Donnerstag, 15. Dezember 2016

Selbstfindung - eine Gleichung aus den drei Unbekannten Zeit, Geld und Durchhaltevermögen

Es ist schwer, in einer leistungsorientierten Gesellschaft deutlich zu machen, dass man nicht mehr anders kann als sich selbst zu schützen. Ich schreibe nicht, weil ich der Meinung bin, jeder halbwegs interessante Mensch muss mal ein Buch geschrieben haben, weil es total "in" ist, sich in Lettern verewigt zu haben.

Meine Freundin sagte letztlich, in Berlin habe so ziemlich jeder gerade ein Buch geschrieben. Meist über Depressionen und oder irgendwas mit Gesellschaftskritik. Dass ich zufällig vor fünf Jahren Anfing genau darüber auch ein Buch zu schreiben, entsprang keinem Trend, keinem Bedürfnis mich an anderen zu messen. Vielmehr war es ein Resultat aus dem, was ich erlebt, gesehen habe und spannend fand, und: was ich gut konnte. Gefühle. Auch und besonders, die beschissenen. Selbst bin ich nicht tief-depressiv, wenn, habe ich depressiv-melancholische Episoden. Schreiben ist für mich ein instinktives Bedürfnis, beinahe (streichen wir beinahe) neurotischer Drang. Es gehört zu mir und das war mir in den letzten zehn Jahren nicht klar genug.

Was vorab geschah:

Vor genau zehn Jahren schrieb ich Abitur, an einer Gesamtschule im idyllischen Südhessen. Ich hatte durchgängig einen Zweierschnitt, eine katastrophale Schwäche in Mathe und eine offensichtliche Hochbegabung im kreativen Bereich. (Schon seit ich denken kann und sie war immer Fluch)
Während der Mittelstufe hatte ich einen grandiosen Deutschlehrer, der mich im freien und interkonnektiven Denken sehr gefördert hat. Meine Noten in Deutsch waren aufgrund der Liebe zum emotionalen Detail der Geschichten immer auf Eins. bis heute kann ich Grammatik und Rechtschreibung nur so mediumgut, weil ich Texte nicht zweidimensional analytisch lese.

Oft stehe ich auf dem Schlauch, weil ich viele Fremdwörter nicht kenne, Politik nicht weitsichtig genug verstehe, aufgrund einer Besonderheit an mir, andere Menschen nicht gut "lesen" kann. Ich bin schon immer unsicher, ob ich etwas richtig interpretiere, weil es mir so unendlich viele Ebenen eröffnet. Nur selbst kann ich diese Ebenen klar zeichnen und schreiben.

Mir war aber klar, dass ich lesen und schreiben will, weil ich den Effekt der Auflösung, des Falls, der Dramaturgie einfach liebte. Dann kam die Oberstufe und ein Lehrer, der gerne alles stur nach Schema F analysiert haben wollte. Kreative Sprache, moderne Interpretationen und Bezüge waren ihm so fremd, dass ich mein Abi über Faust I tatsächlich mit einer Fünf verkackte. Mathe übrigens auch. Zeitgleich trennten sich meine Eltern und ich war ziemlich am Arsch. Ich wusste, ich kann Mathe mit Englisch Leistungskurs ausgleichen und Deutsch mit Geschichte. Das war mein Paradefach, beim Ex-Deutschlehrer. 

Ich kam in die mündliche Prüfung und wusste, das geht schief. Mein Prüfer war der Deutsch Leistungskurs-Lehrer. Der ekelhafte. Resultat: Blackout, mit einer Fünf aus der Prüfung. Das bedeutet, ich bin mit einem Zweierschnitt, aber einem Fach zu viel unter fünf Punkten, durch das Abi gefallen. Als Einzige im Jahrgang. Heute weiß ich, ich hätte die Prüfung einklagen und wiederholen können. Die Schule hatte damals einfach keinen Bock mehr auf den Jahrgang und dessen Probleme.

Ich ging mit einem Zweier-Fachabitur ab, wollte danach an der Uni Frankfurt Europäische Kulturanthropolgie studieren. Mit einem kleinen Umweg wäre das auch möglich gewesen, aber dank Umstellung der Regularien, dann genau zu dem Zeitpunkt nicht mehr möglich.

Tadaaaa, Scheiße.

Was tat ich? Mich anpassen. Also absolvierte ich eine grottenschlechte Ausbildung als Bürokauffrau in einer Anwaltskanzlei und wurde so von mir selbst dezentriert, dass ich völlig abschmierte. Erst mit 23 ging ich in Therapie und erfuhr, dass ich unter anderem Synästhetikerin bin. Also ich lese Buchstaben in Farbe und höre auch Musik in "bunt". Ich bin quasi halbsozialfunktionable Autistin. Mal mehr und mal weniger kompatibel. Wenn es mir zu viel wird und ich reizüberflutet bin, werde ich schlagartig unsicher, bekomme die Auswirkungen meines nervösen-Tick-Syndroms zu spüren und rede und mache häufig seltsamen Kram. Zumindest denke ich mir danach oft: "scheiße, Prosa, hättest du nicht einfach die Klappe halten können?"

