen, kaum gegessen und kaum in der realen Welt gelebt habe. Alles hat unter meinem Kopfkino einen Stillstand erlitten. Meine Ehe, mein soziales Umfeld und meine vorherige Selbstwahrnehmung. Aus dem Krimi wurde eine unkonventionelle Beziehungskatastrophe, ein neuzeitliches Drama. Nein, eine Dramödie.

Verfasst in zeitgenössischer Sprache. Die Kernaussage ist die mangelnde Weitsicht unseres Handelns, verpackt in nackte Tatsachen. Vier Wochen Pause und Band zwei ging mit einem anderen Erzähler an den Start, war innerhalb von sechs weiteren Wochen fertig geschrieben.

Während ich geschrieben habe wurde mir bewusst, wie sehr ich jahrelang selbst in der mangelnden Selbstreflexion festgesteckt habe und mich daraufhin auf eine sehr seltsame Weise neu organisiert. Ich musste mir eingstehen, dass ich mit Ende zwanzig selbst meine Grenzen nicht kannte, zu oft Ja gesagt habe, meine Seele nicht ausreichend geschützt und meinen Körper mit zu wenig Respekt behandelt habe. Und warum? Weil ich nicht rechtzeitig darüber gesprochen habe, dass ich als Kind lange belästigt wurde und mir das Ausmaß dessen damals nicht ersichtlich war. Zum Glück leide ich nicht an einem Trauma, weil ich mich damals dazu entschlossen habe, mich nicht als Opfer sehen zu wollen. Allerdings hat sich meine Entwicklung dadurch massiv verzögert. Im Endeffekt war ich erwachsen und hatte ein ziemlich intensiv ausgeprägtes Interesse am Thema nacktes Miteinander, war jedoch unfähig mit meinen Bedürfnissen auf der gesellschaftlichen Ebene eine Einheit zu werden. Kurzum: ich war verklemmt.

2012 saß ich am Flughafen in Dublin fest und habe mir aus mangelnder Alternative den ersten Teil von Shades of Grey gekauft. Weil ich das Thema schon sehr lange als wichtig für unsere Gesellschaft empfinde, habe ich tatsächlich alle drei Bände auf Englisch gelesen. Mein Fazit dazu war zwiegespalten. Jain. Auf der oberflächlichen Ebene trifft diese Reihe den Zeitgeist, denn es werden Tabuthemen gebrochen und mit der in uns schlummernden Phantasie aus der gesellschaftlichen Grauzone gespielt. Soweit so gut, es wurde eh mal langsam Zeit für ein offenes Gespräch über dieses Thema. Als ich die Bücher damals gelesen hatte, dachte ich mir nicht viel dazu. Halbwegs lesbar, sprachlich für mich zu langweilig und thematisch an der Realität vorbei, aber ganz gut zum Zeit totschlagen, diese Bücher haben bestimmt viele Frauen mit der Hand in der Hose gelesen. 


Erst als ich selbst anfing zu schreiben, begann mein Gehirn diese Bücher neu zu bewerten. Mir wurde bewusst, dass hier meiner Meinung nach ein ganz besonderer Faktor nicht ausreichend thematisiert wurde. Es geht bei dem ernstzunehmenden Thema BDSM nicht darum das eigene Sexleben zu beflügeln, Neues zu probieren und sich vermeintliche Neigungen einzugestehen. 

Es geht um die Bewusstmachung von für die Allgemeinheit normabweichenden Bedürfnissen, deren Ursprung und einen reflektierten Umgang mit sich selbst und seiner Umwelt

Natürlich kann man als Pärchen mit ödem Sexleben in den Baumarkt gehen, sich irgendwelche spannend aussehenden Utensilien kaufen und zuhause experimentieren. Was dabei aber in den meisten Fällen völlig hinten runter fällt ist die Tatsache, dass es gar nicht darum geht mal darüber zu reden was man sich vorstellen könnte und währenddessen dann nein oder stopp zu sagen, wenn es nicht mehr passt. Die meisten Menschen wissen erfahrungsgemäß gar nicht, wo sie stopp sagen müssten, um sich selbst nicht zu schaden. Wie oft habe ich jetzt schon gehört, dass die Geschichte wohl gefloppt wäre, wenn der Typ nicht reich und gutaussehend gewesen wäre. Mag sein, ich teile diese Auffassung. Dabei kritisiere ich nicht die Geschichten von E. L. James an sich, denn jede Geschichte und jedes Kopfkino hat für mich eine Daseinsberechtigung. Lediglich die fehlende Aufklärung bezüglich der emotionalen Folgen einer solchen Beziehung zu sich selbst und einem Partner fehlt mir hierbei. 

