Donnerstag, 21. Juli 2016

Hauptstadtblues - Halbjahresresumé

Wieder war ich dort, zum gefühlt hundertsten Mal. Im letzten halben Jahr habe ich dort meinen Gedanken freien Lauf gelassen, frei von sämtlichen Regeln und Konventionen. Jedes mal, wenn ich seit 2006 in Berlin war, kam ich reflektierter wieder. Nicht zwangsläufig glücklicher, aber langfristig mental besser organisiert. Alles hat wie immer mindestens zwei Seiten. Nur der Fersehturm nicht ...


Plattenbauromantik, Hauptsache Discokugel...


Über Weihnachten war ich auf emotionaler Entdeckungsreise in Friedrichshain-Kreuzberg, im Februar in Pankow, im Juli in Pankow und in Charlottenburg-Wilmersdorf. Jedes mal habe ich andere Abstrusitäten erlebt, zufällige Bekanntschaften gemacht, ein Stück mehr zu mir selbst gefunden. Heroinjunkies beim Fixen in der Sparkasse, heulende Punks in der Bahn, Dinner in Nobelrestaurants, Champagnerparties, Fetischclubs, körperlicher Näheaustausch mit beinahe gescheiterten Überlebenskünstlern, auf der melancholischen Suche nach alles verzehrender Liebe und Leidenschaft.


Der Körper könnte niemals so nackt sein, wie die Seele, während man morgens um halb fünf über Analsex, Kokain, die verflossene Liebe und Kafka philosophiert, und dabei einen Handmade-Burger bestellt


Berlin ist vieles, nur eines nicht: unehrlich. Vielleicht ist es diese Tatsache, weshalb ich die Stadt so viele Jahre lang gehasst habe und sie zunehmen liebe und schätze. Ebenso viele Jahre lang habe ich mir selbst etwas vorgemacht, mich in ein Bild von mir geflüchtet, in welches ich nie rein gepasst hätte. Genau gesagt ist Berlin wie ein aus der Mode gekommener Stöckelschuh, den man noch immer liebt. Von Zeit zu Zeit drückt er bei zu langem Tragen, aber er passt immer wieder aufs Neue, wenn die Mode sich ändert und die Blasen verheilt sind.


In Berlin wohnen Prinzregenten auf ihrem Prinzlauerberg und verschenken Federn fremder Pfauenfrauen, denn die wahre Geschichte des Aschenputtel heißt hier drei Bier für Aschenblödel


umso ehrlicher ich mit mir selbst werde, desto mehr liebe ich diese Stadt und genieße die unendliche Anonymität vor der harten, aber ebenso herzlichen Art ihrer Bewohner. Nirgends crashen so viele Welten aufeinander, wie hier. Stille, kleine Revolutionen, nebst großen Aufschreien und Konflikten. Dabei entdecke ich traumhaft schöne Mondkaleidoskope bei Onkel York in der Pappelallee (dringend besuchswürdig!) und kaufe Bücher über den wahren Marcel Proust in der liebevoll sortierten Buchhandlung Montag, ein paar Meter weiter.

http://www.yonkelork.de

http://www.buchhandlungmontag.de


Auf der Suche nach der vergangenen Zeit, eine Zeit, in der der Meister gelebt hat...


In keinem Kosmos bin ich so gleichgültig und hochemotional zugleich, wie in diesem. Aber ich pendle auch in keinem Kosmos so sehr zwischen beruflichem 5* Hotel, Bildung, Kultur, Hedonismus und privatem Saufgelage in der U-Bahn. Berlin erlaubt alles, auch das Übernachten in den Betten urgemütlicher Junggesellenwohnungen, obwohl man eine Suite gemietet hat. Betten, an denen die erotische Aura vieler anderer Frauen haftet, ohne mich zu belasten, mit unstillbarer Begierde zu infizieren.

Ich liebe den kurzen Urlaubsmoment meiner Seele, indem ich meine Nächte mit dem Streicheln von wundersamen und liebenswerten Menschen fülle, deren Inneres so viel heimlicher und ehrlicher ist, als ihr Äußeres. Ich genieße das zeitlich unbestimmte Geschenk ihrer Anwesenheit in meinem Leben, ohne sie ausziehen zu müssen. Das Wollen ist optional.

https://www.youtube.com/watch?v=oAZAGwhrC7g


Zentriert, aus der Bahn, im Leben, aus dem Exzess in die Balance, Gedankengefickt und lebendig


Hier habe ich keine Erwartungen, keine Grenzen, keine Limits und bin mir selbst treu. Berlin hinterlässt immer Blues in mir, aber ich habe nie gesagt, dass ich Blues nicht mag. Jetzt bin ich fast dreißig und lerne ihn nicht nur zu leben, sondern auch zu lieben, ohne dabei die Ausweglosigkeit in ihm zu sehen ...

Danke an diesen Ort ohne Regeln und die Menschen, mit denen ich dort Zeit verbringe

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