Mittwoch, 13. April 2016

Alles Ansichtssache - Erzählperspektive meiner Bücher und deren Gestaltung

Kürzlich habe ich eine interessante Twitterunterhaltung über Erzählperspektive und Umfeldbeschreibungen geführt, die mich dazu inspiriert hat, mich mit meiner eigenen Erzählweise auseinanderzusetzen. Oft merken Leser Dinge an, die sich einem selbst total erschließen und anderen Probleme machen. Dass ich eine unkonventionelle Erzählerin bin, ist mir bewusst. Da ich aber auch ein unkonventionell denkender Mensch bin, konnte ich vielleicht gar nicht anders, als so zu erzählen.

Vor ziemlich genau fünf Jahren fing ich wieder an mit dem Schreiben. Mein erster Roman fiel 2002 einem Festplattenabsturz zum Opfer. Damals, als es so große externe Festplatten noch nicht gab und ich einen uralten kleinen PC hatte, der nichts konnte außer Floppy. Kaum mehr vorzustellen! Viele Jahre vergingen, ehe ich diese innere Wut überwunden hatte und mich ernsthaft wieder an ein Buch setzte. Mein langjähriger guter Freund Richard Schwartz ermutigte mich lange dazu, sagte dies sei ihm auch schon mal passiert. Wer ein echter Schreiberling sei, könne das verkraften. Recht hatte er irgendwie und nach vielen inneren Kämpfen begann ich zu schreiben.

Für mich war klar, ich schreibe so, wie ich es gewohnt bin zu lesen, nämlich in der Vergangenheitsform. Ist doch klar, ich erzähle eine Geschichte, also ist das rückwirkend. Oder? Ich fing also an das erste Buch von dreien aus Ingas Sicht zu schreiben. Es beginnt 2013 und eröffnet sich mit der Situation, dass sie an Amnesie leidet, anscheinend aus versehen entführt wurde, ihr Therapeut ihr rät, mit ihrem Leben aufzuräumen, weil sie keine Ordnung für den Kopf erwarten kann, wenn sie sich selbst keine schafft. Soweit so gut. Ich hatte 50 Seiten fertig, da gab ich das Skript meinem Freund Richard zu lesen. Seine Meinung bedeutet mir noch heute unglaublich viel, denn nach unzähligen veröffentlichten Büchern, hat er eine sehr kritische und professionelle Sichtweise zum Thema Textgestaltung erlangt.

Noch bevor er den Inhalt des Skripts kommentierte, legte er mir nahe, die Erzählform zu wechseln. Ich solle bei der ersten Person bleiben, aber in die Gegenwart wechseln. Verwirrung. Weshalb? Seine Begründung war logisch. Die Intensität der Wahrnehmung verändert sich. Man ist näher am Protagonisten dran, während man liest. Denn irgendwie hat man das Gefühl, die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Das leuchtete mir total ein und ich wagte den Versuch. Während ich schrieb, veränderte sich tatsächlich die ganze Geschichte und aus dem geplanten Krimi wurde etwas ganz anderes. Nämlich eine erotische Tragikomödie.

Ich stellte das Buch innerhalb von elf oder zwölf Wochen fertig und weil ich einen zweiten Teil schreiben wollte, ging ich ein erneutes Experiment an. In Ingas Buch geht es viel um ihren Exfreund Lukas, der sichvon ihr getrennt hat. Weshalb er das nach so vielen Jahren getan hat und sich dabei noch in sein Heimatland Frankreich verdrückt hat, war ihr nie wirklich klar. Also wollte ich für mich als Autorin selbst verstehen, weshalb er das getan hat. Ich begann Tagebucheinträge aus seinem Leben zu schreiben, damit ich mich als allwissender Autor mit ihm als Charakter besser auskenne.

Tadaaa - So ergab sich eine ganz neue Möglichkeit für mich. Teil 2 wurde dadurch automatisch zu Teil 3 verschoben und aus den Tagebucheinträgen wurde ein ganzes Buch. Klingt vielleicht nach Klischee, aber tatsächlich begann ich den Charakter Lukas mehr und mehr zu favorisieren, weil er so viel krassere Abgründe innehatte. Weil ich diese unkonventionelle Art, Geschichten zu erzählen selbst sehr mag, blieb ich auch dabei. Erste Person, Gegenwart. Aber reine Tagebuchform. Chronologisch. Sein Buch beginnt mit der Trennung im Jahr 2010. Die ersten 50 Seiten Word sind eine Erklärung seines inneren Konflikts, das, was dem Konflikt mit Inga später zugrunde liegt. Für den einen Testleser ist das eher unspektakulär, für den anderen bereits so voll mit Informationen, dass das Lesen ungewohnt anstrengend ist. Dabei liegt das nicht an der verwendeten Sprache an sich, sondern an der gedanklichen Perspektive.

