Mittwoch, 27. April 2016

Wie viel Rechtschreibschwäche darf in einem Autoren stecken?

Kunst ist Kunst, so heißt es doch. Irgendwie sehe ich das auch überwiegend so. Heute früh wurde ich mit der Frage konfrontiert, ob ein Schriftsteller sich eine Rechtschreibschwäche erlauben kann und ab wann Schreibfehler eine Grenze zur vermeintlichen Unfähigkeit überschreiten.

Dazu muss ich einmal sagen, dass ich selbst keine wirkliche Rechtschreibschwäche, jedoch ein Problem mit der korrekten Kommasetzung habe. Im Endeffekt verschwende ich aber nicht all zu viel Zeit damit diese zu beseitigen, weil ich meine Prioritäten aus zeitlichen Gründen anders setze. Genau dafür habe ich außerhalb von Twitter und meinem Blog aber ein Lektorat. Natürlich passieren mir dauernd dämliche Fehler.

(Im übrigen: ist euch mal aufgefallen, dass wir die Begriffe "herrlich" und "dämlich" ständig benutzen und sie eigentlich einen diskriminierenden Hintergund haben? Nur so am Rande. Deutsche Sprache und so.)

Die Fehler die mir am häufigsten passieren, haben in der Regel etwas mit mangelnder Zeit und Konzentration zu tun. Ja, ich habe leider kaum noch Kapazitäten, mich wirklich auf das zu konzentrieren, was ich mache und dafür klappt es mit dem Formulieren eigentlich noch ganz gut. Hoffentlich. Dazu kommt noch die sinnfreie Worterkennung meines Telefons hinzu, welches oftmals ein Wort verschlimmbessert, obwohl ich es richtig eingetippt habe. Das nervt mich extrem. Weil ich so schnell Gedanken formuliere, kommen meine Augen leider oftmals nicht mit und das Multitasking setzt genau hier aus. Ich lese und überlese tatsächlich meine eigenen Fehler, weil mein Gehirn den Satz richtig lesen will. Es ist ja nicht so, dass ich der Sprache nicht mächtig wäre (meistens), meine Auge-Hirn-Korrektur-Koordination ist einfach scheiße. Bei anderen sehe ich Fehler oft sofort im Text und nehme sie ganz anders wahr. Dabei denke ich aber auch nicht parallel im Hintergrund meine eigenen Gedankengänge, die mich davon ablenken. So viel also dazu.

Was mich aber wirklich zum Grübeln gebracht hat, war die Frage, ob man nur ein guter Schriftsteller ist, wenn man sich solche Fehler überhaupt nicht erst zu schulde kommen lässt und erst recht keine Rechtschreibschwäche hat. Wieso sollte das so sein? In Ordnung - wenn jemand Analphabet ist und sich mit größter Mühe die Wörter mit mehr als nur dem Vogel-F und ganz wirren Buchstabenkonstrukten abmüht, wird es schwierig. Hier sollte man dann einfach schauen, ob ein Diktiergerät nicht eine Alternative ist und jemand anderes für diese Person schreibt. Aber ganz generell finde ich, dass eine Rechtschreibschwäche überhaupt nichts über die Genialität eines Gedankenganges aussagt. Und eine ganz wichtige Sache noch hierzu:

Rechtschreibschwäche und Tippfehler haben nichts mit Minderbildung und Wortschatz zu tun. Nur weil jemand die Wörter (und vor allem Fremdwörter) nicht richtig schreibt, heißt das nicht, dass er sie nicht im richtigen Kontext verwendet. Das können ja so manche fehlerfrei schreibende Journalisten leider nicht.
Und solange jemand kreative, clevere und exakte Aussagen tätigt, ist das doch sehr viel mehr wert, als eine korrekte Schriftform. Sollen alle Schriftstteller aus Prinzip Germanistik studieren? Lektoren brauchen ja auch einen Job! (übrigens, nicht alle Lektoren schreiben inhaltlich gute Texte) Ein bisschen anders sehe ich das bei Journalisten. Die machen ja eine Ausbildung um genau das zu können - massentaugliche, möglichst korrekt verfasste Berichterstattung. Ob die nun inhaltlich korrekt ist und oder parteiisch/befangen, bleibt dabei offen. Auf jeden Fall sollten sie der Sprache nicht nur im Hinblick auf eine gute Wortwahl mächtig sein.

