Freitag, 28. Juli 2017

"Bei mir stirbt immer jemand" // Interview zur Anthologie "Sehnsuchtsfluchten" mit Erfolgsautorin Nicole Neubauer

Hallo Nicole, du bist mit Abstand unsere erfahrenste Autorin in der Runde, wenn es um Publikationen und Reichweite geht. Deine Bücher sind Bestseller und meiner Meinung nach absolut zu Recht! Was hat dich dazu bewegt, dich unserem Gemeinschaftsprojekt anzuschließen?

Erst mal danke fürs zu Recht – das tut in meiner Dauerselbstwertkrise gut. Zum einen fasziniert mich die Mischung der Autorinnen und Autoren, ein wilder, unabhängiger und unberechenbarer Mix.
Zum anderen hat mich das Thema angesprochen. Starke Emotionen – das ist es doch, worum es in guten Büchern geht. Egal, in welche Genregrenzen man sie zwängt.

War das Thema „Kurzgeschichte“ für dich ein Experiment oder schreibst du öfter auch Texte abseits von mehreren hundert Seiten?

Ich habe schon mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht, bisher kulinarische Kurzkrimis in regionalen Anthologien. Am Anfang waren sie für mich eine Strafe. Ich brauche Platz, will immer ganz detailreiche Biografien entwickeln, unter „Buddenbrooks“ fange ich gar nicht an. Aber mittlerweile habe ich an der kurzen Form Gefallen gefunden.

Das kann ich gut verstehen, ich lese auch gerne viele Details, sie machen einen literarischen Kosmos lebendig. Ich bin immer traurig, wenn ein Buch schon vorbei ist. Deine Geschichte ist sehr speziell, hattest du die Idee schon lange und wo kam sie her?

Die Geschichte hat sich aus einem Facebook-Battle entwickelt, bei dem wir uns Kurzkrimis zugerufen haben, und dazu inspiriert hat mich der Song „Join Me In Death“ – meine erste Fanfiction. Ich bin ja eine alte Krimitante, zwischen Wänden voller Krimis aufgewachsen, bei mir stirbt immer jemand. Und ich war auch immer Fan von jemandem. Ohne Fandom fehlte mir etwas. Eine große, wichtige Form von Liebe, die der Liebe zu realen Menschen nichts wegnimmt, sondern gibt.

Das hast du schön gesagt, klingt ja wie eine literarische Polygamie, bei der alle gewinnen, sowohl die Idole als auch die Leser und Fans, die diese Liebe miteinander teilen. Überhaupt geht es in unseren Geschichten ja oft um Liebe und Zusammengehörigkeit. Im Falle deiner Kurzgeschichte artet dieses Bedürfnis nach Kontakt ja aus. Ist dir das schwer gefallen, dich in diese Szene hineinzuversetzen? Sie entspricht ja offensichtlich nicht einer gesunden Auffassung von sozialer Interaktion.

Wir hatten es heute, schon von der Polygamie, oder? ;) In solche dunklen, abgründigen Gedankenwelten kann ich mich sehr gut hineinversetzen. Ich denke mir, dass jeder von uns diese dunklen, beängstigenden Seiten hat. Wenn ich sie literarisch ausleben kann, kann ich im realen Leben eine Nette sein. Mit der Kettensäge eben nur Papas Haselnussstrauch bearbeiten und nicht die nervigen Nachbarn persönlich.

Jetzt bin ich erleichtert. Solange du also schreibst, muss ich mir keine Sorgen machen, wenn du die Kettensäge rausholst? Spaß beiseite, ja, das ist wahr. Diese dunklen Ecken hat wohl so ziemlich jeder und so viele Menschen es gibt, so viele verschiedene Wege gibt es auch, diesen Ecken einen Raum zu bieten, in dem sie existieren dürfen und sollen. Schreiben ist für mich ein ganz wundervoller Weg, zu mir selbst zu finden und Szenarien explizit durchzugehen, die im Leben außerhalb von Texten einfach untragbar sind. 

Am Ende haben wir durch das Schreiben einen Lerneffekt, als ob wir es tatsächlich erlebt hätten. Ich erhoffe es mir bei meinen Lesern sehr, denn ich schreibe bewusst über unangenehme emotionale Themen. Wie ist das bei dir, willst du deinen Lesern auch solche Erkenntnisse mit auf den Weg geben oder ihnen einfach ein spannendes Leseerlebnis bieten?

Gut, dass du das sagst, ich finde es auch gut, diese Gedanken, bei denen man sofort den Reflex hat: Da darfst du nicht mal hindenken – dass man diese Gedanken damit ins eigene Leben zurückholt. Denn die schwarzen Seiten gehören zum Menschen, es ist nur die Frage, wie wir damit umgehen. Mit welcher Haltung.
Ich möchte nie den Lesern etwas mitgeben oder eine Botschaft vermitteln, sondern immer nur eine gute Geschichte schreiben. Deswegen betrachte ich auch schwierige Themen immer von allen Seiten – aber immer mit meiner eigenen Haltung, die dort durchscheint. Die kann ich nun mal nicht abschütteln. Es wird bei mir zum Beispiel immer Grausamkeit in den Texten geben, weil der Mensch nun mal grausam ist – aber nie zu Unterhaltungszwecken, um sich daran zu weiden.

Das ist ein guter Ansatz, finde ich. So kann sich jeder das aus dem Text ziehen, was ihn persönlich am meisten interessiert, und trotzdem gibt es eine Orientierung darin.

Na, ich weiß ja nicht, ob ein Chaotenweib wie ich anderen Orientierung geben kann.

Also, wenn du dich als Chaotenweib bezeichnest, dann bin ich das auch. Vielleicht sind alle Autoren ein bisschen chaotisch und sonderbar? Ich mag das. 

Für mich war diese Anthologie ein richtiger Energie-Kick, die Bestätigung, dass ein guter Text ein guter Text ist und ein Thema auch genreübergreifend funktioniert. Ich bin sehr gespannt, wie dein dritter Roman „Scherbennacht“ ist, der im September beinahe zeitgleich mit meinem Roman über Luc erscheint. Überhaupt, bin ich total geplättet, dass wir beide gemeinsam an Texten gearbeitet haben und das auch noch immer tun. Vor allem freue ich mich darüber, dass dein Hannes und mein Luc sich mittlerweile kennen und eine gemeinsame Geschichte haben (die leider erst nächstes Jahr erscheint). 

