Mittwoch, 15. Februar 2017

Denkanstoß zum Thema respektvoller Umgang mit der eigenen und fremden Sexualität

Was muss einer Mutter im Kopf herumgehen, die ihren Sohn heimlich enterbt? Einen Sohn, der ein erfolgreiches Leben meistert, ein schweres Studium abgeschlossen hat, ein wundervoller Mensch mit Ecken und Kanten ist. 
Er ist ein Sohn, der nicht in ihr Weltbild passt. Nur, weil er Männer liebt, anstatt Frauen. Für diese Frau ist er ein Nichts und für mich ein langjähriger Freund, den ich sehr mag.

Unverständnis, anerzogene Intoleranz und meist in den eigenen Unsicherheiten begründeter Hass, zerstört Existenzen. Menschen, die von solchen verurteilt werden, haben ihnen meist nichts getan. Ich spreche hier nicht von Einzelsituationen und persönlichen Erfahrungen im Bereich Belästigung. Ich weiß, dass es das gibt und ich unterstütze niemanden, der penetrant und persönlich adressiert, in die Privatsphäre eines anderen eingreift. 

Die Faktoren für Belästigung gelten für schwule, wie auch für heterosexuelle Menschen gleichermaßen. Ob ich als Frau von einem Mann oder einer anderen Frau angegrapscht werde, macht für mich keinen Unterschied. Es ist unerwünscht und entweder ich stehe drüber und wehre mich sachlich und verbal, oder ich rufe mir Hilfe hinzu. 

Das Verhalten eines Einzelnen ist kein Ereignis, das man auf eine ganze Sparte Bevölkerung übertragen kann und darf! Diese Menschen, die in sexueller Hinsicht - und auch unabhängig davon - anders sind als andere, sind meist einfach nur da. Und: es gab sie schon immer. In vielen Kulturen gab es Epochen, in denen z.B. gleichgeschlechtlicher Sex kein verwerfliches Thema war. 

Was wir als normal und unnormal definieren, hängt mit unserer gesellschaftlichen Ausrichtung und der Erziehung zusammen, die wir erfahren haben.

Gibt alleine eine persönliche Meinung über etwas, einem Menschen das Recht, einen anderen Menschen durch das eigene Unverständnis oder der eigenen Ablehnung, nieder zu machen? 

Bis vor noch gar nicht allzu langer Zeit waren Frauen generell genauso vom gesellschaftlichen Geschehen ausgeschlossen, wie Farbige, Körperbehinderte und homosexuelle Männer und Frauen. Heute kaum mehr nachzuvollziehen, dass Frauen und Farbige nicht mal wählen durften. Rassismus und Benachteiligung von bestimmten Bevölkerungsgruppen war immer, und ist leider noch immer, an der Tagesordnung.

Erst vorgestern las ich wieder einen Bericht von einem jungen Menschen, der wegen seiner Homosexualität verfolgt und gehänselt wurde. Er brachte sich um. Mit fünfzehn. Und das in der heutigen Zeit, in der wir wissen, dass Homosexualität weder eine Krankheit oder eine Entscheidung ist, die wir treffen, noch anerworben wird.

Es liegt mir am Herzen, Menschen zu unterstützen, die aufgrund ihres Andersseins verfolgt, angefeindet und ausgeschlossen werden. Wir sind alle Teil dieser Gesellschaft - egal, aus welchen Gründen wir anders sind - und müssen unseren Platz darin finden. Es geht hier nicht darum, dass ich alles rechtfertige, das in den Augen der Masse abnormal sein könnte. Nein, es geht mir hierbei um Gedanken, Neigungen und Verhaltensweisen, die anderen nicht schaden und meiner Meinung nach keine Grundlage dafür bieten sollten, von der Öffentlichkeit verrissen zu werden.

Es ist mir egal, wer wen liebt. Solange dadurch für keinen Außenstehenden Schaden entsteht und der Schutz und das Wohl von gerade auch Kindern und Jugendlichen nicht beeinträchtigt sind. (Nicht, dass ich finde, Homosexualität darf von Jugendlichen untereinander nicht ausgelebt werden! Ich spreche explizit von genereller Übergriffigkeit von Erwachsenen gegenüber Minderjährigen.)

Warum zerreißt man sich darüber das Maul, ob eine Frau eine Frau liebt oder ein Mann einen Mann? Was ist das für ein Geltungsbedürfnis, dauernd zu pöbeln? Deswegen geht es anderen doch nicht schlechter. Hauptsache der Mensch hat etwas zum Hetzen und Beschweren, damit er sich mit seinen eigenen Problemen und festgefahrenen Denkstrukturen nicht befassen muss. 

Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat, in dem jegliche Art von intoleranten und extremen, religiösen Ansichten, sowie vom Grundgesetz abweichende und diskriminierenden Handlungsweisen, für unser Zusammenleben nunmal nicht tragbar sind. 