Wenn es aber um Belletristik, Sachbücher und andere Bereiche der Schriftveröffentlichung geht, sehe ich Rechtschreibung während der Arbeitsphase eher untergeordent. Was jedoch nicht heißt, dass Rechtscheibung bei Veröffentlichung zu vernachlässigen ist! Genau hierbei sollte man sich als prefessionell arbeitender Schriftsteller die Frage stellen, welches Bild ich von mir selbst vermarkten möchte. Es ist keine Schande, wenn man seine eigenen Texte nicht Fehlerfrei korrigieren kann. Genau dazu sind Lektoren da. Und die machen ebenso Fehler, auch bei großen Verlagen. Aus Erfahrung. Es lohnt sich aber in jedem Fall, einen Text, ein Buch, eine Abschlussarbeit extern korrigieren zu lassen, um einen Abzug in der subjektiv bewertenden Wahrnehmung des Lesers zu vermeiden. Dies gilt vor allem für die Self-Publisher unter uns Schreibern, die sich bei Geldmangel im Zweifel auch erst einmal mittels Online-Wörterbuch helfen können. Sich selbst in unsere verwirrende Rechtschreibung rein zu lesen ist nervig, anstrengend und zeitraubend, aber definitiv kein Nachteil.

Angeblich waren auch Größen wie Hemingway, Hitchcock, Jules Verne und Agatha Christie Rechtschreibversager. Trotzdem haben sie überaus faszinierende und sprachlich hochwertige Werke veröffentlicht. Ob die nun jedermanns Geschmack sind, sei dahingestellt. Jedenfalls haben sie eine breite Masse an Lesern begeistert, viel mehr muss ich dazu eigentlich nicht sagen. Eine kleine Anmerkung für die Schriftstellerei der Neuzeit: ich zähle einen sehr bekannten und erfolgreichen deutschen Autor zu meinem Freundeskreis, der in den letzten zehn Jahren an die 30 Bücher veröffentlicht hat und eine ausgeprägte Legasthenie hat. Das ist bisher wohl nie bekannt gemacht worden und war auch nie hinderlich für den Erfolg.

Gedankengut und Verwendung von komplexen Sprachstrukturen hat also nichts mit Legasthenie, Konzentration und erst recht nicht mit Intelligenz zu tun. Dass es Menschen gibt, deren IQ minderbemittelt ist und die sich leider mit dem Erlernen der Rechtschreibung sehr schwer tun, ist ein ganz anderer Punkt. Dass es dazu auch noch Menschen gibt, deren EQ auf dem Status feuchte Grillkohle kleben geblieben ist, hat ebenfalls nichts mit Legasthenie und Konzentration zu tun, ist aber auch nicht weniger nervig, als Schreibfehler.

Zum Schluss noch folgender Gedankengang:

Es ist doch so - was wir wollen sind gute, qualitativ hochwertige und spannende Geschichten und die enstehen im Kopf, der Wörter nunmal nicht in schriftform verwendet. Solange es Wege und Mittel gibt, die Gedanken mit Hilfe so zu formulieren, dass sie für den Leser keine Hürden enthalten, ist doch alles gut.

Und wer sich jetzt die Zeit und den Spaß erlauben möchte diesen Artikel zu korrigieren, darf das gerne tun. (Ich habe nämlich kein verlässliches Rechtschreibprüfprogramm auf Linux aktiviert)

Presented to you herzlichst mit Ablenkung durch zornenden Nachwuchs,

Eure Prosa


Kommentare:

  1. Du hast möchtig statt mächtig geschrieben. :P

    Im Ernst: Schöner Artikel! Danke dafür! :)

    AntwortenLöschen
  2. Den lasse ich jetzt auch drin ;) dank dir!

    AntwortenLöschen
  3. Ich stimme zu und ich finde "möchtig" eine total geniale Formulierung!

    AntwortenLöschen
  4. Und in 10 Jahren gibt es dann ein eigenes Wörterbuch für meine kreative Inkompetenz ;)

    AntwortenLöschen
  5. Solange da ein Lektor drüberschaut, ist ja alles ok. Kritisch wirds, wenn sowas dann OHNE Lektorat oder zumindest Korrektorat veröffentlicht wird. Ich lese grad solch ein Buch, und das ist kein Spaß. Wenn man es selbst nicht drauf hat mit der Rechtschreibung, ist das per se keine Schande. Aber wenn man sich da nicht helfen lässt, finde ich das absolut indiskutabel und eine Zumutung für die Leser!

    AntwortenLöschen