Aber vielleicht finden wir uns ja vorher noch einmal alle zusammen, um eine weitere Kurzgeschichtensammlung zu schreiben. Hättest du da Lust drauf?

Unbedingt! Eine, viele und Weltherrschaft! Ich freu mich auch auf unser Gemeinschaftsprojekt mit unseren Protagonisten Hannes und Luc. Wir müssen das noch zu Ende schreiben. Wie wäre es von Paris aus? Das wäre doch glamourös.

Das Herrliche am Autorendasein ist ja, dass man sich die Zeit ein bisschen frei einteilen kann und so seinem Chaotendasein entgegenkommen. Ich konnte mich schon immer schwer konzentrieren. Das ist ein Problem, wenn man diszipliniert viel schreiben will, aber auch ein Segen. Und der erste Entwurf darf ja auch wild sein, oder?

Alles darf wild sein! Und Paris klingt sehr, sehr gut ;) Du musst dir Lucs Arbeit im Museum anschauen, vielleicht fällt dir danach noch etwas Spannendes ein für die beiden?
Wenn du dir ein Thema für die mögliche zweite Anthologie aussuchen könntest, auf welches hättest du Lust?

Ihr hattet ja schon Ideen. Rock'n Roll oder Kunst. Oder etwas ganz Anderes. Meine letzte Kurzgeschichte habe ich über das Thema Honig geschrieben. Je verrückter, desto besser.

Genau mein Ding! Ich glaube, ich muss mich jetzt sofort hinsetzen und mir ein total bescheuertes Thema aussuchen. So geht auch die Zeit schneller rum, bis wir die Anthologie endlich in den Händen halten können. Es war auf jeden Fall ein tolles Zusammenarbeiten! Ich bedanke mich von Herzen für dieses Interview mit dir und spreche dir bestimmt mitten in der Nacht meine Ideen auf Band. ;)


Ich danke Dir auch, es hat total Spaß gemacht. Und ich freue mich auf neue bescheuerte Themen. Diese Projekte geben mir die Freiheit, auch mal ungewöhnliche Formate auszuprobieren.

Bild: Nicole Neubauer

Donnerstag, 27. Juli 2017

In sieben Tagen um die Welt oder doch nur von München nach Berlin // Schreibend auf Reisen Teil II

Hauptstadt – again.
Berlin, das ist Orientierungsverlust in Zeit und Raum; Urlaub von der eigenen Identität, in dem man versucht, selbige zu festigen. Oder gar zu finden. Berlin, das ist mehr oder weniger liebevoll entarteter Exzess, bei dem man Körper und Geist auf einen Marathon schickt und sich danach fragt, ob es scheiße oder geil war. Im Zweifelsfall beides: scheiße geil. Berlin, das ist Frühstück im Szenelokal, in dem man auf Englisch ein bio-öko-fairtrade-veganes Müsli für zehn Euro bestellt und es sich zwischen GZSZ-Sternchen und Plattenbossen im Jogginganzug reinzieht. Mit authentischen Ich-bin-so-wichtig-dass-ich-keine-Zeit-zu-Schafen-habe Augenringen und dem bis zur Perfektion geplanten Verlotterungslevel auf dem Kopf. Im Wilmersdorfer Hinterhof ertönt schallend Waterlove und zieht mich in einen tranceartigen Zustand der Erinnerung an meine frühe Jugend. 

After the sun comes rain
After the rain comes sun

Motto der vergangenen Tage, auch am Himmel.

Bis gestern habe ich nach jedem Aufwachen auf die eingetrockneten Weintrauben, die Mandarine und die Zitrone auf dem Gitarrenverstärker gestarrt. Selfmade-Rosinen. Das Obst wurde ungeplant zum Vanitas-Symbol und hat sich irgendwie so ins Gesamtbild der Wohnung integriert. So wie ich, jedes Mal, wenn ich hier bin. Ich intergiere mich, in der Hoffnung auf etwas zu stoßen, das mich zentriert, fokussiert und zerstreut zugleich. Mit Artsever und Long Awakening auf den Ohren tauche ich am Alex in der Masse unter und beobachte Menschen, ihre Dramen und Glücksmomente. Mein spontan im Prenzlberger Späti gekaufter Regenschirm stülpt sich schon nach den ersten Metern um, der Wind ist zu stark. Von allen Seiten regnet es und nach zwei Minuten Fußweg vom Zoo zum Italiener bin ich komplett geduscht, genervt und in der richtigen Stimmung, mich den Pöbelpennern anzuschließen, die auf der Telefonzelle hocken und den Weltuntergang prophezeien. 

Fuck you, Karma!

Trotz des Gedankenwusts der letzten Tage bin ich zufrieden, ich war produktiv. Die Lesungsplanung für September hier läuft, unsere Anthologie Sehnsuchtsfluchten ist bei Amazon unerwartet auf Rang 10.000 eingestiegen, ich hatte ein paar sehr konstruktive Gespräche mit anderen Künstlern – es könnte also schlimmer sein, obwohl mich die eigene Rastlosigkeit nervt. Oder nervt Berlin? Die Stadt ist doch der Inbegriff von Freiheit, die man instant (und nur zum völlig überteuerten Preis der Anonymität und nach dem Abwischen der oberflächlichen Lockerheit ans Tageslicht tretenden Gleichgültigkeit der anderen) vor die Füße geworfen bekommt. Best-friends-party-big-time-tomorrow-go-fuck-yourself-who-are-you?

Die Illusion von letzter Nacht, zwischen Neonlicht und U-Bahngestank.

Freiheit ist hier nur der Begriff für die fehlenden Grenzen und den fehlenden Halt, aber das passt schon so, jeder kann hier im Einheitsbrei der Individualität auf- und wieder untergehen, sein eigenes Schiffchen versenken und als U-Boot weiterdümpeln, bis eine Insel in Sicht ist, vor der man mal ankern kann. Am Horizont dieses Großstadt-Ozeans der unbegrenzten Möglichkeiten erstreckt sich mahnend die Plattenbaulandschaft zerplatzter Träume. Ich hassliebe die Berliner Mentalität, sie inspiriert mich, bestärkt mich darin, hier nicht alt werden zu wollen. Ich bin nur Zuschauer, manchmal mein eigener. Aber das ist gut so, ich gewinne durch die fortschreitende Desillusionierung nur an Disziplin, mich beruflich und kreativ ausschließlich auf mich selbst zu verlassen und gleichzeitig das Netzwerk zu vergrößern, weil es ohne nicht geht. Lernen. Möglichst alles, was mich weiterbringt, in Etappen. Die Leistung muss man im Zweifel selbst erbringen können, wenn das Netzwerk wegbricht. Das ist eine harte Erkenntnis, weil wir so viel einfacher ans Ziel gelangen, wenn wir den Kopf nur für die Kunst frei haben. Diese Blase hatte ich nie um mich, vielleicht ist das der Grund, weshalb ich nie übereuphorisch über die eigene Zukunft rede und die Melancholie mein bester Freund ist. 

