Samstag, 16. April 2016

Autorenseele - sind wir denn alle bekloppt?

Gestern früh habe ich einen interessanten Blogeintrag zum Thema psychische Störungen von Autoren gelesen. Verfasst hat ihn Yannick Signard, ebenfalls Autor und treuer Verfolger meines Twittervogelnests. In seinem Eintrag stellt er fest, wie seltsam das doch eigentlich ist, dass Autoren sich den krankesten Scheiß einfallen lassen können, ohne dass man sie direkt dafür in die Klapse bringen lässt. Aber nicht jeder Mensch wird sein Aggressionspotenzial auch umsetzen und nicht jeder Mensch hat ein offensichtliches Aggressionspotential und kann dennoch unverhofft extrem austicken.

Wie ist das aber nun ganz speziell mit dem Wahnsinn und dem Genie, beziehungsweise mit der Verbindung Kreativität und psychische Störung? Ist da an der Verbindung etwas dran? Mit Sicherheit sind viele Autoren irgendwie seltsam, einzigartig oder sonderbar. Das, was uns Schreiber und Geschichtenerzähler verbindet, ist die Fähigkeit etwas meist Fiktives aus einer für andere Menschen fremden Welt zu erzählen. Was muss man an Eigenschaften mitbringen, um das erfolgreich zu können? Sicherlich ist nicht jeder Schreiber gesellschaftsuntauglich, abnormal im Verhalten, extrem introvertiert oder extrovertiert und schon gar kein krimineller Psychopath. Wobei auch hier einmal gesagt werden muss, dass Psychopathie eigentlich gar nicht das ist, was man immer von ihr denkt, denn echte Psychopathen sind das, was das Wort beinhaltet: 

Empathielos, tote Seele. 

Psychopathen handeln meist im Affekt, sie verlieren zudem auch schnell das Interesse an perfider Planung. Da sind wir soweit ich mich recht entsinne schon wieder eher in der Richtung Zwangsneurotische Störungen unterwegs. Wen das Thema Psychopathie interessiert, sollte sich das dazugehörige Kapitel aus dem Buch 
"Dein Gehirn weiß mehr als du denkst", von Nils Birbaumer durchlesen.

Was aber tatsächlich erstaunlich häufig in Verbindung gebracht wird, ist das Thema Kreativität und Wahnsinn. Wahnsinn im Sinne von psychotischen Störungen oder Episoden, Schizophrenie und paranoider Schizophrenie. Wir alle kennen das, wenn wir etxtrem übernächtigt sind, werden wir irgendwie sonderbar, reizbar, unberechenbar sensibel oder drehen uns andauernd um, weil wir da im Augenwinkel etwas gesehen haben. Ein paar werden auch die eine oder andere Drogenerfahrung gemacht haben, bei der man sich losgelöst vom Körper und oder entfremdet davon wahrnimmt. Gerade Übermüdung und Drogen können solche Episoden auslösen und Schlafmangel ist ein ganz natürlicher Beschleuniger von schizoiden Zügen beim Menschen. Meist sind sie gerade bei solch relativ einfach zu lösenden Stresssituationen gut zu beheben, aber manche Menschen bleiben auf einer Psychose auch kleben. Im Endeffekt löst man dadurch dann im schlimmsten Fall eine bereits bestehende Grunderkrankung der Psyche aus.

Warum leiden im Vergleich zu nicht kreativen Menschen mehr kreative an solchen Störungen? Dazu gibt es einen sehr interessanten Artikel aus dem SPIEGEL, den ich an dieser Stelle zitieren möchte:

"Schriftsteller, Dichter, Musiker, Maler, Erfinder - alle Träger einer Genvariante? Die Rede vom schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn schien ein Fundament zu bekommen. Untersuchungen des Wissenschaftlers Szabolcs Kéri begründeten den Verdacht, dass Neuregulin 1 die Verarbeitung von Informationen im Gehirn hemmt, aber auch frei für Ideen macht. Kéri hatte herausgefunden, dass es zwei Varianten des Gens gibt, die unterschiedliche Ausprägung sei entscheidend.
Bei der Hälfte der Europäer entdeckte der Neuropathologe eine Kopie des Gens, bei ungefähr 15 Prozent waren es zwei. Diese Menschen waren nicht nur anfälliger für Schizophrenie, sondern auch kreativer. Man fragte sie: Stellen Sie sich vor, von den Wolken würden Fäden bis zur Erde herabhängen. Was würde geschehen? Die Träger der beiden Gene beeindruckten mit deutlich originelleren und komplexeren Ideen 

...

