Samstag, 31. Dezember 2016

Schluss, aus und vorbei? - Meine unformatierten Gedankengänge zum Thema Beziehungsunfähigkeit meiner Generation

Das erste Jahr nach der Trennung ist vergangen und ich versuche in Worte zu fassen, wie sich mein Bild über Beziehungen in den letzten Monaten verändert hat. In unzähligen Gesprächen mit den unterschiedlichsten Leuten gab es ebenso unterschiedliche Ansichten. Vieles aber gleicht sich – die Angst keinen Partner zu finden oder keinen zu wollen, die Angst sich selbst nicht zu finden und die Frage nach dem besten Beziehungskonstrukt.

Es ist erschreckend, wie oft ich in der letzten Zeit höre, meine Genereation sei beziehungsunfähig. Ist das so? Ich glaube nicht. Der Zeitgeist suggeriert es uns aber. Warum? Oft habe ich das Gefühl, viele Menschen mit denen ich rede, über die ich lese und die ich beobachte, haben ein emotionales Bore-out und Burn-out zugleich. Sie sind fest in dem Glaube, unfähig zu sein zu lieben, weil Liebe so ein ungreifbarer Begriff ist. Einer, den wir gemäß der Zeit und deren Selbstdarstellung nicht in eine Schublade packen können.

Sonst müssen und können wir das doch auch – alles hat seine Ordnung – oder zumindest ein Label, welches den anzustrebenden Umgang mit allem in unserem Leben vorzugeben hat. Hauptschule, Realschule, Gymnasium. Drei Weichen. Uni, Ausbildung, Backpacken. Homo, hetero, bi, dumm, schlau, gesellschaftsuntauglicher Freak. Immer diese Fronten, in die alles eingeteilt, bewertet wird, was wir tun. Gegen Kategorisierung, gegen Sexismus (...) Ich verfolge diese Diskussionen mit Bauchweh.

Irgendwie habe ich das Gefühl, wir sind spießiger denn je, getrieben zu bestehen, in einer Arbeits- und Gesellschaftswelt, die von uns verlangt flexibel und voller Expertise zu sein und dennoch belastbar und beständig. Wo sind wir als fragende und hinterfragende Wesen darin? Und damit meine ich nicht nur die philosophische Auseinandersetzung mit dem Dasein und dem Wesen dessen an sich, sondern viel mehr ein Selbstverständnis für uns. Ein Bauchgefühl, was uns gut tut, uns weiterbringt und dabei unsere Balance aus Emotionalität und Leistungsfähigkeit aufrechterhält.

Geprägt vom falschen Wertebild der Individualität, verausgaben wir uns entweder im Zwang etwas zu leisten, zu hinterlassen und erschaffen (und gehen dabei oft einer vermeintlichen Bewegung der realen Freiheit von Konventionen auf den Leim, in dessen geschlossenem, pseudointellektuellem und avantgardistischem Kreis, doch alles ebenso uniformiert ist) oder im Nichtstun, angepasst an das Freizeitangebot des kleinen Mannes.

Start-up, Elterndasein, neudeutsche Besinnlichkeit zwischen Vegankultur und politischen Spannungen, Folkloretrend, Frustration und viel zu vielen Möglichkeiten, die uns zur Verwirklichung geboten werden. Was zum einen an der generellen Entwicklung der Gesellschaft und deren Errungenschaften liegt, und zum anderen an einer langen Periode des Wohlstandes in unserem Land. Leider wird die Bedienungsanleitung für so ein Leben nicht mitgeliefert. Denn wir sind total an dieses System aus Funktionalität und Pseudo-Individualität gewöhnt und genießen dadurch Anonymität. Wer fühlt ist angreifbar und wer angreifbar ist, fällt aus dem System. Ich meine, schauen wir uns diesen ganzen Hipsterkult doch mal an, da wird von Individualität und Innovation gesprochen und die sehen eigentlich doch auch alle gleich aus. Freiheit ist kein Trend.

Dieses Lebensschema von offenen Beziehungen oder Nichtbenennen von Beziehung (Jede Art der emotionalen Bindung und auch der nicht emotionalen Bindung ist irgendeine Form von Beziehung zu einander), ist meiner Meinung nach meist eine Geisteshaltung zur Nichtaussage. Keine Entscheidung treffen, keine Verpflichtung eingehen, keine Abhängigkeit schaffen, in einem Umfeld, in dem Abhängigkeit im Kontrast zur schnelllebigen Wegwerfindustrie steht, resultierend aus ebendieser. Zu viele Möglichkeiten und zu wenig davon hat einen Langzeitcharakter. Unsere soziale Interaktion passt sich an die Schnelllebigkeit der Wirtschaft an.

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass unsere Wertevorstellung sich gewandelt hat. Beruflich, emotional. Generation YOLO, das Anti-Erhaltungs-Programm unserer Zeit. Auf der einen Seite sind wir so kommerziell orientiert wie nie, und auf der anderen versuchen wir Werte zu schaffen, die Nachhaltig sind. Meine Generation spaltet sich in zwei Fronten auf, die sich entweder zu viele Gedanken macht oder gar keine. Irgendwo dazwischen befinden wir uns als reale Menschen und finden uns selbst nicht, weil Findung aus wirtschaftlicher Sicht Stillstand ist.