Erfolg ist die Summe an Entscheidungen, die es mir möglich machen, nicht aufgeben zu müssen, was ich liebe. Erfolg ist nur Ergebnis des konstruktiv umgesetzen Scheiterns. Mein Schaffen kennt die Manie gut, aber der geschäftliche Teil in mir ist und bleibt der innere Skeptiker, der mir hilft, den Bezug zur Umwelt aufrecht zu erhalten. Kritik und Lob sind für mich eins. Und sie sind mein Antrieb, bremsen mich an der richtigen Stelle aus und lehren mich, dass mein größtes berufliches Potenzial in meinen Schwächen liegt.
Alles hat eben seine Zeit und so lange ich kann, will ich lernen, lieben und leben. Möglichst zufrieden und geistig, emotional sowie finanziell ausgelastet.

Samstag, 22. Juli 2017

In sieben Tagen um die Welt oder doch nur von München nach Berlin // Schreibend auf Reisen Teil I

Samstagmittag, Starnberger See. 
Zwischen Porschefahrern und Polohemdenträgern sitze ich mit Freundin und Autorenkollegin Nicole Neubauer im Biergarten des Strandbads und lese. Benjamin von Stuckrad-Barre, Panikherz. 
Vorgestern hat sie mir das Buch geschenkt, nachträglich zum Geburtstag. Schon einige Male bin ich um diesen Titel herumgeschlichen, konnte mich aber bisher nicht dazu überreden, ihn zu kaufen. Ich wusste, dass dieses Buch etwas mit mir tun würde. Manche Geschichten ziehen einen in einen Lesebann, man will und kann ein Buch dann einfach nicht aus der Hand legen, bis es ausgelesen ist. Wenn man gerade weder Zeit noch Kopf für ein solches Anwesenheitsloch in der Alltagsdimension hat, ist das eher ungünstig. Hier in München ist mir das egal, München tut mit mir, was es immer tut. Es saugt mich auf und ich sauge München auf, verschwimme mit dem Stadtbild. Ich beobachte, analysiere, reflektiere und scheitere an meinem Wunsch nach einem Fokus.
Jetzt.
Nein, jetzt.
Aber jetzt doch!
Nein, kein Fokus. Ich treibe. Melancholisch verträumt wie beinahe immer sammle ich Details. Gerüche, Geräusche, Menschen, Momente. Inspiration.




Ich liebe das Panikherz, es gibt mir den Fokus, den ich gerade von alleine nicht einstellen kann. Es spricht aus, was ich denke. Oft.

Man trauerte Erlebnissen hinterher, von denen man träumte, sie schon gehabt zu haben. Lektionen in Melancholie. It must have been good but I lost it somehow.

Nur schwer gestehe ich es mir ein, aber: ich mag das. Mehr als mich durch die festgefahrenen Abläufe eines geregelten Tagesablaufs selbst zu beschränken. Kreativität geht ihre eigenen Wege, aber wir können diese erleichtern oder erschweren.
Melancholie ist für mich ein sehr hilfreiches Werkzeug, mit dem ich Zugang zu ihr bekomme, aber ich weiß auch, dass ich den Hahn nicht zu weit aufdrehen darf. Depression ist keine Option und sehnsüchtig zu sein ist etwas, das ich nur genießen kann, wenn ich weiß, wo ich den Hafen finde. Für immer kann und will man nicht umherschippern. Und das tötet die Kreativität auch irgendwann, denn Unglück ist nicht auf ewig eine Quelle für Ideen. Sie versiegt, wenn Sehnsucht destruktiv wird, wenn man sie wie einen Kult betreibt. 

Deshalb ist mein in Wien neu begonnenes Romanprojekt auch ausnahmsweise mal keine harte und bitterböse Dramödie, sondern eine Liebesgeschichte mit satirischen und humoristischen Elementen. Natürlich mit dem gewohnten Tiefgang, aber eben leichter als die vorherigen Romane. Eine kleine Jolle, nur wenig Seegang. Die Wasseroberfläche glitzert und die Gewitterwolken am Horizont fliegen nur drohend vorbei, ohne abzuregnen.

Nicole und ich waren produktiv, haben in den letzten zwei Tagen beinahe die gesamte geplante Kurzgeschichte geschrieben. Dabei komme ich mir ein bisschen surreal vor, dass mein Protagonist Luc tatsächlich auf Nicoles Ermittler Hannes gestoßen ist und die beiden sich gegenseitig von ihren Verfehlungen berichten. Unsere bereits im Frühjahr angedachte Idee wurde real, greifbar, lesbar und hat uns einige Male laut lachen lassen. Ich hatte richtig Angst davor, dass die Zusammenarbeit nicht funktioniert, dass wir keine gemeinsame Sprache für diese so ähnlichen und dennoch grundverschiedenen Protagonisten finden.
Luc und Hannes sind sich zum Glück grün, nachdem sie die Münchner Nacht, in der sie sich nun literarisch begegnet sind, kompostiert und ausgespuckt hat. München hat Luc eingeatmet, nächstes Jahr um diese Zeit erscheint diese Geschichte in einem Sammelband, als Teil vier der Romanreihe um Luc und Inga.

Also atme ich auch tief (aber nur mittelmäßig erleichtert) ein, genieße die verbleibende Zeit in der Altbauwohnung in der Nähe der Münchner Freiheit und höre zu. 
Gerade dem Stimmengewirr der Straßencafés vor dem offenen Fenster und meinem eigenen Panikherz, das sich gemeinsam mit meinem Panikmagen gegen mich verschworen hat. Morgen Abend geht es mal wieder ins Hassobjekt Flugzeug. Berlin. Von der Bayernmetropole in die Hauptstadt, zum Interview mit Erfolgsautor Martin Krist und diversen kleineren Terminen rund ums Schreiben, Kreativsein und wie man von etwas leben kann, das ekstatischer Rausch und nüchterner Fokus zugleich sein kann.

