Mittwoch, 1. Februar 2017

Kommunikation am Limit - Neurodiversität und die Folgen von Frust und Wut


In letzter Zeit bin ich immer wieder in Diskussionen geraten, bei denen ich, trotz vorhandener Argumente, immer wieder an die Grenzen meiner sozialen Kompetenz gelangt bin.

Weshalb ist das immer wieder mal so? Diese Frage geistert mir schon so lange durch den Kopf, wie ich denken kann. Als ich 23 war, stellte sich in einer Therapie heraus, dass ich Neurodivers bin. Das bedeutet in meinem Fall zum einen, dass ich Synästhetikerin bin (u.a. Töne in Farben höre) und zum anderen, dass ich ein paar mehr austistische Züge habe als andere Menschen. Prinzipiell ist das für mich kein Problem, weil ich die damit verbundene Kreativität sehr mag.

Zumindest dachte ich das lange.

Als Kind fand ich es maximal nervig, dass ich mit den anderen Kindern in meinem Alter nicht viel anfangen könnte und dann lieber alleine vor mich hin tüdelte. Erst als ich feststellte, dass meine phantasiereiche Welt im Kopf und der enorme Speicher für Alles, was um mich herum passiert, meinem Alter nicht entsprachen, und ich deshalb ausgegrenzt wurde, war das für mich ein Problem.

Im Endeffekt war ich emotional unter der Entwicklung meines bereits weiter entwickelten Geistes und diese Diskrepanz macht mich noch heute unsicher. Kurzum: Es gab niemanden, der mich verstand und oder mit mir so umgehen könnte, dass ich mich nicht einsam/unnormal fühlte. Inklusive mir selbst. Und ich liebte schon immer die Melancholie, weil das Nachdenken über dasein und nicht dasein so intensive Gefühle hervorrief. Alleine deshalb war ich für mein gleichaltriges Umfeld irgendwie nicht greifbar. 

Sich mit fünf Gedanken um Leben und Tod zu machen, lieber mit Jungs Baumhäuser zu bauen und Wolkentiergeschichten zu erfinden, als mit Puppen zu spielen, fanden Mädchen in meiner Grundschulklasse eher seltsam. Für mich war das immer cool, weil ich alles um mich herum spannend fand. Die Welt, kreativ sein, Geheimnisse über das Leben zu erfahren. Und das am liebsten mit anderen zu teilen. Vor allem das. Das hat mir leider später den Nachteil gebracht, dass man schnell meinen könnte, ich sei narzisstisch. 

Dabei bin ich gar nicht so gerne im Mittelpunkt. Mein Redebedarf ist einfach enorm hoch, weil meine ganze kommunikative Geschwindigkeit schon immer auf 200% läuft. Das kann und will nicht jeder. Ich sehe das Problem eher darin, dass ich nie ein selbstverständliches Gefühl für mich als Person hatte. Wenn man damit aufwächst, sich selbst nicht zu verstehen und das unverstandene, andersartige Ich, gleichzeitig auch noch immer gegenüber anderen verteidigen muss, übernimmt man dauerhaft dieses ständige Abgleichen des Ichs - Innenwelt vs. Außenwelt. Wo bin ich? Wie reagieren andere? bin ich schuld/die anderen? (Mir kam der Gedanke nie, dass es vielleicht auch niemand sein könnte, der schuld ist) Unsicherheit führt dazu, dass das Thema Ich ganz automatisch immer im Zentrum der Gedanken ist. Und es fühlt sich alles, nur nicht super an.

Wer viel Wissen aufnehmen kann und ein kommunikatiker Typ ist, gibt es auch automatisch wieder, wenn ein Gespräch Themen berührt, zu denen man Infos im Kopf hat. Und das sind bei mir wirklich viele. Leider gebe ich sie seit ein paar Jahren und einem Burn-out nicht mehr immer korrekt wieder und bin dann am meisten sauer auf mich selbst, weil ich ein Klugscheißer zu sein scheine, der zunehmend nicht mal immer recht hat. Schlafmangel und Überforderung/Überarbeitung kill me. Brain is tricky. Das nagt. 


