Freitag, 28. Juli 2017

"Bei mir stirbt immer jemand" // Interview zur Anthologie "Sehnsuchtsfluchten" mit Erfolgsautorin Nicole Neubauer

Hallo Nicole, du bist mit Abstand unsere erfahrenste Autorin in der Runde, wenn es um Publikationen und Reichweite geht. Deine Bücher sind Bestseller und meiner Meinung nach absolut zu Recht! Was hat dich dazu bewegt, dich unserem Gemeinschaftsprojekt anzuschließen?

Erst mal danke fürs zu Recht – das tut in meiner Dauerselbstwertkrise gut. Zum einen fasziniert mich die Mischung der Autorinnen und Autoren, ein wilder, unabhängiger und unberechenbarer Mix.
Zum anderen hat mich das Thema angesprochen. Starke Emotionen – das ist es doch, worum es in guten Büchern geht. Egal, in welche Genregrenzen man sie zwängt.

War das Thema „Kurzgeschichte“ für dich ein Experiment oder schreibst du öfter auch Texte abseits von mehreren hundert Seiten?

Ich habe schon mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht, bisher kulinarische Kurzkrimis in regionalen Anthologien. Am Anfang waren sie für mich eine Strafe. Ich brauche Platz, will immer ganz detailreiche Biografien entwickeln, unter „Buddenbrooks“ fange ich gar nicht an. Aber mittlerweile habe ich an der kurzen Form Gefallen gefunden.

Das kann ich gut verstehen, ich lese auch gerne viele Details, sie machen einen literarischen Kosmos lebendig. Ich bin immer traurig, wenn ein Buch schon vorbei ist. Deine Geschichte ist sehr speziell, hattest du die Idee schon lange und wo kam sie her?

Die Geschichte hat sich aus einem Facebook-Battle entwickelt, bei dem wir uns Kurzkrimis zugerufen haben, und dazu inspiriert hat mich der Song „Join Me In Death“ – meine erste Fanfiction. Ich bin ja eine alte Krimitante, zwischen Wänden voller Krimis aufgewachsen, bei mir stirbt immer jemand. Und ich war auch immer Fan von jemandem. Ohne Fandom fehlte mir etwas. Eine große, wichtige Form von Liebe, die der Liebe zu realen Menschen nichts wegnimmt, sondern gibt.

Das hast du schön gesagt, klingt ja wie eine literarische Polygamie, bei der alle gewinnen, sowohl die Idole als auch die Leser und Fans, die diese Liebe miteinander teilen. Überhaupt geht es in unseren Geschichten ja oft um Liebe und Zusammengehörigkeit. Im Falle deiner Kurzgeschichte artet dieses Bedürfnis nach Kontakt ja aus. Ist dir das schwer gefallen, dich in diese Szene hineinzuversetzen? Sie entspricht ja offensichtlich nicht einer gesunden Auffassung von sozialer Interaktion.

Wir hatten es heute, schon von der Polygamie, oder? ;) In solche dunklen, abgründigen Gedankenwelten kann ich mich sehr gut hineinversetzen. Ich denke mir, dass jeder von uns diese dunklen, beängstigenden Seiten hat. Wenn ich sie literarisch ausleben kann, kann ich im realen Leben eine Nette sein. Mit der Kettensäge eben nur Papas Haselnussstrauch bearbeiten und nicht die nervigen Nachbarn persönlich.

Jetzt bin ich erleichtert. Solange du also schreibst, muss ich mir keine Sorgen machen, wenn du die Kettensäge rausholst? Spaß beiseite, ja, das ist wahr. Diese dunklen Ecken hat wohl so ziemlich jeder und so viele Menschen es gibt, so viele verschiedene Wege gibt es auch, diesen Ecken einen Raum zu bieten, in dem sie existieren dürfen und sollen. Schreiben ist für mich ein ganz wundervoller Weg, zu mir selbst zu finden und Szenarien explizit durchzugehen, die im Leben außerhalb von Texten einfach untragbar sind. 

Am Ende haben wir durch das Schreiben einen Lerneffekt, als ob wir es tatsächlich erlebt hätten. Ich erhoffe es mir bei meinen Lesern sehr, denn ich schreibe bewusst über unangenehme emotionale Themen. Wie ist das bei dir, willst du deinen Lesern auch solche Erkenntnisse mit auf den Weg geben oder ihnen einfach ein spannendes Leseerlebnis bieten?

