Sonntag, 9. Juli 2017

Künstlerdasein - Stellenwert und Schattenseiten // Schauspiel und Schriftstellerei

Ganz in der Nähe des Wiener Praters sitze ich mit der Wiener Autorin Anni Bürkl in einem Gartencafé und sinniere bei Topfentorte und Cappuccino über die österreichische Identität, wohltemperierte Ignoranz, das gesellschaftliche Hamsterrad und Künstlerneurosen. Wir reden über Zentrierung, Fokus und Beständigkeit von Kreativität. Mit der Erfahrung, die Welt erwartet so lange einen bodenständigen, unauffälligen und gesellschaftlich unbedenklichen Beruf für uns, bis wir mit etwas Kreativem utopisch erfolgreich sind, sind wir nicht allein. Aber ist das denn so? Ist Kunst nicht bodenständig? In mir tut sich ein Abgrund auf. In einem langen Gespräch mit einem Bekannten aus der Werbebranche, der den Künstler an sich als Märtyrer-ähnliche Figur empfindet, versuche ich, diesen Abgrund ein paar Stunden später an der Hotelbar zu beleuchten. Nach diesem Gespräch habe ich das Gefühl, meine Sichtweise hätte sich verändert, aber vermutlich war sie nie anders. Ich gestehe sie mir nur offen ein.

Wir nicht konformgehende Visionäre und Idealisten, Träumer und Schaffens-Pedanten fallen doch immer auf, raus und um, wenn wir nicht hart daran arbeiten, uns neben dem Finden und Umsetzen von Themen bestmöglich in Szene zu setzen. Bodenständigkeit ist für mich vor allem in Kalkulation, Disziplin und Weitsichtigkeit verankert. Das Künstlertum verlang genau das, wenn man es ernsthaft und mit Bedacht betreibt. Ob die Verausgabung zwanghafter oder "freiwilliger" Natur ist, ist dabei erst mal irrelevant. Die Form der Exposition entscheidet in jedem Fall über die Marktfähigkeit unserer Werke.

Das Geschäft mit der Kreativität ist ein dreckiges, denn es ist Prostitution und schöpferischer Selbstfindungsprozess in einem.
Die Bühne, auf der wir uns beruflich bewegen, muss so gut ausgeleuchtet sein, dass das Publikum sieht, was es sehen soll. Meist impliziert das eben auch alle Unreinheiten, Fehler und Fehltritte, die wir lieber ab- und ausblenden würden.

Panoptikum des Grauens, so nenne ich die Quersumme meiner Menschenforschungen oft. Im Zuge unseres Praterbesuchs und der Geisterbahn wird dieser Begriff zum ironischen Selbstläufer. Das Gruselkabinett der Gesellschaft ist durch alle Stände hindurch gleich hässlich und unangenehm. Es macht mir Unbehagen, dass wir Künstler das Publikum beobachten und das Publikum uns. Wie ein Wettstarren, getrennt durch eine Milchglasscheibe des Unverständnisses füreinander, findet diese symbiotische Skepsis immer wieder Raum, sich seines eigenen Klischees zu bedienen: das Künstlertum als allseits belächelter sowie gefürchteter Ausdruck anarchistischen Freigeists und Ablehnung konventioneller Strukturen.
Aber: es hat vor allem einen gesamtheitlichen Bildungseffekt. Schauspiel, Kunst und Literatur prägen, polarisieren, tangieren und verunsichern die Gesellschaft, reiben sich an ihr, regen den Diskurs an und ziehen zwangsläufig Entwicklungseffekte nach sich. Kunst bedient sich einer Sprache, die kulturübergreifend vermitteln kann.

Dieser Typus des Künstlers, egal, welcher Form der Aussage er sich bedient, ist überwiegend noch immer ein sich selbst zersetzender. Denn es ist ja so, dass wir als Künstler exhibitionistisch und momentgenau unsere Neurosen preisgeben; das Publikum damit füttern, das eigentlich schon längst übersättigt, aber noch immer voller Appetit ist. Watte macht satt, aber sie befriedigt nicht und der Mensch ist ein Genussmensch. Er liebt den Verriss und das Lob.
Zwischen Opium fürs Volk und ekstatischer Avantgarde steht der Künstler mit allem was er hat – sich selbst und seinen Zweifeln – zwischen Selbstaufgabe, Masochismus und narzisstischem Exzess. Das Clownsproblem. Was des Schauspielers Applaus, ist des Literaten und bildenden Künstlers Rezension.

