Sonntag, 19. März 2017

Darf es ein bisschen heißer sein? Interview mit Fabian von der Freiwilligen Feuerwehr Langen


Bildquelle: Fabian


Was ist deine Position bei der Feuerwehr?

„Ich bin Gruppenführer, Fahrzeugführer, Maschinist und Atemschutzgeräteträger.“

Wie groß ist eure Wache und was sind ihre Besonderheiten?

„Derzeit haben wir 110 Leute, 12 davon sind Frauen. Der Stamm beträgt 10-15 Personen. Aktive Jugendmitglieder haben wir im Moment etwa 40 und allgemein den bisher stärksten Zulauf. Wir haben 14 Fahrzeuge, unter anderem ein TLF 4000. Das ist ein Löschfahrzeug, mit dem man bei der Fahrt Wasser werfen kann. Es ist besonders für Flugzeugunfälle geeignet. Unser Fuhrpark ist recht groß, wir haben eine relativ hohe Einsatzdichte für eine eher geringe Einwohnerzahl. Das Einsatzgebiet umfasst das gesamte Stadtgebiet, die dazugehörigen Felder und Wiesen, die Bundesstraße B486, der Waldsee, das Krankenhaus und Teilabschnitte der Autobahn A661.“


Wie ist das mit dem Spruch „Feuerwehr ist Feierwehr“? Ist da was dran?

„Das mag für kleine Wachen auf dem Kaff vielleicht zutreffen, bei uns ist das nicht so. Bei uns gibt es gar keinen Alkohol auf der Wache.“


Jetzt wirst du 27 und bist schon seit 17 Jahren bei der Feuerwehr, davon nächsten Monat 10 in der Einsatzabteilung. Stehst du noch gerne nachts auf, wenn es alarmiert?

„Kommt ganz auf die Art des Einsatzes an, aber eigentlich ja.“


Was nervt so richtig?


„Fehlalarm von Brandmeldeanlagen, die Quote liegt bei 99%. Ölspuren nerven auch. Vor allem, wenn der Verursacher durch die halbe Stadt gefahren ist, bis er es gemerkt hat. Wir werden oft gerufen, obwohl es gar nicht nötig gewesen wäre. Aber heute ist man generell eher Dienstleister für den Bürger. Die eigentliche Tätigkeit als Feuerwehrmann rückt in den Hintergrund.“



Bildquelle: Fabian



Hat sich dein Bezug zur Feuerwehr geändert, seit du ein Kind hast?

„Klar. Ich überlege oft, ob ich einen Einsatz leisten kann. Ob das Kind versorgt ist, ob ich genug Zeit mit der Familie habe. Aber mehr Sorgen mache ich mir nicht. Die vielen tausend Stunden Routine beruhigen mich. Prinzipiell bin ich achtsamer, erkenne Gefahrensituationen schneller und beobachte den Verkehr wachsamer.“


Bist du ein Adrenalin-Junkie?

„Ja und nein. In Bezug auf die Einsätze ja, da wird man schon mal unruhig, wenn es zu lange keine Einsätze gab. Die Feuerwehr hat ihren ganz eigenen Reiz. Aber im Privaten eher nicht. Bungee-Jumping, Achterbahnen und sowas, das ist nicht meins. Aber ich muss zugeben, ich fahre noch immer gerne schnell mit dem Auto.“


Gibt es eine spezielle Zeit im Jahr, in der sich eure Einsätze häufen?

„Eigentlich nicht, ab und an haben wir ein paar mehr Einsätze im Januar und im Sommer natürlich, wegen der erhöhten Brandgefahr.“


Was sind so die häufigsten Einsätze, die ihr habt?

„Die meisten Einsätze sind heutzutage Hilfeleistung. Das bedeutet Tierrettung, Baumarbeiten, Wasserschäden, Betriebsmittelaufnahme. Auch Amtshilfe für die Polizei leisten wir. Zum Beispiel Gegenstände entfernen und Unfallorte ausleuchten.“


Und wie oft rückt ihr im Schnitt im Monat aus?


„Unterschiedlich. Mindestens um die zwanzig Mal, in starken Monaten auch schon mal bis zu fünfzig Mal.“


Was ist, wenn mal keiner kommt?


„Auch das kam schon vor. Die Leute sind in Alarmierungsschleifen eingeteilt. Wenn keiner aus der ersten Schleife erscheint, wird die nächste Schleife alarmiert.“


Was war dein krassester Einsatz bisher?