Ob man etwas persönlich nicht mag und das offen kommuniziert, oder man deswegen andere persönlich zu beleidigen muss und ihnen respektlos zu begegnen, ist ein großer Unterschied. Niemand muss alles gutheißen. Aber eine Meinungsäußerung - egal wie frei sie sein mag - ist nicht immer angebracht. Weder in diesem Zusammenhang, noch in Bezug auf sämtliche anderen Themen. Der Grat zwischen Meinungsfreiheit und taktlosem Rausposaunen einer eigenen Lebenssicht ist schmal.

Es schimpft sich immer so lange leicht auf Menschen, die anders sind, bis wir selbst anecken und Hilfe/Unterstützung/Verständnis brauchen. 

Es hat mich sehr beschäftigt, dass ich diesen Brief lesen durfte. In Absprache mit dem Verfasser teile ich ihn nun mit der Welt. Über 50 Jahre sind in seinem Leben verstrichen und noch immer muss er um Anerkennung der eigenen Familie kämpfen. (Die er liebt, wie jedes andere Kind auch) Kann es etwas geben, das einen mehr entwurzelt, als das? Wir Menschen kommunizieren zu wenig über das, was wirklich zählt. Über Zusammenhalt, Liebe, Ziele im Leben, jenseits von Geld. 

Ich wünsche mir einen offeneren Umgang mit dem, was uns Angst oder Abscheu fühlen lässt, weil wir es nicht verstehen und nachvollziehen können. Mit dem, was uns unfair gegenüber anderen werden lässt, deren Glück oder Unglück uns eigentlich nichts angeht, solange es uns nicht persönlich einschränkt.

Vor allem wünsche ich mir mehr Respekt für das, was andere leisten. Einen Schnips vom Schicksal und die vermeintlich "Normalen" sind durch irgendwelche Gründe ebenso aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

Bitte denkt darüber nach, weshalb ihr einen Standpunkt gegenüber anderen Lebenskonzepten bezieht. Ist das eventuell nur ein Vorurteil? Einfach eure Meinung und wenn ja, ist sie es wert, manche Menschen schlechter zu behandeln? Betrifft euch das Anderssein eventuell selbst, oder euer direktes Umfeld? Ist es die Angst davor der Außenwelt mit ihrem Hohn selbst nicht standzuhalten? Schämt ihr euch, weil ihr selbst kein Rückgrat habt, um über eure eigenen Interessen hinaus für Fairness und Respekt einzustehen? Weil ihr anders erzogen seid? 

All das ist kein Vorwurf, es sind ernstgemeinte Fragen. Ich stelle sie mir und euch, weil es an uns liegt, besser miteinander auszukommen. Hass und Ablehnung sind für alle Parteien unangenehme Störfaktoren im Alltag und rauben Energien, die man sinnvoller einsetzen könnte.

Bitte, tut euren Kindern und Mitmenschen nicht eure eigenen Probleme mit egal was an, nur weil es leichter ist, alles Fremde zu verurteilen, als einen gesunden Umgang damit und Toleranz anzugehen.

Bitte lest diesen Brief. Es ist furchtbar, mir vorzustellen, wie man mehr als 40 Jahre darunter leidet, dass die eigene Mutter einen als Mensch zweiter Klasse behandelt. 


Hallo Mutti,

seit ich erfahren habe, dass du das Haus verkaufen wolltest und die Hütte schon vor Jahren an R* verkauft hast, ist nun einige Zeit vergangen.


Ich habe viel darüber nachgedacht und mit Leuten darüber gesprochen. Tante E*, die ja schon lange wollte, dass ich sie mal besuche, was ich jetzt endlich auch getan habe, meinte, ich solle es versuchen, das Gespräch aufzunehmen, um zu retten, was noch zu retten
ist.


Ich selbst bin mir da nicht so sicher. Ich kann dein Tun nicht verstehen, ich weiß ja auch sehr wenig
darüber, was da war und was du dir dabei gedacht hast. Ich weiß, dass wir einen seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt haben. Du hast meine sexuelle
Orientierung und damit mich nie wirklich akzeptiert. Auch als ich schon fast 40 war, hast du noch davon geredet, dass ich ja vielleicht doch noch eine Frau finden würde, man hätte ja schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen.


Dieser Konflikt zieht sich durch mein ganzes Leben. Ich bin es so satt, immer wieder und wieder benachteiligt und gedemütigt zu werden wegen etwas, für das ich 1. nichts kann und mit dem ich 2.
niemandem einen Schaden zufüge. Du bist ja nicht die einzige Person, die das nicht akzeptiert.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie im Fernsehen mal der Film über *Schwule lief.
Damals wusste ich noch nicht, was Homosexualität bedeutet, ich wusste auch nicht, dass ich es war.


