Mittwoch, 6. Juli 2016

Auf ein unkonventionelles Interview mit Fantasyautor Richard Schwartz


Er zieht es nicht wie Bartleby vor, es lieber nicht zu tun. Die Rede ist von einem der erfolgreichsten deutschen Fantasyautoren unserer Zeit, Richard Schwartz. Seit seinem fünften Lebensjahr liest der gebürtige Frankfurter, Baujahr 1958 und kann es auch nach dem zwanzigsten Buch zum Glück noch nicht lassen, der Welt seine Geschichten zu erzählen. Wir sitzen gemeinsam in der Küche und unterhalten uns über die Arbeit. Dabei denke ich wieder an mein immer aktuelles Thema mit der Kreativität und frage mich, was er so über seine eigene Kreativität denkt.


„Warum Bücher?“, will ich aus dem Nichts heraus von ihm wissen.

„Lesen ist das Vernünftigste, das man tun kann, denn Bücher sind der Spiegel der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Gesellschaft. Lesen ist einfach clever“, sagt er.

Lesen ist seiner Meinung nach die günstigste Methode, eine spannende Reise zu machen und verhindert meiner Ansicht nach auch den Stillstand im Kopf. Unser Gespräch ist kein wirkliches Interview, sondern ein Gedankenaustausch zum Thema Bücher. Wieso und weshalb wir lesen, zu meiner Generation und deren mentalen Defizite. Teilen möchte ich diese Gedankenanalyse dennoch mit dem Rest der Welt, weil ich persönlich in Büchern noch immer einen Bildungsauftrag sehe.


Mich nervt dieses ungefilterte Angebot von Informationen bisweilen und oft frage ich mich, nach welchen Kriterien mein Gehirn sich Bruchstücke daraus merkt, speichert und in meine Ideenschublade wirft.



Bordsteinprosa: „Was ist das Problem mit unserer Zeit?“

Richard Schwartz: „Mangelnde Weitsicht bei der Lösungsfindung. Kurzum auch Dummheit genannt. Viele leiden unter einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne. Weniger Buchstaben, das versteht sich leichter. Die erstbeste Lösung für ein Problem ist meist nicht die beste. Das ist oft so, als ob sich ein Sehbehinderter versucht mit einem Krückstock zu behelfen, anstatt einen Blindenstock zu nehmen. Falscher Lösungsansatz. Ein gutes Beispiel ist auch der Film Titanic, der eigentlich richtig gut gemacht ist. Warum aber liegt sie am Ende auf dieser Tür und er bekommt es nicht hin, sich eines der vielen umherschwimmenden Trümmerteile zu angeln?“

Ich muss lachen. Genau das habe ich mir auch damals gedacht.

RS: „Das Problem ist meist die individuelle Faulheit, nach einer Lösung zu suchen. Das ist Energieeinsparung, ein Relikt aus der Zeit des Herdentriebs. Damals war Energie überlebenswichtig und jegliche Einsparung von Energie wichtig. Warum soll ich das machen, wenn es auch ein Anderer für mich erledigen kann?“


B: „Das klingt nach ineffizientem Teamwork...“

RS: „Unsere Gesellschaft ist prinzipiell konservativ und veränderungsresistent. Es ändert sich immer solange nichts, bis der Anteil derer, die gleichsam anders sind, so groß ist, dass sie keine Randerscheinung mehr sind. Das ist so wie mit dem aufkommenden Punk in den Siebzigern. Am Anfang war das eine ultimative Randerscheinung, dass sich Leute die Ohrläppchen mit Sicherheitsnadeln durchbohrt haben und sich in Musik, Gesinnung und Kleidung massiv von der Masse abgesetzt haben. Protest. Heute ist Punk überwiegend eine Modeerscheinung und kein Ausdruck eines individuellen Protests mehr. Es gibt einfach zu viele von denen, die das optische Erscheinungsbild eines Punks erfüllen, um als Protestbewegung wahrgenommen zu werden.“

bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass jedes Wesen der Spezies Homo Sapiens prinzipiell den Drang in sich trägt, ein Alphatier zu sein. Lange habe ich mir dadurch das Ellenbogenprinzip erklärt.


B: „Meinst du nicht, dass jeder Mensch prinzipiell ein Alphatier sein will und wir deshalb so viele Kommunikationsprobleme haben?“

RS: „Nein, wenn man ein Alphatier ist, muss man Verantwortung übernehmen. Das ist anstrengend, benötigt Energie und Entscheidungsfindigkeit. Wer will denn das? Verantwortung zu übernehmen lernt man im besten Fall durch Erziehung, ohne Verantwortungsgefühl fehlt jedem Führungstalent das Instrument. Diese Erfahrung und Reflexion von Fehlern prägt die Verantwortungsfähigkeit. Die wächst auch potentiell mit dem Alter. Im besten Fall wächst die Bereitschaft auch die Verantwortung für den Mitmenschen zu übernehmen. Viele vermeintliche Alphatiere sind einfach Narzissten, denen die Verantwortung eigentlich egal ist. Sie genießen einfach ihr Tun und betrachten ihr Werk. Dabei kann man sich ein rein hypothetisch einen Chirurgen zum Beispiel nehmen, dem es egal ist, ob der Patient stirbt. Hauptsache er sieht am Ende so aus, wie der Chirurg sich das vorgestellt hat.“


B: „Ja, die allerwenigsten sind bereit, Verantwortung zu übernehmen. Egal ob für sich oder andere.