Das ist so wie mit der Pharmaindustrie. Es gäbe funktionierende Methoden und Medikamente, weil die aber zu gut sind, wird damit nicht langfristig verdient. Es soll am Leben halten und das möglichst lange. Heilen steht nicht zur Debatte, damit verdient man nicht. So ist es auch im technischen Bereich. Immer erst fünf nach zwölf wird gehandelt, weil man so viel wie möglich finanziell davon profitieren muss. Nun ja, was bedeutet dieser Zwiespalt auf Effizienzdenken und Selbstfindung?

Leistungsdruck haben wir bereits im Kindergarten: Helikoptereltern und so weiter. Was das für unsere Persönlichkeit bedeutet, ist meiner Meinung nach sehr sehr schwer greifbar. Die einen gehen in diesem Zwiespalt aus Unter- und Überforderung unter und die anderen Schwimmen. Meist mit dem Strom. Tot. Mit dem Bauch nach oben. Oder gegen den Strom, am Rande des Burn-out – ebenfalls schon in Schieflage.

Partnerschaften unterliegen auch diesem leistungsorientierten Zeitmanagement, passen eigentlich gar nicht in das Anforderungsprofil an uns Bürger. Wir sollen Werte schaffen, sie vermitteln und aufrechterhalten und leben in einer Welt, in der ein Vollzeitjob nicht reicht um eine Familie zu ernähren. In der wir bis 35 an unserer Karriere feilen um dann festzustellen, dass wir von der Pubertät direkt in die Midlife Crisis rutschen. Alleine das Wort „Job“. Was zur Hölle ist das? Werteverfall. Ich jobbe. Ist das Arbeit? Vom Aufwand ja, von der Begrifflichkeit her klingt es nach Aushilfe. So werden wir behandelt und bezahlt. Oft. Wenn nicht, haben wir meist so viel Verantwortung, dass wir kein Leben mehr haben. Work-Life-Balance. Was? Klingt wie eine Krankheit.

Unsere Sprache verfällt übrigens auch, was nicht an der Untermischung ausländischer Begriffe liegt, sondern an der Art, wie wir sie verwenden. Minimalismus. Wenig Zeitaufwand, viel Bla Bla mit wenig Aussage, Hauptsache es klingt lässig. Der politische Trend hält Einzug in den Privatköpfen.

Was also tun? Was für Beziehungen braucht man als Mensch eigentlich? Reicht es, Affären zu pflegen, sich die Zuneigung als Dienstleistung vom Lieblingsmenschen zu holen, Liebe als großangelegtes Weltfriedenprojekt zu sehen? Zurück zu den Siebzigern, Bruch mit dem traditionellen Konstrukt? Es geht um Treue im Kopf, jemanden nicht einsperren, frei bleiben, etwas nicht zerstören, indem man es besitzen will. Ja. Verstehe ich, macht auch Sinn, funktioniert aber vielleicht nur bedingt.

Alle Beziehungen zu Menschen sind Verantwortung und Arbeit. Da ist es wieder, das Wort Arbeit, vor dem wir uns so ekeln. Keine Freundschaft, kein Arbeitsverhältnis, keine Partnerschaft funktioniert ohne ständigen Abgleich, Kommunikation und Selbstreflexion. Wir können noch so eine gute Basis zu einem Menschen haben, wenn sie nicht durch permanente Überarbeitung und Infragestellung aufrechterhalten oder abgeglichen wird, zerbricht auch sie.

Respekt ist hier ein für mich wichtiger Stichpunkt. Den haben wir ja oft nicht mal vor uns selbst. Diese Generation ist oft faul, sich mit dem Thema Beziehung auseinander zu setzen oder übersättigt. Zu früh zu viel erlebt, das naive Weltbild erschüttert und dann begraben, anstatt es aufzuarbeiten und danach als advanced version aus ihm herauszugehen. Keine Kompromissbereitschaft mehr; die Magie ist verloren, alles wird tot-analysiert. An der falschen Stelle diskutiert. Es ist so viel einfacher, die Emotionen an die Lebensweise anzupassen als umgedreht.

Dass wir heute überwiegend glauben, offene Beziehungen oder gänzliche Entsagung der Nähe sei besser und oder einfacher, resultiert für mich aus dem Zeitmanagement unserer Gesellschaft. Uns fehlt die Reife, das Erlebte und Erlernte nicht nur in Kontext zu uns sondern auch zu anderen zu stellen. Und da wir in einer sehr Ego-zentrierten, extrem schnelllebigen [Wegwerf]-Gesellschaft leben, wird uns sozial-emotionale Kommunikation auch nur noch theoretisch vermittelt. Twitter, Facebook, Youtube.

Kaum einer weiß, wie echtes, sozial qualitatives Diskutieren geht, wie Körpersprache geht. Wie Priorisierung von Tagesabläufen geht – was wollen wir denn überhaupt vom Leben? Wie man gemeinsame Zeit annimmt und genießt, sie wirken lässt ohne sie zu hinterfragen. Wie man sich selbst zentriert und dennoch funktioniert (Ja, das ist halt so in einer Gesellschaft, auch in einer, in der man relativ wenig von der Abhängigkeit profitiert). Wir reagieren nur noch anstatt zu agieren. Wie so scheiß Marionetten.
All das ist Konsequenz aus dem Immer größer werdenden Katalog an Anforderungen durch immer mehr Möglichkeiten und dem ebenso kleiner werdenden Spektrum an realer Individualität, weil wir nicht mehr qualitativ angeleitet werden. Wie sollen wir auch gesunde Beziehungen führen wenn wir nicht mal eine gesunde zu uns selbst haben? Da sind wir wieder bei Hilfe annehmen und real Erlerntes auch umsetzen. Die, die es begriffen haben, sind meist so konsterniert, dass sie unfähig werden, sich wieder auf etwas einzulassen.