Johny Doluptas im Interview // Anthologie #Sehnsuchtsfluchten

Hallo Johny, du bist mit frischen achtzehn der Jüngste in unserer Autorenrunde und gerade dein Text "Dein Liebeskummer" hat mich total begeistert. Seit wann schreibst du schon?

Ich schreibe seit vielleicht vier Jahren. Das ist eigentlich aus einen Gag und bisschen Spinnerei geboren. Richtig intensiv, viel und in der Form wie es jetzt vorliegt, schreibe ich ungefähr seit zwei Jahren.

Deine Texte sind sehr emotional und spiegeln die Gedanken junger Menschen, die viel nachdenken und versuchen, die Welt zu begreifen. Bist du selbst auch so ein Vieldenker?

Bei Emotionen ja, da gehört es für mich einfach dazu, viel nachzudenken. Da gibt es so viele Punkte die bedacht und reflektiert werden müssen. Leider entstehen so auch Sorgen und Ängste, wie sie sich in meinen Texten finden lassen, aber dieses Nachdenken ist wichtig und führt zu guten Entscheidungen.
Bei Action und Abenteuer bin ich aber überhaupt kein Vieldenker.

Einfach drauf los und das Leben genießen?

Ja, meist schon und dabei gehen schnell mal wichtige Dinge wie Schule unter – beziehungsweise ignoriere ich sie.

Diese Phasen haben wir, glaube ich, alle einmal durchlebt. Was ist denn dein Plan für nach der Schule?

Da stehe ich genau jetzt. Ich würde gern Soziale Arbeit studieren, dafür wurde ich dieses Jahr aber noch nicht angenommen. Also schiebe ich ein FSJ ein und werde in dieser Zeit in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeiten. Dort gibt es hoffentlich auch neue Ideen und Ansichten, die in meinen Texten Einfluss finden.

Das kann ich mir bei dir auch richtig gut vorstellen. Glaubst du, dass das berufliche Umfeld die Kreativität und die Richtung, in die sie fließt, sehr beeinflusst?

Ja, das denke ich. Zumindest habe ich es bei mir selbst so erlebt. Wir sind ja auch die meiste Zeit des Tages mit arbeiten beschäftigt und auf der Arbeit. Da entstehen doch fast automatisch Dinge, die uns und unsere Texte beeinflussen. Auch, weil uns manche Berufe mit Gedanken und Gefühlen Konfrontieren, die wir so gar nicht gehabt hätten.

Das sehe ich auch so. Gerade die Themen, die einem vermeintlich öde vorkommen, werfen manchmal riesige Fragen auf, die man dann erst einmal zerdenken muss. Wie war das für dich, deine Texte abzugeben und andere Leute darüber urteilen zu lassen?

Andere urteilen zu lassen war nicht so schwer, weil ich sie für mich schreibe und wenn sie andere begeistern, sie erfreuen, ist das sehr schön. Wenn andere sie schlecht finden kann es mir egal sein, die Kritik nehme ich gerne an, aber es zieht mich nicht runter. Dass sie veröffentlicht werden hat mich dafür erst mal ziemlich in Panik versetzt.

Das ist spannend, dass du das so locker siehst und Kritik gerne annimmst. Ich glaube, wir sind alle sehr aufgeregt, dass dieses Projekt endlich veröffentlicht wird und leiden mit dir. Aber ich bin überzeugt, dass es gar nicht so viel Grund dazu gibt, sich zu sorgen. Auf jeden Fall hätte ich dich gerne wieder dabei, falls wir noch einmal so ein Projekt starten!

Ich bin auch gerne wieder in der Runde, es war sehr lustig und gab mir persönlich viel Antrieb beim Arbeiten und Schreiben. Auch das Arbeiten mit einen Lektor war für mich ja etwas ganz Neues.

So muss es sein! Der Antrieb ist das, was ich mir für uns alle erhofft habe. Dann warten wir jetzt mal die Veröffentlichung ab und schauen in ein paar Monaten, ob wir alle noch motiviert sind, eine zweite Anthologie zu einem neuen Thema zu starten. Für deine Zeit und dieses Interview bedanke ich mich herzlich bei dir, lieber Johny!


Bitte, ich bedanke mich dafür, mitmachen zu dürfen und freue mich, bald endlich die Geschichten der anderen lesen zu können.

Johny Doluptas
Bild: Johny Doluptas

Montag, 10. Juli 2017

Ein Rückblick auf die 41. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Anlässlich der Verleihung des Ingeborg Bachmann-Preises vergangenes Wochenende frage ich mich, welchen Stellenwert Literatur für unsere Gesellschaft hat. Aufgrund organisatorischer Anreiseschwierigkeiten war es mir leider nicht möglich, die Lesungen von Anfang an zu verfolgen. Erst ab Freitag konnte ich die Texte vor Ort verfolgen und mit Kollegen darüber diskutieren. Auffällig war bei fast allen Vorträgen, dass sich sowohl Juroren als auch Zuschauer und Journalisten interpretativ im Kreis drehten. Das Wort „Interpretationskoma“ wurde in unserer Runde zum Motto des Wochenendes.

Es fiel mir schwer, den meisten Texten etwas gesamtheitlich Positives abzugewinnen, sie wirkten formal (und zudem befremdlich experimentell) konstruiert, steril und nahezu inhaltlos. Auch „mein lieblingstier heißt winter“, der Text des Preisträgers Ferdinand Schmalz, hatte für mich zwar einige sehr gute, komödiantische und sozialkritische Ansätze, verlief sich aber in seiner Struktur und der eigenwilligen Sprache als schwer greifbare Groteske, wirkte am Ende als halbherzig ausformulierte Inszenierung der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Ableben.

Im Nachgang muss ich sagen, der erzählende und gleichzeitig bildende Charakter guter literarischer Auseinandersetzungen hat mir beim diesjährigen Wettbewerb weitestgehend gefehlt. Einzig bei Gianna Molinaris Text „Loses Mappe“ hat mich vollends erreicht. Dieser Text war für mich persönlich der Favorit, da er journalistisch, aber emotional sehr gut reflektiert berichtet, aktuelles Zeitgeschehen und erzählendes Element zugleich in einen einfachen und klaren, konsistenten sprachlichen Rahmen gesetzt hat. „Loses Mappe“ hat sozial-gesellschaftliche Gegensätze aufeinanderprallen lassen, auf subtile Art und Weise mit den Grenzen unserer Ordnung und den Ängsten, diese zu verlieren gearbeitet.

Auch der Text „Die Mieter“ von Barbi Markovic hat mich in weiten Teilen mitgenommen. Weniger sprachlich als inhaltlich, aber die Idee des Zerfalls von innen heraus, des Stillstandes durch Erhaltung des sicheren Raumes, der eigenen Wohnung, bis hin zum Scheitern an ihr, fand ich großartig.


Nach vier Tagen Literaturdiskussion versuche ich für mich selbst zu klären, was gute, zeitgenössische Literatur ausmacht und ausmachen sollte. Konstruierte und unnahbare Geschichten, die keinen erzählerischen Charakter haben, sondern wie eine Lichtinstallation im Museum wirken, entsprechen nicht meinen Anforderungen. Gute Literatur sollte berichten, infrage stellen, kontrastieren, konstruktiv aufwühlen und dabei im passenden sprachlichen Rahmen stehen. Die Kunst eines guten Textes erschließt sich mir in der richtigen Mischung aus kreativer Brechung sprachlicher Konvention und sensibler, emotional ausgereifter Darstellung eines Themas. Der Grat zwischen avantgardistischer Ästhetik und überinterpretierter Wortwüste ist so schmal, dass es schwer fällt, Literatur noch als gesamtgesellschaftliches Medium der Weiterentwicklung und greifbarer Option zur Bildung zu verstehen. 

Ich wünsche mir - ungeachtet der Tatsache, dass all diese Einreichungen ihre positiven Aspekte hatten - mehr dieser schriftlichen Auseinandersetzungen, die sich selbst als symbiotische Interessengemeinschaft emotional-analytischer Hinterfragung und kunstvoll inszenierter Sprachform verstehen. Literatur sollte etwas sein, das sich auf mehreren Ebenen eröffnet, selbstironisch und leicht sein darf, aufbrausend und gewaltig, aber nie nur ganz um sich selbst willen existent. 
Es wäre schade um das verschenkte Potenzial.

Sonntag, 9. Juli 2017

Jessica Iser im Interview

Jessi, dank dir mag ich derzeit nicht in den Spiegel schauen. Du hast eine knackige Kurzgeschichte von sechs Seiten bei uns eingereicht und die hat es in sich! Kannst du uns ein bisschen was über sie erzählen?

Dann habe ich ja genau das erreicht, was ich wollte! Spaß beiseite. Tatsächlich kam mir die Idee, als ich Studien recherchiert habe, die etwas Unheimliches an sich haben, das mit der Psyche zu tun hat. Dabei stieß ich auf eine Studie, bei der es darum ging, was passiert, wenn sich zwei Menschen mehrere Minuten lang ansehen.
Da ich die beschriebenen Effekte vor Jahren bei meinem Spiegelbild selbst schon erlebt habe, fand ich das Thema auf Anhieb sehr spannend.

Hat es dich beim Schreiben selbst gegruselt? Oder kannst du dich gut von deinen Geschichten distanzieren?

Ich kann mich eigentlich immer ganz gut distanzieren, aber testen möchte ich es in dem Fall nicht.

Ich durfte ja bereits dein großes Roman-Projekt Test lesen und sage Hut ab, dass du unbedarft über Blut und Gemetzel schreiben kannst. Fühlst du dich in der mystischen und düsteren Welt zu Hause?

Auf jeden Fall! Das fasziniert mich schon seit Kindertagen und das Interesse ist nach wie vor da. Ich interessiere mich stark für düstere Geschichten, aber auch wahre mysteriöse Fälle und könnte stundenlang über solche recherchieren. Gleichzeitig gefallen mir aber auch vollkommen gegenteilige Geschichten, Filme, Bücher. Darum ist mein Roman wahrscheinlich auch so ein Mix aus romantisch und blutig geworden.

Ich finde auch, dass das wunderbar nebeneinander laufen kann! Das Leben besteht ja immer als Gesamtes aus mehreren Phasen, die sich abwechseln oder überschneiden. Wie war das für dich, den Spannungsbogen in eine so kurze Geschichte zu bauen? Sind Kurzgeschichten langfristig etwas für dich?

Definitiv. Romane sind zwar meine große Leidenschaft, aber in Kurzgeschichten kann ich meine kleineren Ideen ausleben, die vielleicht einfach kein ganzes Buch füllen würden. Ich liebe es, in Kurzgeschichten mit Twists zu spielen und zu versuchen, den Charakteren und der Story auf nur wenigen Seiten trotzdem Leben einzuhauchen. Ich hoffe, das ist mir gelungen.

Das sehe ich auf jeden Fall so und hoffe, dass wir wieder einmal zusammenarbeiten. Vielleicht in einem Buch, bei dem es nur ums Gruseln geht? Hast du denn schon ein neues Projekt angefangen?

Das wäre großartig, die Zusammenarbeit hat mir nämlich auch sehr viel Spaß gemacht. Man kommt durch so etwas oft erst auf Ideen, die man sonst nicht hätte. Ich habe kürzlich zwei weitere Kurzgeschichten abgeschlossen und ein neues Romanprojekt begonnen. Ein weiteres habe ich auch schon im Hinterkopf, aber die Überarbeitung meines (hoffentlich bald erscheinenden) Debütromans hat erst einmal Priorität. Danach bin ich wieder für alles offen.

Das klingt, als hätten wir noch eine Menge vor uns - sowohl du und ich in einem Projekt als auch die Leser mit deinen Werken. Ich bin jedenfalls sehr gespannt und hoffe, dass dein Roman bald erscheint (ein echter Geheimtipp, wenn ihr mich fragt!)
Ich bedanke mich ganz herzlich für das Interview mit dir und bleibe gespannt auf die Erscheinung unseres Schreib-Projekts "Sehnsuchtsfluchten".


Vielen Dank dir auch, dass ich bei der Anthologie dabei sein darf. Ich freue mich schon auf die Geschichten der anderen Autoren!


