Dienstag, 29. November 2016

Was geschieht, wenn eine neurodiverse Autorin und eine Buchhändlerin ins Kino gehen - Egon Schiele


Vor etwa einer Woche warf mir der Piper Verlag bei Twitter einen Tweet in die Nachrichtenleiste, die dazu geführt hat, dass ich weit nach Mitternacht mal wieder schreibe. Konkret ging es da um Kinotickets für den Film Egon Schiele. Normalerweise überspringe ich viele Infotweets aus Zeitgründen komplett. Dieser blieb mir jedoch im Kopf, weil ich den Schauspieler auf dem Bild (Noah Saavedra), mit genau diesem Blick, ein bisschen mit dem Bild verband, welches ich in den letzten anderthalb Jahren beim Schreiben meines Protagonisten hatte. Weil ich bisher wenige bis gar keine Bilder oder Menschen fand, die dem Bild in meinem Kopf irgendwie gerecht wurden, verlinkte ich meine wichtigste Testleserin und befreundete Autorin auf meinem Retweet, die ich darüber informieren wollte.
Ich las die Info zum Film und schaute den Trailer an, nach welchem ich schon wusste, was der Film für ein Gefühl in mir hinterlassen würde. Bedrückende Leere, hinter deren Tür sich die Inspiration schreiend und wütend gegendrückt. Grauenhaft und schön zugleich.

Eben bin ich aus dem Kino raus und muss sagen – es kam genauso. Vielleicht kann ich das, was der Film transportiert gar nicht so sehr in Worte fassen, was mir als Autorin hochkomplexer und emotionaler, zwischenmenschlicher Abgründe eigentlich leicht fallen müsste. Aber dem ist nicht so. Was ich allerdings sagen möchte ist, dass es wenig Filme gibt, deren Grundspannung so hoch ist, wie bei diesem.
Dabei kann ich mich nicht entscheiden, was mich mehr belastet hat. Der Konflikt des immerfort vom Schaffen getriebenen Künstlers, dessen soziale Inkompatibilität sich mehr als einmal in der Geschichte am Stellenwert der Liebe (und deren Scheitern) zu anderen Menschen messen lässt, oder die Tristesse der Kriegszeit. Beides läuft durch die Rückblende so parallel nebeneinander her und am Ende ineinander über, dass es mich beinahe zerdrückt hat. Ich hatte genau das erwartet und war dank meiner Freundin und Buchhändlerin Wiebke auch mit sämtlichen Waffen gegen den emotionalen Absturz versorgt. Nach der Hälfte des Films war der Sekt leer und meine erste Frage war: „Können wir jetzt bitte Schnaps?“

Wenn es die herzlich-boshaft-sarkastischen Pointen der österreichischen Mentalität in den Dialogen nicht gegeben hätte, wäre mir der Film unerträglich nah, intensiv und destruktiv gewesen. Auch das mit der Mentalität ist etwas, das man vielleicht einfach lieben oder hassen muss – ich liebe es. Familiär bedingt schon immer und kann mich den ganzen Tag an dieser Kultur aus geistreichem Fluchen und Kuchen erfreuen.
Eine Sprachkultur, deren Wortwitz bereits eine Beleidigung ist, wenn der Gesprächspartner noch lacht und ab und an auch mal eine grundehrliche Liebeserklärung von Herzen, formschön durch einem Tritt ans Schienbein vermittelt. Ein bisschen empfinde ich gerade Wien immer als Stadt, in der die Leute als Baby schon mit Koks den Hintern gepudert bekommen, weshalb sie später diesen Gottkomplex gegenüber anderen an sich haben.

Ich bin unendlich froh, dass der Film authentisch im Dialekt belassen ist und die volle Bühne zur Entfaltung des Gefühls für die Geschichte nutzt. Meiner Meinung nach hat das den Effekt einer intensiven Beziehung zur Handlung und den einzelnen Konflikten der Protagonisten massiv verstärkt. Irgendwie fühlt man sich in dieser Szenerie zu Hause, versucht das zu verteidigen, was man ab der ersten Sekunde des Films in sich aufsaugt. Es fühlt sich an als ob dem Zuschauer nach und nach die Heimat genommen wird. Am besten spiegelt dies für mich der wiederkehrende Satz Schieles an seine Modelle: „bleib so.“ Nichts bleibt. Und am Ende nicht einmal das Leben.

Zwei Stunden lang geht es um das Thema Intensität. Der Film schreit nicht und dennoch sind alle großen Gefühle wie Neid, Eifersucht, Aufopferung, Liebe, Verlust, Verzweiflung und Hoffnung darin so laut, dass man nicht weghören kann. Vieles an diesem wundervollen Stück digitaler Kunst auf Leinwand hat sich in mein Gehirn gebrannt. Davon abgesehen, dass es viel um Nacktheit geht, ist diese auf eine sehr respektvolle und schambefreite Art inszeniert. Mit Menschen, die echte und authentische Figuren haben, die man sich einfach gerne ansieht.
Überhaupt ist es eine große Leistung diese intimen Momente so leicht erscheinen zu lassen als ob sie heimlich geschehen wären. Der Respekt und die Hochachtung, die ich hierbei für sämtliche Darsteller (beachte man ihren Werdegang bisher!) empfinde, kommen aus dem tiefsten Inneren meines Herzens.
Dieser Film hat den düsteren Singsang an Seele in sich, den Österreich zu dieser Zeit hatte - vielleicht auch generell an sich hat und ist meiner Meinung nach grandios besetzt. Ich hoffe darauf, dass es in der Zukunft wieder mehr Kino dieser Qualität gibt und die Darsteller weder verheizt werden, noch an Natürlichkeit und Charme verlieren. Und darauf, dass Saavedra möglichst wenige Interviews geben muss, damit er mehr Zeit zum frühstücken hat.

Die verstörende Erkenntnis aus diesem Kinobesuch für mich persönlich ist eine unscheinbare. Ich habe nicht geweint. Obwohl ich fest damit gerechnet hatte. Ich war am Ende einfach voller Bilder, Gefühle, Ideen – da war kein Platz fürs Heulen. Wie so oft in meinem Leben, kommt die Inspiration immer dann, wenn ich sie nicht eingeplant habe - und der Wust an zu ordnenden Emotionen mit ihr erst recht nicht. Wahrscheinlich muss ich jetzt in den nächsten Wochen wieder anfangen ein neues Buch zu schreiben, obwohl ich nach der Abgabe erstmal pausieren wollte. So ist das eben, wenn man tut, was das Herz einem befiehlt. Künstlerneurose. Ein bisschen in allen von uns.

Donnerstag, 24. November 2016

Meine Rezension zu Nina C. Hasse - Ersticktes Matt. Ein Steampunk-Krimi aus den Floodlands in New York

Nina C. Hasses Roman "Ersticktes Matt" liegt nun auch endlich als gedruckes Buch auf mein Tisch, viel zu schön verpackt als dass man es auspacken möchte. (Tausend Dank dafür!) Endlich komme ich dazu, mal eine Rezension zu schreiben. 

Das Buch behandelt ein sehr spannendes und tiefgehendes Thema, welches ich unendlich gerne noch viel mehr beschrieben hätte: Steampunk. Das bedeutet, die Welt, in der das Buch spielt, ist retro-futuristisch. Mode und Zeitgeist entsprechen der viktorianischen Epoche, aber die technischen Möglichkeiten sind andere. Eben so, wie man sich die Zukunft damals, in Jules Vernes Zeit, hätte vorstellen können. 

Auch der Protagonist Remy Lafayette ist clever gewählt, denn in seinem Namen treffen sich gesellschaftliche Etikette, Kultureller Hintergrund und die Verbindung zum Schachspiel, um welches es  im Roman geht. Das Buch handelt von Lafayette, der als Gesichtsanalytiker in Zusammenarbeit mit der Polizei eine Mordserie aufdeckt, bei der alle Opfer mit Schachfiguren gefunden werden.

Wie Nina das Thema Schach in die Ermittlungen einbaut ist sehr kreativ und erfordert eine gewisse Verständigkeit für die Strukturen des Spiels. Das hatte für mich allerdings auch zufolge, dass mir die Geschichte zu gedrungen war. Sie hätte wesentlich mehr Details an Stellen haben können, deren inhaltliche Komplexität geradezu nach weiterer Beleuchtung schreit. Alleine die Beschreibung des Zeitalters ist mir persönlich zu kurz gekommen, wo sie doch äußerst spannend ist. Auch das Seelenleben des Protagonisten kommt ein bisschen zu kurz, denn er ist ein vielschichtiger Charakter. In vielerlei Hinsicht. Eine Erzählweise in der ersten Person hätte ich außerdem interessanter gefunden.

Trotzdem ist dieser Krimi anspruchsvoll, behandelt sozial- und gesellschaftskritische Themen und macht Lust auf mehr. Einen zweiten Teil würde ich mir definitiv wünschen, denn es gibt in diesem Kosmos noch einiges mehr zu erzählen. Gut gemacht, liebe Nina! Ich warte dann mal auf mehr davon ;)



Nina C. Hasse - Ersticktes Matt // Verlag: CreateSpace Independent Publishing
ISBN: 978-1535537933


Bild: https://www.amazon.de/Ersticktes-Matt-Floodlands-Nina-Hasse/dp/1535537930/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1488048250&sr=8-1&keywords=ersticktes+matt

 

Sonntag, 20. November 2016

BOOK GOES POP ART // Autorenvorstellungen in Pop-Art Teil 4 // Eva-Maria Obermann

