Montag, 23. Mai 2016

Endlich schwanger - Auf ein Buchgespräch mit der Autorin Ann Brondhem


Vor kurzem habe ich ihr großartiges Buch 
"Endlich schwanger" gelesen und die äußerst sympathische Ann Brondhem um ein Interview gebeten. 

Gleich zu Beginn bin ich erstaunt, denn Ann Brondhem bleibt für mich und alle anderen Leser ein Mysterium. Sicher ist ihr Name ein Pseudonym, die Privatsphäre ist ihr wichtig. Eine Selbstinszenierung, eine fiktive Biografie liegt ihr aber ebenso fern. Umso länger ich darüber nachdenke, desto sympathischer wirkt ihre Begründung auf mich. 

Ann sagt, eine fiktive Person, eine "literarische Figur", parallel zu sich selbst zu erfinden ist Aufwand, der ihr mittlerweile widerstrebt. Ihre Leser sollen sich am besten eine eigene Vorstellung von ihr machen. Im Kopf ist alles möglich und wer sie als

"Die hochbegabte Tochter einer persischen Prinzessin und eines schwedischen Seemanns, mit einer Affinität zu Äffchen und Pferd und dem Hang zum Rebellischen" 

sehen mag, soll das gerne tun. Mich interessiert neben der Autorin selbst aber natürlich die Geschichte hinter dem Roman, weshalb ich ihr ein paar Fragen dazu stelle.


Wie ist dein Roman entstanden?

Ann: Ursprünglich war die Geschichte als Teil einer Sammlung von "Kurzgeschichten" geplant, die alle um das Thema Liebe, Freundschaft, Sex kreisen und durch ihre Protagonist_innen lose miteinander verknüpft sein sollten. Dass schließlich ein Roman daraus wurde, war ein Zugeständnis an den Buchmarkt. Verlage wollen offenbar keine Kurzgeschichten-Sammlungen (das hat sich auch nach dem Literaturnobelpreis für Alice Munro nicht geändert), und das gilt offenbar insbesondere für Erstlingswerke. 


Ich habe ungefähr anderthalb Jahre an dem Roman gearbeitet, zwischen der ersten Idee und der Veröffentlichung lagen insgesamt drei Jahre. Ich habe das Manuskript mehrfach überarbeitet, im letzten Durchgang zusammen mit einer Freundin. Das Ziel war, den Text lesefreundlicher zu machen, und das ist auch gelungen. Verglichen mit der ersten Fassung gibt es nun viel mehr Szenen und (lustige) Dialoge; "der ganze Sex" wurde komplett gestrichen; Nebenfiguren haben eine größere Bedeutung und Autonomie erhalten; und auch die Protagonistin selbst erscheint in einem sympathischeren Licht und weniger monomanisch. 

Das Manuskript habe ich mehreren Literaturagenturen und Verlagen angeboten, leider ohne Erfolg. Letztlich habe ich "Endlich schwanger" dann im Dezember 2015 auf der Selfpublishing-Platform http://neobooks.com veröffentlicht (leider nur als eBook, aber das ist beim Selbstverlag natürlich auch eine Kostenfrage).
  
 

Wie viel von dir selbst steckt in deinen Geschichten?
 

Ann: Konkret sehr wenig. "endlich schwanger" ist keine "wahre Geschichte". Es ist ein Roman und keine Biographie – auch nicht meine. 
Andererseits steckt natürlich ganz viel von mir darin. Literarische Figuren sind ja vermutlich immer auch Teil der Innenwelt der Autoren. Irgendwo muss es schließlich herkommen. 

Ausgangspunkt einer Geschichte sind bei mir immer "Situationen", "Probleme" oder "Konflikte". Sie bilden sozusagen die Grundkonstellation, aus der sich dann alles weitere ergibt. Aus dieser Grundkonstellation entwickle ich das Handlungsgerüst, den Plot. Wie die Geschichte dann letztlich im fertigen Text dargestellt wird (Erzählreihenfolge, Vorgriffe, Rückblenden, Erzählstränge etc.), entscheide ich während des Schreibens und der Überarbeitung. 

Bei "Endlich schwanger" war die Grundkonstellation zweiteilig: einerseits die damals viel diskutierte "Verweigerung der Männer Mitte 30", den Kinderwunsch ihrer Partnerinnen zu erfüllen. So etwas ist natürlich psychosozialer Sprengstoff par excellence und daher wunderbar geeignet, um eine Handlung in Gang zu setzen. Andererseits gehörte zur Grundkonstellation das nachträgliche Infragestellen von Ausmaß und Qualität des eigenen Liebesempfindens für die Partnerin, was insbesondere Männer offenbar nicht selten tun. 

Ich lasse meine Geschichten immer zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort spielen. Und ich mache mir recht konkrete Vorstellungen davon, wie die jeweilige Situation beschaffen ist. Ich muss mir beim Schreiben also über viele Dinge im Klaren sein: Wie sieht diese Person, dieses Gesicht, dieses Zimmer aus? Wie war das Wetter an Pfingsten 2015 in Hamburg? Wie spät ist es gerade? Wie lange dauert die Zugfahrt von Leipzig nach Hamburg? Oder gibt es auch eine Flugverbindung? Viele solcher kleinen Details, die für mich beim Schreiben wichtig sind – selbst wenn am Ende nichts davon im Manuskript landet.

  
Woher nimmst du deine Inspiration?
  

