Samstag, 9. April 2016

Darf es noch ein bisschen mehr sein? Ab wann verliere ich den Bezug zu dem, was ich leisten kann und will?

Ein riesiger Haufen Scheiße türmt sich ab und zu mal vor mir auf und ich bin gänzlich unfähig, den rechtzeitig wegzuschaufeln. Rechtzeitig, bevor ich anfange hohl zu drehen. Konkret sieht das dann so aus, dass ich alles so hinnehme wie es ist, bis ich kaum noch atmen kann und jedes erstbeste Opfer in meinem Umfeld bekommt das dann beim nächsten überfordernden Ereignis ab. Bombastisch, im wahrsten Sinne des Wortes. Hochexplosiv, cholerisch und oder verstörend sentimental. Kann ich wirklich gut. Dabei wäre es mir anders wesentlich lieber.

Wieso gelingt es mir also nicht, diesen Berg einfach erst gar nicht so krass anwachsen zu lassen? Vermutlich liegt das daran, dass er sich als brauner Eisberg getarnt hat. Im letzten Moment dreht er sich ganz dreist um und die Spitze zeigt mach unten, sodass sich mir das wahre Ausmaß zeigt. Mein halbwegs gesunder Verstand sagt mir, dass ich überhaupt gar keinen Nutzen davon habe, wenn ich mich aufrege. Eigentlich wird dadurch alles nur schlimmer. Ich blamiere mich eventuell, ziehe mich nur noch mehr runter, bestätige dadurch meine eigene Unfähigkeit und verliere den Antrieb. Vor allem überflute ich mich dadurch mit jeder Menge Stresshormonen und die führen dazu, dass ich noch viel eher (Meist mit Latenz) reizüberflutet bin.

Viel mehr sollte ich darauf achten, dass ich alle kleinen, nervigen Dinge sofort erledige, bevor sie im Untergrund des Eisbergs mit Kackegeschmack versumpfen. Wie ich ja schon festgestellt habe, irgendwann taucht das ganze Gerümpel wieder auf und treibt unüberschaubar an der Oberfläche rum. So auf Nasenhöhe, aber nicht unbedingt auf Augenhöhe, die mache ich dann so oder so aus Prinzip lieber zu. Was nicht bedeutet, dass ich vor den Problemen weglaufe, ich falle nur zuerst in ein ziemliches Tief, das gar nicht so tief sein müsste.

Im Optimalfall halte ich meine Scheißebalance so ausgeglichen, dass es gar nicht erst zu solchen krassen Tiefschlägen im Stimmungs-EKG kommen kann. Falls dann mal wieder wirklich ein Schlag von außen kommt, den man nicht selbst verschuldet hat (zum Bleistift ein Wisch vom Finanzamt oder ein - aus aktuellem Anlass - Autounfall mit Totalschaden), kann man den auch wesentlich besser wegstecken.

Selbstkonditionierung, die selbstverursachte Gehirnwäsche, der Endorphinrausch des kleinen Mannes, der wie immer alles unter Kontrolle haben will. Ich eigentlich auch, aber wenn meine Stimmungskurve zu lange eine Gerade zu werden droht, verliere ich die Lust an der Ordnung und springe mit beiden Beinen ins Chaos. Möglichst folgenreich und intensiv. Eine sinnfreie, nervenaufreibende und unprofitable Affäre zum Beispiel, Liebeskummer ist auch ganz weit vorne dabei, dicht gefolgt von Versprechungen, die ich wegen Antriebslosigkeit nicht halten kann und Übermäßig feiern. Auch, wenn ich in meinen Geschichten fleißig übers Feiern auf Koks schreibe, ich habe tatsächlich nie welches genommen und auch nie mehr als Gras probiert. Dafür kenne ich zu viele abschreckende Beispiele und habe meine Exzesse fürs schlechte Gewissen immer anderweitig erfüllt. Alkohol. Zigaretten. Peinlich daneben benehmen. In Ordnung, jetzt habe ich Verantwortung, bin Mutter, lebe in Trennung, gehe Vollzeit arbeiten, fühle mich ausgebrannt ... Oha! Da ist sie wieder, die Abwärtsspirale.