Jessica Iser, "Dysmorphia", erscheint in "Sehnsuchtsfluchten", 2017 bei TWENTYSIX

Künstlerdasein - Stellenwert und Schattenseiten // Schauspiel und Schriftstellerei

Ganz in der Nähe des Wiener Praters sitze ich mit der Wiener Autorin Anni Bürkl in einem Gartencafé und sinniere bei Topfentorte und Cappuccino über die österreichische Identität, wohltemperierte Ignoranz, das gesellschaftliche Hamsterrad und Künstlerneurosen. Wir reden über Zentrierung, Fokus und Beständigkeit von Kreativität. Mit der Erfahrung, die Welt erwartet so lange einen bodenständigen, unauffälligen und gesellschaftlich unbedenklichen Beruf für uns, bis wir mit etwas Kreativem utopisch erfolgreich sind, sind wir nicht allein. Aber ist das denn so? Ist Kunst nicht bodenständig? In mir tut sich ein Abgrund auf. In einem langen Gespräch mit einem Bekannten aus der Werbebranche, der den Künstler an sich als Märtyrer-ähnliche Figur empfindet, versuche ich, diesen Abgrund ein paar Stunden später an der Hotelbar zu beleuchten. Nach diesem Gespräch habe ich das Gefühl, meine Sichtweise hätte sich verändert, aber vermutlich war sie nie anders. Ich gestehe sie mir nur offen ein.

Wir nicht konformgehende Visionäre und Idealisten, Träumer und Schaffens-Pedanten fallen doch immer auf, raus und um, wenn wir nicht hart daran arbeiten, uns neben dem Finden und Umsetzen von Themen bestmöglich in Szene zu setzen. Bodenständigkeit ist für mich vor allem in Kalkulation, Disziplin und Weitsichtigkeit verankert. Das Künstlertum verlang genau das, wenn man es ernsthaft und mit Bedacht betreibt. Ob die Verausgabung zwanghafter oder "freiwilliger" Natur ist, ist dabei erst mal irrelevant. Die Form der Exposition entscheidet in jedem Fall über die Marktfähigkeit unserer Werke.

Das Geschäft mit der Kreativität ist ein dreckiges, denn es ist Prostitution und schöpferischer Selbstfindungsprozess in einem.
Die Bühne, auf der wir uns beruflich bewegen, muss so gut ausgeleuchtet sein, dass das Publikum sieht, was es sehen soll. Meist impliziert das eben auch alle Unreinheiten, Fehler und Fehltritte, die wir lieber ab- und ausblenden würden.

Panoptikum des Grauens, so nenne ich die Quersumme meiner Menschenforschungen oft. Im Zuge unseres Praterbesuchs und der Geisterbahn wird dieser Begriff zum ironischen Selbstläufer. Das Gruselkabinett der Gesellschaft ist durch alle Stände hindurch gleich hässlich und unangenehm. Es macht mir Unbehagen, dass wir Künstler das Publikum beobachten und das Publikum uns. Wie ein Wettstarren, getrennt durch eine Milchglasscheibe des Unverständnisses füreinander, findet diese symbiotische Skepsis immer wieder Raum, sich seines eigenen Klischees zu bedienen: das Künstlertum als allseits belächelter sowie gefürchteter Ausdruck anarchistischen Freigeists und Ablehnung konventioneller Strukturen.
Aber: es hat vor allem einen gesamtheitlichen Bildungseffekt. Schauspiel, Kunst und Literatur prägen, polarisieren, tangieren und verunsichern die Gesellschaft, reiben sich an ihr, regen den Diskurs an und ziehen zwangsläufig Entwicklungseffekte nach sich. Kunst bedient sich einer Sprache, die kulturübergreifend vermitteln kann.

Dieser Typus des Künstlers, egal, welcher Form der Aussage er sich bedient, ist überwiegend noch immer ein sich selbst zersetzender. Denn es ist ja so, dass wir als Künstler exhibitionistisch und momentgenau unsere Neurosen preisgeben; das Publikum damit füttern, das eigentlich schon längst übersättigt, aber noch immer voller Appetit ist. Watte macht satt, aber sie befriedigt nicht und der Mensch ist ein Genussmensch. Er liebt den Verriss und das Lob.
Zwischen Opium fürs Volk und ekstatischer Avantgarde steht der Künstler mit allem was er hat – sich selbst und seinen Zweifeln – zwischen Selbstaufgabe, Masochismus und narzisstischem Exzess. Das Clownsproblem. Was des Schauspielers Applaus, ist des Literaten und bildenden Künstlers Rezension.

Ich habe mich oft gefragt, in welchem Verhältnis diese Faktoren zueinander stehen und wie sie sich am intensivsten gegenseitig beeinflussen. Ohne Empathie und Vorstellungskraft können sich Autoren und Schauspieler nicht in eine andere Rolle versetzen, auch wenn allgemein die Annahme kursiert, dass der Schauspieler selbst keinen Charakter haben muss, um das leisten zu können. Vermutlich ist es eher andersherum, der Akteur gibt Teile seiner überbordenden Präsenz ab, weil diese in ihrer Gesamtheit unerträglich belastend sein kann.

Der Applaus ist nicht nur Abgleich der Arbeitsqualität, sondern auch Nährboden des Narzissmus, ohne den der Künstler wiederum nicht in der Lage wäre, sich selbst und damit seine innersten Verletzlichkeiten zur Schau zu stellen. Der Masochismus der Selbstinszenierung ist der Kamineffekt des Stellenwerts von Kunst für einen Kulturkreis. Gerade Schauspieler stehen in direktem, ungefiltertem Hagelfeuer, denn Kritik an ihrer Arbeit ist zugleich Kritik an ihrer Person. Sie sind die offene Handelsgesellschaft der Berufswelt, haften ohne doppelten Boden mit ihrem Körper, ihrer Stimme, ihrer Empathie für Rolle und Erwartung des Publikums.

Schauspielerei ist für mich der Inbegriff von Selbstverkauf, Auslieferung, fehlender Abgrenzung und Absicherung der eigenen Notsysteme. In dieser Kausalsituation aus Teilzeitaufgabe oder Flucht vor der eigenen, realen Rolle und der Sehnsucht, diese gänzlich auszufüllen, bekommt Schauspielerei beinahe einen aufopfernden und zum Scheitern verdammten Charakter. Sich selbst und einen anderen zeitgleich zu spielen ist anstrengend, erfordert ein Höchstmaß an Stabilität und Reflexion.

Für die Kunst bedeutet für das Publikum, denn ohne dieses hat sie keinen Wirkungsgrad. Die Rolle des Künstlers ist eine tragische, immer.
Seelenstriptease.

