Montag, 12. September 2016

Detail ist alles - ein Besuch in der Kunsthalle Mainz

Detail ist alles - so lautet der Titel der Ausstellung, die derzeit in der Kunsthalle in Mainz läuft. Gestern habe ich sie besucht und fand mich am Ende unerwartet als Teil der Ausstellung vor.

Die Bild- und Toninszenierung Railings von Francis Alÿs hätte ich mir stundenlang antun können. Wie ein mahnender Rundgang des Wärters im Gefängnis weckt Alÿs den Zuschauer auf. Dabei geht er zufällig und absichtlich mit einem Drumstick Zäune und Pfeiler ab. Damit erzeugt er den Rhythmus der Architektur, die sich in den wohlhabenden Gegenden Londons befinden. Zäune spielen hierbei eine wesentliche Rolle, denn sie verdeutlichen die Abgrenzung der Bevölkerung untereinander. Reichtum als eigener Kosmos in der Stadt, dessen Existenz beschützt werden muss.

https://www.youtube.com/watch?v=tC4-op71sa4 


Die 1994 in Mexico City entstandene Fotografie Turista zeigt Alÿs selbst, der sich zwischen arbeitsuchenden Männern an den Zaun lehnt. Dabei bietet er seine Dienste als Tourist an, was für eine Freizeittätigkeit steht, für die es keinerlei Können und Vorkenntnisse bedarf.



Zentrales Thema der Ausstellung sind Sensibilisierung, Protest und Rebellion, welche sich harmonisch und beinahe unbemerkt in ihre Umgebung fügen. Heimlichkeit und Stille und deren subtile Aussage sind ein immer wiederkehrendes Element der Künstler. Die Details sind eben alles, wenn man kaum Möglichkeit hat, sich auszudrücken.


Auch Vito Accondi nutzte sie als Sprache für seine Protokolle, die er in den Sechzigern und Siebzigern führte. Dabei verfolgte er unauffällig die von ihm ausgewählten Passanten durch die Stadt. Ein Assistent fotografierte ihn dabei. Dieses Verfolgen hatte für Accondi keinen detektivischen Hintergrund, denn er suchte nicht nach Informationen. Es ging lediglich um die Abgabe von Kontrolle, die ihm widerfuhr, wenn er sich jeden Tag aufs Neue auf den Weg eines Unbekannten einließ.

Out of the body.
What I wanted was to step out of myself from above as an observer of my behavior. 
V. Accondi 1972

I would be too close to the person - too close to myself? - - to observe myself.

Fall into position in a system. I can be substituted for, I can be replaced. My positioned value counts here, not my individual characteristics.
V. Accondi 1969


Vito Accondi - following piece (1969)


Ich verstehe Stille und vermeintliche Integration letztendlich als eine Art Sprache, welche Rebellion als Koexistenz im selben Kosmos erlaubt, in welchem auch Kontrolle und Repression herrschen. Am Ende meines Rundganges, den ich als einziger Besucher der Ausstellung sehr genossen habe, begreife ich mich als Teil der Inszenierung. Ich bin alleine, aber das Personal des Museums verfolgt mich aufmerksam. Dabei nehme ich die Anwesenheit der Kontrolle zur Kenntnis, lasse mich jedoch nicht von ihr beeinträchtigen, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich protestiere gegen Kontrolle, indem ich mich ihr aussetze, mit ihr arbeite, spiele und sie analysiere.

Wer sich diese wundervolle Ausstellung ebenso ansehen mag, kann dies noch bis zum 16.10.2016 tun.

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INFO DES MUSEUMS
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Kunsthalle Mainz
Am Zollhafen 3 - 5
55118 Mainz

Öffnungszeiten

Dienstag, Donnerstag, Freitag 10 – 18 Uhr
Mittwoch 10 – 21 Uhr
Samstag und Sonntag 11 – 18 Uhr
Feiertage 11 – 18 Uhr
Montag geschlossen, auch 3.10. (Tag der Deutschen Einheit)

Eintrittspreise und Führungen

Erwachsene 6 €
Ermäßigt (Schüler, Studenten, Rentner, Schwerbehinderte) 3 €
Gruppe ab 10 Erwachsene (pro Person) 4 €
Gruppe ab 10 ermäßigt (pro Person) 2 €
Kinder bis 6 Jahre Eintritt frei
Jahreskarte 25 €
Öffentlicher Rundgang 4 € (zzgl. Eintritt)
Angemeldeter Rundgang 75 €, sonn- und feiertags 90 € (zzgl. Eintritt)
Kunstrundgang für Schulklassen und außerschulische Einrichtungen etc. 2 €
(pro Person, inkl. Eintritt)
Rundgang für Studienseminare 4 € (pro Person, inkl. Eintritt)

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