„Einfach Eva reicht“, sagt Eva-Maria Obermann. Sie ist im Mai 1987 in Speyer geboren, in Schifferstadt aufgewachsen und lebt auch heute noch dort. Früher wollte sie einmal Tierärztin werden, weil sie glaubte, dass Tiere es mehr verdient hätten, versorgt zu werden, als Menschen. Als sie 12 war, ließen sich ihre Eltern scheiden, woraufhin Eva anfing kurze Texte und Gedichte zu schreiben. Das Schreiben half ihr, auch als Ventil gegen Mobbing. Nach der Schule studierte Eva zunächst Biologie, wechselte 2009 jedoch zu Germanistik und promoviert derzeit erfolgreich in der Literaturwissenschaft über die Mutterfigur in der Gegenwartsliteratur. Gefördert wird sie dabei von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Literatur ist ihr Leben und der Wechsel zwischen wissenschaftlichem und erzählendem Schreiben fällt ihr nicht immer leicht. Allerdings empfindet sie dies als wichtig, damit ihr die Freude am Schreiben nicht verloren geht. Zu verkopft sei eben auch nichts. Eva hat außerdem einen Mann, drei Kinder von acht, drei und einem Jahr und eine Katze. Sie schreibt neben der Dissertation auch journalistisch, bspw. für das Face2Face Magazin. Literatur zieht sich eben durch ihr ganz schon beeindruckendes Leben ...

Was sagt Eva-Maria über sich selbst? Ihr könnt es nachfolgend lesen:

 

Mein Deutschlehrer fragte mich einmal in der Oberstufe, warum ich schreibe. Meine Antwort gilt auch heute noch „Ich kann nicht anders.“ Ohne das Schreiben wäre ich nicht ich. Schreiben ist für mich nicht nur Ausdrucksmittel und hilft meiner Phantasie, sich auszudrücken, es ist auch Selbsttherapie. Nach der Scheidung meiner Eltern hat sich das herauskristallisiert, aber vor allem, als ich in der Schule regelrecht gemobbt wurde, weil ich nicht schlank und auch sonst nicht „konform“ war. Ich schlitterte in eine Essstörung, aber das Schreiben hat mir geholfen und ich habe damals auch gelernt, reflektiert mit dem Geschriebenen umzugehen. Das hilft mir als Autorin ungemein weiter. 

Angefangen habe ich mit Lyrik und auch heute sind meine Gedichte mir sehr wichtig. Sie sind emotionaler und persönlicher, als alles andere, was ich schreibe. Kurzgeschichten schreibe ich gerne als Übung, am meisten Spaß macht es mir aber, ein Konzept für einen Roman zu entwickeln und auszufeilen. Nächstes Jahr erscheint mein erster Roman und da habe ich von der Grundidee bis zu Umsetzung quasi zehn Jahre lang gearbeitet, wobei viel in meinem Kopf passiert ist.
 

Da ich drei Kinder habe und an meiner Promotion arbeite habe ich nicht immer so viel Zeit für meine literarische Schreiberei, wie ich gerne hätte, versuche aber konsequent am Ball zu bleiben. Mein jüngster ist seit letzter Woche in der KiTa angekommen, was mir nun nicht nur abends Schreibzeit ermöglicht, sondern auch tagsüber Zeit, so dass ich Arbeit, Schreiben und Familie ausgewogener organisieren kann. Gerade Kurzgeschichten schreibe ich aber ab und an auch speziell für meine Kinder, sie sind also durchaus Inspiration.
 

Die meisten Ideen kommen mir gerade in der Zeit, in der mein Kopf eigentlich Pause hat. Besonders gut klappt das beispielsweise beim Stillen, aber auch beim Joggen, in der Sauna oder beim Putzen kommen mir immer wieder Plotgrundlagen in den Sinn, die ich dann weiter ausbaue. Vieles davon ist fantastisch, aber auch Gegenwartsliteratur gehört zu meinem Repertoire. Im Grund schreibe ich, was ich auch gerne selbst lese.
 

Lesen ist überhaupt ein Faktor, der mir beim Schreiben total wichtig ist. Ich habe selbst einen Buchblog (www.buchblog.schreibtrieb.com) und rezensiere fleißig. Einmal hilft es mir, zu erkennen, was ich selbst mag und welche Techniken ich gut finde. Außerdem habe ich dort schon eine tolle Vernetzung mit Autoren und Bloggern aufbauen können. Und es macht mir wirklich Spaß.
 

Ich habe fünf fertige Manuskripte abgespeichert und mein erster Roman „Zeitlose – Simeons Rückkehr“ erscheint nächsten Februar im Schwarzer Drachen Verlag. Momentan schreibe ich an einer Fortsetzung. Außerdem habe ich zwei Projekte bei Oettinger34, bei einem davon bin ich in den letzten Lektoratszügen. 

Eva-Maria Obermann - Zeichnung Nika Sachs 2016