Also sowas wie: Alphatiere treffen Entscheidungen und Lemminge beschweren sich, aber sie befolgen?“

RS: „Ja. Starrsinn bekämpft man am besten, indem man den Verweigerern ihre Ineffizienz als Tugend verkauft. Also ihnen klar macht, dass sie mehr bewirken, wenn sie störungsfrei das Feld räumen. Dadurch haben andere die Möglichkeit die Leistung zu bringen, die sie auch bringen wollen. Das Resultat ist besser und schafft Platz für Kreativität. Erreichen könnte man das vielleicht über einen Grundlohn, der jedem Bürger gezahlt wird.“


B: „Das klingt logisch. Was ist denn Kreativität für dich?“

RS: „Das ist die Umsetzung einer Vorstellung oder eines Traumes ins Reale, etwas erschaffen.“


B: „Ist das eine generelle Definition oder ist sie an etwas Künstlerisches gebunden?“

RS: „Nicht per se an etwas Künstlerisches. Den meisten Menschen fehlt das Selbsterklärende in sich, die Selbstevidenz. Die hindert sie am Denken. Also nicht nur so etwas wie die Verbindung zwischen Nacht und dunkel oder Regen und nass zu erkennen. Vielmehr ist es, die Funktion einer Sache automatisch mit zu erkennen. Tasse und Tee oder Kaffee, auf jeden Fall trinken. Die Tasse liefert ihre Funktion mit.“


B: Das bedeutet also, dass manchen Menschen die Anlage fehlt, das Wesen der Dinge zu hinterfragen?“

RS: „Das ist auch ein Teil der Erziehung. Wenn ich nicht lerne, die Konsequenzen meines Handelns voraussehen zu müssen, kann das nicht aufkommen. Funktioniert meist gut, die Verantwortung an andere abzugeben.“


B: „Prioritätenverschiebung?“

RS: „Gedankenlosigkeit. Nichtstun ist auch eine geistige Haltung. Nihilismus. Automatisches Neinsagen ist einfacher, hat dabei aber meist eine viel größere und negative Auswirkung. Oft ist das die Angst vor dem Neuen und der Verantwortung. Doch viele Menschen sehen das als ein annehmbares Übel.


B: „Was ist mit denen, die das anders machen? Wachsen die über sich hinaus?“

RS: „Nein, niemand wächst über sich selbst hinaus. Eher führt Verzweiflung dazu, die konservativen Kräfte der Gesellschaft zu überwinden. Also die erfolgreiche Bekämpfung der Angst einen Weg zu gehen und eine nicht gescheiterte Umsetzung des Willens.


B: „Was ist denn das, dieser Wille? Ist der Wille kreativ zu sein denn frei“

RS: „Zum Teil. Das Wollen ist der Antrieb, der Motor der Kreativität. Ein Teil des Weges um etwas zu erschaffen. Planung alleine ist leider schon gut für das Belohnungssystem, wieso auch so viele Menschen bei der Planung stehen bleiben. Für das Gehirn macht es kaum Unterschied, ob nur eine Absicht vorhanden ist oder auch tatsächlich umgesetzt wird.“


B: „Allerdings. Das ist ja so eine Sache, mit den Vorsätzen. Kennt ja jeder von Silvester. Meist bleiben sie einfach Vorsätze. Alleine der Gedanke an die Veränderung, bewirkt ein angenehmes Gefühl der Erleichterung.“

RS: „Ja, man schiebt das einfach dadurch immer weiter nach hinten. Aber wenn der Wille stark genug ist, besiegt der den Zustand der Gleichförmigkeit. Heute handeln wir ja meist nicht mehr strategisch, sondern nur noch taktisch. Die Instantbefriedigung ist einfach zu verlockend.“


B: „Also ich leide auf jeden Fall unter dem Druck, etwas zu wollen, erschaffen zu müssen und kreativ zu sein.“

RS: „Das ist die Angst vor dem nicht vorhandenen Sinn der eigenen Kreativität und dem Scheitern, welches man erlebt, wenn man keine Spuren in dieser Welt hinterlässt.“


B: „Schreibst du deshalb?“

RS: „Es war eher die Motivation, es anders zu machen als andere. Ich dachte ich kann das auch und vielleicht auch besser. Außerdem treibt einen das Wissen raus, dass nichts für immer bleibt. Zu lange ausruhen hält den Zustand der Energieeinsparung nicht aufrecht.


