Mittwoch, 5. Juli 2017

Auf ein Interview mit Wolfgang Lamar, unserem Autoren-Ältesten aus der Anthologie Sehnsuchtsfluchten

Lieber Wolfgang, du bist mit Abstand unser ältester Autor in der Anthologierunde und bringst eine Menge Lebenserfahrung mit. Ich war erstaunt, dass du ein Thema gewählt hast, das vielen von uns unangenehm nahe geht: das Sterben. Für mich gibt es kaum emotionalere Themen als Liebe und Tod. Was hat dich zu dieser Geschichte inspiriert und wie ging es dir dabei, über das Loslassen zu schreiben?


Es war die Lebenserfahrung und auch wieder nicht. Es ging ursprünglich um einen Wettbewerbsbeitrag. "Alte Liebe rostet nicht." der Kern der Geschichte bestand auch da bereits aus dem Thema Verlust. die Geschichte lag länger herum und es geschah nichts weiter damit. Als du dann die Geschichte gelesen und mir ein paar Anmerkungen gemacht hattest, machte es klick in meinem Kopf. Liebe, Tod und Verlust ist mein Thema. Dazu muss ich sagen, dass ich in den Sechzigerjahren, in den Zeiten des kalten Krieges, im Bett lag und mich die Angst vor der Atombombe wach hielt. Ich nehme an, damit war ich nicht allein. Meine Mutter war jedoch sehr krank und es gab niemanden, mit dem ich darüber reden konnte. So kommt es, dass Ängste gute alte Bekannte für mich sind.

hat dich das Schreiben befreit oder ein bisschen zur Ruhe gebracht? Oder noch mehr aufgewühlt?

Es besänftigt mich. Bei dieser Geschichte gibt es eine Stelle, an der ich beim Schreiben stets weinte. Zuerst habe ich es wegwischen wollen. Jetzt merke ich, dass es eine Katharsis ist. Eigentlich wollte ich nie therapeutisch schreiben, aber wenn es nebenbei geschieht, und man nicht den Leser aus den Augen verliert, nehme ich es gern mit.

Ist Schreiben nicht irgendwie immer therapeutisch? Für mich ist es das. Ich reflektiere mich dadurch auf sehr ehrliche Weise und finde besseren Zugang zu mir selbst. Aber gerade bei dir habe ich während unserer Zusammenarbeit ganz stark das Gefühl gehabt, dass sich etwas in dir tut. Du bist regelrecht aufgeblüht! Bist du zufrieden mit dem Schreib-Experiment und was wünscht du dir für deine zukünftigen Text-Projekte?

Da hast du recht! Ich fühle ebenfalls, dass ich einen Wendepunkt erreicht habe. Ich bin glücklich über das Ergebnis. Mein Ziel ist auf jeden Fall, weitere Erfahrungen mit Kurzgeschichten zu sammeln. Die Zusammenarbeit mit anderen Schriftstellern will ich fortsetzen. Und falls ihr beiden, du und Julia ein neues Projekt startet und ich dabei sein kann, jederzeit!

Das freut uns sehr! Wir glauben nämlich, dass gerade das Schreiben von Kurzgeschichten enorm viel mit dem Kopf anstellt. Die Mischung aus überschaubarer Größe eines Projektes und dem Anspruch an den Inhalt trainiert das kreative Zentrum sehr effektiv. Wenn du ein freies Thema wählen könntest, welches wäre es für ein weiteres Projekt mit uns?

Ich habe im Urlaub gedanklich mit dem Plot für mein nächstes Buch gespielt und zwei Versionen erarbeitet. Da geht es um den Weg zum Atlantik. Um Verlust, Liebe und Wiedergeburt der Hoffnung. Das wäre was. Mit euch arbeiten. Auf jeden Fall, auch als Coach. Wobei ich den Wunsch habe, auch etwas zurückzugeben.

Hoffnung ist ein schönes Wort. Für mich ist sie existenziell in den Geschichten, egal wie düster sie sind. Wie geht es dir beim Schreiben? Musst du emotional aufräumen oder kannst du Geschichten offen stehen lassen, ohne, dass der Leser einen Abschluss findet?

Ob ich Geschichten aufräume oder ein "open end" lassen kann, ist bei den zukünftigen Projekten offen. Wie es ausgeht, wird sich weisen. "Live to learn!" Wie meine Freundin zu sagen pflegt.

bist du eher ein Happyend-Schreiber oder magst du es tragisch?

Happyend? Nach dem Endboss-Kampf zum Schluss kommt ein Cliffhanger! Wird er jemals wiederkommen? Und wenn ja, in welcher Gestalt? Ich denke ein Happyend à la "Hollywood" werde ich nach dieser Geschichte mit Jacques nicht mehr schreiben wollen. Der kleine Schmerz am Ende wirkt länger, glaube ich.

Nicht jeder Schmerz ist schlecht, wir lernen ja ganz viel aus Abschieden und Sehnsüchten. Für mich ist der Schmerz jedenfalls eine ebenso wichtige Emotion wie die Freude. Eine letzte Frage: fällt es dir schwer, dich von deinen eigenen Geschichten abzugrenzen oder hast du vielleicht gar keinen wirklichen persönlichen Bezug zu deinen eigenen Protagonisten?

Das Credo zum Schluss: Es macht keinen Sinn für mich, sich abzugrenzen. Was ich schreibe war in dem Moment in meinem Kopf. Oder in meinem Herzen. Wir verändern uns jeden Tag, der Abstand zu unserem Geschriebenen wächst ohne weiteres Zutun. Fragt sich nicht jeder Schriftsteller, der einen älteren Text von sich liest: "War das wirklich ich?" Für den einen Moment sind wir es. Genießen wir also diesen winzigen kostbaren Moment des "Einsseins" mit unseren Schöpfungen.


Das ist ein schönes Schlusswort! Von deiner Lebenserfahrung profitieren hoffentlich nicht nur wir aus der Schreibgruppe, sondern auch die Leser, die unser Buch ab August in den Händen halten dürfen!


Vielen Dank für deine Zeit, lieber Wolfgang!


Wolfgang Lamar - "Der eiserne Jacques", erscheint in der Anthologie "Sehnsuchtsfluchten" 2017 bei TWENTYSIX

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