Mittwoch, 25. Januar 2017

Gedankengänge zu "Narbenherz" - eine Momentaufnahme aus dem Leben von Jessica Wagener

Wer ist diese Jessica Wagener? Das war eine der ersten Fragen, die ich mir selbst stellte, als ich sie in meiner Twitterliste fand. 

Da stand: Jessica bloggt, schreibt und ist als Journalistin tätig. Weil ich der Meinung bin, dass das noch gar nichts über einen Menschen aussagt und mir der Link zu ihrem Buch Narbenherz direkt ins Auge fiel, habe ich es gekauft.

Nun ist das schon wieder ein paar Wochen her und ich habe das Buch ausgelesen. Ich sitze am Rechner und überlege, was ich dazu schreiben kann. Der Kopf ist voll und ganz leicht zugleich. Vermutlich werden meine Gedanken zum Buch der Autorin in ihrer Gesamtheit als Mensch nicht gerecht. Aber vielleicht ist das auch gerade gar nicht so wichtig, denn eigentlich geht es darum, was diese Momentaufnahme aus Jessicas Leben mit mir als Leserin gemacht hat. 

250 Seiten Lebensgeschichte über eine Reise, Sorgen und Erkenntnisse. Und noch immer kenne ich die Autorin nicht wirklich, obwohl sie über sich selbst geschrieben hat. Ich kann über ihre Gedanken, ihr Umfeld und das Leben, das sie führt kaum etwas sagen, weil das was sie erzählt ein ganz besonderer Blickwinkel ist. Dieser ist aber so intensiv nah an unseren intimsten Ängsten und der damit verbundenen Hilflosigkeit gebunden, dass die kleinen Dinge im Leben auf einmal ganz groß werden.

Dieses Buch ist deshalb ein guter Ratgeber für den Umgang mit uns selbst, weil es kein wirklicher Ratgeber ist. Es geht um die Verlagerung des Fokus von der Innen- auf die Außenwelt, der Entscheidung für Freude und gegen Angst. Um uns in Bezug zu dem was unsere größte Freiheit im Leben ist - frei von Angst zu sein. Die meisten Menschen haben diesen Blick für das Jetzt schon lange nicht mehr. Entweder es geht um die Vergangenheit oder die Zukunft. Wo ist das Jetzt? Wo sind wir?

Ich kann viele der Sorgen nachvollziehen, die Jessica in ihrem Buch beschreibt. Die gescheiterte Ehe kommt mir bekannt vor und auch der Körper, der mal eben gegen mich geht. Bisher ist es mir in diesem Ausmaß erspart geblieben, aber ihre Erkrankung tangierte auch mein Leben an derselben Stelle meines Körpers. Immer wieder. Denken, denken und immer wieder denken. Hat bisher nie geholfen. Dabei geht so unheimlich viel kostbare Zeit verloren, die man mit viel schöneren Dingen verbringen kann. Reisen, Lachen und Tanzen. Zum Beispiel.

Was mich beim Lesen am meisten bewegt hat, ist die wertfreie Erkenntnis, dass alles irgendwann vorbei ist. Die Liebe, das Geld, das Leben. Aber zwischen dem Anfang und dem Ende unseres Daseins gibt es so viel zu erfahren, dass ich mir einmal mehr denke: 

Sie hat recht. 

Ich bin für mich selbst verantwortlich, weil ich leben will. Nicht nur, weil ich weiß, wie schnell das Ende kommen kann. Auch, weil ich oft aufgebe, bevor ich alles versucht habe. Wertschätzung muss ich mir vor allem selbst schenken und das geht am besten, wenn ich versuche, die Angst aus meinem Leben zu verbannen und es zu genießen.

Zweifeln, besorgt sein, unsicher sein - all das hat seine Berechtigung. Aber das darf mein Leben nicht so überfahren, dass es mich auffrisst. Viele Menschen werden krank, erleiden harte Verluste oder scheitern hier und da mit Anlauf in den Scheißhaufen. Jessica schreibt, sie findet sich gar nicht mutig, weil sie dem Krebs den Kampf angesagt hat, sie habe schlicht keine Wahl gehabt. Das sehe ich auch so. Leben wollen oder aufgeben. Leben wollen ist vielleicht einfach ganz tief in den meisten von uns verankert und das ist auch gut so. Jessicas Buch hat mir das wieder bewusst gemacht.

Was diese Frau über den Wunsch zu leben hinaus so unglaublich faszinierend und stark macht, ist die Ehrlichkeit, mit der sie sich selbst beschenkt. Sie will nicht einfach nur da sein, sondern bestmöglich daran teilhaben. Es ist mutig, sich in die Unsicherheit zu stürzen, nachdem man fast alles verloren hat. Reisen macht stark, wirft zurück, konfrontiert, tut weh und beendet so manches Miteinander, das man als feste Größe um sich glaubte. Die Erfahrung, über die Angst hinwegzugehen, macht uns stark, größer und zuversichtlicher, dass wir nicht mehr sofort verzweifeln. Und es ist völlig in Ordnung, dass uns diese Momente der Angst auch zwischendurch wieder einholen können. Die Frage ist doch nur, wie wir damit umgehen und wie viel Raum wir ihnen erlauben einzunehmen.

Dieses Buch ist mittendrin, rasant, besticht durch eine kreative und wortgewandte Sprache und ist dennoch fern einer Hollywoodpointe. Es ist auch nicht mit einer ultimativen Weisheit konstruiert, bezaubert durch die banale Erzählung eines ganz normalen Lebens. Eines Lebens, das irgendwie jeder von uns führen könnte und genau deshalb ist es so nah an mir dran gewesen.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich noch habe oder irgendwer anderes. Was ich aber weiß, ist dass ich dafür verantwortlich bin, das Beste aus meiner Zeit zu machen. Für mich, mein Kind und die Menschen um mich herum, die mich gerne in ihrem Leben haben.

Danke. Für dieses wundervolle Buch und diese Reise. 


Wer mehr über Jessicas Gedanken erfahren möchte, kann dies hier tun:

https://jessyfromtheblog.wordpress.com

oder auch hier:

Jessica Wagener - Narbenherz 
Verlag Rowohlt // ISBN:
978-3499628962



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen