Samstag, 22. Juli 2017

In sieben Tagen um die Welt oder doch nur von München nach Berlin // Schreibend auf Reisen Teil I

Samstagmittag, Starnberger See. 
Zwischen Porschefahrern und Polohemdenträgern sitze ich mit Freundin und Autorenkollegin Nicole Neubauer im Biergarten des Strandbads und lese. Benjamin von Stuckrad-Barre, Panikherz. 
Vorgestern hat sie mir das Buch geschenkt, nachträglich zum Geburtstag. Schon einige Male bin ich um diesen Titel herumgeschlichen, konnte mich aber bisher nicht dazu überreden, ihn zu kaufen. Ich wusste, dass dieses Buch etwas mit mir tun würde. Manche Geschichten ziehen einen in einen Lesebann, man will und kann ein Buch dann einfach nicht aus der Hand legen, bis es ausgelesen ist. Wenn man gerade weder Zeit noch Kopf für ein solches Anwesenheitsloch in der Alltagsdimension hat, ist das eher ungünstig. Hier in München ist mir das egal, München tut mit mir, was es immer tut. Es saugt mich auf und ich sauge München auf, verschwimme mit dem Stadtbild. Ich beobachte, analysiere, reflektiere und scheitere an meinem Wunsch nach einem Fokus.
Jetzt.
Nein, jetzt.
Aber jetzt doch!
Nein, kein Fokus. Ich treibe. Melancholisch verträumt wie beinahe immer sammle ich Details. Gerüche, Geräusche, Menschen, Momente. Inspiration.




Ich liebe das Panikherz, es gibt mir den Fokus, den ich gerade von alleine nicht einstellen kann. Es spricht aus, was ich denke. Oft.

Man trauerte Erlebnissen hinterher, von denen man träumte, sie schon gehabt zu haben. Lektionen in Melancholie. It must have been good but I lost it somehow.

Nur schwer gestehe ich es mir ein, aber: ich mag das. Mehr als mich durch die festgefahrenen Abläufe eines geregelten Tagesablaufs selbst zu beschränken. Kreativität geht ihre eigenen Wege, aber wir können diese erleichtern oder erschweren.
Melancholie ist für mich ein sehr hilfreiches Werkzeug, mit dem ich Zugang zu ihr bekomme, aber ich weiß auch, dass ich den Hahn nicht zu weit aufdrehen darf. Depression ist keine Option und sehnsüchtig zu sein ist etwas, das ich nur genießen kann, wenn ich weiß, wo ich den Hafen finde. Für immer kann und will man nicht umherschippern. Und das tötet die Kreativität auch irgendwann, denn Unglück ist nicht auf ewig eine Quelle für Ideen. Sie versiegt, wenn Sehnsucht destruktiv wird, wenn man sie wie einen Kult betreibt. 

Deshalb ist mein in Wien neu begonnenes Romanprojekt auch ausnahmsweise mal keine harte und bitterböse Dramödie, sondern eine Liebesgeschichte mit satirischen und humoristischen Elementen. Natürlich mit dem gewohnten Tiefgang, aber eben leichter als die vorherigen Romane. Eine kleine Jolle, nur wenig Seegang. Die Wasseroberfläche glitzert und die Gewitterwolken am Horizont fliegen nur drohend vorbei, ohne abzuregnen.

Nicole und ich waren produktiv, haben in den letzten zwei Tagen beinahe die gesamte geplante Kurzgeschichte geschrieben. Dabei komme ich mir ein bisschen surreal vor, dass mein Protagonist Luc tatsächlich auf Nicoles Ermittler Hannes gestoßen ist und die beiden sich gegenseitig von ihren Verfehlungen berichten. Unsere bereits im Frühjahr angedachte Idee wurde real, greifbar, lesbar und hat uns einige Male laut lachen lassen. Ich hatte richtig Angst davor, dass die Zusammenarbeit nicht funktioniert, dass wir keine gemeinsame Sprache für diese so ähnlichen und dennoch grundverschiedenen Protagonisten finden.
Luc und Hannes sind sich zum Glück grün, nachdem sie die Münchner Nacht, in der sie sich nun literarisch begegnet sind, kompostiert und ausgespuckt hat. München hat Luc eingeatmet, nächstes Jahr um diese Zeit erscheint diese Geschichte in einem Sammelband, als Teil vier der Romanreihe um Luc und Inga.

Also atme ich auch tief (aber nur mittelmäßig erleichtert) ein, genieße die verbleibende Zeit in der Altbauwohnung in der Nähe der Münchner Freiheit und höre zu. 
Gerade dem Stimmengewirr der Straßencafés vor dem offenen Fenster und meinem eigenen Panikherz, das sich gemeinsam mit meinem Panikmagen gegen mich verschworen hat. Morgen Abend geht es mal wieder ins Hassobjekt Flugzeug. Berlin. Von der Bayernmetropole in die Hauptstadt, zum Interview mit Erfolgsautor Martin Krist und diversen kleineren Terminen rund ums Schreiben, Kreativsein und wie man von etwas leben kann, das ekstatischer Rausch und nüchterner Fokus zugleich sein kann.

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