Im Gegensatz zu anderen, von der *gesellschaftlichen Norm abweichend geistig funktionierenden Personen*, bin ich nicht generell mit sozialer Interaktion total überfordert. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie ich sie führe, die mich anecken lässt und die Intensität der Beziehung zu den Menschen, mit denen ich mich umgebe, die mich schlagartig mit dem Fluchtreflex überflutet. Tatsächlich: 

Reizüberflutung.

Solange mein Umfeld bezüglich der gemeinsamen emotionalen Sprache halbwegs stabil ist, und ich mich sozial sicher fühle, ertrage ich extrem viel Nähe. Fühle ich mich verloren in einer Gruppe, die nullkommanull von meinen Gedankengängen nachvollziehen kann (die immer brodeln und einfach irgendwann rausmüssen - wie so ein Gefühlstourette), werde ich zunehmend unsicher. Entweder ich rede andauernd, um das zu überspielen, oder gar nicht.

Dieses Kultivieren von Frage-Antwort-Monologen ist ein ganz wesentliches Problem für mich. Denn: es gab nie wirklich stabile Antworten in mir. Die einen können damit gut umgehen, dass ich immer (und ungewollt, weil ohne Filter dafür ausgestattet) authentisch, ehrlich, unangenehm nah an persönlichen Themen bin, auch, wenn ich jemanden nicht gut kenne. (Wortwörtlich das Herz auf der Zunge trage) Die anderen grenzen mich kommentarlos aus oder führen Diskussionen mit mir, auf die ich aus Frust impulsiv reagiere. Emotional und geisteshorizontal sind das so unterschiedliche Frequenzen, die beinahe unmöglich in Einklang zu bringen sind.

Warum? Weil ich mich nicht verstellen oder weniger emotional machen kann. Es gibt keine "geschützte", oberflächliche Persönlichkeit, die ich auf Smalltalkebene präsentieren kann und eine tiefgründige, die ich rausholen kann, wenn es gefragt ist. Genau da ist mein größter Frustfaktor.

Ein Bespiel: ich kann Ironie und Sarkasmus bei anderen nicht gut lesen, sie aber selbst spontan und präzise einsetzen. Das Lesen von Gründen für das Verhalten von anderen kann ich solange gut einschätzen und flink durchschauen, solange es nicht in Bezug zu mir steht. Durch meine Relation zur Person geht mir die objektive Beobachtung flöten und ich bin verloren in der Interpretation. Interpretieren kann ich wirklich schlecht, wenn es um Interaktion zwischen mir und anderen geht.

Für mich ist es normal - oder besser - ein natürlicher Drang, dass man offen diskutiert, Besonderheiten direkt anspricht. Wenn mir jemand rasch erzählen würde, dass er ein gesundheitliches Problem, eine pflegebedürftige Mutter oder was auch immer hat, kann ICH doch viel sensibler darauf eingehen, wenn die Person sich komisch verhält oder wie ein Arschloch. Meine Toleranz wächst durch Verständnis der Gesamtsituation und ich gehe deshalb so offen auf Menschen zu und erzähle ihnen auch unangenehme Scheiße aus meinem Leben. Ungefiltert. Aufrichtig und ehrlich. 

Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, sage ich auch nicht gut, wenn es nicht so ist. Alleine das löst meist schon den ersten unangenehmen Moment mit Menschen aus. Also in denen, nicht in mir.

Ich hoffe auf Toleranz und Verständnis, weil ich es lange für die Welt gehabt habe.
Und da ist auch der Punkt, der gestern in mir ein unglaubliches Loch gegraben hat. Ich bin genau das, was ich nie sein wollte. Intolerant. 
Gegenüber denen, die es mir gegenüber sind, weil sie mich nicht verstehen, annehmen oder ein Problem mit der öffentlichen Behandlung von Schwäche haben. Und das sind wesentlich mehr Leute als die, die Bock, Empathie und Interesse haben, sich in andere hineinzuversetzen. Das hat mich jahrelang so sehr gefrustet, dass ich zunehmend verbitterter wurde. Immer auf Kontra, immer sofort an die Decke. 