Ich glaube ebenso an ein freies Leben als Dauerjunggeselle, als auch an funktionierende, langfristige Partnerschaften. Aber deren Gestaltung muss so individuell sein wie wir Menschen. Nur eben nicht in Form von Ausreden, die es einem leicht machen, allem ausweichen zu können, das Arbeit erfordert. Liebe ist besitzergreifend, weil sie das aus evolutionärer Sicht auch sein muss. Sie gewährleistet im besten Fall den Zusammenhalt und die Stabilität der Gemeinschaft, deren Ziel es ist, zu überleben und den Nachwuchs durchzubringen. Liebe darf und muss also zu einem gewissen Grad egoistisch sein. Die Frage ist, was man sich gegenseitig geben kann, damit man den Ausgleich aus Abhängigkeit und Nutzen daraus zieht.

Wenn wir uns selbst kennen und unser Bauchgefühl nicht beeinträchtigt ist, erkennen wir auch, wann etwas eine Basisproblematik ist, oder einfach eine Phase, die gemeinsam angegangen werden kann, ohne dass man sich trennen muss. Neuorientierung ist wichtig. Reden, ständiger Abgleich. Es gibt für nichts eine Garantie im Leben. Aber wenn man etwas scheiße behandelt und nicht pflegt, geht es eben schneller kaputt. Eine gute soziale Interaktion ist ein Werkzeug, welches nicht automatisch vermittelt wird. Aber auch annehmen, dass es mal gut ist mit der Rastlosigkeit und man sich ausruhen darf, lernen wir nicht. Alleine sowie gemeinsam.

Und dann kommt hinzu, dass sich unsere Hormone einfach nicht rational begreifen und beeinflussen lassen. Die Erfahrung sagt, dass einem z.B. ein bestimmter Typ Mensch nicht gut tut und dennoch bleibt man auf diesem Opferschema kleben. Sich „verlieben“ unterliegt meist ganz primitiven, biologischen Strukturen, auf die wir aus Sicht des Verstandes keinen Einfluss haben. Hormone sind kleine fiese Dinger, die uns willenlos machen. Liebe sehe ich noch einmal gesondert von diesem Gefühl der exzessiven Schwärmerei. Liebe wächst über einen größeren Zeitraum und kann unterschiedlichste Formen annehmen.

Meine Beobachtung sagt, oft verlieben wir uns in etwas, das man gar nicht rational beziffern kann, oder in Eigenschaften, die man gar nicht verwenden und annehmen oder erbringen kann. Was wir nicht haben können, zieht uns an und vor allem in den Bann, es verändern und verstehen zu wollen. Daneben haben wir doch als eigenständige Persönlichkeit (die da irgendwo unter dem Zombie vergraben ist) meist gar keinen Platz, weil das Menschen mit entweder harten Neurosen sind oder einem so krassen Lebenskonstrukt, dass wir darin untergehen oder nicht mithalten können, in die wir uns „verlieben“.

Wir sind immer Opfer unsere Biochemie, können maximal rational entscheiden ob wir uns darauf einlassen oder nicht. Aber ob wir von etwas loskommen oder nicht, entscheiden wir nicht auf dieser reflektierten, mentalen Ebene. Was ich allerdings im Umkehrschluss immer wieder beobachte, ist dass es ein Schutzprogramm in uns gibt, das gerade bei kopflastigen Menschen sehr effektiv Partnerschaften verhindert, die funktionieren könnten. Warum?

Diese aus der Sicht unseres gesellschaftlichen Zeitgeistes emotional "überqualifizierten Vieldenker" verlieben sich u.a. nicht mehr einfach, weil wir Menschen unbewusst feige und verängstigt sind. Uns fehlt das Bauchgefühl zu allem, weil es in unserer Gesellschaft keine Bäuche geben darf. Nur Köpfe. Der Mensch neigt dazu, sich Aufgaben zu suchen, die unlösbar sind oder nicht verfüllen. Weil wir nicht gelernt haben, mit dem glücklich zu sein, was wir tatsächlich erreichen können, wenn wir ehrlich mit uns selbst sind. Ich muss ganz klar sagen, es war für mich immer das Potenzial eines Menschen, in das ich mich verliebe. Ich sehe etwas potenziell in einer Person und musste das bisher immer ums Verrecken lebendig machen. Und es hat nie funktioniert.

Man springt auf solche Menschen mit emotionalem und mentalem Potenzial an, weil sie in einer ähnlichen Lage sind, wie wir es entweder schon waren, oder noch sein werden. Das Gleichgewicht an Lebenserkenntnissen stimmt nicht, zieht uns aber an. Natürlich könnte das funktionieren, wenn wir uns aufeinander einließen und die Erfahrung des anderen für uns annehmen würden.