Die Realität sieht eben in weiten Teilen genau so aus. Ungeschönt, nicht reich und auch nicht romantisch überzogen. Seit vielen Jahren bewege ich mich in Kreisen, in denen BDSM zum Leben gehört wie Zähneputzen. Dabei geht es nicht um Zurschaustellung von möglichst krassen Tabus, nicht um den möglichst großen Kick an Erfahrungen. Es geht im Allgemeinen um emotionale Grundbedürfnisse, Kontrolle und Kontrollverlust, Vertrauen und die Suche nach Seelenfrieden. Die wenigsten Menschen die ich kenne, die sich in dieser Szene (Wobei ich schon alleine den Begriff Szene nicht wirklich mag) bewegen, sind weder ein reicher Mr. Grey noch eine unerfahrene Ana Steele. Sie sind Familienväter, Studenten, Hausfrauen, Rentner, Durchschnittsbürger. Oft mit einer massiv belasteten Vorgeschichte. Natürlich sind vereinzelt auch die Besserverdiener auf Koks dabei, die ihre Betriebsfeiern mit Blackjack und Nutten verbringen. Aber im Großen und Ganzen sind sie alle „normal“. Und mit Normal meine ich auch normal. Integriert, lebensfähig und –lustig, haben ganz konservative Vorstellungen von einem erfüllten Leben. 

Was aber immer wieder (nicht zwingend!) auftaucht, ist das Thema seelischer und körperlicher Missbrauch. Ich kenne eine Menge Menschen, die auf normabweichenden Sex stehen, die keine psychischen Störungen und Traumata hinter sich haben. Dennoch gibt es diese Menschen, die sich ihre Erlebnisse im Leben durch das Ausleben von Kontrolle oder Kontrollverlust erträglich machen wollen/müssen, sich nur dadurch selbst lebendig fühlen. Ich empfinde das als erschreckend und traurig beobachtet zu haben, dass sich viele Opfer seelischer oder körperlicher Gewalt immer wieder bewusst diesem Kontrollverlust aussetzen, damit sie sich in ihrer Opferrolle bestätigt fühlen oder ihren Körper überhaupt noch wahrnehmen. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass alles das wovor man Angst hat, einen magisch anzieht. 

Leider ist es auch mir lange nicht gelungen, zu mir selbst und meinen Bedürfnissen zu stehen. Bei Anderen war für mich immer alles akzeptabel, das sich in einem legalen Rahmen bewegt hat. Nur bei mir selbst war ich überkritisch, verängstigt durch meine eigenen Vorstellungen. Mir einzugestehen, dass ich mich diesbezüglich eins zu eins mit all den Charakteren in meinem Buch identifizieren kann, hat mich viel Überwindung gekostet. Aber es war eigentlich am Ende keine Frage mehr ob ich das so gegen meine eigene Blockade so schreibe, sondern nur noch wie. Es ist eine Illusion anderen Menschen Ratschläge zu geben, ohne sich dabei ehrlich selbst zu konfrontieren. Der Weg war für mich eine absolute Konfrontationstherapie, hat mich oft zweifeln lassen. Erst als ich meine Texte meiner Mutter gezeigt habe und die nicht schockiert war, fing ich an zu begreifen, dass es tatsächlich peinlicheres in einem Leben gibt, als eine bedrohliche, peinlich-lustige und unkonventionelle Geschichte über Liebe, Drogen, Sex und Depressionen.

Weil ich sonderbare Geschichten liebe und seit je her in meinem Kopf sehr viel Zeit verbracht habe, war es mir ein Anliegen, nicht nur die Sprache, sondern vor allem den emotionalen Inhalt auf einem höchstmöglichen Niveau an Respekt und Kreativität zu halten. Den verbalen Verfall meiner Protagonisten nutze ich als Stilelement und Ausdruck des Verlorenseins, in dem sie sich befinden. Außerdem ist Blümchensprache auch im realen Leben kein Zündfaktor für eine aufregende und intime Geschichte. Für mich jedenfalls. Meine Texte sind irgendwie idealistisch, verzweifelt, tiefschwarz und trotzdem oft unerwartet humorvoll. Ein Scheitern mit Lichtblick, ein liebevolles Fremdschämen und im menschlichen Miteinander hoffentlich ungeschönt auf den Punkt. Vielleicht auch ein bisschen grenzwertig in der Art, wie ich meine Protagonisten handeln lasse, ohne dabei szenarische Extreme zu beschreiben wie Charlotte Roche es z.B. getan hat. Auch diese Autorin hat sich und ihre eigenen Komplexe durch ein radikales Buch verarbeitet. Ob das ankommt oder nicht, ist Geschmackssache. Von all dem Gelaber über ihr Buch mal abgesehen, finde ich es mutig, sich so einem Shitstorm auszusetzen. Das ist seelische Auslage im Warengeschäft des gesellschaftlichen Verrisses. Kann und wird mit mir wohl auch passieren, trotzdem musste es raus aus meinem Kopfkino.


