Mittwoch, 20. April 2016

Autistenhirn = Artistenhirn // Manchmal nervt leben


Ab und an ist es einfach zum Kotzen, wenn man ein Gehirn hat, das nicht der Normverkabelung entspricht. Ich bin es so leid mich immer und immer wieder erklären zu müssen, weil ich anecke. Dann kommen so blöde Fragen wie:
„Wie, du kannst nicht immer mit 80 auf der Autobahn fahren, aber 140 auf der Landstraße?“
Ja. Exakt so ist es. Warum das so ist, verstehen die wenigsten Leute. Ich leide an einer Form von Reizüberflutung, also einem Problem mit dem Umfeld, in dem ich mich befinde. Ganz speziell hat das meine Unfähigkeit Reize zu filtern zugrunde liegen. Ausgelöst durch einen tödlichen Unfall im Freundeskreis, kombiniert mit einer unschönen Trennung aus einer noch unschöneren Beziehung, die mich fast zerstört hätte, sowie darauffolgendes Mobbing auf der Arbeit. Das Motorrad hatte ich schnell verkauft, den Spaß total dran verloren. Da ich zur Arbeit aber jeden Tag ausschließlich Autobahn fahren musste und auch beruflich viel gefahren bin, wurde die Autobahn irgendwann für mich unabhängig vom Motorrad zum Stress-Trigger. Nur die Autobahn. 

Ich bin alles andere als ein Feigling, wenn es um Konfrontation geht. Flugangst und das Unbehagen im Fahrstuhl habe ich mittlerweile ganz gut im Griff, das ist aber auch eine relativ gut zu lösende Konfrontation. Immer und immer wieder ist hier die Devise und auch wenn mit dem Fliegen ein finanzieller Aspekt mitentscheidet, ich vermeide nichts. Bei fast allen plötzlich ausgelösten Phobien und Störungen, hat man die Chance, sich durch geordnete Konfrontation Abhilfe zu schaffen.
Das Gehirn ist clever, es sucht nach dem größtmöglichen Effekt und verfestigt den wie einen breiten Pfad, der irgendwann selbst zur Autobahn wird. Eine Neurotransmitterbahn. Doof, wenn das eine Alltagsstörung ist, die einen plagt. Es ist unheimlich schwer, diese real existenten Verknüpfungen zwischen dem Trigger und dem Effekt zu brechen, weil dafür ein noch größerer Reiz vorhanden sein muss, der das überschreibt. Ein extrem positives Ereignis zum Beispiel, wäre diesbezüglich genial. Manche Menschen schaffen das, indem sie wütend auf ihre Phobien werden und aus sich heraus gehen. Bei Spinnen geht das oft ganz gut, habe ich schon im Freundeskreis erlebt. Spinne ausgehalten, Phobie verbessert. Aber oftmals ist es eben nicht so einfach, ein positiveres Ereignis für das Gehirn zu schaffen, denn das Gehirn entscheidet selbst, was das ist. Menschen mit Depressionen können wahrscheinlich gut nachvollziehen, wie es ist, wenn die Gedanken festgefahren sind. Es geht nicht darum sich nicht vorstellen zu können aus der Abwärtsspirale zu kommen, das Gehirn sieht einfach keine Notwendigkeit dazu.
Ich bin der Meinung, dass man das nicht heilen kann, weil diese Pfade im Kopf einfach da sind, aber man kann sie oftmals so beeinflussen, dass sie an Relevanz verlieren und man gut damit leben kann. Leider ist da jedes Hirn anders und bedarf einer anderen Methode, damit es sich umstellt. Das ist eigentlich das Schwierige an Therapien, denn erstmal wartet man ewig drauf, dann hat man keinen guten Therapeuten oder kann mit dem einfach nicht und die Methoden sind nicht intensiv genug und schon gar nicht maßgeschneidert. Wie fast alles in unserer Gesellschaft, muss es schnell und möglichst pauschal sein. Ich hatte damals wahnsinniges Glück, einen Therapeuten zu bekommen, der selbst Synästhetiker ist und meine Sonderverkabelung schnell erkannt hat. Er sagte, ich habe einfach massiv mehr autistische Züge als Ottonormalbürger und bin durch die Synästhesie einfach schlechter in die Welt der weniger wahrnehmenden Leute integriert. Dazu kommt mein schnelles Denkvermögen bei emotionalen Dingen, leider aber oft nicht in dem Sinne, wie ich es nutzen könnte. Ich kann extrem gut Sarkasmus und Ironie, kann die aber bei anderen nicht gut erkennen. Ich bin ein guter Analytiker mit negativen Stimmungen, aber nicht mit akkurater Auslage von Worten. Also ich erkenne quasi gut emotionale Schwächen anderer, kann die aber nicht beraten weil ich sie auf einer für andere Leute uneinsichtigen Ebene sehe.
Mit besagtem Therapeuten bin ich oft spazieren gegangen, habe die Option auf Motorradausflüge in der Therapiezeit gehabt. Das hat mich extrem weitergebracht, aber wer hat auf Anhieb schon so ein Glück? Die meisten Leute mit ernsthaften Störungen haben eine ganze Odyssee an Therapien hinter sich, die alle nichts bringen und Medikamente helfen auch nur bedingt. Angesichts der Zahlen erkrankter Menschen oder Menschen mit Störungen, die den Alltag unmöglich machen, ist das erschreckend. Ich wollte so fremdbestimmt und rumgereicht nicht enden und habe viele Jahre nach einer Lösung für mich selbst gesucht, eine Lösung, mir selbst zu helfen. Ich habe so etwas gefunden, aber sie ist langwierig und anstrengend, weil nur ich selbst mein Tempo an Konfrontation bestimme.

