Donnerstag, 27. Juli 2017

In sieben Tagen um die Welt oder doch nur von München nach Berlin // Schreibend auf Reisen Teil II

Hauptstadt – again.
Berlin, das ist Orientierungsverlust in Zeit und Raum; Urlaub von der eigenen Identität, in dem man versucht, selbige zu festigen. Oder gar zu finden. Berlin, das ist mehr oder weniger liebevoll entarteter Exzess, bei dem man Körper und Geist auf einen Marathon schickt und sich danach fragt, ob es scheiße oder geil war. Im Zweifelsfall beides: scheiße geil. Berlin, das ist Frühstück im Szenelokal, in dem man auf Englisch ein bio-öko-fairtrade-veganes Müsli für zehn Euro bestellt und es sich zwischen GZSZ-Sternchen und Plattenbossen im Jogginganzug reinzieht. Mit authentischen Ich-bin-so-wichtig-dass-ich-keine-Zeit-zu-Schafen-habe Augenringen und dem bis zur Perfektion geplanten Verlotterungslevel auf dem Kopf. Im Wilmersdorfer Hinterhof ertönt schallend Waterlove und zieht mich in einen tranceartigen Zustand der Erinnerung an meine frühe Jugend. 

After the sun comes rain
After the rain comes sun

Motto der vergangenen Tage, auch am Himmel.

Bis gestern habe ich nach jedem Aufwachen auf die eingetrockneten Weintrauben, die Mandarine und die Zitrone auf dem Gitarrenverstärker gestarrt. Selfmade-Rosinen. Das Obst wurde ungeplant zum Vanitas-Symbol und hat sich irgendwie so ins Gesamtbild der Wohnung integriert. So wie ich, jedes Mal, wenn ich hier bin. Ich intergiere mich, in der Hoffnung auf etwas zu stoßen, das mich zentriert, fokussiert und zerstreut zugleich. Mit Artsever und Long Awakening auf den Ohren tauche ich am Alex in der Masse unter und beobachte Menschen, ihre Dramen und Glücksmomente. Mein spontan im Prenzlberger Späti gekaufter Regenschirm stülpt sich schon nach den ersten Metern um, der Wind ist zu stark. Von allen Seiten regnet es und nach zwei Minuten Fußweg vom Zoo zum Italiener bin ich komplett geduscht, genervt und in der richtigen Stimmung, mich den Pöbelpennern anzuschließen, die auf der Telefonzelle hocken und den Weltuntergang prophezeien. 

Fuck you, Karma!

Trotz des Gedankenwusts der letzten Tage bin ich zufrieden, ich war produktiv. Die Lesungsplanung für September hier läuft, unsere Anthologie Sehnsuchtsfluchten ist bei Amazon unerwartet auf Rang 10.000 eingestiegen, ich hatte ein paar sehr konstruktive Gespräche mit anderen Künstlern – es könnte also schlimmer sein, obwohl mich die eigene Rastlosigkeit nervt. Oder nervt Berlin? Die Stadt ist doch der Inbegriff von Freiheit, die man instant (und nur zum völlig überteuerten Preis der Anonymität und nach dem Abwischen der oberflächlichen Lockerheit ans Tageslicht tretenden Gleichgültigkeit der anderen) vor die Füße geworfen bekommt. Best-friends-party-big-time-tomorrow-go-fuck-yourself-who-are-you?

Die Illusion von letzter Nacht, zwischen Neonlicht und U-Bahngestank.

Freiheit ist hier nur der Begriff für die fehlenden Grenzen und den fehlenden Halt, aber das passt schon so, jeder kann hier im Einheitsbrei der Individualität auf- und wieder untergehen, sein eigenes Schiffchen versenken und als U-Boot weiterdümpeln, bis eine Insel in Sicht ist, vor der man mal ankern kann. Am Horizont dieses Großstadt-Ozeans der unbegrenzten Möglichkeiten erstreckt sich mahnend die Plattenbaulandschaft zerplatzter Träume. Ich hassliebe die Berliner Mentalität, sie inspiriert mich, bestärkt mich darin, hier nicht alt werden zu wollen. Ich bin nur Zuschauer, manchmal mein eigener. Aber das ist gut so, ich gewinne durch die fortschreitende Desillusionierung nur an Disziplin, mich beruflich und kreativ ausschließlich auf mich selbst zu verlassen und gleichzeitig das Netzwerk zu vergrößern, weil es ohne nicht geht. Lernen. Möglichst alles, was mich weiterbringt, in Etappen. Die Leistung muss man im Zweifel selbst erbringen können, wenn das Netzwerk wegbricht. Das ist eine harte Erkenntnis, weil wir so viel einfacher ans Ziel gelangen, wenn wir den Kopf nur für die Kunst frei haben. Diese Blase hatte ich nie um mich, vielleicht ist das der Grund, weshalb ich nie übereuphorisch über die eigene Zukunft rede und die Melancholie mein bester Freund ist. 

Erfolg ist die Summe an Entscheidungen, die es mir möglich machen, nicht aufgeben zu müssen, was ich liebe. Erfolg ist nur Ergebnis des konstruktiv umgesetzen Scheiterns. Mein Schaffen kennt die Manie gut, aber der geschäftliche Teil in mir ist und bleibt der innere Skeptiker, der mir hilft, den Bezug zur Umwelt aufrecht zu erhalten. Kritik und Lob sind für mich eins. Und sie sind mein Antrieb, bremsen mich an der richtigen Stelle aus und lehren mich, dass mein größtes berufliches Potenzial in meinen Schwächen liegt.
Alles hat eben seine Zeit und so lange ich kann, will ich lernen, lieben und leben. Möglichst zufrieden und geistig, emotional sowie finanziell ausgelastet.

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