Das bedeutet aber Kontrollverlust und Abhängigkeit. Die fühlt sich ungesund an, weil Abhängigkeit in unserer Welt einen negativen Charakter hat. Nur die Soziopathen kommen doch in die Chefetagen und verdienen so viel, dass sie theoretisch finanziell unabhängig von den Strukturen leben könnten, die uns unterdrücken. Ich will keiner sein, ganz ehrlich. Emotionslosigkeit und Egoismus sind zwar gute Eigenschaften um wirtschaftlich effektiv zu sein, aber nicht für den Fortbestand unserer Spezies. Ein Interessenkonflikt, der schleichend unser Bauchgefühl infiltriert.

Diese Menschen, die das begriffen haben, dass sie durch einen bestimmten Bildungsstand ganz oben landen könnten, jedoch aufgrund ihrer Emotionalität Schwächen haben, ziehen sich meist in sozialer Kapitulation zurück. Frustration bereits vor dem Handeln. Keine Angriffsfläche, keine festen Beziehungen, nichts aufbauen, Freundschaft Plus pflegen – gar nicht verkehrt – aber die Tiefe eines Teams wird das nie erreichen. Nur Teams können Schwäche auffangen. Warum lassen wir uns so viel seltener auf Ein Team ein, aus dessen Abhängigkeit wir durchaus sehr profitieren können?

Es könnte uns erfüllen und wieder genommen werden. Und dieses „genommen werden“ hat einen belehrenden Charakter für unser Hirn, einen Erkenntniseffekt, der uns sehr prägt. Wie alles Negative, das im Gehirn sehr viel intensiver haftet als das Positive. Enttäuschung und Trauer haben so einen immensen Einfluss auf unsere Entscheidungen, weil sie nachhaltiger nachschwingen. Positives und der damit verbundene Rausch an Glückshormonen flaut so schnell ab. Das Gehirn will immer mehr davon und irgendwann verliert man den Bezug zu dem, was wirklich gut ist.
Die Verhältnismäßigkeit geht subjektiv verloren. Kurzum: die Wertschätzung, die Erfüllung. Auch die zu einem Menschen. Und mit erfüllen meine ich keine Bilderbuch-Lovestory, sondern eine aufrichtige und tiefgehende Partnerschaft, weit intensiver als jede Freundschaft, jedes Techtelmechtel und jeder heiße Sex. Es macht auf eine sehr angenehme Art abhängig ohne einzuengen und wenn das weg fällt, ist der Halt in uns selbst weg, den wir eigentlich gar nicht haben.

Das wird uns aber so suggeriert und dementsprechend haben wir ein oftmals sehr verschobenes Selbst- und Weltbild, und passen uns unbewusst an eine Geisteshaltung an, die wir eigentlich anprangern. Wir fügen uns in ein System der fehlenden Wertschätzung von langlebige Projekten – vor allem dem Projekt Selbstliebe und Mut zum Anderssein, zum wirklichen Individualismus. Mut zur völlig selbstverständlichen Schwäche.


Vielleicht sollten wir mal versuchen, uns von diesem Gedanken zu verabschieden, dass alles unendlich und für immer sein muss. Dadurch leben wir doch nahezu nur in Vergangenheit und Zukunft und weitestgehend fern der Gegenwart. Ein bisschen mehr Vertrauen in das Jetzt und eine offene Bereitschaft zur ehrlichen Kommunikation mit anderen vermeidet meiner Meinung nach sehr effektiv Spannungen, die irgendwann eine ganze Beziehung und den Glauben an funktionierende Partnerschaften zerstören können.

Dienstag, 27. Dezember 2016

Rezension für "Das Flüstern der Pappeln" von Julia von Rein-Hrubesch

Wenige Bücher lassen mich so zerrissen und komprimiert zurück, wie dieses. Gerademal 174 Seiten hat der Kurzroman, vereint jedoch auf subtile und verstörend ehrliche Weise, alle großen Fragen nach Erfüllung. 

Was bewegt uns, treibt uns an, bereichert unser kleines Dasein mit Magie? Das Lesen dieses Buches ist ein Entwicklungsprozess. Er mäandert als Bachlauf ätherisch und beinahe unbemerkt durch alle Synapsen und Körperteile, bis er letztendlich wie ein tosender Gebirgsbach in den See stürzt, in dem wir uns nach dem Buch befinden. Und das alles, ohne auch nur ein einziges bisschen Konstruktion. Das Leben schreibt eben den besten Spannungsbogen. Immer passend und selbsterfüllend.

Julia schreibt unbarmherzig ehrlich und authentisch, unverblümt, aber poetisch über die Schreckgespenster unseres Lebens. Dabei ist ihre Sprache so präzise, andeutend, laut und leise zugleich, wie sie es eben sein muss. Die Geschichte nimmt an keiner Stelle etwas vorweg, hält aber auch nichts zurück, das erklärt werden muss.

Sie handelt von der 26-jährigen Hennie, die nach ihrem Studium und dem Auslandsaufenthalt zurück auf den elterlichen Hof kehrt. Der Kontrast aus Hennies Künstlerinnen-Dasein und der beschaulichen Ruhe der bayerischen Landidylle, spiegelt und verstärkt das Verhältnis zwischen der Protagonistin zu sich selbst und ihren Eltern. Dabei findet Hennie zufällig Briefe, die ihre pflegebedürftige Oma einem Unbekannten Mann geschrieben hat und die nun wöchentlich von ebendiesem zurückgeschickt werden. Zwischen Loslassen der eigenen Vergangenheit und der Suche nach dem Geheimnis der Großmutter, habe ich mich in vielen Gedankengängen wiedergefunden.

"Eine kluge Antwort."
Ich drehe den Kopf und sehe ihn an. So ein kluger Mensch. Und jetzt ist er hier und fährt Trekker.

"Wie schön du bist."
"Äh", mache ich. "Danke."
Kerstin wirft einen Blick zu meiner Mutter, dann betrachtet sie mich aufs Neue. "Was ist das nur mit euch? Sind das die Gene?"
Kannst ja mal hochgehen und die Gene anschauen, die in der Scheiße liegen. Das würde ich gern sagen.

Was wäre die Alternative? Mit einem Künstler auszugehen? Die sind leidenschaftlich, ja. Aber die  Leidenschaft ist auch dunkel. Das ist sie immer.

Vielleicht renne ich auch über den langen Flur, damit er mich nicht zwischen seine Finger bekommt. Seine langen dürren kalten Finger, die vielleicht auch nur das Mondlicht sind.

Ein heilsames und aufwühlendes Buch über Tradition und Neuerung, Selbsterkennung, Freiheit, Leidenschaft und Akzeptanz. Eine Geschichte, deren Handlungsraum so klein ist wie eine Theaterbühne, und eine Bildgewalt hat, wie eine Landschaftsmalerei von Caspar David Friedrich. Eine Geschichte, die keinen aufgezwungenen moralischen Lehrwert, sondern einen emotionalen Mehrwert innehat. Ganz wundervoller Stoff, den ich mir in ein paar Jahren als Arthouse-Verfilmung wünschen würde.

Vielen Dank für dieses großartige Stück Literatur, liebe Julia!

Julia von Rein-Hrubesch "Das Flüstern der Pappeln" // erschienen bei Amazon // Taschenbuch und eBook
ISBN: 978-1533420381

Bild: https://www.amazon.de/Das-Fl%C3%BCstern-Pappeln-Julia-Rein-Hrubesch/dp/1533420386/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1488048205&sr=8-1&keywords=das+fl%C3%BCstern+der+pappeln

Sonntag, 18. Dezember 2016

BOOK GOES POP ART Teil 5 // Michaela Stadelmann

Von Beruf Mensch, dann lange nichts, dann Lektorin für Belletristik, Texterin und Hybridautorin

Selten war mir eine Vorstellung in wenigen Worten so sympathisch, wie diese. Wer ist diese multi-engagierte Michaela Stadelmann eigentlich? Dieser Frage gehen wir heute mal unkonventionell nach.

Michaela ist auch bekannt als Mikaela Sandberg, Alicia Mirowna und Bettina Unghulescu. In den letzten Jahren hat die gebürtige Niederrheinerin als geprüfte psychologische Beraterin, Lektorin und Schriftstellerin gearbeitet. Außerdem ist sie sehr aktiv, wenn es um andere Autoren geht, deren Werke sie gerne vorstellen und unterstützen möchte.

Schon so manches Mal habe ich mich gefragt, wo die Energie für diese kreativen Ideen bloß herkommen. Vielleicht bleibt das ihr Geheimnis. Wer sie, so wie ich, einmal live und in Farbe getroffen hat, weiß, dass sie eine ganz besondere Aura umgibt. Mit ihr möchte man sofort über die Welt, das Schreiben und den Unfug des Alltags reden.

Bei Michaela hat man das Gefühl, dass es keinen Anfang und kein Ende in einer Unterhaltung gibt, sondern alle Themen übergreifend ineinander und zueinander (zurück)führen. Ein bisschen spiegelt sich meine Sicht auch in Michaelas Eigenvorstellung wieder, die ich euch auf keinen Fall vorenthalten möchte!



Es geht immer um den Moment. Gerade bin ich hellwach, meine Gedanken sprudeln. Ich schreibe nur jeden dritten Satz davon auf. Vielleicht wäre der Rest informativer, aber nicht die Wahrheit. Allein die harten Fakten zählen: Seit der Geburt am Leben. Atmend, essend, schlafend. Gar nicht mal so oft schreibend, zu viel denkend, eine nicht fassbare Brücke zu Emotionen bauend, die durch Worte endgültig abstrakt und unbegreiflich werden. Mit dem Schreiben verlagert sich mein Geist nach außen, den ich rationell erfassen muss, um ihn - nicht nur beim Schreiben - einzufangen. Zwischen den Phasen meiner heimlichen Arbeit findet fest gefügtes Leben statt. Brauche es, um aus dieser Wirklichkeit Kraft für meine Zwischenwelt zu schöpfen. Ich wäre gern glückliche Bürokraft geblieben, um mich dort zu verankern, wo die anderen Menschen leben, hat aber nicht funktioniert. So füge ich mich dem ewigen Augenblick des Dort-Ankommen-Wollens. Nachher nicht vergessen, den Text durch ein virtuelles Netz an andere Einzelgänger abzuschicken. Werde mich danach mehr als Person und weniger isoliert fühlen - und trotzdem außer mir bleiben. Schreiben macht einsam.


Michaela Stadelmann - Zeichnung von Nika Sachs. Aktuelles Werk von Michaela: Mikaela Sandberg - Schweig still // erschienen bei Midnight (Ullstein),
ISBN 978-3-95819-089-4

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Schon wieder Reise für Lukas - ein Update meines aktuell fertiggestellten Romans

Ein bisschen zum Heulen ist mir ja schon, jetzt, wo mein Lukas aka Luc aufgehört hat, Tagebuch zu schreiben. (Er hat das natürlich getan, weil er wegen seiner Familie keine Zeit mehr dazu hat und sein therapeutisches Bedürfnis nicht mehr so groß ist.) Aber er hat ja auch lange geschrieben, über einen Zeitraum von sechs Jahren und das könnt ihr hoffentlich bald lesen.

Konkret bedeutet das, dass ich das Buch fertig geschrieben und: bei der Agentur eingereicht habe. (Nika in stiller Panik) Etwa 320 Normseiten hat das Buch. Es gab drei komplette Versionen von dieser Geschichte, welche sogar ursprünglich mit 750 Normseiten aus Ingas Sicht erzählt war. Wer sie aus den Kurzgeschichten hier noch nicht kennt, Inga ist die Ex-Freundin von Lukas. Etliche Szenen und ein ganzer Plotstrang sind bei der endgültigen Version rausgeflogen. Dafür sind neue und hoffentlich gute, hinzugekommen. 

Dieses Buch liegt mir sehr am Herzen, weil es viele Themen aufgreift, die ich gerne häufiger und qualitativ hochwertiger in der Literatur behandelt sehen würde. Noch immer erschreckt es mich, wie viele meiner männlichen Bekannten Depressionen haben, nicht darüber reden oder nicht aus ihnen hinausfinden. Auch das Thema Polyamory wird von vielen Leuten, die mir begegnen, eher belächelt. Es ist gar nicht so selten, in meinem Bekanntenkreis. Ganz weit vorne dabei, natürlich, auch das Thema BDSM, welches durch Shades of Grey massiv kommerzialisiert wurde. ich musste damit ein bisschen aufräumen, weil ich dieses Thema so wichtig finde und die Diskussion darüber für nötig halte.

Was passiert eigentlich mit uns, wenn wir uns gegenüber Tabuthemen öffnen und unsere Grenzen testen? Das sind nur ein paar Eckpunkte, die ich in Lukas' Tagebuch aufgegriffen habe. Wer möglichst krassen, kranken, unrealistischen und geschönten Sex erwartet, wird ihn hier nicht lesen. Aber kreativer, auch mal brutal schieflaufender und zärtlich-gewaltsamer Sex - mit und ohne Liebe - ist ständiger Bestandteil seines Lebens.

In diesem Buch gibt es keine gestriegelten, perfekt gestählten echten Kerle, nur ein einziges "Topmodel-Weibchen" (nur optisch), keine standard-naiven Girlies und hoffentlich nicht allzu viele Schocker oder öden Szenen, die das Buch in seiner Absicht verfälschen. Der ganz normale Alltagswahnsinn eben. Zumindest aus meiner Lebenserfahrung heraus ... Life - Results may vary.

Ach ja - Absicht. Ja, die hat das Buch auch. In erster Linie möchte ich den Leser unterhalten, das ist klar. Aber ich möchte ihn auch zum Nachdenken anregen, zum Reflektieren, in eine verbotene und unbekannte Welt einsteigen und vielleicht auch toleranter werden lassen. Lachen wäre auch nicht verkehrt, erröten auch nicht. Kopfkino ist erwünscht. Bisher kam all das vor, wenn ich meinen Testhörern vorgelesen habe. Am liebsten sind mir die Männer, die sagen, dass sie sich in meinem Protagonisten so sehr zu Hause fühlen, dass sie sich durch das Buch emotional bedrängt und durch ihr Gewissen bedroht fühlen.

Nein, meine Herren - nicht, weil ich euch verstören will, sondern, weil ihr mir bisher recht gebt, dass ich authentisch schreibe.

Ich mag euch ziemlich, deshalb sind 99% meiner Freunde auch seit ich denken kann Jungs, später Männer. Es war mir ein persönliches Anliegen, euch gedanklich ein bisschen näher zu kommen, denn mit euch komme ich schon immer am besten aus. Aus diesem Grund habe ich viel mit besonderen Exemplaren eurer Gattung über dieses Buch geredet, mir Rat geholt.
Ja, es gibt sie wirklich, diese Metal-Emos, die übersinnlichen Sexsuchtis mit Hirn, die depressiven Philosophen mit Hochbegabung und Selbstzweifeln, die Checker, deren Frauenliste weit im dreistelligen Bereich liegt, die trotzdem eigentlich nur die eine und Familie wollen. Vor allem kenne ich eine Menge eurer Art, die sich lange in Drogen geflüchtet haben. Es hat mich traurig gemacht, das viele Jahre zu beobachten.

Deswegen schreibe ich mal aus Frau (oder mental etwas zwischen Mann und Frau - Geschlecht ist was für Schubladen) mutig aus der Sicht eines Deutschfranzosen, mitte Zwanzig (der Schizo-Gespräche mit seinen Teufelchen auf der Schulter und dem Karma führt). Ich schreibe über seinen emotional-sexuellen Egotrip (eine Weile auch auf Koks, weil ich das im direkten Umkreis häufig miterlebt habe), Philosophie und einer Menge kreativem, dämlichen und gruftig-schwarzem Humor.

