Dienstag, 19. April 2016

Sozialkompetenz 2

Diese Medien machen irgendetwas mit uns und ich bin mir sicher, es hat fatale Folgen. Durch diese Präsenz an digitalen Räumen in unserem Leben verlernen wir sozialkompetent zu sein. Und damit meine ich nicht, dass wir nur noch vor dem Rechner hocken oder das Telefon anstarren, sondern dass wir unsere Sozialkompetenz spalten, in anonyme Sozialkompetenz (vermeintliche) und reale.

Immer wieder erlebe ich, dass Menschen die ich kenne, sich in einem Social Network extrem gut darstellen können, ja regelrecht einen Kult um sich herum bauen können und im realen Leben einfach massiv an ihrer sozialen Unfähigkeit verkacken. Warum ist das so? Was ermöglicht uns das Interent, dass wir verlernen uns auf ein gesundes Maß an Selbstwert und ein realistisches Selbstbild zu verlassen?
Ich finde es erschreckend, wie viel wir von uns preisgeben, wenn es nur getippte Buchstaben im zweidimensionalen Raum sind, nur ein Foto von uns oder ein anonymer Post irgendwo. Das was viele von uns in solchen Netzwerken von sich geben würden wir in einer realen Konversation nie sagen, uns nicht trauen, nicht für angebracht halten. Egal ob es nun ein politisches Statement ist, etwas Anzügliches oder ein fragwürdiger Kommentar über eine andere Person. Dabei ist das Internet nicht ungefährlicher als die Realität in einem Face-2-Face-Gespräch, denn es vergisst und vor allem, es vergibt nicht. Einmal im Netz, immer im Netz.

Das, was ich aber am erschreckendsten finde, ist die Tatsache, dass wir eher bereit sind unser halbes Leben in Echtzeit zu veröffentlichen, indem wir Fotos vom Essen hochladen, jeden Furz und Feuerstein posten und kommentieren, unsere Gedanken nahezu ungefiltert zur Schau stellen, uns aber im Umgang mit Menschen bei einem echten Treffen, nahezu unnahbar distanziert geben. Was für eine emotionale Sicherheit gibt uns das Internet? Wieso sind so viele Menschen nicht in der Lage so impulsiv und ehrlich in ein echtes Gespräch einzusteigen? Auf einmal kommt die Heimlichtuerei, das Mysterium Mensch, das fehlende Bauchgefühl für Mimik und Gestik. Die Hemmschwelle ist im Internet wesentlich geringer, weil es eben nicht real um uns herum anwesend ist. Der Faktor Realität blockiert uns.

"... meine Seele ist so zerbrechlich, ich möchte dir nichts von mir preisgeben ..."

Ich selbst hatte einen Partner, der kaum in der Lage war mit mir zu kommunizieren, mir aber ellenlange E-Mails schrieb, in denen er sich vorzüglich artikulieren und reflektieren konnte. Er war wohlgemerkt kein Autist. Die digitale Kommunikationsfläche, bzw. das Internet kann Neurosen unterdrücken, vieles an Körpersprache überspielen und es kann uns dabei helfen uns besser zu artikulieren, weil wir vermeintlich weiter weg vom Geschehen sind. Weit genug, damit wir unsere Antworten überdenken, verfeinern und anpassen können, ehe wir sie geben. Wir schaffen uns dadurch Abbilder unsererselbst und ich befürchte, dass meine Generation immer unfähiger werden wird, mit den selbstgemachten Komplexen durch unsere Kommunikationsmethoden umzugehen. Mir ist es noch immer wesentlich lieber, ein reales Gespräch zu führen, offensichtlich unsicher sein zu dürfen, vielleicht auch mal inkompatibel. Aber im Endeffekt schult all das nur das Bauchgefühl und lässt uns viel schneller an den Punkt gelangen, an dem wir begreifen, wo sich ein Mensch in unserem Leben tatsächlich einreiht. Demnach möchte ich lieber ein ungestelltes Erscheinungsbild eines Gesprächspartners haben und selbst auch sein, als mich dem Zwang nach sozialer Optimierung hingeben zu müssen.

Für mehr Fettnäpfchen!

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