B* fragte dich, ob du den Film gesehen hättest, du antwortest in etwa so: „Ach, als ich sah,
wie da zwei Männer sich küssten...“ Ich weiß noch, wie wir mal durch die Stadt gingen, in der Bahnhofstraße kamen uns zwei gutaussehende junge Männer in weißen Anzügen entgegen. Ich sagte, dass ich gerne solche weiße Kleidung hätte, du sagtest darauf: „Ach, das waren doch zwei Schwule“.
Ich hatte vor der Willi-Wahl ein Foto von Willy Brandt in meinem Zimmer hängen. R* sprach mich darauf an, und meinte ob ich Männer lieben würde. 


Ich sagte: „das geht doch gar nicht“, sie antwortete: „doch, die Mutti sagte, dass das geht und dass du so sein könntest“. (Ja, du hattest schon immer ein vertrauensvolleres Verhältnis ihr)

Einige Jahre später wurde wegen meiner schulischen Schwierigkeiten bei Großchen und Papa diskutiert, mich in ein Internat zu schicken. Du sagtest, du hättest Angst, dass ich da schwul werden könnte, damit war das Thema erledigt. Ich bin aufgewachsen in einer mir feindlich gesonnenen Familie, die zwar den Sohn wollte, aber nicht den, der dann da war. Man wird nämlich nicht schwul, man ist es. So wie man eine bestimmte Haarfarbe, Fingerabdrücke usw. hat, ist auch die sexuelle Orientierung Teil der Persönlichkeit und unveränderlich.


Als ich dann den A. K.* nach Hause brachte, war es vorbei. Ich war von nun an Mensch zweiter Klasse, unerwünscht, wurde benachteiligt und ausgeschlossen. So erfuhr ich zum Beispiel
erst von P*s Taufe an dem Tag, an dem sie stattfand. Dass ich nach dem Jahr in Essen meine schulischen Schwierigkeiten überwunden hatte, half mir dabei nicht. 


Ich blieb zweitklassig, uninteressant, wurde benachteiligt, R* bevorzugt. Der erste große Streit ließ dann nicht auf sich warten. Ich war müde, wollte schlafen, hatte am nächsten eine Prüfung vor mir, R* hingegen feierte mit Freunden. Kurz nach 11 wollte ich, dass sie jetzt endlich ruhig sind. Aber die wollten keine Ruhe geben, und du ergriffst die Partei der Ruhestörer. Deren Feierei war wichtiger als mein Studienerfolg.

Es gab dann wieder „bessere“ Phasen, du hattest ja Hoffnung auf kotzende Pferde. Aber als ich A* nach Hause brachte, war es wieder soweit. Du warst mit der Beziehung nicht einverstanden und hast dich dementsprechend verhalten. R*s damaliger Freund äußerte sich beim Weihnachtsessen in meiner und A*s Anwesehnheit homophob, worauf Streit entbrannte. Du ergriffst die Partei des Homophoben, das wars. Auch heute noch erlebe ich ständig Benachteiligungen und Ablehnung meiner Person, weil ich schwul bin. Auch im Berufsleben, ständig.


Ich habe es satt. Ich habe keine Energie mehr, mich zu verteidigen, und um meine Stellung zu kämpfen. Es ist aussichtslos. Du meintest ja, ich lebe in einem Wahnsystem, ohne mir sagen zu wollen, worin dieser Wahn bestehe. Er bestand wohl darin, dass ich glaubte Rückhalt und Unterstützung in meiner Familie mütterlicherseits zu haben. Seit Großchen nicht mehr lebt, habe ich den nicht mehr. Großchen hat mir anders als du immer das Gefühl gegeben, wertvoll und erwünscht zu sein. Es war ja auch Großchen, Die Dich dazu gebracht hatte, mir und B* jeweils die Haushälfte als Erbteil zu versprechen, als Du R* das Geld für ihre Wohnung schenktest.


Von der Hütte sollte R* aber trotz ihres Vorteils ein Drittel bekommen, weil sie ja so großen Wert auf die Hütte legte. Kann mich noch sehr gut an deine Worte erinnern. Nun, jetzt sie kein Drittel davon, sondern alles. Diesen Teil des Versprechens hast Du bereits gebrochen, den anderen wolltest Du brechen.


Kennst du Karl von Einem? Der war Gerneraloberst und Kriegsminister im deutschen Kaiserreich. Dem war ein schlechter Offizier lieber als ein guter, wenn der gute homosexuell war. In den Augen dieses Mannes war die Schande der Homosexualität durch nichts wieder gut zu machen. Diesen Geist hat du anscheinend auch verinnerlicht.


Dir wäre ein im Leben versagender Sohn, eine Lusche, wahrscheinlich auch lieber gewesen, als ein
homosexueller, der nach großen schulischen Schwierigkeiten doch ein sehr schwieriges Studium
schafft und sich trotz ständigem Gegenwind auch beruflich einigermaßen behauptet. Oder sehe ich das falsch?


...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen