Montag, 10. Juli 2017

Ein Rückblick auf die 41. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Anlässlich der Verleihung des Ingeborg Bachmann-Preises vergangenes Wochenende frage ich mich, welchen Stellenwert Literatur für unsere Gesellschaft hat. Aufgrund organisatorischer Anreiseschwierigkeiten war es mir leider nicht möglich, die Lesungen von Anfang an zu verfolgen. Erst ab Freitag konnte ich die Texte vor Ort verfolgen und mit Kollegen darüber diskutieren. Auffällig war bei fast allen Vorträgen, dass sich sowohl Juroren als auch Zuschauer und Journalisten interpretativ im Kreis drehten. Das Wort „Interpretationskoma“ wurde in unserer Runde zum Motto des Wochenendes.

Es fiel mir schwer, den meisten Texten etwas gesamtheitlich Positives abzugewinnen, sie wirkten formal (und zudem befremdlich experimentell) konstruiert, steril und nahezu inhaltlos. Auch „mein lieblingstier heißt winter“, der Text des Preisträgers Ferdinand Schmalz, hatte für mich zwar einige sehr gute, komödiantische und sozialkritische Ansätze, verlief sich aber in seiner Struktur und der eigenwilligen Sprache als schwer greifbare Groteske, wirkte am Ende als halbherzig ausformulierte Inszenierung der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Ableben.

Im Nachgang muss ich sagen, der erzählende und gleichzeitig bildende Charakter guter literarischer Auseinandersetzungen hat mir beim diesjährigen Wettbewerb weitestgehend gefehlt. Einzig bei Gianna Molinaris Text „Loses Mappe“ hat mich vollends erreicht. Dieser Text war für mich persönlich der Favorit, da er journalistisch, aber emotional sehr gut reflektiert berichtet, aktuelles Zeitgeschehen und erzählendes Element zugleich in einen einfachen und klaren, konsistenten sprachlichen Rahmen gesetzt hat. „Loses Mappe“ hat sozial-gesellschaftliche Gegensätze aufeinanderprallen lassen, auf subtile Art und Weise mit den Grenzen unserer Ordnung und den Ängsten, diese zu verlieren gearbeitet.

Auch der Text „Die Mieter“ von Barbi Markovic hat mich in weiten Teilen mitgenommen. Weniger sprachlich als inhaltlich, aber die Idee des Zerfalls von innen heraus, des Stillstandes durch Erhaltung des sicheren Raumes, der eigenen Wohnung, bis hin zum Scheitern an ihr, fand ich großartig.


Nach vier Tagen Literaturdiskussion versuche ich für mich selbst zu klären, was gute, zeitgenössische Literatur ausmacht und ausmachen sollte. Konstruierte und unnahbare Geschichten, die keinen erzählerischen Charakter haben, sondern wie eine Lichtinstallation im Museum wirken, entsprechen nicht meinen Anforderungen. Gute Literatur sollte berichten, infrage stellen, kontrastieren, konstruktiv aufwühlen und dabei im passenden sprachlichen Rahmen stehen. Die Kunst eines guten Textes erschließt sich mir in der richtigen Mischung aus kreativer Brechung sprachlicher Konvention und sensibler, emotional ausgereifter Darstellung eines Themas. Der Grat zwischen avantgardistischer Ästhetik und überinterpretierter Wortwüste ist so schmal, dass es schwer fällt, Literatur noch als gesamtgesellschaftliches Medium der Weiterentwicklung und greifbarer Option zur Bildung zu verstehen. 

Ich wünsche mir - ungeachtet der Tatsache, dass all diese Einreichungen ihre positiven Aspekte hatten - mehr dieser schriftlichen Auseinandersetzungen, die sich selbst als symbiotische Interessengemeinschaft emotional-analytischer Hinterfragung und kunstvoll inszenierter Sprachform verstehen. Literatur sollte etwas sein, das sich auf mehreren Ebenen eröffnet, selbstironisch und leicht sein darf, aufbrausend und gewaltig, aber nie nur ganz um sich selbst willen existent. 
Es wäre schade um das verschenkte Potenzial.

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