Ann: Ganz viel wächst aus der Grundkonstellation heraus. Ansonsten ist natürlich der Alltag, die wirkliche Welt, die uns umgibt, eine Fundgrube für alle möglichen tollen oder absurden Szenen und Dialoge. Wichtig ist es, genau zu beobachten und zuzuhören. Vor allem das Zuhören ist wichtig, schließlich geht es beim Schreiben um Sprache und Sprechen. 

Ich versuche bei jedem Text, meiner Protagonist_in ihre eigene Stimme/Sprache zu geben. Bei "Endlich schwanger" besteht der ganze Text aus gesprochener Sprache, so wie eine Frau wie Lena sie vermutlich verwenden würde, wenn sie ihre Geschichte erzählt:

Umgangssprachlich; unpräzise, aber auf den Punkt; kurzweilig, langatmig, charmant und fast immer unzuverlässig. 

Dieser "Lena-Sprech" ist im Grunde unliterarisch: falsches Deutsch, schlechter Stil, verfehlte Dramaturgie, missglückte Metaphern, schwankend zwischen Redundanz und hochgestochenem Vokabular.
   


Wie bist du zum Schreiben gekommen? 

Ann: Naja, irgendwie ist das Schreiben zu mir gekommen :D 

Ach, keine Ahnung! Ich wollte schon immer schreiben. Doch abgesehen von ein paar Teenager-Gedichten hatte ich bisher noch nie etwas Belletristisches geschrieben. Ich habe zwar in den letzten Jahren immer mal wieder Ideen entwickelt: für Romane, für einen Krimi oder für ein Musical, ich habe jedoch nie etwas davon verwirklicht. 

Ende 2012 hatte ich dann die Idee, eine Sammlung von fünf, sechs, sieben Erzählungen zu schreiben, über Liebe und Sex, Freundschaft und Beziehung, Männer und Frauen. Ursprünglich war das gedacht als eine Parodie auf Shades of Grey, das damals gerade erschienen war, oder eher als ein Kommentar dazu – aber durchaus mit der Motivation, auch einen literarischen Welterfolg landen zu wollen. 

Die ersten beiden Geschichten entstanden dann als Geburtstagsgeschenk für eine Freundin. Und eine dieser Geschichten, "endlich schwanger", habe ich zum Roman ausgebaut.
    


Wie arbeitest du? Und wo?
 

Ann: Sehr langsam und wahrscheinlich sehr umständlich, leider. Ich habe kein "System", ich würde meine Arbeitsmethode eher als "kontrolliertes Chaos" bezeichnen.
 

In der Kreativphase, wenn ich über Texte und Geschichten nachdenke, mache ich mir ganz viele Notizen. Ich kritzel meine Einfälle auf Zettel oder tippe sie in mein Mobiltelefon, wie es gerade kommt, völlig unsortiert: Stichwörter, Formulierungen, Dialoge/Dialogfetzen, die ich dann später am Rechner ausarbeite.
 

Ich schreibe zuhause am Schreibtisch, direkt am Computer. Ich verwende ein Notebook, fast zehn Jahre alt – fast schon uber-vintage! 

Für die Schreibtischarbeit brauche ich vor allem Ruhe und Zeit. Ich muss mich konzentrieren und in einen Text vertiefen können. Daher benötige ich jedes Mal einen kleinen Anlauf, um an die Arbeit zu gehen. Ich lasse mich leider sehr schnell ablenken/stören. Deshalb arbeite ich gern nachts, wenn Familie und Nachbarn schlafen. Das kann ich mir aber nur selten erlauben, weil ich ja tagsüber arbeiten muss.
  
 

Hat dich das Schreiben dieses Buches verändert? 
  
Ann: Nein, nicht wirklich. Aber: I am Ann Brondhem – und das macht Spaß...
  
 

Was kommt als nächstes? Eine Fortsetzung von "Endlich schwanger" oder etwas ganz anderes?
  

Ann: Ein Sequel zu schreiben, "Endlich schwanger 2 – jetzt erst recht!", das wäre wahrscheinlich das Schlaueste. Wie es scheint, lieben viele Menschen solche Buch-Serien.
 

Mein nächstes Projekt wird allerdings ein anderes sein. Ich will Erzählungen schreiben. Mittlerweile habe ich Ideen und Entwürfe für 20 Erzählungen, und es wird sicherlich dauern, bis ich damit fertig bin, weil ich nur sehr wenig Zeit zur Verfügung habe und daher sehr langsam vorankomme. Aber ich hoffe, meine (leicht schrägen) Liebesgeschichten in den nächsten zwei drei Jahren vollenden zu können. Und dann ist ja vielleicht genau der richtige Zeitpunkt für eine Fortsetzung von Lenas Geschichte, wer weiß?
 

Konkret habe ich für Sommer 2016 die Publikation eines Bandes mit vier Erzählungen geplant. Titel: TOTAL VERSAUT und andere Geschichten von der Liebe...




Für dieses Interview danke ich der lieben 
Ann Brondhem ganz herzlich und hoffe, euch neugierig auf ihre Bücher gemacht zu haben.

Ich bin sehr gespannt auf TOTAL VERSAUT - persönlich würde ich mich über Endlich schwanger natürlich auch sehr freuen :)

Kleine Erinnerung und dringende Kaufempfehlung für laue Lesenächte auf Sofa, Balkon und Terrasse:

"Endlich schwanger" von Ann Brondhem - Kindle ebook, ASIN B0196LHXOY


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