#TeamSozialeInkompetenz

Als ich begriff, dass ich ein paar mehr autistische Züge habe als der Rest der Bevölkerung, wurde mir alles klar. Ich passe da schon immer nicht rein, weil ich tatsächlich anders funktioniere und mein Körper reagiert massiv auf kreative Unterdrückung. Der Zwiespalt aus Finanzierung, Gesundheit und Selbstfindung, hat mich viele Jahre ausgebrannt. Dann kamen die Hochzeit, das Kind, die Krise und mein Ausbruch.

Heute, ein Jahr danach, habe ich verstanden, welchen Preis Selbstfindung und -ordnung hat. Meine Ehe ist am Drang ich zu sein gescheitert, all mein Geld geht für Bildung, Reisen und Arbeitsmaterialien drauf. (Und Gin und Champagner. Manchmal.) Mein Schlafpensum liegt bei unter fünf Stunden, weil ich in zwei bis drei Jobs arbeite und mein Kind nicht verpassen will. Dieses Rumkrebsen am Limit ist derzeit nicht zu umgehen, aber ich glaube fest daran, dass es sich irgendwann gelohnt hat. Für mich. Für das Kind. Für die Menschen um mich herum, die ich mitziehen will.

Die härteste Erkenntnis neben dem finanziellen Loch ist, dass ich nicht gerne alleine bin (außer ich schreibe), aber 99% der Menschen kotzen mich an und sind inkompatibel zu mir. Warum? Ich bin zu emotional und ertrage die Lahmarschigkeit deren Denkens nicht. Büros kotzen mich an. Bücher und Bilder sind in Ordnung. Und Museen.

Innerhalb eines Jahres habe ich meine Schreibblockade durch das Abi komplett überwunden, drei komplette Bücher fertig, vier in Planung, unzählige Kontakte in die Buchbranche, sitze am Lagerfeuer mit Krimi-Bestsellerinnen und berate andere, wie sie sich selbst am besten kreativ verwirklichen. Nein, von den paar hundert Tacken für Kunst, die ich mache, kann ich noch nicht leben. Ja, meine Novelle hat unerwartet einen unglaublich intensiven Start hingelegt. Ja, ich ärgere mich, sie nicht an einen Verlag gegeben zu haben, weil Selfpublishing noch immer schwieriger ist. Aber sie war ja ein Sozialexperiment auf meinem Blog und demnach schon veröffentlicht.

Gerade ziehe ich all meine Energie aus dem Zugeständnis meiner Oma, dass ich eben so bin, wie ich bin. Aus den Leuten, die meine Novelle so wahnsinnig detailliert rezensieren und feiern, dem anstehenden Weihnachten in Berlin, den wundervollen Autoren, Künstlern und kreativen Menschen, die ich dieses Jahr kennengelernt habe, und: daraus, dass mich andere um Hilfe bitten und fragen, wenn es um Schreiben und Kreativität geht.

Ich habe wieder Hoffnung auf Entfliehen der 08/15 Arbeitswelt, die mich so ausbrennt und blockiert. Seit letztem Jahr habe ich eine Geschäftsidee, die mich neben dem Schreiben, Malen und Musizieren tragen könnte und hoffentlich kann ich sie nächstes Jahr umsetzen.

Schreiben ist für mich kein Trend, den ich nachmache. Kein Hobby und keine Dienstleistung, für die ich meine Kreativität verkaufen würde. Sie ist ein ungesunder Drang, etwas, was dringend raus muss. Leute fragen mich, woher diese Wortschöpfungen und diese Verbindungen zwischen Allgemeinwissen und kreativen Dummsprüchen kommt. Tja. Ich merke mir keinen Dreisatz, aber jeden anderen unwichtigen Furz. Genau das macht aber meine Geschichten dann so unkonventionell. Ich mache nur das, was ich eh mache. Leben.

Für Kreativität und Output muss viel getan, das vernetzte Denken muss trainiert werden. Input muss her. Das ist anstrengend, kann einen zerfressen, Existenzängste verursachen. All das nehme ich auf mich, weil Schreiben und Bildung das ist, was ich am besten kann und will.

Ich kann nicht anders und dank eurer Reaktionen glaube ich auch langsam wieder daran, dass ich mich darüber freuen sollte. Darüber, dass ich Gefühle, Sarkasmus, Magie und Unfug am besten kann.

Danke. An jeden Einzelnen von euch, der mich unterstützt, damit ich euch unterstützen kann.

Eure Prosa.

Kommentare:

  1. Wow.

    Mit diesen Worten hast du mich inspiriert. Dazu inspiriert, weiterzumachen. Den Leuten auszuweichen, die versuchen, mir das Leben schwer zu machen.
    Ich hoffe, dass du die Kräfte, die du freisetzt, auch selbst gespürt hast. Und dass du weißt, dass es einige viele Menschen gibt, die kompatibel zu dir sind.