B: „Zu lange in der Hängematte abhängen zerstört den inneren Frieden auch?“

RS: „Nichts ist statisch und bleibt erledigt. Das ist dynamisch. Eigentlich ist das Leben ein Boot mit Leck. Wenn man nicht rechtzeitig schaufelt, geht man unter. Sich treiben zu lassen ist ein paradiesischer Zustand, aber er endet irgendwann automatisch.“


B: „Was ist Schreiben für dich?“

RS: „Schreiben ist nicht die Erschaffung eines Buches, das machen die Drucker. Es ist die Umsetzung einer Idee und das Buch ist mein Medium. Mein liebstes. Schriftstellerei macht etwas Abstraktes sichtbar, so wie Bildhauerei etwas greifbar macht und Musik etwas hörbar. Das ist die Übertragung von Energie, im metaphysischen Sinne. Karl Marx zum Beispiel hat eine Idee in eine physische Realität umgesetzt und die tatsächlich existierende Welt dadurch verändert. Der Wille dazu war die Energie, um es zu schaffen. Kapitalismus ist nicht sozial, da sind wir wieder bei der Überblickung der Konsequenzen. Politiker sind manchmal nicht weitsichtig genug, ihnen fehlt vielleicht der Blickwinkel auf die Folgen ihres Handelns. Meist, weil sie ihr Handeln nicht mehr als Ganzes verstehen, sondern sich vielleicht aber auch als Person nicht mit ihrem Handeln verbinden. Die sind Opfer ihres eigenen Effekts.“


B: „Die scheitern quasi an sich selbst – die Erkenntnis, die man in den großen Bildungsromanen vergangener Zeiten gelehrt bekommen hat? (Die Erkenntnis darüber, dass das Handeln Konsequenzen hat und von vielen Faktoren abhängig ist)“

RS: „Geschichten sollten den Sinn haben, das Denken zu schulen. Es gibt wenige Ursprungsberufe, aber Jäger, Sammler, Prostituierte, Sippenführer, Heiler und eben Geschichtenerzähler gab es immer. Geschichten erzählen hat eine lange Tradition und dient der Wissensvermittlung. Die Protagonisten treffen Entscheidungen und der Leser konfrontiert sich mit dieser Handlungsweise. Bücher weisen Lösungsmöglichkeiten auf und Verfahrensweisen, die man nicht wählen sollte. Es geht um den Effekt der Reflexion. Frei nach der Maxime erst Denken, dann handeln. Dabei ist es egal, ob es sich dabei um Literatur handelt oder um Belletristik. Meine Protagonisten treffen logische Entscheidungen um Probleme zu lösen.“


B: „Ist das Instrumentalisierung?“

RS: „Eher eine ursprüngliche Form von Lebensberatung. Umso fanatischer ein Mensch ist, desto benutzbarer, instrumentalisierbarer wird er. Gute Geschichtenerzähler sind nicht instrumentalisierend, sondern beratend. Schriftstellerei hat somit einen philosophischen Auftrag, überträgt abstraktes Denken auf andere.“


B: „Was ist das Problem am Lesen, ist es noch zeitgemäß?“

RS: „Lesen steht im Konflikt mit der Instantgratifikation, die heute gewünscht ist. Die Unterhaltungsindustrie schafft schnellere Zufriedenheit. Ein Film hat dieselbe Aussage wie das Buch und dauert zwei Stunden. Das Lesen dauert länger und ist Opfer der Formatisierung von Zeit geworden. Sieger ist oft die Zeitersparnis. Lesen ist Denken und somit etwas für Menschen, die in der Lage sind, beim Lesen zu pausieren und imstande sind, später den Faden wieder aufnehmen zu können.“


B: „Ist die Beschränkung der Zeit die Beschränkung der Erkenntnis?“

RS: „Nicht für die, deren Denken nicht zeitlich beschränkt ist. Lesen fördert außerdem die abstrakte Betrachtungsweise“


B: „Lesen ist etwas für Menschen mit Langzeitfokus?“

RS: „Ja, eine schnelle Belohnung ist lesen nicht, die Belohnung am Lesen ist das Lesen an sich, dessen Essenz nicht die Aussage, sondern der Weg dorthin ist. Das ist die Anregung der eigenen Phantasie, wie ich finde.“


So sehe ich das auch mit dem Schreiben, stelle ich fest. Es ist nicht das fertige Buch, das ich unbedingt veröffentlichen möchte, sondern eher die Erkenntnis des Schreibens. Ich lerne als Autorin ja über mich selbst, wenn ich mich schriftlich reflektiere. Nichts Anderes ist Geschichtenerzählen ja irgendwo. Unser Gespräch neigt sich dem Ende, irgendwie sind wir uns einig.

„Schließ dich doch mal ein paar Tage lang ein und nimm dir zehn Bücher vor. Das ist wie Urlaub, den Input brauchst du gerade“, legt er mir nahe, sehe ich auf jeden Fall auch so. Aus organisatorischen Gründen wird das noch ein paar Wochen dauern, bis ich das umsetzen kann, aber die Abende werde ich auf jeden Fall nutzen, um das zu tun.

**Herzlichen Dank auch an den Piper Verlag**


1 Kommentar:

  1. Schönes Interview – das werde ich noch fleißig teilen!

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