Das, was mir beim Autofahren passiert, sind die körperlichen Reaktionen ähnlich wie bei einer Panikattacke, nur komprimiert und ohne Angstgefühl. Also quasi nur der Adrenalineffekt bis hin zur nahenden Ohnmacht, jedoch aber keine Angst. Geradeaus fahren auf breiten Straßen mit viel Verkehr um mich herum und am schlimmsten ist es, wenn LKW um mich sind. Viele Jahre bin ich problemlos am Tempolimit des Autos gefahren, hab mir bei 200 Km/h auf der ganz linken von vier Spuren noch eine Fluppe angesteckt, bin hunderte Kilometer aus Spaß mal nach Paris zum Frühstücken gefahren und so weiter. Irgendwann hat sich in meinem Kopf durch den enormen mentalen Stress eine unangenehme Verbindung zwischen meinem liebsten Stressventil Auto + laute Mukke und Reizüberflutung gebildet. Jetzt könnte man ja sagen, „Hey, konfrontiere dich! Fahr doch einfach solange Autobahn, bis es weg ist!“ Jo. War auch mein Gedanke. Ist aber nicht so ganz ungefährlich, wenn einem schwarz wird und man handlungsunfähig wird. Das geht nur nachts und nur, wenn die Autobahn einen Seitenstreifen hat und ich mit dem Verkehrsaufkommen nicht voll durchdrehe.
Normalerweise passiert so etwas wie Ohnmacht bei Panikattacken nicht, aber bei mir kommt leider durch eine unglückliche Verdrahtung etwas echt Bescheuertes dazu, denn ich kann Adrenalin nicht richtig abbauen, eine Art Adrenalinintoleranz. Bei anderen Menschen macht es wach und funktionsfähig, bei mir macht es eine Handlungsstarre. So wie das Kaninchen vor der Schlange. Man verfällt in eine Starre und wird steif wie ein Brett. Das ist gelinde gesagt scheiße. Alles was mir bleibt, ist das so hinzunehmen, mich nicht noch mehr aufzuregen und zu entspannen. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich am besten funktioniere, wenn ich dem Adrenalin den Sauerstoffhahn zu drehe, es niedrig halte und den Pegel im Blick habe. An Weihnachten war ich alleine mit dem Auto in Berlin, bin im Durchschnitt 130 gefahren und hatte keine großen Probleme. Erst durch Schlafmangel, den Zeitdruck am Flughafen und den unverschuldeten Unfall wurde es wieder so massiv. Aber wer die A5 am Frankfurter Kreuz morgens um sieben kennt, versteht, wieso mich das zurückgeworfen hat.
Bleibt mir nur immer wieder meinen Frust über Erklärungsgelaber mit anderen runterzuschlucken, mich über mein neues Auto zu freuen und nachts oder auf mir sicheren Teilstrecken solange gechillt zu fahren, bis es besser wird. Mein ganz persönlicher Wunsch ist so Banane, dass andere mich dafür einfach auslachen werden. Ich möchte irgendwann wieder ohne Probleme 200 km/h fahren können, einfach, weil ich mir von meinem Leben nichts diktieren lassen will. Aus Prinzip. Fängt man nämlich an Dinge zu vermeiden, erweitert das Gehirn die Störung auch auf andere Funktionen aus. Keine Lust mehr drauf. Aber: Gemach, gemach.

Das was mich aber am meisten nervt, ist der Gedanke daran, dass ich vor noch nicht all zu langer Zeit einfach von der Natur ausgemustert worden wäre. Untauglich, Fehlproduktion, überlebensunfähig. Das macht mich sauer und vor allem traurig, dass unser Gehirn einfach so viel Macht über unseren Körper hat. Wir sind eben nur ein kleiner Furz im Getriebe des Weltalls, zu doof, dass wir uns immer so wichtig nehmen müssen …

Kommentare:

  1. Deine Offenheit ist beeindruckend. Man kann sich nicht einmal im Ansatz vorstellen, wie dein Welt aussieht.

    AntwortenLöschen
  2. So wie die Welt jeden Einzelnen von uns hochkomplex und unerklärlich ist. Die wenigsten von uns reden doch darüber so ungeschönt, geschweige denn analysieren sich so genau. Für mich selbst ist das alles gar nicht so special, nur nervig... seeeehr nervig ^^

    AntwortenLöschen
  3. So wie die Welt jeden Einzelnen von uns hochkomplex und unerklärlich ist. Die wenigsten von uns reden doch darüber so ungeschönt, geschweige denn analysieren sich so genau. Für mich selbst ist das alles gar nicht so special, nur nervig... seeeehr nervig ^^

    AntwortenLöschen