Dienstag, 1. März 2016

Apathisch // Eine Kurzgeschichte (FSK)

Nicht zum ersten Mal seit ich sie kenne, bekommt sie diesen apathischen Gesichtsausdruck. Anfangs dachte ich immer, es würde ihr einfach nicht gut gehen, wenn sie so aussieht. Dabei geht es ihr nie besser, als in diesen Momenten. Die Schranke ist noch unten, der Motor aus. Im Auto sind es gefühlte dreißig Grad, die Sommerluft steht seit Tagen stickig über der Stadt. Ihr Blick geht leer geradeaus auf die Gleise, ins Dunkel der Nacht. Meine rechte Hand verlässt wie ferngesteuert das Lenkrad und berührt ihren Arm. Sie ist völlig in ihrer Welt verloren. Erst, als meine Finger sanft ihren Hals hinauf streichen, neigt sie den Kopf zum Fenster. Dabei gehen ihre Augen zu und ihre Lippen lösen sich entspannt voneinander.

Mein Blick hat ebenso keinen Fokus, ruht auf ihrem Schoß, meine Hand bewegt sich fast von alleine über ihren Körper. In meinem Kopf ist die Erinnerung an den Anfang der Nacht, ihren besitzergreifenden Blick beim Essen. Fast schon boshaft hat sie mich damit verfolgt und mir meinen Standpunkt in ihrem Universum klargemacht. 

Ich bin alles für sie und der Rest der Welt hat für mich gefälligst ein Nichts zu sein. 

Mit der halb vollen Flasche Rotwein in der Hand hat sie zwei Stunden später in einem zwielichtigen Etablissement auf mir gesessen. Kein Bordell, ein Fetischclub. Ausgelassen – aber nie stillos – bewegt sie sich auf mir und lässt sich im Rhythmus der Musik gehen. Was hier geschieht, verlässt nicht den Raum nach draußen, in die echte Welt. Weder dass sie die Kontrolle in die Hände einer Flasche Wein legt noch dass sie mir aus purer Freude ihr Gesicht hinhält. Keine der Ohrfeigen ist Demütigung für sie, eher kleine Adrenalinbeschleuniger, die sie schneller zum Höhepunkt bringen. Dabei reagiert sie manchmal über, ohrfeigt mich reflexartig zurück, schmunzelt dann über ihre eigene Impulsivität und freut sich darüber, mich zu verwirren.

Eigentlich hat sie immer das Zepter in der Hand, aber es macht ihr keinen Spaß Befehle zu erteilen. Sie befiehlt lediglich, welche empfangen zu wollen. Es hat sie noch nie gestört, dass wir beobachtet werden. Hier ist unser verbotener, kleiner Kosmos an Freiraum, den wir uns erlauben. Fernab von jeglicher Kontrolle durch Bewertung. Was macht das mit einem, so emotional, wenn man sich so nackt macht? Nackt im Sinne von emotional ausliefern. Was anderes ist es ja nicht, wenn man sich an moralisch fragwürdigen Orten unter Beobachtung anderer Sonderlinge zur Schau stellt, während das reale Leben, das man führt, zuhause koexistiert.
Kontrolle.
Wenn auch nur für einen Moment. Sie hat sie mehr über mich, als ich es anfänglich erwartet hatte. Wann immer sie auch will, bricht sie meine Moralvorstellungen und benutzt mich als ihren Spiegel der Selbstreflexion. Dafür gibt sie manchmal nur ihr sicheres Umfeld einer Privatsphäre auf. Aber wieso sollte sie diese auch brauchen, wenn sie dafür im Austausch meine grenzenlose Verletzlichkeit bekommt?

Meine Gedanken kommen zurück aus der Erinnerung und landen wieder bei ihrem apathischen Blick von eben. Sie bekommt ihn immer dann, wenn ihr Kopf übersteuert, ihr dreckiges Kopfkino Leinwandformat bekommt. Da verliert sie die Kontrolle über sich selbst und lässt sich in ihrer Erregung gehen. Die Auslöser dafür sind so unscheinbar, dass niemand die beinahe gewollte Hilflosigkeit gegenüber sich selbst bemerkt. Es sind Dinge die sie berührt oder die sie berühren, Bewegungen die sie macht oder Gerüche, denen sie nicht ausweichen kann. Oft passiert es dann, wenn sich unsere Wege erst gekreuzt haben, oder im Begriff sind, sich wieder zu trennen. Gerade trennen sie sich, denn der Weg führt zu ihr nach Hause. Dort lasse ich sie wie immer raus, bevor ich zurück in mein offizielles Leben fahre. Das Leben mit der anderen Frau, den Kindern und dem geregelten Tagesablauf, in den eine solche Unterwelt nicht reinpasst.

Bevor die Schranke oben ist, löst sich der Moment ihrer unersättlichen Sucht nach Spannung und Entspannung wieder auf. Ihre Augen gehen auf und treffen kurz auf die Melancholie in meinem Blick. Ihre Lippen berühren meine Finger, als wolle sie sich von ihnen verabschieden. Wieder ein Abschied auf unbestimmte Zeit. Unsere Treffen sind komprimierte Exzesse aus verzweifelter Suche nach Nähe, Verständnis und Hingabe. Kompromisslose Hingabe ist das, was sie am besten kann. Meist dann, wenn sie meine emotionalen Ausbrüche unkommentiert lässt. Wenn ich sie nicht mehr nur benutzen will, sondern aufrichtig lieben und sie meine sporadischen Heulanfälle beim Sex mit nichts, als einem liebevollen Lächeln auffängt. Diese Frau ist mein stilles Zentrum im Sturm, die Wand gegen die ich renne und der Teufel auf meiner Schulter, der eigentlich einen Heiligenschein trägt. Die Frau, die meine körperlichen und emotionalen Bedürfnisse kompromisslos teilt und versteht. Und dennoch wird sie nie die Eine sein, die alles von mir haben kann, weil sie in dieses Alles einfach nicht reingehört.


Zwei Leben, zwei Lieben und die bittersüße Sehnsucht nach einer Lösung des Dilemmas, die es einfach nicht geben wird. Zwei Vögel, gefangen in einem goldenen Käfig. Eier, der im Ausstellungsraum dieser Gesellschaft hängt. Eine Gesellschaft, deren Lügenkorsett einen nicht nur erdrückt und die Luft zum Atmen nimmt, sondern auch Stabilität gibt, um nicht zu zerbrechen.