Irgendwann bin ich nicht mehr da und es ist mir egal, wer was über mich gesagt hat. Aber ein paar anderen Menschen wird es nicht egal gewesen sein, was ich gesagt habe. Man kann es als Autor so oder so nicht der ganzen Welt recht machen. Man kann es nur sich selbst recht machen und ich glaube das habe ich nach 1200 Seiten Mind Games, Dirty Talk, Depressionen, Lebensentwürfen und Verzweiflung auch getan. Es mir selbst recht gemacht. Mich selbst kuriert und befreit.

An diesem Abend habe ich meinem Freund aus meinem zweiten Buch vorgelesen und am Ende ein angenehm bestätigendes Gespräch über die Hintergründe der Geschichten aus meinem Kopfkino geführt. Er erzählte mir dabei, wie er selbst den Zugang zu seinen Bedürfnissen gefunden hat und welche Probleme das mit sich gebracht hat. Er hat dabei zu hundert Prozent meine Auffassung der Dinge getroffen.

Der Devote (untergeordnete) Teil einer Partnerschaft/Begegnung ist für uns demnach in einem gesunden BDSM-Miteinander der stille Machtinhaber, der den Rahmen absteckt. Er gibt nur während der Handlung die Kontrolle ab, kann aber jederzeit abbrechen. Der Dominante (übergeordnete) Teil hat so viel Freiraum, wie der Andere ihm zugesteht. Die Grenze ist ein Safe-Word oder Ähnliches, das man vorab vereinbart hat. Es ist zwar im besten Fall unnötig, weil es nie zur Sprache kommt, aber dennoch Unabdingbar. Wenn dieses Wort oder was auch immer man als Grenze festgelegt hat geäußert wird, ist der Rahmen ausgefüllt, die Grenze wird gerade für den Partner in irgendeiner Hinsicht überschritten. Man erwartet das Wort als dominanter Part eigentlich gar nicht, sagt mein Freund. Denn vermeintlich kennt man den Partner, kennt die Grenzen und dann stellt man fest, dass dem anscheinend nicht so ist. Es geht ja nicht um das bewusste Ausnutzen eines Menschen, es soll Spaß machen, beiden gefallen. 


Kommt das Safe-Word tatsächlich, verschwimmt diese Grenze und man fühlt sich unfähig den Rahmen erkannt zu haben. Meinem Freund ist das tatsächlich und leider passiert, dass die Partnerin das Safeword gesagt hat. Die Folgen waren für beide verheerend. Zweifel kamen auf, ob man durch die Auslebung seiner Bedürfnisse das Richtige tut. Man stellt sich wichtige, existenzielle Fragen und schmiert dabei leichter ab, als es einem lieb ist. 

War das ernsthafte Gewalt? Habe ich selbst für mich die Kontrolle verloren?

Man möchte dem Partner den man liebt und oder respektiert ja keinen Schaden zufügen, den er selbst nicht tragen kann und selbst verlangt. Insbesondere seelischer Natur, denn da soll gar keiner entstehen. Ungeahnt schnell führt ein Mangel an Absprache und Selbsterkennung zu einer massiven Belastung für die Beziehung. Dient mein Bedürfnis nur der Gewaltbefriedigung oder hat das noch mit einem Spiel zu tun? Wenn man das Safe-Word tatsächlich hört, fühlt man sich schlecht, sagt er und ich kann das leider gut nachvollziehen. Menschen neigen dazu mehr zu ertragen, als sie sollten und sind oft innerlich blockiert nein zu sagen. Hätte ich eher nein gesagt, wäre meine ganze Entwicklung anders verlaufen. Ehe man sich versieht, ist das Vertrauen zu sich selbst und dem Partner zerstört und aus Spaß wird bitterer Ernst, das Gefühl gegen den eigenen Willen benutzt worden zu sein. Man kann Respekt nicht verwerfen, nur weil man eine Frau schlägt, sagt mein Freund. Auch wenn das für viele Menschen absurd klingt, man muss die Person an sich respektieren, sich selbst und die eigenen Grenzen dabei kennen. Vor allem muss man sich die eigenen Ängste und Zweifel eingestehen. 


Die Erkenntnis darüber, in welcher Rolle man sich bewegen will muss vorhanden sein. Normal geartete Menschen sind nicht dominant weil sie jemandem aus Eigennutz weh tun wollen, sondern aus dem eigenen Bedürfnis zu bestimmen, plus dem Genuss dessen von Seiten des Partners, ein positives Gefühl ziehen. Die Kontrolle des dominanten Parts bezieht sich auf das Bestimmen der Handlung, bei der der submissive Part diese abgibt. Betrachtet man dies jedoch als Gesamtkonstrukt, hat der submissive Part aber die Kontrolle über den Rahmen, den er selbst vorab festgelegt hat. Somit ist er nicht hilflos gegenüber ungewollten Übergriffen, die dann unter Vergewaltigung fallen. 

Jemand der auf Teufel komm raus seine Bedürfnisse durchdrückt ohne den Partner zu respektieren, ist schlichtweg Dumminant, findet mein Freund und bewegt sich im Bereich Gesetzeswidrigkeit. Zwischen Dominant und sadistisch befindet sich oft nur ein schmaler Grenzpfad, der umso extremer der Sex ist, auch desto schneller verschwimmen kann. Ähnlich wie bei mir und meiner Erkenntnis über meine Grenzen, war es bei meinem Freund ein Lernprozess, ein Sammeln von Erfahrungen, die die eigenen Bedürfnisse über Jahre klar herauskristallisiert haben. Das sind vor allem partnerabhängige Ereignisse, die sich manchmal einfach ergeben.
Das Eine führt zum Anderen, situationsabhängige Reaktionen. Da ereignet sich zum Beispiel ein Klaps auf den Hintern, darauf folgt dann die Befassung mit dem Thema Hintern versohlen. Daraus resultieren Fragen, wie warum stehe ich darauf, was gibt mir das und wieso? Ist das der Wunsch nach ernsthafter Degradierung oder die Ästhetik einer beidseitig erfüllenden Situation? Es geht uns Beiden bei diesen Dingen ums Egostreicheln, die Freiwillige Hingabe eines Partners an den Anderen. Kein Ausnutzen gegen den Willen könnte uns zufriedenstellen, der Partner muss das genießen und wollen. Der Reiz an Dingen wie zum Beispiel Ohrfeigen oder Ähnlichem ist in diesem Fall die Adrenalinausschüttung und nicht der Schmerz an sich. 

Aber Schmerz ist schnelle Adrenalinausschüttung und Adrenalin ist ein massiver Erregungsbeschleuniger. Somit ist Schmerz ein direkter Katalysator für Erregung.

Es macht einen massiven Unterschied ob ich einer Frau den Hintern versohle, oder ob ich sie auspeitsche, denn daran hätte ich keine Freude. Die Relation der Verletzung zum Adrenalin passt dabei nicht mehr, sagt er. Beide Parts müssen eine gemeinsame Schnittmenge haben, ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen. Sobald man etwas nur für den Anderen tut obwohl es einem selbst ein ungutes Gefühl macht, gehen die Vertrauensbasis und der Spaß daran verloren. Natürlich entwickelt man Bedürfnisse weiter, das geht nicht von heute auf morgen, man erkennt keine Schnittmenge, nur weil man eben mal ein Buch über das Thema gelesen hat und sich nun vorstellen kann, dass einem XYZ gefallen könnte. 


Das ist ein komplexer Prozess, eine Basis die nur mit viel reden und Ehrlichkeit geschaffen werden kann. Leider ist das bei der Allgemeinheit und gerade bei dem Teil, der sich neu mit dem Thema befasst, oft nicht auf dem Schirm. Da Sex mit erweiterten Bedürfnissen allerdings zurzeit massiv trendet, ist es mir ein Bedürfnis noch vor der Veröffentlichung meiner Bücher darüber zu reden. Dieses Thema ist auch nur ein Teil meiner Geschichte, soll aber bitte nicht als Effekt verstanden werden, sondern als offene Kritik an unserem fehlenden Überblick der Konsequenzen unseres Handelns. 

Die Seele ist schwer zu reparieren und schon gar nicht zu ersetzen. 

Mir ist es auf jeden Fall ein Bedürfnis, den Menschen einen fairen Umgang mit sich selbst und anderen nahezulegen. Aus Erfahrung weiß ich, wie schnell man zerbrechen kann und der Mensch den man liebt, einem Angst machen kann.



Vielleicht und hoffentlich erscheinen meine Bücher dieses Jahr noch, mit den Verlagen ist es ja wie mit fast allen Stellen in Deutschland. Bürokratie und so ...

* Helmut Wolkenwand - Der Müllmann / PIPER

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