Weil man schwere Themen nur mit Humor verständlich machen kann, ohne, dass man am Ende das Gefühl hat, sich in einem Gemälde von Hieronymus Bosch zu befinden. Aber ich mag die Gemälde von ihm eigentlich. Meine sind nicht so ... höllenhaft, wenn nur höllisch stümperhaft. Ich zeichne mal trotzdem weiter, weil mir nach dem Buch jetzt der Abschied schwerfällt. Ein bisschen. Es bleibt spannend, wann und wo das Buch mit noch halbwegs geheimen Titel (Irgendwas mit Wetter und Texten ;) ) erscheinen wird. Alle Infos findet ihr natürlich weiterhin hier!

Herzlichst,

eure Nika - die Stimme des Bordsteins

Alles ein bisschen, aber nichts perfekt. Hauptsache man tut.

Selbstfindung - eine Gleichung aus den drei Unbekannten Zeit, Geld und Durchhaltevermögen

Es ist schwer, in einer leistungsorientierten Gesellschaft deutlich zu machen, dass man nicht mehr anders kann als sich selbst zu schützen. Ich schreibe nicht, weil ich der Meinung bin, jeder halbwegs interessante Mensch muss mal ein Buch geschrieben haben, weil es total "in" ist, sich in Lettern verewigt zu haben.

Meine Freundin sagte letztlich, in Berlin habe so ziemlich jeder gerade ein Buch geschrieben. Meist über Depressionen und oder irgendwas mit Gesellschaftskritik. Dass ich zufällig vor fünf Jahren Anfing genau darüber auch ein Buch zu schreiben, entsprang keinem Trend, keinem Bedürfnis mich an anderen zu messen. Vielmehr war es ein Resultat aus dem, was ich erlebt, gesehen habe und spannend fand, und: was ich gut konnte. Gefühle. Auch und besonders, die beschissenen. Selbst bin ich nicht tief-depressiv, wenn, habe ich depressiv-melancholische Episoden. Schreiben ist für mich ein instinktives Bedürfnis, beinahe (streichen wir beinahe) neurotischer Drang. Es gehört zu mir und das war mir in den letzten zehn Jahren nicht klar genug.

Was vorab geschah:

Vor genau zehn Jahren schrieb ich Abitur, an einer Gesamtschule im idyllischen Südhessen. Ich hatte durchgängig einen Zweierschnitt, eine katastrophale Schwäche in Mathe und eine offensichtliche Hochbegabung im kreativen Bereich. (Schon seit ich denken kann und sie war immer Fluch)
Während der Mittelstufe hatte ich einen grandiosen Deutschlehrer, der mich im freien und interkonnektiven Denken sehr gefördert hat. Meine Noten in Deutsch waren aufgrund der Liebe zum emotionalen Detail der Geschichten immer auf Eins. bis heute kann ich Grammatik und Rechtschreibung nur so mediumgut, weil ich Texte nicht zweidimensional analytisch lese.

Oft stehe ich auf dem Schlauch, weil ich viele Fremdwörter nicht kenne, Politik nicht weitsichtig genug verstehe, aufgrund einer Besonderheit an mir, andere Menschen nicht gut "lesen" kann. Ich bin schon immer unsicher, ob ich etwas richtig interpretiere, weil es mir so unendlich viele Ebenen eröffnet. Nur selbst kann ich diese Ebenen klar zeichnen und schreiben.

Mir war aber klar, dass ich lesen und schreiben will, weil ich den Effekt der Auflösung, des Falls, der Dramaturgie einfach liebte. Dann kam die Oberstufe und ein Lehrer, der gerne alles stur nach Schema F analysiert haben wollte. Kreative Sprache, moderne Interpretationen und Bezüge waren ihm so fremd, dass ich mein Abi über Faust I tatsächlich mit einer Fünf verkackte. Mathe übrigens auch. Zeitgleich trennten sich meine Eltern und ich war ziemlich am Arsch. Ich wusste, ich kann Mathe mit Englisch Leistungskurs ausgleichen und Deutsch mit Geschichte. Das war mein Paradefach, beim Ex-Deutschlehrer. 

Ich kam in die mündliche Prüfung und wusste, das geht schief. Mein Prüfer war der Deutsch Leistungskurs-Lehrer. Der ekelhafte. Resultat: Blackout, mit einer Fünf aus der Prüfung. Das bedeutet, ich bin mit einem Zweierschnitt, aber einem Fach zu viel unter fünf Punkten, durch das Abi gefallen. Als Einzige im Jahrgang. Heute weiß ich, ich hätte die Prüfung einklagen und wiederholen können. Die Schule hatte damals einfach keinen Bock mehr auf den Jahrgang und dessen Probleme.

Ich ging mit einem Zweier-Fachabitur ab, wollte danach an der Uni Frankfurt Europäische Kulturanthropolgie studieren. Mit einem kleinen Umweg wäre das auch möglich gewesen, aber dank Umstellung der Regularien, dann genau zu dem Zeitpunkt nicht mehr möglich.

Tadaaaa, Scheiße.