Ich wollte immer mit dem Kopf durch die Wand - typisch Stier. Bis mir mal der Spruch begegnete, was ich da im Nachbarzimmer eigentlich wolle. Ab da wurde ich entspannter.

Wenn man es auf den Punkt bringt, bin ich über die letzten 30 Jahre radikal geworden. Gegen Intoleranz. Dabei bin ich das selbst. *Schock* Ich hoffe auf Verständnis und hasse alles und jeden, der mich kritisiert oder für meine unkontrollierte Art nicht leiden kann. Und am meisten die, die mir das nicht mal sagen, sondern mich einfach ignorieren. Ääk, das kann nicht funktionieren.

Zerbrechlichkeit und Orientierungslosigkeit in mir, sind der Grund für die Ablehnung, die ich eigentlich sogar am meisten mir selbst gegenüber pflege. Das muss aufhören. Wen interessiert so sehr, wer, was oder wie ich bin? Nur mich selbst. Und da muss ich anfangen stabiler zu werden. In mir. Was im Klartext bedeutet, dass ich lernen muss, Kritik an meinem Verhalten und Kritik an mir als Wesen, also den damit verbundenen Besonderheiten, zu unterscheiden. Dieses Verpulvern von überemotionaler Energie macht vor allem mich selbst irre, denn ich komme damit nicht weiter. Wut und Impulsivität als Ventil für Frust und Unsicherheit, sind definitiv der falsche Weg, mir Erfolgserlebnisse im Umgang mit meinem Abweichen von der Norm [wie ich dieses Wort ***** (zensiert, weil: nicht zu intolerant werden)], zu erarbeiten.

Nicht weniger emotional, aber vielleicht ein wenig mehr Zeit zum Denken. Bevor ich alles auf dem emotionalen Ohr als persönliche Kritik an mir als Wesen empfinde. Es gibt Dinge, die kann ich aus bestimmten, vorgegebenen Grundeinstellungen meines Hirns nicht gut. Und es gibt Dinge, die kann ich beeinflussen. Meine Sichtweise und den Umgang mit Schwächen. Diejenigen, die das erkennen, sind auch die, mit denen ich emotionale Diskussionen führen kann und muss, weil das meinem Naturell enstpricht, mit dem ganzen Dasein zu diskutieren.

Mit den anderen sollte ich Diskussionen so einfach nicht führen. Da darf mich Kritik an Dingen, die nicht mein charakterbedingtes Verhalten angehen, einfach nicht bocken. Denn: ja, ich will mich weiterentwickeln. Mir liegt die Balance in mir sehr am Herzen. Bin ich unausgeglichen, kann ich mich selbst nicht leiden. Vielleicht ist es für Menschen wie mich, zusätzlich auf einer anderen Ebene schwer, konstant kompetent aufzutreten. Das ist nun mal so und wenn ich selbst nicht dahinterstehe, dass das auch eine Form von normal ist (wie ich denke, analysiere, die Welt wahrnehme), dann wird es auch niemand anderes tun. 

Ich erwartete, dass andere Menschen mich so akzeptieren und tue es bis heute nicht einmal selbst. Und sich selbst akzeptieren heißt nicht, dass man sich darauf ausruhen darf und sollte, dass man eben so ist, wie man ist. Es ist vielmehr die Gelassenheit, die eintreten sollte, dass die Basis in Ordnung ist und die Feinheiten ein Langzeitprojekt, an dem man mit Geduld (!) und dem Annehmen von konstruktiver Kritik arbeiten kann.

Warum?

Weil ich mich so anders mag. Kein Aber. Und auch gerne Menschen um mich habe. Nicht alle, aber einige. Solange ich mich zurückziehen kann, wenn mir soziale Interaktion zu viel wird. Ich lerne daraus, wachse daran. hoffentlich bald gelassener, damit ich die Vorteile des hirnverschaltungstechnischen, kreativen Anderssein, auch mal voll nutzen kann.

Mein Anderssein ist keine Ausrede, mit der Welt pampig werden zu dürfen, nur weil sie pampig mit mir ist.


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