    In Ehrfurcht vor deiner Stärke liebe Grüße,
    Kia

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  2. Ein Individuum im Brei der geistigen Unterdrückung zu sein, ist wohl aktuell eine der schwierigsten Herausforderungen, die es gibt. Tatsächlich nachzudenken, zu fühlen, selbstständig zu handeln und darüber auch noch zu schreiben, kommt bald einem Affront gleich. "Natürlich Schätzchen, sei du selbst. Aber bitte nicht mehr als die andere dort." Du must mit dir klar kommen, nicht mit der Welt. Du lebst mit dir, bei dir, um dich rum. Also, lege dir die Kissen über die Ecken der Gesellschaft und sei einfach nur du. Wer das nicht akzetiert, ist ein Idiot.

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  3. Ich meine deiner Gleichung fehlt eine wichtige Komponente: Deine Stärken!
    Wie willst du dich selbst finden, wenn du auf (deine) Schwächen fokussierst? Leider ist genau das ein Riesenmakel an unseren Schulen: Die Kinder und Jugendlichen lernen, was sie nicht können, schlecht machen, falsch wissen.
    Sie lernen nicht / nur unzulänglich, was sie gut können, denn das Augenmerk liegt auf den Fehlern, auf dem Punktabzug.
    Einmal zu viel unter fünf Punkte bei Durchschnitt zwei. Was sagt das aus?
    Du hast Stärken. Jede Menge.
    Du hättest klagen können? Vielleicht. Du hast es nicht gemacht. Also was soll's. Es gab Gründe.
    Und Abi könnte man theoretisch auch noch mal nachmachen. Könnte. Muss man nicht. Du könntest sicher - wenn du es wolltest. Muss ja nicht gleich sein.
    Und du hast schon so viel erreicht. Aber natürlich schafft man das nicht, ohne Stolpersteine und Misserfolge. Also 95-97 Prozent aller Autoren schaffen das nur, in dem sie durch ein Tal der Tränen, Schmerzen und Demütigungen gehen, voller Selbstzweifel, Anfeindungen von außen und Entbehrungen. Denn natürlich fehlt das Geld, wenn man diesen Weg geht.
    Was das anbelangt, hast du mehr Seelenverwandte, als du vielleicht denkst.

    Und schau nicht drauf, wie viele der anderen Menschen nicht zu dir passen. Schau auf die, die passen. So viele braucht man gar nicht, um sich wohl zu fühlen.
    Aber wenn du dich wohl fühlst, werden noch viel mehr zu dir passen. Nein, ich meine nicht die Gutwetterfreunde, die wieder weglaufen, wenn es von dir nichts mehr zu holen gibt. Ich meine dich. Deine Ausstrahlung. Deine Empathie, die sich nicht so entfalten kann, so lange du an deinen Schwächen und der vermeintlichen Benachteiligung aus deiner Umgebung herumboxt.
    Keine Frage, dir wurde kein roter Teppich ausgerollt, um darauf bequem von Ziel zu Ziel zu springen. Und sicher gibt es solche Menschen. Aber sind die wirklich zu beneiden?
    "Sometimes you win, somtimes you learn"
    Leute, die immer gewinnen, lernen nichts.
    Du hast so viel erfahren, dass du jetzt andere beraten kannst.
    Und einen wunderbaren ganz eigenen Schreibstil hast.

    Und daher denke ich auch, deine Entscheidung zu schreiben, ist genau richtig. Dass man dafür ein Bärenfall braucht und sich - zumindest am Anfang - weitere Geldquellen erobern muss, ist fast schon eine Binsenweisheit. Aber du schreibst es selbst. Es muss aus dir raus und das ist nicht zu verfluchen. Eigentlich ist es ein Segen für den, der schreiben möchte.

    Wenn man es genau betrachtet, ist es eigentlich erstaunlich, wieviele Menschen das Glück bei den jeweils anderen vermuten und suchen. Mit anderen Worten, viele andere vermuten und suchen es auch bei dir.
    Nur Mut. Mach was draus. Es ist alles schon da.


    VG
    und ganz viele gute Wünsche für das Jahr 2017!
    Rosemarie

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  4. Liebe Rosemarie,

    Vielen lieben Dank für diesen wundervollen Kommentar. Das stimmt leider und oft frage ich mich, woher die Energie noch kommen soll, an Stärken zu glauben. Ich gebe mein Bestes und hoffe, dass nächstes Jahr entspannter läuft. VG und einen dicken Drücker!

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  5. Ich bin schon ein wenig älter als ihr alle. Was mir bleibt sind ein paar Jahre, die ich noch sinnvoll nutzen will. Doch habe ich bemerkt, dass es nichts sinnvolles im Leben gibt außer den Weg zu finden, der die Ewigkeit verspricht...

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