Kreative, darin sind sich die Forscher einig, denken assoziativer, weniger fokussiert, offener. Ihre Gehirne filtern weniger stark Wesentliches von Unwesentlichem und ähneln denen von Kranken - aber mit einem entscheidenden Unterschied. Was den Schizophrenen überschwemmt, wird vom Erfinder geordnet, zu sinnstiftenden Einheiten kombiniert, sein Gehirn "bündelt"."

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/neuregulin-1-genie-und-schizophrenie-moeglicherweise-folge-eines-gens-a-870089.html


Gerade das Thema Gewalt und Perversion in Krimis, bzw. Thrillern beschäftigt viele von uns Lesern und Schreibern. Einige lesen sie unheimlich gerne, die anderen sind fassungslos, wie man sich sowas nur reinziehen kann. Warum ist das aber so und weshalb hat das so einen großen Reiz für uns Menschen, sich mit dem Grauen der Welt zu befassen? Sind alle, die sich bei Mord, Vergewaltigung, Zerstückelung und anderen Ekelthemen nicht übergeben müssen, gestört? Ich glaube nicht. Unsere Psyche ist unglaublich neugierig auf all das, was wir uns nicht erklären können. Das ist ähnlich wie mit dem Spieltrieb. Wieso hat der Mensch den überhaupt? Er wird uns ja schon recht früh in weiser Voraussicht auf den Ernst des Lebens abtrainiert - Dabei ist er unendlich wichtig für uns, denn durch Spielen lernen wir. Spielen ist eine besondere Form der Wissensaneignung und erlaubt uns Erfahrungen zu sammeln, die wir später in Gefahrensituationen und bei wichtigen Entscheidungen anwenden können. 

Natürlich nicht eins zu eins, aber all die Erfahrungen, die wir im Leben gemacht haben, legen Pfade im Gehirn und prägen unsere Denkstrukturen. Und die sind im Endeffekt dafür verantwortlich, wie wir Probleme lösen und Hindernisse umgehen oder aus dem Weg räumen. 

Natürlich fragt man sich jetzt, ob man dazu die Erfahrung gemacht haben muss, sich im Detail einen Mord vorstellen zu können, sich Informationen und Kopfkino reinzuziehen, das eher verstört und einen nachts verfolgen wird. Aber Vieles, was unsere Rasse hat überleben lassen, hat mit Wissensübermittlung zu tun. Wenn jeder von uns nur durch eigene Erfahrungen gelernt hätte, wären wir schon ausgerottet. Der Beruf des Geschichtenerzählers ist also so alt wie Jagen, Sammeln, heilen und prostituieren und dient dem Erhalt der Gruppe. Geschichten erzählen schult das Denken, die Weitsicht, Gefahrenabschätzung usw. Der Mensch ist neugierig, weil er das sein muss, um seine Umwelt zu verstehen. Gerade Dinge die abschreckend sind, haben deshalb für uns einen ganz besonderen Reiz. 

Ich vermute also, dass jeder Mensch instinktiv zu völlig abweichenden Handlungen, Gedanken und Ideen fähig ist, weil das irgendwie als optionales Notfallprogramm in uns einprogrammiert ist. Ob nun zum überleben oder anderen Menschen Geschichten mit (Lern-) Effekt zu erzählen, sei erst mal egal. Birbaumer sagt auch, dass das Gehirn in erster Linie neutral sei, jedoch aber nach dem für sich größtmöglichen Effekt sucht. Adrenalinjunkie sozusagen. Und das, was für uns persönlich am meisten Reiz hat (für das Gehirn, nicht für unseren Willen - falls wir den den haben), verfestigt sich. Leider aber oft auch eben nicht positiv, sondern in Form von Ängsten, Phobien, Gewalthandlungen oder dem Drang, zum Beispiel zu stehlen. Mehr Adrenalin = größerer Kick.