Ich vermeide bewusst ausladende Beschreibungen von Landschaften, Umgebungen, Orten. Warum? Naja, wenn wir etwas erzählen, packen wir auch nicht immer solche Informationen hinein. Worum es uns bei der emotionalen Berichterstattung geht, ist meist ganz klar die Emotion daran. Wenn es allerdings von Nutzen ist, eine Beschreibung des Umfelds einzubringen, weil es um genau diese auch geht oder sie dem Ereignis dienlich ist, kommt sie natürlich vor. Was ich damit sagen möchte, ist folgendes:

Umso mehr ich die Wahrnehmung des Lesers von der Innenwelt eines so verkopften Protagonisten auf die Außenwelt lenke, desto eher stört es den Gedankenfluss.

Wie bei allen Büchern, ist auch meine Geschichte in der Erzählweise Geschmackssache, eine Frage der Lesegewohnheit und des Wunsches, sich mit einem Charakter auf eine sehr intime und ab und an verstörende Weise identifizieren zu können. Das was meine Bücher ausmacht ist eigentlich die Sprache an sich, nicht deren Rahmen. Dabei versuche ich bildgewaltige Gedankenlandschaften zu erschaffen, die ich ebenso liebevoll beschreibe, wie z.B. ein Fantasyautor seine Welten um die Charaktere herum. Und damit meine ich keineswegs die Fülle der Informationen der Gedanken, sondern deren Aussage. Ein konkretes Beispiel für die Sprache meines Protagonisten Lukas:

"Bei mir hat es so oft geschneit, wie bei meinem Bruder das Gras gemäht wurde ..."

"Glaubst du, dass du sie besser verstehst, wenn du ihren Ohrfeigen zuhörst, anstatt ihr welche zu erteilen?"

Leider irgendwie doch amüsant, wenn man bedenkt, dass es nicht so der Hit ist, sich die Probleme weg zu koksen und auch Kiffen nicht gesellschaftlich akzeptiert ist. Aber durch die Art wie er sein verkacktes Leben selbst für sich erklärt, macht ihn schon wieder fast herzlich, seltsam sympathisch, liebenswert und irgendwie mag man ihm eine Chance auf ein Happy End geben. Er ist irgendwie der Antiheld in seinem eigenen Leben und wäre gerne besser als das. Das was ihn daran hindert, ist seine Angst vor dem Versagen und vor allem die Angst vor der Ex, die er nie wirklich loslassen konnte.

Ich liebe Sprache, Neologismen, den Mix aus klassischer Literatur und zeitgenössischer Sprache. Ich arbeite viel mit Metaphern und schwarzem Humor, weil man ein ernstes Thema nur dann gut vermitteln kann, wenn es nicht zu arg schockt, sondern einen Lichtblick lässt. Deshalb auch Frankreich, denn ich liebe Marcel Proust. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Ein Roman über Scheitern mit Lichtblick, Ein Ende mit Schrecken, aber weder ein Happy End, noch ein klassisches Scheitern. Ich habe bewusst auf zu explizite Sprache in den doch recht reichlichen Sexszenen verzichtet, weil mir das Setting wichtiger war, als das Bild. (Ich fand Analsex auf Koks als Setting zum Beispiel schon intensiv genug, ich muss das nicht im Detail zerpflücken und auch die Farbe vom Bettlaken ist dabei egal.) Jeder Leser kann somit die Intensität des Bildes selbst bestimmen, die FSK des Kopfkinos selbst wählen.

Die Einen werden sagen, sie lesen sonst wesentlich krassere Erotik, die Anderen werden vielleicht sagen, dass es ihnen schon zu extrem ist. Das war mein Kompromiss und ich hoffe, dass er durch den Witz an der Sprache gelungen ist. Wer Spaß an Bezügen zu klassischer Literatur, Wortspielen zu hessischem Lokalgedankengut und oder Anspielungen auf aktuelle Probleme der Gesellschaft hat, kommt hoffentlich auch nicht zu kurz. Vermutlich kann man meine Bücher auf sehr vielen Ebenen lesen und mögen, oder auch nicht. Aber ich mag auch nicht jeden Autor, nur weil er erfolgreich ist.

Im Endeffekt ist der eigentliche Gag an der Trilogie (Neben dem Fakt, dass es ein klassischer Tragödienaufbau in 5 Akten ist), dass man sie unabhängig voneinander lesen kann. Somit wird ein ganz anderer Aspekt der Problematik dargestellt und wer Buch 3 zuerst liest und danach noch das Hintergrundwissen haben möchte, kann die anderen beiden Bücher auch hinterher lesen. Wieso ich mich dazu entschieden habe, das Buch von Lukas anstelle des Buches aus Ingas Sicht zuerst zu veröffentlichen, hatte einen ganz klaren Grund: Es liest sich boshafter und man versteht danach Inga in ihrem Verhalten einfach besser. Ziel war es für mich selbst, am Ende der Bücher einen Aha-Effekt zu erhalten. Keinen Schock, sondern etwas, dass einen zum Nachdenken anregt. Etwas, das Fragen stellt - Fragen darüber, wie man als Leser selbst gehandelt hätte, um sich zu retten.

Ab und an werde ich bis zur VÖ von Teil 1 im Herbst 2017 (voraussichtlich und spätestens!), noch ein paar Sidekicks dazu schreiben. Über Anregungen, Kritik und Lob freue ich mich immer und hoffe einige von euch neugierig gemacht zu haben.

Herzlichst,

Eure Prosa!


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