Gut, dass du das sagst, ich finde es auch gut, diese Gedanken, bei denen man sofort den Reflex hat: Da darfst du nicht mal hindenken – dass man diese Gedanken damit ins eigene Leben zurückholt. Denn die schwarzen Seiten gehören zum Menschen, es ist nur die Frage, wie wir damit umgehen. Mit welcher Haltung.
Ich möchte nie den Lesern etwas mitgeben oder eine Botschaft vermitteln, sondern immer nur eine gute Geschichte schreiben. Deswegen betrachte ich auch schwierige Themen immer von allen Seiten – aber immer mit meiner eigenen Haltung, die dort durchscheint. Die kann ich nun mal nicht abschütteln. Es wird bei mir zum Beispiel immer Grausamkeit in den Texten geben, weil der Mensch nun mal grausam ist – aber nie zu Unterhaltungszwecken, um sich daran zu weiden.

Das ist ein guter Ansatz, finde ich. So kann sich jeder das aus dem Text ziehen, was ihn persönlich am meisten interessiert, und trotzdem gibt es eine Orientierung darin.

Na, ich weiß ja nicht, ob ein Chaotenweib wie ich anderen Orientierung geben kann.

Also, wenn du dich als Chaotenweib bezeichnest, dann bin ich das auch. Vielleicht sind alle Autoren ein bisschen chaotisch und sonderbar? Ich mag das. 

Für mich war diese Anthologie ein richtiger Energie-Kick, die Bestätigung, dass ein guter Text ein guter Text ist und ein Thema auch genreübergreifend funktioniert. Ich bin sehr gespannt, wie dein dritter Roman „Scherbennacht“ ist, der im September beinahe zeitgleich mit meinem Roman über Luc erscheint. Überhaupt, bin ich total geplättet, dass wir beide gemeinsam an Texten gearbeitet haben und das auch noch immer tun. Vor allem freue ich mich darüber, dass dein Hannes und mein Luc sich mittlerweile kennen und eine gemeinsame Geschichte haben (die leider erst nächstes Jahr erscheint). 

Aber vielleicht finden wir uns ja vorher noch einmal alle zusammen, um eine weitere Kurzgeschichtensammlung zu schreiben. Hättest du da Lust drauf?

Unbedingt! Eine, viele und Weltherrschaft! Ich freu mich auch auf unser Gemeinschaftsprojekt mit unseren Protagonisten Hannes und Luc. Wir müssen das noch zu Ende schreiben. Wie wäre es von Paris aus? Das wäre doch glamourös.

Das Herrliche am Autorendasein ist ja, dass man sich die Zeit ein bisschen frei einteilen kann und so seinem Chaotendasein entgegenkommen. Ich konnte mich schon immer schwer konzentrieren. Das ist ein Problem, wenn man diszipliniert viel schreiben will, aber auch ein Segen. Und der erste Entwurf darf ja auch wild sein, oder?

Alles darf wild sein! Und Paris klingt sehr, sehr gut ;) Du musst dir Lucs Arbeit im Museum anschauen, vielleicht fällt dir danach noch etwas Spannendes ein für die beiden?
Wenn du dir ein Thema für die mögliche zweite Anthologie aussuchen könntest, auf welches hättest du Lust?

Ihr hattet ja schon Ideen. Rock'n Roll oder Kunst. Oder etwas ganz Anderes. Meine letzte Kurzgeschichte habe ich über das Thema Honig geschrieben. Je verrückter, desto besser.

Genau mein Ding! Ich glaube, ich muss mich jetzt sofort hinsetzen und mir ein total bescheuertes Thema aussuchen. So geht auch die Zeit schneller rum, bis wir die Anthologie endlich in den Händen halten können. Es war auf jeden Fall ein tolles Zusammenarbeiten! Ich bedanke mich von Herzen für dieses Interview mit dir und spreche dir bestimmt mitten in der Nacht meine Ideen auf Band. ;)


Ich danke Dir auch, es hat total Spaß gemacht. Und ich freue mich auf neue bescheuerte Themen. Diese Projekte geben mir die Freiheit, auch mal ungewöhnliche Formate auszuprobieren.

Bild: Nicole Neubauer

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