Für den Schriftsteller sind die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt nur minimal besser gesichert, denn auch er gibt mit jedem Text bis zu einem gewissen Grad etwas von sich preis, das aus seinem eigenen Seelenrepertoire entspringt. Was könnte intimer sein, als mit Körper und Geist für die Masse zugänglich zu sein? Lediglich die mediale Präsenz ist beim Schriftsteller variabel. Text ist zweidimensional, entfaltet sich jedoch dreidimensional beim Konsumieren. Die physische Rolle des Verfassers ist somit eine andere und erlaubt, ungeachtet der Frage nach Marketingpräsenz eines Autors, für selbigen den Rückzug in eine halbprivate Ebene, eine Privatheit des Körperlichen.

Die für mich wichtigste Frage in dieser Diskussion um Selbstvermarktung und -geißelung durch den inneren Kritiker war, ob der Preis gerechtfertigt ist. Meiner persönlichen Einschätzung nach steckt der Zwiespalt aus feierlicher Selbstzerstörung und dem Wunsch nachhaltiger Bereicherung oder Anregung des Zeitgeschehens einfach wertfrei in uns. Künstlerdasein ist meist weitaus weniger glamourös, erstrebens- und beneidenswert als es die Masse annimmt; keine Entscheidung zu einem anti-integrativen Lebensstil und der Entsagung von Konvention und Tradition, es ist Berufung, Zwang und Neurose, etwas zu hinterlassen, das bleibt und formt, vorantreibt. Oft auf Kosten des eigenen seelisch-emotionalen Verbleibens.
Wer das in sich trägt, wird in Professionalität, Authentizität, Ausführung und Weiterentwicklung seiner Fähigkeiten überzeugen.

Vielleicht sollten wir unser Bild der schnelllebigen Unterhaltungsindustrie von Zeit zu Zeit überdenken und unserem medialen Konsumverhalten eine respektvollere Note verleihen.


Kunst trägt die Verantwortung sich selbst gegenüber, existieren zu müssen. Kunst ist nicht streitbar, sie ist der Streit. Und der ist wichtig für den Abgleich unserer Kultur, die Basis einer jeden Gesellschaft ist.

Außerdem dazu (aus 2015 bereits, aber noch immer mein liebster Artikel):


https://bordsteinprosa.blogspot.de/2015/12/mach-blo-theater-weihnachten-in-berlin.html


Mittwoch, 5. Juli 2017

Auf ein Interview mit Wolfgang Lamar, unserem Autoren-Ältesten aus der Anthologie Sehnsuchtsfluchten

Lieber Wolfgang, du bist mit Abstand unser ältester Autor in der Anthologierunde und bringst eine Menge Lebenserfahrung mit. Ich war erstaunt, dass du ein Thema gewählt hast, das vielen von uns unangenehm nahe geht: das Sterben. Für mich gibt es kaum emotionalere Themen als Liebe und Tod. Was hat dich zu dieser Geschichte inspiriert und wie ging es dir dabei, über das Loslassen zu schreiben?


Es war die Lebenserfahrung und auch wieder nicht. Es ging ursprünglich um einen Wettbewerbsbeitrag. "Alte Liebe rostet nicht." der Kern der Geschichte bestand auch da bereits aus dem Thema Verlust. die Geschichte lag länger herum und es geschah nichts weiter damit. Als du dann die Geschichte gelesen und mir ein paar Anmerkungen gemacht hattest, machte es klick in meinem Kopf. Liebe, Tod und Verlust ist mein Thema. Dazu muss ich sagen, dass ich in den Sechzigerjahren, in den Zeiten des kalten Krieges, im Bett lag und mich die Angst vor der Atombombe wach hielt. Ich nehme an, damit war ich nicht allein. Meine Mutter war jedoch sehr krank und es gab niemanden, mit dem ich darüber reden konnte. So kommt es, dass Ängste gute alte Bekannte für mich sind.

hat dich das Schreiben befreit oder ein bisschen zur Ruhe gebracht? Oder noch mehr aufgewühlt?

Es besänftigt mich. Bei dieser Geschichte gibt es eine Stelle, an der ich beim Schreiben stets weinte. Zuerst habe ich es wegwischen wollen. Jetzt merke ich, dass es eine Katharsis ist. Eigentlich wollte ich nie therapeutisch schreiben, aber wenn es nebenbei geschieht, und man nicht den Leser aus den Augen verliert, nehme ich es gern mit.

Ist Schreiben nicht irgendwie immer therapeutisch? Für mich ist es das. Ich reflektiere mich dadurch auf sehr ehrliche Weise und finde besseren Zugang zu mir selbst. Aber gerade bei dir habe ich während unserer Zusammenarbeit ganz stark das Gefühl gehabt, dass sich etwas in dir tut. Du bist regelrecht aufgeblüht! Bist du zufrieden mit dem Schreib-Experiment und was wünscht du dir für deine zukünftigen Text-Projekte?

Da hast du recht! Ich fühle ebenfalls, dass ich einen Wendepunkt erreicht habe. Ich bin glücklich über das Ergebnis. Mein Ziel ist auf jeden Fall, weitere Erfahrungen mit Kurzgeschichten zu sammeln. Die Zusammenarbeit mit anderen Schriftstellern will ich fortsetzen. Und falls ihr beiden, du und Julia ein neues Projekt startet und ich dabei sein kann, jederzeit!

Das freut uns sehr! Wir glauben nämlich, dass gerade das Schreiben von Kurzgeschichten enorm viel mit dem Kopf anstellt. Die Mischung aus überschaubarer Größe eines Projektes und dem Anspruch an den Inhalt trainiert das kreative Zentrum sehr effektiv. Wenn du ein freies Thema wählen könntest, welches wäre es für ein weiteres Projekt mit uns?

Ich habe im Urlaub gedanklich mit dem Plot für mein nächstes Buch gespielt und zwei Versionen erarbeitet. Da geht es um den Weg zum Atlantik. Um Verlust, Liebe und Wiedergeburt der Hoffnung. Das wäre was. Mit euch arbeiten. Auf jeden Fall, auch als Coach. Wobei ich den Wunsch habe, auch etwas zurückzugeben.

Hoffnung ist ein schönes Wort. Für mich ist sie existenziell in den Geschichten, egal wie düster sie sind. Wie geht es dir beim Schreiben? Musst du emotional aufräumen oder kannst du Geschichten offen stehen lassen, ohne, dass der Leser einen Abschluss findet?

Ob ich Geschichten aufräume oder ein "open end" lassen kann, ist bei den zukünftigen Projekten offen. Wie es ausgeht, wird sich weisen. "Live to learn!" Wie meine Freundin zu sagen pflegt.

bist du eher ein Happyend-Schreiber oder magst du es tragisch?