Was tat ich? Mich anpassen. Also absolvierte ich eine grottenschlechte Ausbildung als Bürokauffrau in einer Anwaltskanzlei und wurde so von mir selbst dezentriert, dass ich völlig abschmierte. Erst mit 23 ging ich in Therapie und erfuhr, dass ich unter anderem Synästhetikerin bin. Also ich lese Buchstaben in Farbe und höre auch Musik in "bunt". Ich bin quasi halbsozialfunktionable Autistin. Mal mehr und mal weniger kompatibel. Wenn es mir zu viel wird und ich reizüberflutet bin, werde ich schlagartig unsicher, bekomme die Auswirkungen meines nervösen-Tick-Syndroms zu spüren und rede und mache häufig seltsamen Kram. Zumindest denke ich mir danach oft: "scheiße, Prosa, hättest du nicht einfach die Klappe halten können?"

#TeamSozialeInkompetenz

Als ich begriff, dass ich ein paar mehr autistische Züge habe als der Rest der Bevölkerung, wurde mir alles klar. Ich passe da schon immer nicht rein, weil ich tatsächlich anders funktioniere und mein Körper reagiert massiv auf kreative Unterdrückung. Der Zwiespalt aus Finanzierung, Gesundheit und Selbstfindung, hat mich viele Jahre ausgebrannt. Dann kamen die Hochzeit, das Kind, die Krise und mein Ausbruch.

Heute, ein Jahr danach, habe ich verstanden, welchen Preis Selbstfindung und -ordnung hat. Meine Ehe ist am Drang ich zu sein gescheitert, all mein Geld geht für Bildung, Reisen und Arbeitsmaterialien drauf. (Und Gin und Champagner. Manchmal.) Mein Schlafpensum liegt bei unter fünf Stunden, weil ich in zwei bis drei Jobs arbeite und mein Kind nicht verpassen will. Dieses Rumkrebsen am Limit ist derzeit nicht zu umgehen, aber ich glaube fest daran, dass es sich irgendwann gelohnt hat. Für mich. Für das Kind. Für die Menschen um mich herum, die ich mitziehen will.

Die härteste Erkenntnis neben dem finanziellen Loch ist, dass ich nicht gerne alleine bin (außer ich schreibe), aber 99% der Menschen kotzen mich an und sind inkompatibel zu mir. Warum? Ich bin zu emotional und ertrage die Lahmarschigkeit deren Denkens nicht. Büros kotzen mich an. Bücher und Bilder sind in Ordnung. Und Museen.

Innerhalb eines Jahres habe ich meine Schreibblockade durch das Abi komplett überwunden, drei komplette Bücher fertig, vier in Planung, unzählige Kontakte in die Buchbranche, sitze am Lagerfeuer mit Krimi-Bestsellerinnen und berate andere, wie sie sich selbst am besten kreativ verwirklichen. Nein, von den paar hundert Tacken für Kunst, die ich mache, kann ich noch nicht leben. Ja, meine Novelle hat unerwartet einen unglaublich intensiven Start hingelegt. Ja, ich ärgere mich, sie nicht an einen Verlag gegeben zu haben, weil Selfpublishing noch immer schwieriger ist. Aber sie war ja ein Sozialexperiment auf meinem Blog und demnach schon veröffentlicht.

Gerade ziehe ich all meine Energie aus dem Zugeständnis meiner Oma, dass ich eben so bin, wie ich bin. Aus den Leuten, die meine Novelle so wahnsinnig detailliert rezensieren und feiern, dem anstehenden Weihnachten in Berlin, den wundervollen Autoren, Künstlern und kreativen Menschen, die ich dieses Jahr kennengelernt habe, und: daraus, dass mich andere um Hilfe bitten und fragen, wenn es um Schreiben und Kreativität geht.

Ich habe wieder Hoffnung auf Entfliehen der 08/15 Arbeitswelt, die mich so ausbrennt und blockiert. Seit letztem Jahr habe ich eine Geschäftsidee, die mich neben dem Schreiben, Malen und Musizieren tragen könnte und hoffentlich kann ich sie nächstes Jahr umsetzen.

Schreiben ist für mich kein Trend, den ich nachmache. Kein Hobby und keine Dienstleistung, für die ich meine Kreativität verkaufen würde. Sie ist ein ungesunder Drang, etwas, was dringend raus muss. Leute fragen mich, woher diese Wortschöpfungen und diese Verbindungen zwischen Allgemeinwissen und kreativen Dummsprüchen kommt. Tja. Ich merke mir keinen Dreisatz, aber jeden anderen unwichtigen Furz. Genau das macht aber meine Geschichten dann so unkonventionell. Ich mache nur das, was ich eh mache. Leben.

Für Kreativität und Output muss viel getan, das vernetzte Denken muss trainiert werden. Input muss her. Das ist anstrengend, kann einen zerfressen, Existenzängste verursachen. All das nehme ich auf mich, weil Schreiben und Bildung das ist, was ich am besten kann und will.

Ich kann nicht anders und dank eurer Reaktionen glaube ich auch langsam wieder daran, dass ich mich darüber freuen sollte. Darüber, dass ich Gefühle, Sarkasmus, Magie und Unfug am besten kann.

Danke. An jeden Einzelnen von euch, der mich unterstützt, damit ich euch unterstützen kann.

Eure Prosa.