Dienstag, 27. Dezember 2016

Rezension für "Das Flüstern der Pappeln" von Julia von Rein-Hrubesch

Wenige Bücher lassen mich so zerrissen und komprimiert zurück, wie dieses. Gerademal 174 Seiten hat der Kurzroman, vereint jedoch auf subtile und verstörend ehrliche Weise, alle großen Fragen nach Erfüllung. 

Was bewegt uns, treibt uns an, bereichert unser kleines Dasein mit Magie? Das Lesen dieses Buches ist ein Entwicklungsprozess. Er mäandert als Bachlauf ätherisch und beinahe unbemerkt durch alle Synapsen und Körperteile, bis er letztendlich wie ein tosender Gebirgsbach in den See stürzt, in dem wir uns nach dem Buch befinden. Und das alles, ohne auch nur ein einziges bisschen Konstruktion. Das Leben schreibt eben den besten Spannungsbogen. Immer passend und selbsterfüllend.

Julia schreibt unbarmherzig ehrlich und authentisch, unverblümt, aber poetisch über die Schreckgespenster unseres Lebens. Dabei ist ihre Sprache so präzise, andeutend, laut und leise zugleich, wie sie es eben sein muss. Die Geschichte nimmt an keiner Stelle etwas vorweg, hält aber auch nichts zurück, das erklärt werden muss.

Sie handelt von der 26-jährigen Hennie, die nach ihrem Studium und dem Auslandsaufenthalt zurück auf den elterlichen Hof kehrt. Der Kontrast aus Hennies Künstlerinnen-Dasein und der beschaulichen Ruhe der bayerischen Landidylle, spiegelt und verstärkt das Verhältnis zwischen der Protagonistin zu sich selbst und ihren Eltern. Dabei findet Hennie zufällig Briefe, die ihre pflegebedürftige Oma einem Unbekannten Mann geschrieben hat und die nun wöchentlich von ebendiesem zurückgeschickt werden. Zwischen Loslassen der eigenen Vergangenheit und der Suche nach dem Geheimnis der Großmutter, habe ich mich in vielen Gedankengängen wiedergefunden.

"Eine kluge Antwort."
Ich drehe den Kopf und sehe ihn an. So ein kluger Mensch. Und jetzt ist er hier und fährt Trekker.

"Wie schön du bist."
"Äh", mache ich. "Danke."
Kerstin wirft einen Blick zu meiner Mutter, dann betrachtet sie mich aufs Neue. "Was ist das nur mit euch? Sind das die Gene?"
Kannst ja mal hochgehen und die Gene anschauen, die in der Scheiße liegen. Das würde ich gern sagen.

Was wäre die Alternative? Mit einem Künstler auszugehen? Die sind leidenschaftlich, ja. Aber die  Leidenschaft ist auch dunkel. Das ist sie immer.

Vielleicht renne ich auch über den langen Flur, damit er mich nicht zwischen seine Finger bekommt. Seine langen dürren kalten Finger, die vielleicht auch nur das Mondlicht sind.

Ein heilsames und aufwühlendes Buch über Tradition und Neuerung, Selbsterkennung, Freiheit, Leidenschaft und Akzeptanz. Eine Geschichte, deren Handlungsraum so klein ist wie eine Theaterbühne, und eine Bildgewalt hat, wie eine Landschaftsmalerei von Caspar David Friedrich. Eine Geschichte, die keinen aufgezwungenen moralischen Lehrwert, sondern einen emotionalen Mehrwert innehat. Ganz wundervoller Stoff, den ich mir in ein paar Jahren als Arthouse-Verfilmung wünschen würde.

Vielen Dank für dieses großartige Stück Literatur, liebe Julia!

Julia von Rein-Hrubesch "Das Flüstern der Pappeln" // erschienen bei Amazon // Taschenbuch und eBook
ISBN: 978-1533420381

Bild: https://www.amazon.de/Das-Fl%C3%BCstern-Pappeln-Julia-Rein-Hrubesch/dp/1533420386/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1488048205&sr=8-1&keywords=das+fl%C3%BCstern+der+pappeln

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