Happyend? Nach dem Endboss-Kampf zum Schluss kommt ein Cliffhanger! Wird er jemals wiederkommen? Und wenn ja, in welcher Gestalt? Ich denke ein Happyend à la "Hollywood" werde ich nach dieser Geschichte mit Jacques nicht mehr schreiben wollen. Der kleine Schmerz am Ende wirkt länger, glaube ich.

Nicht jeder Schmerz ist schlecht, wir lernen ja ganz viel aus Abschieden und Sehnsüchten. Für mich ist der Schmerz jedenfalls eine ebenso wichtige Emotion wie die Freude. Eine letzte Frage: fällt es dir schwer, dich von deinen eigenen Geschichten abzugrenzen oder hast du vielleicht gar keinen wirklichen persönlichen Bezug zu deinen eigenen Protagonisten?

Das Credo zum Schluss: Es macht keinen Sinn für mich, sich abzugrenzen. Was ich schreibe war in dem Moment in meinem Kopf. Oder in meinem Herzen. Wir verändern uns jeden Tag, der Abstand zu unserem Geschriebenen wächst ohne weiteres Zutun. Fragt sich nicht jeder Schriftsteller, der einen älteren Text von sich liest: "War das wirklich ich?" Für den einen Moment sind wir es. Genießen wir also diesen winzigen kostbaren Moment des "Einsseins" mit unseren Schöpfungen.


Das ist ein schönes Schlusswort! Von deiner Lebenserfahrung profitieren hoffentlich nicht nur wir aus der Schreibgruppe, sondern auch die Leser, die unser Buch ab August in den Händen halten dürfen!


Vielen Dank für deine Zeit, lieber Wolfgang!


Wolfgang Lamar - "Der eiserne Jacques", erscheint in der Anthologie "Sehnsuchtsfluchten" 2017 bei TWENTYSIX

Dienstag, 4. Juli 2017

Buchrezension für "Ellas Schmetterlinge" von Eva-Maria Obermann

Ellas Schmetterlinge - oder: wie man einen unfreiwilligen Neustart hinlegt.

Zum Buch:

Das Cover wirkt ein bisschen arg romantisch verspielt für meinen Geschmack und würde mich sonst eher davon abhalten, zu kaufen, aber dieses Buch hat alles: Word of Warcraft, Sex und eine Leiche!

Diese knapp zweihundert Seiten lange Geschichte erzählt vom Umzug aufs Land, den die Mittzwanzigerin Miri alles andere als cool findet. Sie ist gelernte Bankkauffrau, liebt die Stadt, zieht aber für ihren Freund Jan in ein Kaff, in dem sie alles ätzend findet. Die uralte Vermieterin, die sie "Mumie" nennt, die Leute im Dorf und die fehlenden Möglichkeiten, das Leben hier richtig nach ihrem Geschmack zu gestalten.
Miri ist zudem genervt von Ella, einer jungen Mutter, die nicht nur unverschämt viel positive Energie verströmt und alle beeinflusst, sondern auch permanent ihr eigenes Leben tangiert. 
Doch nach und nach reflektiert Miri ihr Problem mit dem Dorf und der vermeintlichen Einöde, die es ausstrahlt. Ella und Miri finden einen Draht zueinander und auch zwischen Miri und Jan verändert sich die Beziehung.
Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse für Miri, sie muss eine Entscheidung treffen und sich für oder gegen ein Verbleiben im Dorf entscheiden.

Ich gestehe, ich bin sehr positiv überrascht. In vielen kleinen Details fand ich mich in diesem Buch wieder. Diese Geschichte ist aus der Sicht einer Frau meiner Generation geschrieben und hat mich durch viele kleine Berührungspunkte zum Schmunzeln gebracht. Das Buch liest sich bei einer guten Erzählsprache locker und flüssig, regt dabei aber dennoch viele Gedankengänge an, die wichtig für die Frage ist, was uns Menschen erfüllt. "Ellas Schmetterlinge" berührt auf ganz leise Art und Weise und besticht durch den Bezug zum realen Leben. Eine Geschichte, mit der sich der Leser gut identifizieren kann.

Wer gerne auch mal ein Buch mit emotionalem Anspruch, aber ohne groß inszenierte Katastrophen lesen mag, ist hier gut aufgehoben. Definitiv eine gelungene Geschichte!


Bild: https://www.amazon.de/Ellas-Schmetterlinge-Eva-Maria-Obermann/dp/9963537073

Eva-Maria Obermann - "Ellas Schmetterlinge", erschienen bei bookshouse, 2017
ISBN: 978-9963537075

Montag, 3. Juli 2017

Kellerkind von Nicole Neubauer - ein Krimi der besonderen Sorte

Wieder habe ich es getan - einen Krimi gelesen! Diesmal "Kellerkind" von Nicole Neubauer. Ich muss gestehen, dass ich den zweiten Teil, "Moorfeuer", bereits zuerst gelesen habe. Zum Glück hatte die vertauschte Reihenfolge keinen allzu großen Einfluss auf das Lesevergnügen.

Worum geht es?

"Kellerkind" handelt von Hauptkommissar Waechter und seinem Ermittler-Team, das eine tote Anwältin in einer Münchner Wohnung vorfindet und einen verstörten Jugendlichen im Keller.
Schnell wird klar, dass die Anwältin, ihr Ex-Lover und der Junge in einer außergewöhnlichen Konstellation zusammengehören und auch im näheren Umfeld der Toten einiges auffällig ist.

Das gesamte Buch über habe ich mir die Frage gestellt, ob der vierzehnjährige Oliver psychisch gestört ist oder nicht, und ob die Geschichte vielleicht so simpel zu lösen ist, dass ich einfach nicht darauf komme. Um nicht zu viel zu spoilern, rate ich Fans guter Krimis mit komplexen Ermittlerfiguren einfach dringend dazu, sich dieses Goldstück nicht entgehen zu lassen.

"Kellerkind" hat eine konstante, düstere Spannung und gibt die Details auf 416 Seiten so gekonnt preis, dass man ständig glaubt, den Fall sofort oder nie lösen zu können. 

Dieses Buch ist "Schrödingers Ermittlung" und absolut empfehlenswert!


Nicole Neubauer - Kellerkind
2015 erschienen bei Blanvalet
ISBN: 978-3442383375

Bild: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/61gRIcNoXKL.jpg