STOPP. Ich sollte es anders herum sehen. Ich bin zwar IMMER müde und pleite, Autobahnfahren ist gerade wieder ein Horrortrip für mich, ich habe aber ein ganz tolles Kind, eine Geschäftsidee für die ich brenne, den Luxus durch den Unfall ein neues Auto kaufen zu können, hatte zwei tolle Ehejahre ... Aha. Auf einmal dezent Aufwärtsspirale. Klar nerven mich viele Dinge, aber als mir Vera letztlich den Begriff BRUCHLANDUNG in die TL warf, dachte ich, ich brauche gar keine Kurzgeschichte dazu schreiben. Mein ganzes Leben ist eine Bruchlandung. Abheben, fliegen, landen, wenn auch unsanft. Aber LANDEN. Nicht zerschellen. Danach halt in die Wartung, Ersatzteillager und ein bisschen Schweißen, geht schon gerade noch so klar.

Ich bin sowohl ihr, als auch einem meiner Ex-Kollegen gerade sehr dankbar dafür, dass ich deren Zeit für Gespräche über das Leben beanspruchen darf. Ich bin verdammte 28-elfzwölftel und beschwere mich über die Ausweglosigkeit meiner Inkompatibilität mit der Welt und den Menschen an sich. Gerade bin ich genervt vom Alleinsein, hätte aber zum jetzigen Zeitpunkt gar keine Zeit und keinen Platz in meinem Leben, für eine neue Vollzeitbeziehung. Die lenkt mich wahrscheinlich vom beruflichen Werdegang ab und oder von meinem Kind. Und mit diesen beiden Punkten bin ich schon voll ausgelastet. Nur eben nicht emotional entspannt. Aber wenn mein besagter Kollege mit 50 noch den Neustart hinbekommt, schaffe ich das bestimmt auch. Mit einer sehr harten Schule für die Geduld, meine Libido, meinen Entdeckergeist und der Vorliebe für dekadente Special Nights mit Champagner.

Alles zu seiner Zeit, sprach die ungeduldige, philosophische Autorin und sah nörgelnd auf die Uhr. 

Aber mit einem Schmunzeln darüber, dass ich mir einfach nicht einreden brauche, dass ich zu denen gehöre, die alles problemlos erreichen. Das war ich noch nie und ich habe auch glaube ich kein Interesse daran. Aber nur wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin, denn nicht mal ich will das hören.

Vielleicht fehlt den Überfliegern durch den erleichterten Weg auch ab und an die Reflexion, die Erkenntnis, die Weitsicht und die Erfahrung eines unendlich intensiven Gefühls. Kaum etwas fühlt sich intensiver und lebendiger an wie Scheitern, Liebe, Liebeskummer, Hass, Angst und pure Freude. All das erfährt man nur, wenn man dieses Auf und Ab im Leben annimmt, anstatt es zu verteufeln oder zu resignieren. 

Jetzt geht es mir halbwegs gut und ich ignoriere in vollen Zügen meine fünf Kilo zu viel weg, die ich wegen dem Sportverbot angehäuft habe. Haufen. Again. Deshalb werde ich heute Abend einen Haufen Spaß haben, einen Haufen essen, einen Haufen dummer Sprüche bringen und einen Haufen netter Leute treffen, die gemessen am Uhrwerk des Universums auch nur kleine Sandkörner sind. Genau wie ich. 

Neulich, beim Zeitunglesen...


E i n f a c h

m a l  

l o c k e r  

b l e i b e n 

und den Eisberg anlächeln, nicht anschreien. Der ist eh taub.

Ps. Ich schicke mal einen Gruß an meine Inspiratoren nach Frankreich und nach Frankfurt. Danke.

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