Die meisten von uns, die sich also solche Geschichten reinziehen oder sie verfassen, sind wohl keine gefährlichen Spinner ohne Handlungsbremse im Kopf, sondern eher auf der Suche nach dem Prinzip Adrenalinkick im Kopf, den eine solche Story auslöst. Dabei hat genau diese Art von Kick sogar wieder diesen uralten Warn- beziehungsweise Lerneffekt für die Gruppe.
Dazu habe ich bei Deutschlandradio ein echt gutes Interview mit dem sehr erfolgreichen Autor Sebastian Fitzek gelesen, dessen Aussage zu dieser Frage meiner Meinung nach extrem verständlich ist:

"Aber nicht, dass ich nach 30 Seiten denke, da muss jetzt aber Blut fließen. Der zweite Grund ist, dass wir Antworten suchen: Warum gibt es das Böse? Wieso gibt es Serienmörder, die Frauen vergewaltigen und verstümmeln? Wir wollen nicht wahrhaben, dass Menschen böse geboren werden. Wir wollen irgendeine Erklärung, in der Kindheit muss etwas passiert sein, aber die Realität ist anders, es gibt Mörder, die nur wegen des Kicks töten. Und unsere Aufgabe ist es, das Grauen begreifbar zu machen."
 
http://www.deutschlandradiokultur.de/mordsvergnuegen-warum-lieben-wir-krimis.970.de.html?dram:article_id=150197

Fitzek sagt etwas ganz ähnliches, nämlich dass wir nach Antworten suchen, etwas begreifbar machen wollen. Zwar kann uns kein Krimi dieser Erde darauf vorbereiten, wenn uns wirklich solch grausame Dinge geschehen, aber uns tangieren ja auch Erlebnisse anderer Menschen ganz intensiv. Ein Beispiel:

Als letztes Jahr die Germanwings-Maschine abgestürzt ist, waren wir alle fassungslos und viele von uns haben die Nachrichten massiv verfolgt. Ich glaube ich kenne keinen, der direkt danach gesagt hat, dass er noch bedenkenlos in ein Flugzeug steigt. Es war auch schwer, sich dieser Frage zu entziehen, wieso der Pilot sich nicht einfach selbst getötet hat, ohne so viele andere mitzureißen. Wir wollten es verstehen, begreifen, die psychischen Hintergünde erfahren. Verständnis mildert nie eine Tat, aber man lernt manchmal dadurch, sich selbst zu vergeben.

Unser Gehirn ist noch so unerforscht wie die Weiten des Weltalls und wenn ich mir überlege, dass Menschen nach einem Unfall ihre eigene Muttersprache verlieren können und plötzlich nur noch Französisch reden, ist das schon arg krass. Wenn wir uns so ein paar Beispiele an kreativen oder extrem denkstarken Überfliegern ansehen, wird oftmals ganz schnell klar, was der Preis für eine solche Leistung sein kann (!)

Savants, Autisten, Genies, viele von ihnen sind so enorm sozial eingeschränkt, dass sie ihren eigenen Alltag alleine nicht bewältigen können. Sie können sich Dinge vorstellen und rechnen, die kein anderer sich auch nur annähernd vorstellen kann, können sich aber ,blöd gesagt, oftmals alleine nicht die Schuhe binden. Nicht weil sie behindert sind, sondern weil deren Logik so banale Aktionen einfach nicht einplant. Am interessantesten finde ich diese Sorte kreative Menschen, deren innerer Trieb zu zeichnen, schreiben oder rechnen so enorm ist, dass sie nichts anderes machen können, wenn das Gehirn das so entscheidet.

Völlig unabhängig davon, warum jemand so tickt wie er tickt, lieben wir Geschichten einfach, weil sie uns aus unserer oftmals doch recht festgefahrenen und eintönigen Realität entziehen und sie bringen uns einfach auf andere Gedanken, Ideen und bereichern unsere Fantasie. Und ohne Fantasie wäre es einfach langweilig und trostlos in unseren Köpfen ...


1 Kommentar:

  1. Sind wir nicht alle sensationsgeil? *g*

    Ich finde deinen Beitrag wirklich klasse, sehr ausführlich :)

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