Ich habe mich oft gefragt, in welchem Verhältnis diese Faktoren zueinander stehen und wie sie sich am intensivsten gegenseitig beeinflussen. Ohne Empathie und Vorstellungskraft können sich Autoren und Schauspieler nicht in eine andere Rolle versetzen, auch wenn allgemein die Annahme kursiert, dass der Schauspieler selbst keinen Charakter haben muss, um das leisten zu können. Vermutlich ist es eher andersherum, der Akteur gibt Teile seiner überbordenden Präsenz ab, weil diese in ihrer Gesamtheit unerträglich belastend sein kann.

Der Applaus ist nicht nur Abgleich der Arbeitsqualität, sondern auch Nährboden des Narzissmus, ohne den der Künstler wiederum nicht in der Lage wäre, sich selbst und damit seine innersten Verletzlichkeiten zur Schau zu stellen. Der Masochismus der Selbstinszenierung ist der Kamineffekt des Stellenwerts von Kunst für einen Kulturkreis. Gerade Schauspieler stehen in direktem, ungefiltertem Hagelfeuer, denn Kritik an ihrer Arbeit ist zugleich Kritik an ihrer Person. Sie sind die offene Handelsgesellschaft der Berufswelt, haften ohne doppelten Boden mit ihrem Körper, ihrer Stimme, ihrer Empathie für Rolle und Erwartung des Publikums.

Schauspielerei ist für mich der Inbegriff von Selbstverkauf, Auslieferung, fehlender Abgrenzung und Absicherung der eigenen Notsysteme. In dieser Kausalsituation aus Teilzeitaufgabe oder Flucht vor der eigenen, realen Rolle und der Sehnsucht, diese gänzlich auszufüllen, bekommt Schauspielerei beinahe einen aufopfernden und zum Scheitern verdammten Charakter. Sich selbst und einen anderen zeitgleich zu spielen ist anstrengend, erfordert ein Höchstmaß an Stabilität und Reflexion.

Für die Kunst bedeutet für das Publikum, denn ohne dieses hat sie keinen Wirkungsgrad. Die Rolle des Künstlers ist eine tragische, immer.
Seelenstriptease.

Für den Schriftsteller sind die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt nur minimal besser gesichert, denn auch er gibt mit jedem Text bis zu einem gewissen Grad etwas von sich preis, das aus seinem eigenen Seelenrepertoire entspringt. Was könnte intimer sein, als mit Körper und Geist für die Masse zugänglich zu sein? Lediglich die mediale Präsenz ist beim Schriftsteller variabel. Text ist zweidimensional, entfaltet sich jedoch dreidimensional beim Konsumieren. Die physische Rolle des Verfassers ist somit eine andere und erlaubt, ungeachtet der Frage nach Marketingpräsenz eines Autors, für selbigen den Rückzug in eine halbprivate Ebene, eine Privatheit des Körperlichen.

Die für mich wichtigste Frage in dieser Diskussion um Selbstvermarktung und -geißelung durch den inneren Kritiker war, ob der Preis gerechtfertigt ist. Meiner persönlichen Einschätzung nach steckt der Zwiespalt aus feierlicher Selbstzerstörung und dem Wunsch nachhaltiger Bereicherung oder Anregung des Zeitgeschehens einfach wertfrei in uns. Künstlerdasein ist meist weitaus weniger glamourös, erstrebens- und beneidenswert als es die Masse annimmt; keine Entscheidung zu einem anti-integrativen Lebensstil und der Entsagung von Konvention und Tradition, es ist Berufung, Zwang und Neurose, etwas zu hinterlassen, das bleibt und formt, vorantreibt. Oft auf Kosten des eigenen seelisch-emotionalen Verbleibens.
Wer das in sich trägt, wird in Professionalität, Authentizität, Ausführung und Weiterentwicklung seiner Fähigkeiten überzeugen.

Vielleicht sollten wir unser Bild der schnelllebigen Unterhaltungsindustrie von Zeit zu Zeit überdenken und unserem medialen Konsumverhalten eine respektvollere Note verleihen.


Kunst trägt die Verantwortung sich selbst gegenüber, existieren zu müssen. Kunst ist nicht streitbar, sie ist der Streit. Und der ist wichtig für den Abgleich unserer Kultur, die Basis einer jeden Gesellschaft ist.

Außerdem dazu (aus 2015 bereits, aber noch immer mein liebster Artikel):


https://bordsteinprosa.blogspot.de/2015/12/mach-blo-theater-weihnachten-in-berlin.html


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