„Sowohl vom Umfang als auf vom Aufwand her ein Tiefgaragenbrand. Da war ich körperlich und seelisch an meinen Grenzen. Wir mussten teilweise Doppelschichten im Wechsel leisten. Man steht total unter Adrenalin, hat keine Sicht, weiß nicht, was auf einen wartet. Jederzeit kann man die Orientierung verlieren, im Gebäude gefangen werden, Die Atemluft kann ausgehen. Wenn man Pech hat, wird man bewusstlos und erstickt.“


Was geht einem da durch den Kopf?

„Wie wir das Feuer schnellstmöglich löschen können. Was für Komplikationen kommen könnten, ob die Luft reicht, was finden wir vor, wie aufgeheizt ist der Rauch, kann er sich entzünden und so weiter.“


Zweifelt man da am Job?

„Ja, auch das kommt mal vor. Aber im Großen und Ganzen habe ich die Zeit bei der FFW nie bereut. Das gehört alles dazu.“


Gibt es einen speziellen Einsatz, bei dem du sagst „der kann weg“?


„Ja, den gibt es. Das war vor ein paar Jahren an meinem Geburtstag. Da ist eine junge Frau nach einem Unfall auf der Autobahn in ihrem Auto verbrannt.“


Ist dir schon mal selbst etwas passiert?


„Uns ist ein Fahrzeug ins Einsatzfahrzeug gerutscht. Die Einsatzstelle auf der Autobahn war abgesichert, aber es war Glatteis. Der Einsatzleiter und ich befanden uns am bzw. im Fahrzeug, als uns das andere Auto reingerutscht ist. Wir kamen vorsichtshalber ins Krankenhaus, aber außer einem Schock war nichts.“



Bildquelle: Fabian



Wie geht ihr mit seelischem Stress um?


„Wir reden über die Einsätze. Bei ganz harten Erlebnissen können wir ein Kriseninterventionsteam in Anspruch nehmen, das KIT. Oder auch nachfolgende psychologische Betreuung. Bisher musste das keiner in Anspruch nehmen. Während des Einsatzes werden Ekel und Trauer vom Adrenalin geblockt, man funktioniert einfach. Aber viele holen die Ereignisse später ein. Meist in Träumen. Vor allem entstellte Personen, Tote, große menschliche Tragödien, Unfälle und Schwerverletzte. Zum Glück erfahren wir ab und an, was aus den Beteiligten wurde, einige melden und bedanken sich auch bei uns.“


Überrascht dich die Praxis noch?

„Auf jeden Fall. Man kann sich auf vieles vorbereiten, aber es wird immer Situationen geben, mit denen man nicht gerechnet hat.“


Was macht es aus? Wieso bleiben manche ihr Leben lang dabei?


„Für so eine Arbeit muss man im wahrsten Sinne des Wortes brennen. Ich wollte mit vier Jahren schon zur Feuerwehr, da war damals in unserer Straße ein Einsatz. Ich denke, das muss einem einfach liegen.“



Bildquelle: Fabian 


Wie lange brauchst du vom Alarm in der Nacht, bis zur Wache?

„Aus dem Tiefschlaf geht das in 4-5 Minuten.“


Es alarmiert in unser Interview hinein. Fabian steht auf, grinst und sprintet zum Flur.

„Wohnungsbrand. Tja, so ist das eben“, sagt er und verschwindet. Ich kenne meinen Bruder ja quasi nur im Einsatz. Also sitze ich weiter auf dem Sofa, schaue fern und bewache das schlafende Kind im Nachbarzimmer.

Wie so eine richtig gute Tante.


Bildquelle: Fabian



Daten aus dem Jahresbericht 2016 des Stadtbrandinspektors


Einsätze total: 594


85   Brand

373 Hilfeleistung

136 Fehlalarme




Brandeinsätze:


  7 gelöschte Feuer bei Eintreffen

43 Kleinbrände A

31 Kleinbrände B

 2 Mittelbrände

 2 Großbrände



Technische Hilfeleistung

13 Amtshilfe für Polizei etc.

 0 Auf Gewässern

11 Gefahrenguteinsätze

70 Ölspuren oder Auslaufen von Betriebsmittel

29 Tiereinsätze

106 Menschenrettungen, Unterstützung des Rettungsdienstes und Türöffnungen

43 Unwettereinsätze

35 Verkehrsunfälle

66 Sonstige Hilfeleistungen


Fehlalarme

93 Brandmeldeanlagen

29 blinde Alarme

 2 böswillige Alarme

12 Fehlfahrten in Bereitstellung


Die Freiwillige Feuerwehr Langen war im Jahr 2016 insgesamt 29.818 Stunden tätig und davon 5451 Stunden im Einsatz.

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